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Moorgeflüster Ein Hoch auf die Moore

09. März 2026
von Karl Hackstette

Hat jemand schon mal Moorgeister oder Moorleichen gesehen? Hat sich schon mal jemand beim Gang auf moorigem Boden im Morgennebel oder in der Abenddämmerung gegruselt? Oder kamen da eher sonderbar schöne Gefühle hoch? Ist jemand dem weinenden Moor-Mann begegnet? Hat jemand schon mal dunkle Torfgruben gesehen und das Blubbern von Wasserblasen sowie die Rufe von Moorfröschen gehört? Wer kann Hochmoore von Niedermooren unterscheiden? Anregende, manchmal schwer zugängliche, aber meistens erhellende und informative Antworten zu all diesen und noch mehr Fragen finden sich in dem lyrischen Bildband Moorgeflüster.

Die Idee, das Thema „Moor“ poetisch und bildlich zu erfassen, entstand in der Münchener Andrea von Braun Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Erhalt von Landschaften zu fördern, die sich durch biologische Vielfalt auszeichnen. Zusammen mit den Herausgebern Joana van de Löcht, Niels Penke und Jonas Stuck wurde ein Konzept zu dem Zweck entwickelt, den kulturellen Stellenwert der Moore in einem Text- und Bildband zu thematisieren und hervorzuheben. Dabei sollte nicht nur auf bereits vorhandene Texte und Bilder zurückgegriffen, sondern vor allem Neues präsentiert werden. Um das zu erreichen, gab es öffentliche Ausschreibungen, die eine sehr hohe Resonanz erzielten. Die nach Meinung einer Jury besten Einreichungen wurden für die Veröffentlichung ausgewählt. Herausgekommen ist ein sorgfältig und ansprechend zusammengestelltes und gegliedertes Werk, das die gedankliche und bildliche Phantasie anregt und zu ausgedehnten Moorspaziergängen einlädt.

„O schaurig ist's über's Moor zu gehn“ – so beginnt Annette von Droste-Hülshoffs berühmte Ballade Der Knabe im Moor aus dem Jahr 1844, die noch aus der Schulzeit nachklingt. Sie darf in einer solchen Sammlung ebenso wenig fehlen wie die Texte anderer bedeutender Literaten und Dichter wie beispielsweise Christian Morgenstern, Theodor Storm, Sarah Kirsch, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl oder Henry David Thoreau. Ein niederdeutsches Gedicht von Klaus Groth ist auch dabei: „Denn ward dat Moor so wit un grot, Denn ward de Minsch so lütt to Mod“. Neue lyrische Klänge kommen von Patrik Peyn über die „bog people“, Britta Lübbers über die Renaturierung des Moores oder von Léonce W. Lupette: „auf hohem moor wirkt niederer bewuchs“. Manche lyrische Ausdrucksweisen scheinen allerdings so unzugänglich zu sein wie manche Moorgebiete. Jedenfalls beim ersten Annähern.

Positiv hervorzuheben ist der informative Teil über die Moore – etwa über die ökologische Bedeutung der Moore, die Kohlendioxid in großen Mengen in Form von Torf speichern können. Der Textteil schließt mit dem Moorgeflüster-Glossar zur Erklärung und Einordnung der verwendeten Fachwörter.

Das Buch lebt insbesondere von der stimmigen, bedachtsamen Auswahl und Intensität der fotografierten oder gemalten Bilder sowie der Druckgrafiken und Zeichnungen. Da ist zum Beispiel das stimmungsvolle Foto „Großes Moor Vechta“ des Hamburger Fotografen und Arztes Heinrich Schraad zu nennen. Das wie gemalt wirkende Digitalfoto fängt mit seinen grauen und grau-blauen Tönen die geheimnisvolle, scheinbar leblose Stille einer Moorlandschaft – ihr schlichtes Da- und Sosein – auf eine sehr eindringliche Weise ein. Überaus beeindruckend und ansprechend sind ferner die Bilder von Ada Mee, Schirin Fatemi, Jonas Sielenkämper, Astrid Homuth, Hendrik Otremba, Katharina Herrmann oder von Kerstin Mempel. Die klassischen Moorbilder von Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn wirken dagegen fast bieder.

Die deutsche Umweltpublizistin Luisa Neubauer spricht im Klappentext von einer „Magie der Moore“, die in dem Buch vermittelt wird. Das trifft es ganz gut. Der textlich und vor allem bildlich größtenteils sehr gelungene Band über das Moor ist ein inspirierendes Geschenk für Menschen, die sich gern in der Natur bewegen oder sich vornehmen, dort zukünftig öfter sein zu wollen.

Alle Rezensionen von Karl Hackstette

Moorgeflüster
Joana van de Löcht (Hrsg.), Niels Penke (Hrsg.), Jonas Stuck (Hrsg.)
Moorgeflüster
Ein lyrischer Bildband
240 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-98726512-9
oekom 2026