Nelka Kontinuität statt Bruch in Nachkriegs-Deutschland
Eine ehemalige ukrainische Zwangsarbeiterin macht sich Jahrzehnte später auf die Suche nach ihrer Vergangenheit und konfrontiert den Haupttäter, einen ehemaligen Gutsverwalter in Schleswig-Holstein, mit seiner Schuld – und das, ohne ein Wort zu sagen. Allein schon ihre Anwesenheit bringt ihm seine Taten wieder zu Bewusstsein und verunsichert ihn zutiefst.
Svenja Leiber nimmt den Leser mit auf eine Reise in die deutsche Geschichte und führt einem ein trauriges Kapitel vor Augen, das zwar bekannt, aber im öffentlichen Diskurs wenig präsent ist: Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen und vor allem von verschleppten Zivilistinnen und Zivilisten während des Zweiten Weltkriegs.
Nelka fällt es schwer, diese Konfrontation auf sich zu nehmen, die sie braucht, um ihre Traumata, unter denen sie ihr Leben lang litt, zu verarbeiten. In der Nacht nach der Begegnung mit ihrem Peiniger zieht die damalige Zeit an ihr vorbei. Stück für Stück erfährt die Leserin, was sie auf dem schleswig-holsteinischen Gut mitansehen und selbst erleben musste und wie ihr Leben und das Leben anderer Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter manchmal an einem seidenen Faden hing. Als rechtlose „Arbeitsmenschen“ durften die Deutschen ihnen alles antun und jede Laune an ihnen auslassen.
Je weiter die Erzählung vorangeht, desto spannender wird sie. Man bangt mit Nelka, und nachdem endlich die englischen Truppen in Schleswig-Holstein stehen und der Gutsverwalter mit seiner Frau flieht, hofft man, Nelka möge die Schrecken eines Tages verwinden.
Was sie zurück in Lwiw erwartet, ist nicht weniger schrecklich. Die multiethnische, multireligiöse Stadt, die sie einst verlassen musste, existiert nicht mehr. Der Ort ist für Nelka keine Heimat mehr. Ihr einziger Halt ist Iwan, ein anderer ehemaliger Zwangsarbeiter, der es schafft, sie nach Lwiw zurückzubringen, bei ihr bleibt und das Kind, dessen Vater man nicht kennt, als seines akzeptiert.
Während man bei der Lektüre in Nelka und Iwan Hoffnung findet, ist die Darstellung der Deutschen gnadenlos: In dem schleswig-holsteinischen Dorf wird nicht mit der Vergangenheit abgerechnet, man stellt sich den eigenen Untaten nicht – und so ändert sich auch nichts an den menschenverachtenden Einstellungen. Nun werden die Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten verachtet und als billige Arbeitskräfte eingesetzt, die das folgende Wirtschaftswachstum der goldenen 50er Jahre mit ermöglichen. Das begangene Unrecht wird mit Schweigen zugedeckt und somit – wenn auch weniger krass – reproduziert. Das Nachkriegs-Deutschland bricht nicht mit seiner Vergangenheit, sondern setzt sie fort.
Der Roman ist sehr gut geschrieben, wobei die Sprache teilweise auf anregende Art eigenwillig ist. In jeder Hinsicht ein lesenswertes Buch.
Alle Rezensionen von Eva Lacour