György Dalos: Neutralität und Kaiserschmarrn

Österreich zwischen Ost und West

Österreich, behaupten böse Zungen, redet sich seine Geschichte gerne schön. Beispiele gefällig? Beethoven sei, in geschichtsklitternder Wahrnehmung, Wiener gewesen, Hitler dagegen Deutscher; und die Österreicher, welche Tragik, erstes Opfer nationalsozialistischer Expansion. Zumindest Letzteres wurde ihnen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von alliierter Seite attestiert, zunächst auf der Konferenz von Teheran, was später in Jalta und Potsdam bestätigt wurde.

Ganz ungeschoren ließen die Sieger Österreich jedoch nicht davonkommen. Zu sehr hatten sich die Bilder der Massen, die beim Anschluss der „Ostmark“ den unbehelligt einmarschierenden Wehrmachtstruppen zujubelten, ins Gedächtnis nicht nur Stalins, Roosevelts und Churchills, sondern auch eines großen Teils der Weltöffentlichkeit eingebrannt. Nach dem Krieg wurde das nun nicht mehr so glückliche Austria wie Deutschland in vier Besatzungszonen eingeteilt. Doch anders als beim Hauptkriegsverursacher, der mit vier Jahren davonkam, währte die Fremdherrschaft zwischen Alpen und Donau ein volles Jahrzehnt. Am 27. Juli 1955 erhielt dann mit Inkrafttreten des Staatsvertrags Österreich seine Souveränität zurück.

In jenen Staatsvertrag festgeschrieben war eine „immerwährende Neutralität“. Österreich würde keine Allianzen eingehen, erst recht keine kriegerischen, und sich, obwohl zwischen NATO- und Warschauer-Pakt-Staaten eingekeilt, von beiden Militärbündnissen gleichermaßen fernhalten. Das funktionierte ganz gut, wird der Alpenrepublik im jüngst erschienenen Band Neutralität und Kaiserschmarrn bescheinigt.

Diese „Geschichte Österreichs seit 1945“, so der Untertitel, hat ein aus Ungarn stammender Autor geschrieben. Längst ist György Dalos in seinem Forschungsumfeld so heimisch geworden, dass er die österreichische Staatsangehörigkeit angenommen hat. Von einer Ausnahme abgesehen, wird er seine Entscheidung kaum bereut haben. Dalos hat gefallen, wie seine Wahlheimat als Bindeglied zwischen Ost und West den Kalten Krieg in Europa zumindest etwas erträglicher gestaltet hat – durch eine Reihe von Konferenzen und Vermittlungstätigkeiten. Vor allem der langzeitregierende Bundeskanzler Bruno Kreisky und auch sein SPÖ-Parteikollege und Amtsnachfolger Kurt Sinowatz taten sich hier hervor.

Eine andere Entwicklung, siehe Ausnahme, hat Dalos weniger gut gefallen: Seit der Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten (1986) und der Aufdeckung dessen bislang verschwiegener Wehrmachts- und Nazivergangenheit blieb Österreich gespalten. Ein schleichender Prozess setzte ein, in dem sich die Ewiggestrigen, angefangen in Kärnten mit dem kometenhaften Aufstieg des rechtsextremen Jörg Haider bis zum Landeshauptmann, auch auf Bundesebene immer breiter machten.

Ihre Partei, die FPÖ, seit jeher ein Sammelbecken von Altnazis, aber auch mit bürgerlichen Traditionen, verkam endgültig zum Wahlverein von Populisten. Nach zwei Regierungsbeteiligungen unter mediokren christdemokratischen Bundeskanzlern gingen die Blau tragenden, unter ihrem Habit jedoch stark braun schimmernden Freiheitlichen bei den jüngsten Nationalratswahlen als klarer Sieger hervor. Erstmals in der Geschichte der mit siebzig nicht mehr ganz so jungen Zweiten Alpenrepublik musste eine Dreierkoalition aus Konservativen, SPÖ und sozialliberalen Neos her, um einen braun-blauen Kanzler Kickl zu verhindern.

Was tun?, fragt sich Dalos. Hatte der Autor nicht sein leninistisches t gegen ein westlich-liberales Vaterland eingetauscht? Und droht er erneut in einem totalitären Sumpf festzustecken, zu dem Viktor Orbán Ungarn inzwischen wieder gemacht hat und ein alles andere als unrealistisch anmutendes Szenario einer FPÖ-Regierung auch Österreich verwandeln würde? Nicht den Politikern vertrauen, heißt Dalos’ Rezept, sondern der „Zivilgesellschaft, die fähig und willens ist, über die Gegenwart hinaus zu denken“. Was nur an Wahlen orientierte Politiker nicht sind, lautet der Umkehrschluss. Wichtiger als Politik ist dem Autor „die Atmosphäre des öffentlichen Lebens, ein breiter Konsens bezüglich Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde und Menschenrechte inklusive Minderheitenschutz“.

So endet das Buch, den ersten Nachkriegskanzler Leopold Figl zitierend, mit dem Appell: „Glaubt an dieses Österreich!“ Warum sich dies immer noch lohnen könnte und, nicht zu vergessen, warum sich dies seit 1945 immer gelohnt hat, erfährt man in dieser fundierten und durchweg fachkundigen, verständlich, da feuilletonistisch formulierten und vor allem die oft komplizierten Konstellationen auf den Punkt bringenden Rückschau, die auch ein Ausblick ist: Gerne nimmt der Insider Dalos dabei auch, von Ost nach West äugend, die Perspektive von außen ein, zu der er als ursprünglicher Ungar und spätberufener Staatsbürger prädestiniert ist.

Neutralität und Kaiserschmarrn
Elsbeth Zylla (Übersetzung)
Neutralität und Kaiserschmarrn
Eine Geschichte Österreichs seit 1945
224 Seiten, gebunden
C.H.Beck 2025
EAN 978-3406836961

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