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Christoph Türcke: Natur und Gender

Unzeitgemäße Betrachtungen über Diversität

Wer sich staunend, ratlos und verwundert über den gesellschaftlichen, kirchlichen wie politischen Diskurs über geschlechtliche Diversität zeigt, auch wenn er sich gegen jegliche Diskriminierung von Menschen entschlossen und glaubwürdig positioniert, wird schnell als "konservativ" stigmatisiert oder als Sympathisant von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bezeichnet. Der Philosoph Christoph Türcke, ein bekannter Religionskritiker, der sowohl evangelische Theologie studiert hat als auch eine geistige Nähe zur Kritischen Theorie wie zu Sigmund Freud aufweist, hat eine Reihe von pointierten, scharfsinnigen Analysen vorgelegt. Vor allem ist der 1948 geborene Denker ein beherzter Ideologiekritiker.

In dem Buch "Sex und Gender" betreibt Türcke eine philosophiegeschichtliche Spurensuche, um gegenwärtige gesellschaftliche Debatten zu untersuchen. Er bekennt sich ausdrücklich zur "rechtlichen und sozialen Gleichstellung" und zur Gleichberechtigung von allen Menschen. Der Kampf gegen die "männlich dominierte Zwangsheterosexualität" in den USA sei in den 1980er-Jahren überfällig gewesen, aber die "Queer-Bewegung" habe diesen nicht geführt. Stattdessen sollte die "binäre Geschlechterordnung" ausgehebelt werden. Er fasst quasi die Botschaft dieser Bewegung zusammen: "Divers sind wir alle; nicht nur LGBTTI (lesbian, gay, bisexual, transgender, transsexual, intersexual); auch alle Heterosexuellen. Die Eigenart jedes Geschlechts besteht nur noch darin, anders zu sein als die anderen. Der je eigene Naturfundus von Mann und Frau kommt nicht mehr in Betracht. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Geschlecht und sexueller Orientierung, bloß noch selbsterzeugte Geschlechtsidentität." Der "queere Diversitätsbegriff" ticke zu den "Konditionen des mikroelektronischen Kapitalismus" und füge sich passgenau in dessen "Verwaltungsformen" ein. Viele Befürworter dieser auf den Soziologen Michel Foucault und dessen persönliche Okkupationen zurückgehenden Lehre sehen sich selbst als aufgeklärt, aufklärerisch und politisch linksstehend bzw. fortschrittlich gesinnt an. Doch auch hier würde Türcke sagen, dass die Behauptung einer politischen Identität oder eines emanzipatorischen Bewusstseins zwar zulässig ist, ohne dass diese etwas über die objektive Wirklichkeit verlässlich aussagt. Wer sich als Marxist fühlt, muss substanziell kein Marxist sein – ebenso kann jemand, der sich für römisch-katholisch hält, faktisch ein Ungläubiger, Häretiker oder Apostat sein, ohne dass er es selbst bemerkt oder weiß. Die Freiheit der eigenen Meinung ist ein hohes Gut, aber darum kommt der subjektiven Meinung noch kein Wahrheitsgehalt zu.

Christoph Türcke zeichnet detailgenau die philosophischen Grundlagen nach und verweist auf die Folgen des radikalen Konstruktivismus und Dekonstruktivismus. Das "Zugehörigkeitsempfinden" sei das neue Kriterium für die Geschlechtsidentität: "Wie ich mich definiere, wie ich mich spüre, so bin ich. Geschlechtsbestimmung erfolgt nach Fichtes Modell der Selbstsetzung des Ich. … Die Verbuchung der Geschlechtsbestimmung unter »persönlichen Freiheitsrechten« wird die Gerichte von Geschlechtsänderungsverfahren entlasten, die Grundlagen der bestehenden Gesellschaft aber nicht erschüttern. Umgekehrt: Sie wird ans Licht bringen, wie wenig binär diese Grundlagen sind." Er schlussfolgert: "Im Namen des Minderheitenschutzes gibt die Staatsmacht einem (De-)Konstruktivismus Gesetzeskraft, den sie damit der ganzen Gesellschaft aufnötigt. Seine Glaubenssätze sind es, die die Gender-Curricula bestimmen werden. Wer sie sich nicht zu eigen macht, macht sich der Stigmatisierung von Minderheiten verdächtig." Zugleich fragt sich Türcke, warum eigentlich nicht das "gefühlte Alter" gelten sollte, wenn etwa "zwei unabhängige Gerontologen" auf irgendeine Weise das "Sich-jünger-Fühlen" eines Siebzigjährigen bestätigen – in einer Gesellschaft, in der ältere Menschen ausgegrenzt und diskriminiert werden. Oder kennen Sie 60-Jährige, die trotz ihrer Qualifikation und aufgrund ihrer Lebenserfahrung eine Chance in einem Bewerbungsverfahren hätten? 

