München 38 Eine Lehre aus der Geschichte?
Am 30. September 1938 endete die Münchner Konferenz. Literatur über den Verrat Großbritanniens und Frankreichs, die in jener Nacht die Tschechoslowakei ihren eigenen Interessen opferten und Hitler zum Fraß vorwarfen, gibt es reichlich. In einem soeben erschienenen Band gelingt es den Historikern Christian Goeschel und Daniel Hedinger, eine neue Perspektive einzunehmen, das Ereignis aus der europäischen in eine geopolitische Dimension zu rücken und auch den Bogen zur Gegenwart zu spannen.
Die Autoren stellen klar, dass das Geschehen damals nicht komplett nach heutigen Maßstäben – und dem Wissen, wie weit Hitler und die Deutschen ihr Weg führen sollte – beurteilt werden kann. Auch tragen sie der zeitgenössischen Einschätzung des britischen Premierministers Neville Chamberlain („peace for our time“) durchaus Rechnung, „dass der Frieden nun so gut wie gerettet sei“, zumal „viele weltweit zurecht der Meinung“ waren.
Andererseits, betonen Goeschel und Hedinger, hatten es sich vor allem die Westmächte zu bequem gemacht. Indem sie Hitler walten ließen und der bedrängten Tschechoslowakei keinerlei Garantien gewährten, schon gar nicht militärische, vermieden sie zunächst einen Krieg, für den sie nicht vorbereitet waren. Doch was war die Folge solch konziliatorischen Verhaltens? Deutschland rüstete nun erst recht auf!
Nachdem es zunächst gemäß der Abmachung das sogenannte Sudetenland annektierte, einen überwiegend von Deutschen bewohnten breiten Streifen entlang der Grenzen zu Bayern, Sachsen, Polen und Österreich – übrigens kein geografischer, sondern ein rein der antitschechischen Propaganda deutscher Nationalisten geschuldeter Begriff – sackte es, mit der Drohkulisse einer schlagkräftigen, supermodernen Armee, ein halbes Jahr später „die Resttschechei“ ein, ohne einen einzigen Schuss abgeben zu müssen.
Kehrseite des mühelosen Erfolgs war die Zerstörung eines jungen, nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten, durchaus prosperierenden Staates. Derart beflügelt, wagten die Deutschen kurz darauf den Angriff auf den Nachbarn Polen. Obwohl nun in einer wesentlich schlechteren Ausgangslage, besannen sich Großbritannien und Frankreich angesichts der deutschen Gier und erklärten dem Hitlerreich den Krieg. Am Ende siegten sie, jedoch nur dank der später eingetretenen Sowjetunion und den Vereinigten Staaten.
In München agierten die Westmächte komplett egoistisch; „im Grunde stand das Resultat“, die Opferung der Tschechoslowakei, deren Politiker nicht einmal an den Verhandlungen teilnehmen durften, „von vornherein fest.“ Wichtiger als der Verlauf waren daher, meinen Goeschel und Hedinger, die Folgen. Und hier betreten die Autoren neue Wege, indem sie die eurozentrische Sichtweise verlassen und Reaktionen von jenseits der westlichen Welt einfangen. Etwa diejenige Jawaharlal Nehrus: In München, meinte der spätere indische Premierminister, sei ein Präzedenzfall geschaffen worden, eine jederzeit reproduzierbare Blaupause, die stärkere Nationen künftig anwenden könnten, um schwächeren ihren Willen aufzuzwingen. Der Rest der Welt würde staunend zusehen, flüchtete sich Nehru in Sarkasmus, und „Hitler wäre damit gemeinsam mit Chamberlain ein Kandidat für den Friedensnobelpreis.“
Goeschel und Hedinger sind zwar um Objektivität bemüht, doch lassen auch sie kein gutes Haar an Chamberlain. Dem Architekten der Münchner Konferenz war keine zweite Chance vergönnt. Er starb bereits zwei Jahre darauf, an Krebs. Zu dieser Zeit war Frankreich von der deutschen Wehrmacht besetzt, und es sah nicht danach aus, als würde Großbritannien den Krieg gewinnen. Seine Absicht, „peace for our time“, hatte Chamberlain nie verwirklicht gesehen. Hätte man 1940 eine Bilanz des Zweiten Weltkriegs gezogen, wäre sie dahingehend ausgefallen, dass skrupellose Diktatoren wie Hitler und der mit ihm verbündete Mussolini dank ihrer Brutalität sämtliche Ziele erreichen konnten.
Die Tschechoslowakei blieb in der Opferrolle und wurde dann noch ein zweites Mal hergeschenkt, auf der Friedenskonferenz von Jalta, als das zentral in Europa gelegene Land der sowjetischen Einflusssphäre zugeschlagen und später westlichster Zipfel des Ostblocks wurde. Das östliche Landesdrittel, die Karpato-Ukraine, musste obendrein an die Sowjetunion abgetreten werden.
Am Ende, logische Konsequenz, stellen die Autoren die Frage, was der gescheiterte Versuch, Hitler mit friedlichen Mitteln im Zaum zu halten, „für unsere Gegenwart, in der die Welt wieder am Scheideweg steht“, bedeutet. „Wie sollen wir Putins Angriffskrieg begegnen, der nicht nur eine Attacke auf die Ukraine, sondern auch auf die regelbasierte Weltordnung ist? Wie stellen wir uns der Herausforderung durch China und wie der aggressiven Außenpolitik eines Donald Trump, der sich nicht scheut, territoriale Forderungen an Alliierte wie Kanada und Dänemark zu stellen, von imperialistischen Gebietsforderungen an Panama ganz zu schweigen."
Eine Antwort wird nicht geliefert. Es gäbe auch keine. Besser wäre, meinen die Autoren, uns die Frage immer wieder aufs Neue zu stellen – und als einen der Beantwortungsmaßstäbe die Münchner Konferenz und die Folgen heranzuziehen. Nur so lässt sich aus der Geschichte lernen. Daher ist die Lektüre von München 38 unbedingt zu empfehlen.
Alle Rezensionen von Ralf Höller