Triumph und Tragik am Matterhorn
Beim ersten Versuch musste der junge Mann 430 Meter unterhalb des Gipfels aufgeben. Doch das war nicht das Schlimmste. Edward Whymper, 1840 im flachen London geboren, war mit 22 Jahren höher am Matterhorn geklettert als je ein Mensch vor ihm. Viel hätte nicht gefehlt, und er hätte niemandem über sein Abenteuer berichten können.
Beim Abstieg geriet Whymper ins Straucheln und stellte zu seiner Verwunderung fest, "dass dieses Springen durch den leeren Raum mir nicht unangenehm war. Ich denke mir, dass ich nicht mehr tief zu fallen brauchte, um Bewusstsein und Empfindung gänzlich zu verlieren, und darauf stütze ich meine Behauptung, die vielen als unhaltbar erscheinen mag, dass der Tod durch einen Fall von großer Höhe ein so schmerzloses Ende ist, wie es nur eines geben kann." So zitiert Fergus Fleming in seiner großartigen Geschichte des Alpinismus Nach oben den gerade noch einmal Davongekommenen.
Im nächsten Jahr unternahm Whymper einen erneuten Anlauf. Sein Ehrgeiz ließ ihm keine Ruhe, nachdem ein Landsmann es noch viel weiter hinauf geschafft hatte: John Tyndall, Brite, in Irland geboren, war seinem Konkurrenten offenbar nicht nur körperlich überlegen. Der um zwanzig Jahre Ältere blickte bereits auf eine erstaunliche Karriere als Physiker zurück. Das Urteil des knapp Gescheiterten muss wie Musik in Whympers Ohren geklungen haben: Tyndall war, schreibt Fleming, bis auf einen Steinwurf an den Gipfel herangekommen, doch sei es unmöglich gewesen, den Riss zu überqueren, und er werde auf jeden weiteren Versuch verzichten.
Das Matterhorn unbezwingbar? Nicht für Whymper! Er versuchte es drei weitere Male, und die einzig gute Nachricht war jeweils, dass er dem vermeintlich schmerzlosen Ende nie wieder so nahe kam als bei seiner Matterhorn-Premiere. Das sollte sich erst am 14. Juli 1865 ändern. An der Spitze einer siebenköpfigen Gesellschaft bezwang Whymper tatsächlich als erster Mensch den bekanntesten Schweizer Berg.
Beim Abstieg ereignete sich dann die Tragödie, als der Unerfahrenste der Gruppe, der 19-jährige Engländer Douglas Hadow, bei seiner zweiten Alpenklettertour überhaupt ausrutschte und drei Kameraden mit sich riss. Bei dem Sturz ging auch das Seil entzwei, das alle sichern sollte. "Einige Sekunden lang", erinnerte sich Whymper, "sahen wir unsere unglücklichen Gefährten auf den Rücken niedergleiten und mit ausgestreckten Händen nach einem Halt suchen. Noch unverletzt kamen sie uns aus dem Gesicht, verschwanden einer nach dem anderen und stürzten von Felswand zu Felswand auf den Matterhorn-Gletscher in eine Tiefe von beinahe 4000 Fuß hinunter."
Der französische Illustrator Gustav Doré hielt das Ereignis in seiner berühmten gewordenen Lithografie-Serie fest. An den folgenden Tagen fand man die verstümmelten Leichen der Abgestürzten. Whymper und die beiden einheimischen Führer, Peter Taugwalder und sein Sohn gleichen Vornamens, überstanden Auf- und Abstieg unverletzt.
Später bezwang Whymper weitere Berge, darunter als erster offiziell Anerkannter den Chimborazo in den ecuadorianischen Anden. Noch während seiner aktiven Zeit schuf er sich mit der Schriftstellerei ein zweites Standbein. Die Vermarktung seiner Erfolge bescherte ihm neben einer stetig steigenden Lesergemeinde vor allem ein rapides Wachstum seiner Barschaft.
Bezahlen musste Whymper die Popularität mit sinkenden Sympathiewerten unter Kletterkollegen. Edward Whymper starb am 16. September 1911 in Chamonix, im Bett. Er war 71 Jahre alt geworden. Ob sein Ende schmerzlos war? Jedenfalls war es einsam, denn Englands wohl berühmtester Alpinist des 19, Jahrhunderts, dem man zeitlebens die Schuld am Matterhorn-Unglück gegeben hatte, besaß kaum noch Freunde.
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