Christoph Türcke weist darauf hin, dass die "kapitalistische Produktionsweise von Anfang eine antibinäre Drift" hat. Das Geschlecht spielt keine Rolle, solange die "gewünschte Leistung" erbracht, "ob ihr Träger Mann, Frau oder etwas Drittes" ist: "Diese doppelte Vergleichgültigungstendenz – hin zu Gleichstellung wie zur Indifferenz der Geschlechter – gehört zu den Konstanten von zwei Jahrhunderten kapitalistischer Produktionsweise." Diversität bekomme bei Unternehmen die "Aura des an sich Guten": "Als Ferment kapitalistischer Konkurrenzfähigkeit steht Queer-Sein im Begriff, chic zu werden." Der Körper werde zudem als "Wohnung" verstanden. Für Türcke ist die Rede vom Leben im "falschen Körper" schlicht gnostisch. Dies drückt den "Glauben an die Körperunabhängigkeit der Seele" aus. In diesem Sinne spricht Türcke von "theologischen Abgründen" des "radikalen Konstruktivismus". Dessen "starres Credo" laute: "Daß die Welt lediglich menschliche Konstruktion ist und sonst nichts: dieser Satz ist für ihn keine Konstruktion, die auch anders konstruierbar wäre." Die "Ontologisierung der Empfindung" führe zu einer "Empfindlichkeitspolitik". Der "neoliberale Rückenwind" für diese Bewegung sei spürbar: "Wenn diese Macht, der globale Kapitalismus, in ihren High-Tech-Zentren gelernt hat, Geschlechtervielfalt zu propagieren, dann deswegen, weil ihr alle Geschlechter egal sind. Arbeitskräfte nimmt sie vornehmlich unter dem geschlechtslosen Drang nach Kostenersparnis und wirtschaftlichem Wachstum wahr." Von der "kapitalistischen Fehlkonstruktion des Kapitalismus" werde überhaupt nicht mehr gesprochen. Die Wahrheitsfrage werde ignoriert und relativiert. Die Natur erscheine als "ursprünglich konturlose, unbegrenzt modellierbare Knetmasse des Diskurses". Die Geschlechtsidentität werde nicht anatomisch geprägt, sondern "durch ein Ensemble von Sitten, Gebräuchen, Regeln und Sprechweisen" bestimmt – so wird im Anschluss an Michel Foucault behauptet. Aber verhält es sich tatsächlich so? Gegen jede Form der Diskriminierung ist vor dem Hintergrund der Würde des Menschen energischer und begründeter Widerspruch nötig – das ist unbestreitbar und unverhandelbar.

Die Natur, so legt Christoph Türcke dar, leiste sich "Abweichungen von ihren eigenen Regelmäßigkeiten", die weder auf eine "höhere Weisheit" noch auf eine "menschliche Konstruktion" zurückzuführen seien, sondern demütig angenommen werden müssten. Weder dem naturalistischen noch dem konstruktivistischen Fehlschluss dürfe man verfallen: "Vorbehaltlos ist anzuerkennen, daß es Menschen gibt, die sich unter männlich oder weiblich nicht subsumieren lassen; niemand ist zu nötigen, sich sexuell zu vereindeutigen, sei es durch Operation, Medikamente, Zuweisung oder persönliche Erklärung. Andererseits ist einzuräumen, daß nicht jeder Vereindeutigungswunsch, den Betroffene äußern, aus verinnerlichtem hetero-normativen Erwartungszwang kommt."

Christoph Türckes Buch ist eine echte Streitschrift. Es lohnt sich, diese Gedanken nachzuvollziehen – und wer möchte, kann dem Autor auch energisch widersprechen. Dass die Gesellschaft auf ökonomischen Bedingungen beruht, wird kaum jemand ernsthaft bestreiten. Oder? Dass ein Handeln nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto "Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt" keine soziale Not benennt und aufhebt, versteht sich von selbst. Trotzdem gibt es noch immer Existenzialisten und Konstruktivisten, vielleicht auch deswegen, weil sie die ökonomischen Bedingungen nicht analysieren möchten, auf denen ihre Selbst- und Weltanschauung beruht. Ich weiß nicht, ob Christoph Türcke recht hat – aber ich denke: Sein Buch verdient es, gelesen und diskutiert zu werden. Für diesen Philosophen gilt: Wer schreibt, provoziert.


von Thorsten Paprotny - 28. September 2021
Natur und Gender
Christoph Türcke

Natur und Gender


Kritik eines Machbarkeitswahns
Beck 2021
233 Seiten, gebunden
EAN 978-3406757297