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Mitarbeiter der Wahrheit sein Joseph Ratzinger und die anstößige Wahrheit des Glaubens

09. Mai 2026
von Thorsten Paprotny

Einprägsame Erinnerungen an Joseph Ratzinger wecken insbesondere das Interesse des Lesers an diesem Aufsatzband, der Beiträge von Weggefährten und Vertretern der Schülerkreise nach dessen Tod am 31. Dezember 2022 bündelt. Darüber hinaus sind kluge Aufsätze zur Theologie Benedikts XVI. in dem Buch enthalten, ausgewählt nach den jeweiligen Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten der Verfasser.

Christoph Ohly kommt in der Einleitung auf den Wert der fundamentalen Frage nach Gott im Wirken des Theologen zu sprechen, in der Zeit vor dem Pontifikat, in den Jahren des Petrusdienstes und danach. Auch in diesem Band ist das berühmt gewordene, durch Benedikt selbst berühmt gemachte Wort des greisen Regensburger Erzbischofs Michael Buchberger aufgeführt, der auf die Frage, als die deutschen Bischöfe vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil zur Beratung zusammentrafen, wovon in der Kirchenversammlung gesprochen werden solle, die eifrig disputierenden Mitbrüder mit zwei Worten still werden ließ – von Gott. So wie Buchberger erinnerte auch Joseph Ratzinger an die Herzmitte der Kirche. Wo die Gottesfrage verstummt, so ließe sich sagen, da bekennt sich, auf unsere Zeit gewendet, die Kirche vielleicht noch zur Demokratie, aber nicht mehr zum Kern des Glaubens. Als Papst stand Benedikt XVI. ebenso ein für die Zentralität der Frage nach Gott, der jegliches andere – so wichtig es säkular erscheinen mag – nachzuordnen ist.

Dass solche Überlagerungen und Entstellungen bestehen, etwa in der Liturgie, also in gottesdienstlichen Feiern, darauf macht der Liturgie-Theologe Sven Leo Conrad aufmerksam. Eine Instrumentalisierung Gottes findet statt, wenn die Feier der Eucharistie anmutet, als sei sie von einer liturgischen Bastelgruppe inszeniert worden. Liturgie, so betont Conrad, sei nicht „Menschenwerk", sondern Begegnung mit einer Wirklichkeit, die über diese Welt hinausreicht. Ratzingers „Verständnis von Schönheit" meine weder einen „oberflächlichen Ästhetizismus" noch eine „rein äußerliche Traditionspflege". Schönheit verstehe Ratzinger unter Bezugnahme auf die „abendländische Lehre von den Transzendentalien als Beschreibungen alles Seienden" – die Begriffe wahr, gut und schön zeigen hier ihre verborgene Identität.

Dies spiegelt sich auch in dem Referat von Kurt Koch wider. Der Kardinal stellt die Grundzüge des theologischen Denkens von Benedikt XVI. vor, verweist insbesondere auf die „untrennbare Einheit" der Bibel. Er hebt hervor, dass dessen Theologie „im innersten Kern Exegese der Heiligen Schrift" sei. Vergessen werden dürfe auch nicht, dass die Heilige Schrift nicht als bloß historisches Zeugnis angesehen werde, sondern als „lebendiges Wort Gottes" verstanden werden müsse, adressiert „an die Menschen in jeder Zeit". Koch schreibt über die Bedeutung der Liturgie eindrücklich, dass sie der „elementare Grundvollzug" der Kirche sei: „Die Liturgie ist gleichsam das Herz der Kirche, von dem das Blut des Glaubens in den kirchlichen Alltag hinausströmt, wo es sich verbraucht, um sich im Herzen wieder zu sammeln und gereinigt zu werden." Die Feier der Liturgie sei „Anbetung und Verherrlichung Gottes".

