Literatur

Der CIA-Chef bei den Beduinen

Am 17. August 1988 explodierte kurz nach dem Start das Flugzeug des pakistanischen Präsidenten Zia ul-Haq, wobei dieser, mehrere Generäle sowie der US-Botschafter Arnold Raphel starben. Bis heute ist nicht geklärt, ob es sich um ein Attentat oder um einen Unfall handelte. "Mohammed Hanif greift dieses Ereignis auf und entwickelt daraus einen Roman aus anarchischer Komik und schwarzem Humor", lässt der Verlag wissen. In der Tat! Die Geschichte ist so wunderbar grotesk geschildert, dass man bei der Lektüre des Öfteren laut herauslachen muss. Hier ein Beispiel: "Rechts von ihm schreitet Arnold Raphel, der US-amerikanische Botschafter in Pakistan, dessen spiegelnde Glatze und sorgfältig gepflegter Schnurrbart ihm den Anschein eines geachteten homosexuellen Geschäftsmannes aus einer amerikanischen Kleinstadt verleihen."

Man kann die Absurdität menschlichen Tuns am besten darstellen, indem man dieses Tun ganz einfach möglichst akkurat beschreibt. Ganz besonders eignet sich dazu das Militär und die Politik. Hier ein Protokollauszug der Aussage von Unteroffizier Ali Shigri (es ging hier um die Untersuchung der Umstände der unerlaubten Entfernung von Kadett Obaid-ul-llah) "Ich gab der Staffel vier Minuten Zeit für das Frühstück. Ich selbst wartete auf den Stufen, die zur Kantine führen. Währenddessen stand ich bequem und ging im Geiste die Befehle für den Drill an diesem Tag durch. Diese Übung hat Leutnant Bannon, unser amerikanischer Ausbilder, mir beigebracht. Obwohl es beim Silent Drill keine verbalen Befehle gibt, muss die innere Stimme des Kommandierenden auf Lautstärke 5 bleiben. Natürlich darf sie für die Person neben ihm nicht hörbar sein. Ich war noch dabei, meinen stummen Ausdruck zu üben, als die Staffel sich ausserhalb der Kantine zu versammeln begann. Ich führte eine rasche Inspektion durch und erwischte einen der Neulinge mit einem Stück French Toast in der Tasche seines Uniformhemds. Ich stopfte ihm den Toast in den Mund und erteilte ihm den Befehl, sich mit Rolle vorwärts fortzubewegen. Dabei hatte er mit dem Marsch der Staffel zum Exerzierplatz Schritt zu halten."

Der Leser erhält nicht nur Einblick in die Seelenwelt von Zia ul-Haq und anderer pakistanischer Generäle, die sich, wie im richtigen Leben, alle nicht über den Weg trauen und von Neid und Missgunst zerfressen sind, sondern erfährt auch, wie es unter Geheimdienstlern so zu und her geht. So liest man zum Beispiel warum CIA-Chef Bill Casey seinen saudiarabischen Amtskollegen Prinz Naif bei einem Wettfliegen gewinnen lässt: "Die fünf Jahre, die er mit seinem saudiarabischen Gegenüber zu tun hatte, hatten Bill etwas gelehrt: Man kann einen Beduinen aus der Wüste führen, ihn vom Kamel steigen lassen und ihm die teuerste Flugmaschine der Welt geben, aber es hatte keinen Sinn zu versuchen, ihm den Kameljockey auszutreiben. Wollte der Prinz auf dem Weg zum Abendessen um die Wette fliegen - bitte schön. Der CIA-Chef würde seinem Wunsch entsprechen."

Man weiss bei diesem Roman nie so recht, ob das nun eigentlich Satire oder Realität ist. So hat Prinz Naif zum Beispiel eine ganze Armee von Leibärzten - neben einem Kardiologen, einem Hautspezialisten und einem Schönheitschirurgen, auch einen Libido-Spezialisten, den man hinter seinem Rücken den "Königlichen Schniedel-Doktor" nennt. Kann man sich schon vorstellen, oder? Andrerseits: Kann das wirklich sein, dass im Pakistan von Zial ul-Haq "nationale Sauberkeitswochen" ausgerufen wurden? Handlung, Dialoge und Charaktere seien mit Ausnahme einiger bekannter historischer Persönlichkeiten und Personen des öffentlichen Lebens vom Autor frei erfunden und nicht als real anzusehen", schreibt der Verlag. Vermutlich war der Hinweis aus rechtlichen Gründen nötig, sagt man sich da.

Mohammed Hanif ist ein begabter und einfallsreicher Schreiber, ein guter Beobachter mit einem ausgeprägten Sinn für menschliche Absurditäten ("Da keine Frauen in dem Gebäude arbeiteten, stand auf den Toiletten 'Offiziere und Männer'") und er verfügt über eine spitze Feder. So schildert er zum Beispiel das Ölporträt von Muhammad Ali Jinnah, dem Gründer Pakistans wie folgt: "Mit dem Monokel im linken Auge und seinem scharfen Blick wirkte Jinnah wie ein gepeinigter Chemiker aus dem 18. Jahrhundert kurz vor eine bahnbrechenden Entdeckung." Und als bei einer Militärparade die zivilen Festwagen an der Reihe sind, schildert Hanif das so: "Der erste Wagen stellte das Leben auf dem Lande dar: Männer bei der Ernte, Männer, die Netze voller Papierfische einholten, Frauen, die in fluoreszierenden Tontöpfen Milch zu Butter schlugen, und dies alles unter den gewaltigen Bannern von Pepsi, dem Sponsor des Umzugs. Als Nächstes zog ein Wagen mit Trommlern und Sufi-Sängern in weissen Gewändern und orangefarbenen Turbanen vorbei. General Zia fiel auf, dass die Bewegungen der Darsteller gestelzt waren und sie ihre Lippen nur zu Aufnahmen vom Band bewegten. Er nutzte den Lärm, um sich General Akhtar zuzuneigen. 'Was ist mit denen los', zischte er wütend. General Akhtar wandte ihm in Zeitlupe den Kopf zu, musterte ihn mit einem Siegerlächeln und flüsterte: 'Das sind alles unsere Jungs in Zivil, Warum ein Risiko eingehen?' 'Und die Frauen?' 'Putzfrauen aus dem Hauptquartier. Höchste Sicherheitsstufe.' General Zia lächelte und winkte den Männern und Frauen zu, die weiter ihre seltsame Mischung aus militärischem Drill und Erntetanz vollführten."

Ein rundum gelungenes Buch, und das schliesst die Übersetzung von Ursula Gräfe mit ein.

Eine Kiste explodierender Mangos
Mohammed Hanif
Ursula Gräfe (Übersetzung)

Eine Kiste explodierender Mangos


A1 Verlag 2009
Originalsprache: Englisch
383 Seiten, gebunden
EAN 978-3940666062

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