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Mit Thomas Mann am Meer Das Meer – eine Liebe fürs Leben

04. März 2026
von Thorsten Paprotny

Für die 1901 publizierten Buddenbrooks erhielt Thomas Mann 1929 den Literaturnobelpreis, nicht für den wenige Jahre zuvor erschienenen Roman Der Zauberberg. Zahlreiche Leser späterer Generationen wertschätzen die Erzählkunst des von seinen Kindern liebevoll-wertschätzend und humorvoll genannten „Zauberers" im Ganzen, wissen aber vor allem in dem Frühwerk die tiefe Zuneigung des Schriftstellers zum Meer zu entdecken und nachzuvollziehen. In Travemünde fand nicht nur die Familie Buddenbrook, besonders Tony, sondern auch Thomas Mann selbst eine Liebe fürs Leben.

Dieser Band enthält Auszüge aus Romanen und Erzählungen, manchmal schlichte Impressionen, die Mann mit dem Meer verknüpft. Der junge Autor greift Schopenhauers Metaphysik der Vergänglichkeit auf, wenn er Thomas Buddenbrook die Wellen am Strand beobachten lässt. Eingezeichnet in die Schwermut des Lübecker Kaufmanns, der ein sensibles Gemüt und musische Neigungen besaß, ist die philosophische Düsternis des Pessimisten Schopenhauer. Buddenbrook bedenkt die Gleichförmigkeit der Wellen, während sein eigener Abschied von der Welt näherkommt. Ganz anders erlebt Antonia, genannt Toni, Buddenbrook Jahrzehnte zuvor den Strand, das Meer und die große Weite. Sie verliebt sich ungeniert in den Morten, den Sohn des Lotsenkommandeurs, verbringt ausgelassen und gedankenvoll in der Sommerfrische Zeit mit ihm, der so gern auf Travemünder Steinen saß und hinausschaute auf die Lübecker Bucht. Ein Paar werden die Liebenden nicht oder nur in ihren Träumen, auf Tony warten Ehemänner, ausgemachte Betrüger, Taugenichtse und Dummköpfe. Die Tochter aus gutem Hause heiratet, wird Mutter und vermag ihren stumpfen Gatten traurig, aber erhobenen Hauptes zu entkommen, Morten, die Liebe ihres Lebens, wird sie nie vergessen: „Tony folgte mit den Augen der Richtung seiner Hand und während nicht viel fehlte, daß Beider Hände, die nebeneinander auf der rauhen Holzbank lagen, sich vereinigten, blickten sie gemeinsam in die selbe Ferne. Sie schwiegen lange, indes das Meer ruhig und schwerfällig zu ihnen heraufrauschte … und Tony glaubte plötzlich einig zu sein mit Morten in einem großen, unbestimmten, ahnungsvollen und sehnsüchtigen Verständnis dessen, was »Freiheit« bedeutete." Viele Leser der Buddenbrooks wären auch heute noch gern am Strand mit Tony Buddenbrook spazieren gegangen – und mancher mag am Strand, ob allein oder in bester Gesellschaft, auf eine ähnliche Weise so hinaus in die große Weite schauen wie sie.

Thomas Mann spürte der Melodie des Meeres nach, in Romanen und Erzählungen, in Tagebuchnotizen und Briefen. Er schreibt von der Faszination für das nahezu Unendliche, so als ob das Meer ein Spiegel der Ewigkeit sei. Zugleich bedenkt er die Gewalt der See, die unvorstellbaren Kräfte, die Ehrfurcht fordern, so sehr die Schönheit des Meeres auch betört.

Später reist die Familie Mann in die Kurische Nehrung, in den schmalen Landstreifen zwischen Memel und Königsberg. Dort ließ er ein Sommerhaus bauen: „Das Wasser des Haffs ist im Sommer bei blauem Himmel tiefblau. Es wirkt wie das Mittelmeer. Es gibt dort eine Kiefernart, Pinien ähnlich. Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben, in Nordafrika zu sein." Alle Wege, so schreibt er, führten zum Meer, und so sprächen auch alle von der Weite der See. Jeder Tag habe ein anderes Gesicht, der Ostseestrand sei unvergleichlich und ganz anders als in der Lübecker Bucht. Die Ostsee selbst ist „vollkommen offen", die Brandung sei von „eigenartiger Großartigkeit": „Ich denke zuweilen, dass das Meer, das Hochgebirge im Schnee und die Wüste eine Kategorie von Naturerscheinungen für sich ist. Wer nicht den nötigen Respekt vor dem Meer hat, kann leicht zu Schaden kommen. Die Wellen haben selbst ganz nahe am Strand noch eine Kraft, dass man glaubt, Löwenpranken schlügen auf die Schultern."

Wer in Thomas Manns Welt zu Gast sein darf und dort ein wenig verweilen möchte, wird auf gewisse Weise vom Meeresrauschen umgeben sein, manchmal leise ahnungsvoll, mitunter philosophische Kräfte und existenzielle Dramen des Lebens spürend. Durch alle Wellenbewegungen hindurch bleibt die tiefe Dankbarkeit erkennbar, die Thomas Mann an der Ostsee und an anderen Stränden dieser Welt erlebt hat, wenn er das Meer im Sinn und vor Augen hatte. Seine Wahrnehmungen und Schilderungen der See sind vielfältig und vielfarbig. Wir dürfen dankbar sein für dieses Buch sowie für die Schönheit des Meeres, wann immer wir Gelegenheit haben, dort zu sein und einfach nur hinauszuschauen, im Wissen darum, dass der Horizont, vor dem wir stehen, immer noch weiter reicht als wir je ermessen könnten. Der junge Thomas Mann schreibt: „Ich habe vom Leben Unendliches erwartet." Eine Ahnung davon war ihm und ist uns am Meer geschenkt. Vielleicht genügt das.

Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny

Mit Thomas Mann am Meer
Thomas Mann, Ulrich Tukur (Hrsg.)
Mit Thomas Mann am Meer
240 Seiten, gebunden
ISBN 978-3103976878
Fischer 2025