Halbwahrheiten sind (keine) Lügen
Dr. Freud trifft auf den größten Lügner aller Zeiten, Münchhausen: so eine tolle Idee kann nur von zwei ausgefuchsten und talentierten Graphic Novel Verfassern wie Flix und Bernd Kissel kommen. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs wird der im Londoner Exil lebende Sigmund Freud in den Buckingham Palast gerufen. Ein Mann mit Perücke und auch sonst etwas merkwürdig dreinschaueender alter Mann behauptet dort seit Stunden, dass er gerade vom Erdbeerpflücken auf dem Mond gekommen sei und deswegen auf dem Dach des Königspalastes notlandete. Der Name des Drüberfliegers: Baron Münchhausen. Sigmund Freud aus Wien soll nun für die Queen herausfinden, ob dieser seltsame Mann aus Deutschland lügt oder nicht vielleicht doch die Wahrheit spricht, dann wäre er nämlich eine interessante Quelle für den englischen Geheimdienst.
Kain und Abel am Mond
Dass die Wahrheit auch nur eine Mutter der Zeit ist, wird in der vorliegenden, amüsanten und äußerst unterhaltsamen Geschichte nicht nur bestätigt, sondern sogar gleichzeitig widerlegt, denn wahre Kontingenz kennt kein Pardon. Gemeinsam mit Freud und Münchhausen darf der werte Leser sogar eine Reise zum Mond in knallbunter Farbe antreten und dort das Geheimnis der Menschheit entschlüsseln. Die Rückseite des Mondes ist nämlich der Teil, den man von der Erde aus zwar nie sieht, wo sich aber eigentlich der "richtige, echte" Mond verbirgt: eine Oase der Glückseligkeit mit Erdbeeren wie aus Alice im Wunderland und lauter glücklichen Seelen. Allerdings nur, wenn man sie sich auch so vorstellt. Andernfalls kann die Rückseite des Mondes auch zu einem Ort der Furcht werden, zumindest wenn man ein schlechtes Gewissen hat, so wie Münchhausen, der seinem Bruder etwas angetan hat. Aber vielleicht muss man sich manchmal zuerst selbst vergeben, bevor man es den anderen kann.
Wahrheit des Herzens
"Was andere denken, ist selten die Wahrheit und meistens nur Konsens", sagt Dr. Freud und setzt fort, indem er sich auf den Solarplexus pocht, "denn es gibt nur eine Regierung. Hier." Flix ("Faust", "Schöne Töchter" u. v. m.) arbeitete für sein neues Abenteuer mit dem Lügenbaron Münchhausen mit dem Zeichner Bernd Kissel zusammen. Zusammen transferieren sie die Abenteuer des Baron Münchhausen ins 20. Jahrhundert, denn Zeitsprünge sind für den alten Herrn genau so wenig ein Problem wie Kanonenkugelnreiten. Eine wundervolle Neubearbeitung eines literarischen Klassikers, die den Lügenbaron in einem völlig neuen Licht zeigt: als einen wertvollen Konstrukteur einer anderen Wirklichkeit.
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