Nedim Gürsel: Yüzbaşının Oğlu

Flach und farblos

Nachdem das Buch Allahs Töchter vor wenigen Jahren nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland viel Aufsehen erregte, nimmt man den neuen Roman von Nedim Gürsel mit Spannung und hohen Erwartungen in die Hand.

Der inzwischen 63-Jährige Autor lässt in Yüzbaşının Oğlu (Der Sohn des Hauptmanns) einen alten Mann seine Lebensgeschichte auf ein vorsintflutliches Tonbandgerät sprechen. Der Ich-Erzähler beginnt mit zwei einschneidenden Ereignissen, die beide am selben Tag stattfanden. In der Mitte seines ersten Schuljahrs ist er als kleiner Junge dem Geheimnis der Buchstaben auf die Spur gekommen und beginnt zu lesen. Während er noch ganz unter dem Eindruck des Bonbons steht, das ihm der Lehrer als Belohnung gab, den Geschmack noch im Mund hat, das Bonbonpapier mit einem Tierbild für seine Sammlung in der Hand, erfährt er vom Tod seiner Mutter - eine Nachricht, deren Tragweite er erst im Laufe der Zeit zu erfassen vermag. War es ein Unfall oder Selbstmord? Die Wahrheit sollte er nie erfahren.

Dieser Einstieg in den Roman, in den abgesehen vom plötzlichen Tod eines Elternteils noch weitere Elemente aus Gürsels eigenem Leben einflossen, ist gelungen. Doch die Erwartung des Lesers, nun Persönliches über Kindheit und Leben des Alter-Egos, eines Journalisten, zu erfahren, wird kaum erfüllt. Die interessantesten Passagen handeln von der einst aus Thrakien geflohenen Großmutter, die lebenslang mit ihrem Schicksal hadert, und von der ersten Liebe des 18-Jährigen zur attraktiven Mutter eines Klassenkameraden. Dominiert aber wird Gürsels Erzählung von meist belanglosen Anekdoten über die Trinkgelage des Vaters und aus seinen Jahren im Internat des berühmten Galatasaray-Gymnasiums in Istanbul, das der Autor tatsächlich besuchte.

Beim Lesen hat man streckenweise wirklich den Eindruck, dem Roman läge ein ursprünglich mündlicher, erst später transkribierter Text zugrunde. Der Ich-Erzähler führt ein Selbstgespräch, bei dem er häufig abschweift, den Leser direkt anspricht und genauso assoziativ erzählt wie seine in der Zeit vor und zurück springenden Gedanken. Er gerät ins Philosophieren, zieht über den türkischen Premierminister Erdoğan her und beschreibt zum wiederholten Mal das atemberaubende Bosporus-Panorama, das sich ihm beim Blick aus dem Fenster seiner Istanbuler Wohnung bietet. Einerseits wirkt die Erzählung damit authentisch und man meint über weite Teile des Buchs, tatsächlich eine echte Autobiographie zu lesen. Doch gerade dadurch wird der fehlende Tiefgang des Romans besonders spürbar. Die wenig zusammenhängende Erzählung ist für den Leser ermüdend und streckenweise öde, teilweise sogar ärgerlich, wenn der Erzähler mit seinen vielen Reisen und Frauengeschichten prahlt. Der Militärputsch von 1960, den der Ich-Erzähler als jugendlicher Demonstrant und als Sohn eines der Putschisten aus erster Hand miterlebt haben will, bleibt flach und farblos. Von dem renommierten türkischsprachigen Autor und Literaturprofessor an der Pariser Sorbonne hätte man Hintergründigeres erwartet.

Yüzbaşının Oğlu
Yüzbaşının Oğlu
247 Seiten, gebunden
EAN 978-6050918236

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