Literatur

Die Freiheit in der Großstadt

Gleich ihr erster Roman war ein Erfolg. Für Nada erhielt die spanische Schriftstellerin Carmen Laforet die wichtigste literarische Auszeichnung in Spanien, den Nadal-Preis.
Laforet wurde in Barcelona geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie auf den Kanarischen Inseln. Wie ihre Protagonistin kehrt sie nach Barcelona zurück und geht später nach Madrid.

Im Mittelpunkt der Erzählung von Carmen Laforet steht die junge Andrea, die in Barcelona ein Studium beginnen möchte. Die Großstadt bedeutet für Andrea Freiheit, Unabhängigkeit und Leben. In Folge des Spanischen Bürgerkriegs zeigt Barcelona aber lediglich seinen vergangenen Glanz. Das Leben bei ihren verarmten Verwandten in der Calle de Aribau reißt Andrea aus ihrer Traumwelt und zeigt ihr den ernüchternden Alltag auf. Da ist das Leben in der heruntergekommenen und schäbigen Wohnung. Da sind die Machtkämpfe der verbitterten, frustrierten und von wechselseitigem Hass und unausgesprochener Schuld geprägten Familienmitglieder, die durch ihre persönlichen Schicksale letztlich am Leben selbst verzweifeln.

Ihre unaufrichtige, kaltherzig wirkende und in der Vergangenheit lebende Tante Angustinas gängelt Andrea mit ihrer Strenge. Sie erwartet von Andrea sittsam und tugendhaft zu sein. Mit ihren hohen moralischen Ansprüchen zieht sie Andrea in eine tiefe Melancholie. Andrea fühlt sich nicht mehr frei. Juan, ihr Onkel, hält sich für einen großen verkannten Maler. Er verliert leicht die Nerven. Seine Wutanfälle sind von Rache und menschlicher Hilflosigkeit geprägt und münden in brutale handgreifliche Auseinandersetzungen mit seiner jungen, hübschen aber naiven Frau Gloria. Sein Bruder Roman, ein talentierter Musiker, verhält sich gegenüber den anderen Familienmitgliedern spöttisch und provozierend. Er macht sie zu Opfern ihrer Naivität, indem er sie zwingt, ihre Gefühle und Stimmungen in heftigen Streitereien auszuleben.
Die alte, gebrechliche und verwirrte Großmutter ist anspruchslos und genügsam. Unfreiwillig wird sie aber in die neurotischen Auseinandersetzungen der Familienmitglieder hineingezogen. Sie akzeptiert jedoch den Lauf der Dinge und ist immer wieder verständnisvoll und verzeihend.

Andrea lernt an der Universität Ena kennen. Eine enge Freundschaft entwickelt sich und Andrea empfindet eine tiefe Zuneigung für Ena. In Enas Nähe fühlt sie sich frei und nicht allein. Sie genießt die Aufenthalte bei Enas wohlhabender Familie. Eines Tages wendet sich Ena vorübergehend von Andrea ab und geht eine heimliche Beziehung mit Roman ein, die mit dem Selbstmord Romans endet. Ena geht mit ihrer Familie nach Madrid. Nach einem Jahr bei ihrer Verwandtschaft kehrt Andrea ebenfalls Barcelona den Rücken und folgt ihrer Freundin.

Carmen Laforet ist mit Nada ein Werk von großer emotionalen Tiefe gelungen. Ihre brillant gewählten Bilder lassen Barcelona und die Empfindungen und Gefühle der Figuren lebendig werden. Über die Perspektive der Ich-Erzählung und des inneren Monologs verbindet sie ihre Protagonistin Andrea mit den anderen Figuren und ihren jeweiligen Lebenssituationen.

Laforet hat ihren Figuren äußerst komplexe Charaktere gegeben. Mal sind sie brutal und zynisch und dann wieder sanft und sentimental. Über die Charaktere erschließt sich die Figur Andrea mit all ihren Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen und Empfindungen. In einer von tiefem Ernst geprägten und realistischen Sprache macht die Autorin den leidenschaftlichen Wunsch ihrer Erzählerin Andrea nach Freiheit deutlich. In der Gegenüberstellung mit dem ernüchternden Alltag wirkt der Wunsch geradezu schmerzlich. Mit Nada zeichnet Carmen Laforet vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Spanischen Bürgerkrieges ein Bild von Menschen, die zum Opfer ihrer Lebenssituation werden. Ein Bild von Menschen, die von Freiheit und Frieden träumen, deren Realität aber bizarre Züge annimmt. Zurück bleiben Enttäuschung, Ernüchterung und der Verlust der Selbstachtung sowie scheinbar unüberwindbare Grenzen zwischen den Menschen.
Nada ist vom Anfang bis zum Ende fesselnd. Das Werk ist nicht nur klangvoll und brillant, es zeigt auch auf, was Krieg bewirkt und was Freiheit bedeutet. Ein unvergessliches, großartiges Leseerlebnis.

von Soraya Levin - 14. März 2006 - Short URL https://goo.gl/bnsRN

Literatur Roman Städte Spanien

Nada
Carmen Laforet

Nada


Claassen 2005
333 Seiten, gebunden
EAN 978-3546003940
aus dem Spanischen von Susanne Lange

Weniger gedacht als gefühlt

Tolle Literatur, die bestens unterhält und einiges lehrt und darüber hinaus neugierig aufs polnisch-weissrussische Grenzgebiet macht.

Lesen

Ungesundes ist im Gang

"Die Zeit der Ruhelosen" schildert eine Welt im Krieg und handelt so recht eigentlich (und überaus packend) fast alles ab, was im gegenwärtigen Frankreich (und in der politischen Welt allgemein) ein Thema ist

Lesen

Millenium-Fortsetzung aus neuer Feder

Einmal dahingestellt, ob ein vierter Band nun Verrat an Larsson ist oder ob die Familie aus purer Geldgier eine Fortsetzung in Auftrag gegeben hat, Lagercrantz ist ein spannender Krimi gelungen.

Lesen

Ein Mann mit zwei Seelen

Man wird nicht nur bestens unterhalten, sondern sieht Asien mit anderen Augen, nachdem man "Der Sympathisant" gelesen hat.

Lesen

Das, was vom Leben übrig war

Wie alle wirklich guten Bücher ist auch "Der schmale Pfad durchs Hinterland" weit mehr als eine aussergewöhnlich und spannend erzählte Geschichte.

Lesen

Heimat finden

Rasha Khayat legt einen bewegenden Roman über die Fremdheit vor, mit der sich vor allem Menschen konfrontiert sehen, die in verschiedenen Ländern und Kulturen gross geworden sind, wie die Autorin selbst.

Lesen
Der Sympathisant
Artaud und die Theorie des Komplotts
Hundert Tage
Spaziergänger Zbinden
Die Friedhofsgärtnerin
Dokunma Dersleri
Stolz und Vorurteil
Der Geliebte der Mutter
Ein Glückskind
Wovon die Wölfe träumen
Dezembergeschichten
Drei starke Frauen
by rezensionen.ch - 2001 bis 2017