Herman Melville: Moby Dick oder Der Wal

Moby Dick in edlem Gewand

"Rache an einem unvernünftigen Tier, das dich aus blindem Trieb getroffen hat! Das ist Wahnsinn! Zu wüten gegen ein unbeseeltes Wesen, Kapitän Ahab, das ist Frevel!", ruft der erste Offizier und Steuermann der Pequod, Starbuck, seinem Vorgesetzten zu. Aber was der Steuermann nicht weiß: der weiße Wal steht im Leben des Kapitäns noch für viel mehr als nur einen riesengroßen Fisch.

Ein Wal als Inkarnation aller Qualen

Die wunderschöne Schmuckausgabe zu Moby Dick aus dem Coppenrath-Verlag bietet auf mehr als 600 Seiten die komplette Geschichte des legendären Wals und zudem noch zehn aufwendig gestaltete Extras. Der Band ist nämlich nicht nur aufregend illustriert, sondern enthält auf Extrakärtchen und Karten Informationen über die Geschichte hinaus. So erfährt man etwa auf einem Flugblatt von dem tatsächlichen "Mocha" Dick, der in den Gewässern der Insel Mocha vor der Küste Chiles dem Schiff Essex und seiner Besatzung zum Verhängnis wurde. Es wird vermutet, dass Melville aus dem Rohmaterial dieser Geschichte seinen Moby Dick zimmerte, der dem weißen Wal somit zum Weltruhm verhalf. "Fidel sind die Wimpel der Fregatte", heißt es, und munter wird Richtung Moby Dick gesegelt, denn Ahab will seit seiner verhängnisvollen ersten Begegnung mit dem Wal nur mehr eines in seinem Leben: Rache. Alle seine körperlichen und seelischen Qualen waren für ihn mit dem Wal verschmolzen und "auf des Wales weißen Höcker häufte er ein Gebirge aus jeder Wut und jedem Hass, die das Menschengeschlecht seit Adam je gefühlt", schreibt Melville, "und dann, als wäre seine Brust ein Mörser, zerstampfte er in ihr die Muschelschale seines heißen Herzens".

Desperado-Philosophie wider die Drangsale des Lebens

"Aus Stahl ist mein Schädel, von der Art, die unbehelmt den schmetternden Schlägen trotzt!" – so beschreibt sich Kapitän Ahab selbst. Das sind starke Worte, die Herman Melville formuliert: "Dunkel ahnte Ahab in seinem Herzen: Vernunft ist mein Werkzeug, Wahn die Triebkraft und das Ziel". Ein Exkurs über die Farbe "Weiß" und die in unserem Kulturkreis damit verbundenen Assoziationen ist ebenso interessant zu lesen, wie die Schilderungen der Seefahrt und wie es Ahab schafft, eine ganze Mannschaft für sein Lebensziel, seine Rache an Moby Dick, zu missbrauchen. Im Kapitel "Die Mattenweber" wird er philosophisch, wenn er schreibt, dass Zufall, freier Wille und Notwendigkeit durchaus nicht unvereinbar seien, vielmehr verweben sie sich miteinander und greifen ineinander wie die Fäden eines Webstuhls: "Der freie Wille hat gerade so viel Freiheit, dass er sein Weberschiffchen zwischen die ausgespannten Fäden einschließen kann; und der Zufall (...) beherrscht mitunter beide und zeichnet alles, was geschieht, mit dem letzten entscheidenden Schlag". Im Kapitel "Hyäne" beweist Melville Humor, wenn er alles als Possenspiel bezeichnet und von einer "unbekümmerten Desperado-Philosophie" spricht, die "Menschen in Zeiten äußerster Drangsal mitten im Ernst des Lebens überfällt". 

Erschwinglicher Luxus für Bücherwale

Es gibt aber durchaus auch humoristische Stellen, etwa wenn der Erzähler im selben Bett wie der polynesische Harpunier Quiqueg aufwacht, der zwar einen Schrumpfkopf an seinem Gürtel trägt und aus seinem Tomahawk raucht, ansonsten aber ein sehr angenehmer Geselle ist. "Nun seht, wie geschmeidig unsere starrsten Vorurteile werden, wenn die Liebe sie beugt", so der Erzähler und ein paar Zeilen weiter: "als ob ein Weißer etwas Großartigeres wäre als ein weiß getünchter Neger". Das waren damals noch aufklärerische Gedanken, denn als Herman Melvilles Roman erstmals erschien, 1851, gab es in den USA noch die Sklaverei. "Alles Edle auf der Welt ist von Schwermut überschattet", heißt es an einer anderen Stelle und so wie Ahab müssen wir uns wohl alle den düsteren Abgründen unserer Seele stellen. Ismael, der Erzähler, hat es in vorliegender, von Kai Würbs gestalteten Ausgabe besonders leicht, denn von der Silberfolie über die Hochprägung bis zum Leseband, verleiht diese Ausgabe einen Hauch von Luxus und Einzigartigkeit, der selbst eine Rache zu einem süßen Vergnügen macht.

Moby Dick oder Der Wal
Kai Würbs (Illustration)
Alice Seiffert (Übersetzung)
Hans Seiffert (Übersetzung)
Moby Dick oder Der Wal
656 Seiten, gebunden
Schmuckausgabe mit Naturpapier, Hochprägung, Silberfolie und Spotlack
Originalsprache: Englisch
Coppenrath 2024
EAN 978-3649646792

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