Ratzinger habe das „Mit-Denken mit der ganzen Kirche" dahingehend verstanden, dass dies der kirchliche Dienst an der objektiven „Wahrheit des Glaubens" sei: „Sein theologisches Denken kreist um die Vorgegebenheit und Erkennbarkeit der Wahrheit, weshalb er den Menschen nicht nur als ein wahrheitsfähiges, sondern geradezu wahrheitsbedürftiges Lebewesen versteht, dessen tiefste Sehnsucht sich auf die Erkenntnis der Wahrheit richtet." Über diese Wahrheit gibt es keine Mehrheitsbeschlüsse. Insoweit mahnt Ratzinger, wie Maximilian Heim darlegt, stets darauf zu achten, dass die Kirche keine Demokratie sei. Der „Souverän" in der Kirche sei nicht das Volk, sondern Gott, so sinnvoll und vernünftig auch die Einbettung demokratischer Elemente in die „gesellschaftliche Struktur der Kirche" sei. Die Grenzen dieser sind unverkennbar und unverzichtbar. Ein grundsätzliches Missverständnis, so lässt sich über diese Darlegungen hinausgehend auch sagen, zeigt sich in exemplarischer Weise auf dem deutschen Synodalen Weg, der säkulare Reformprozesse initiieren wollte, die Gemeinschaft der Kirche aber, horizontal wie vertikal, aus dem Blick verlor. Die dortigen Repräsentanten der Laien zudem waren nicht einmal demokratisch gewählt, sondern verstanden sich allein als Repräsentanten der Laien in Deutschland. Ein bloß subjektives Verständnis, verbunden mit medialer Resonanz, ist aber faktisch substanziell weniger als ein Schatten von Wahrheit.

Erzbischof Georg Gänswein, langjähriger Privatsekretär von Benedikt XVI., schenkt sympathische Einblicke in das Denken und Leben des Papstes, besonders auch, demütig und zurückhaltend, über die letzte Lebensphase: „Das tägliche Miteinander, das gemeinsame Leben ist auf natürliche Weise familiärer geworden. Das wurde umso deutlicher, je mehr die Kräfte Benedikts abnahmen. Es wuchs eine Vertrautheit, die manches ganz einfach selbstverständlich werden ließ, was vorher so nicht war. Manchmal waren es lediglich die Augen, die gesprochen haben." Unter anderem legt Gänswein dar, dass der Emeritus über den Tod geschwiegen, nur manchmal über das Sterben nachgedacht habe.

Martin Trimpe erwähnt Episoden und Ereignisse aus der Zeit der Studentenproteste. Ratzingers Lehrveranstaltungen blieben weitgehend ungestört. Der „souveräne Hochschullehrer" gestattete befristete Diskussionen und begegnete „Einwänden und Widersprüchen" ganz nach seinem Naturell „sachlich, bisweilen auch heiter, so dass bei Rede oder Gegenrede der sonst typische parteiisch-stürmische Applaus unterblieb". Die Konflikte in den akademischen Gremien ermüdeten ihn zunehmend, aber selbst in diesen Zeiten verband sich bei ihm eine „warme Menschlichkeit" mit einem „unaufdringlichen seelsorglichen Interesse". Trimpe berichtet, dass Ratzinger darauf aufmerksam machte, dass einfach gläubige Menschen auch das NS-System eher durchschaut und „klarer abgelehnt" hätten als viele Professoren. Ihm selbst ging es, so fasst Trimpe zusammen, nicht um „endlose Diskussionen", sondern um die „Wahrheit des Evangeliums". Dieser lesenswerte Band schenkt wertvolle Einblicke in die Theologie und das Leben von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.

Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny

Buchcover von Mitarbeiter der Wahrheit sein
Christoph Ohly (Hrsg.), Josef Zöhrer (Hrsg.)
Mitarbeiter der Wahrheit sein
Das reiche Erbe von Papst Benedikt XVI. in die Zukunft tragen
184 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-79173547-4