Eric Ambler: Mit der Zeit

Die Bücher des Propheten

Vor 40 Jahren erschien Eric Amblers letzter Roman. Wie in einigen Werken zuvor, haben sich seine Vorhersagen in Mit der Zeit bewahrheitet. 

Eric Ambler war immer schon ein Prophet. Bei einem Frankeichbesuch im Sommer 1934 sah er das Attentat auf den jugoslawischen König Alexander Karadjordjevic voraus. Ambler war in einem Hotelzimmer in Marseille abgestiegen. Beim Pokern hatte er sein letztes Geld verloren und musste dostojewskilesend den Resturlaub an der Côte d’Azur verbringen. Zwischendurch blieb ihm viel Zeit, das Strandpanorama zu genießen. Beim Blick aus dem Fenster seines Billighotels entwickelte der ressentimentgeladene Ambler eine Mordphantasie. Und tatsächlich, genau an der von ihm ins Auge gefassten Stelle, geschah keine zwei Monate später das Attentat auf den jugoslawischen König Alexander I. Karadjordjević.

"Ich habe mir die Wochenschau mehrere Male angesehen und aus Zeitungen Bilder dieser Szene ausgeschnitten", bekannte Ambler später: "Ich spürte eine seltsame Schuld, aber auch Freude." Schuld und Freude: Amblers Biograph Stefan Howald sieht in dem merkwürdigen Erlebnis Amblers Initiation als Romanschriftsteller. Bis dahin hatte er seine Brötchen in einer Agentur als Texter verdient. Seine Erfahrung im alten Beruf nutzte der angehende Autor, um Werbung in eigener Sache zu machen. 

Bereuen musste Ambler seinen Schritt nicht. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte er in nur vier Jahren sechs Romane. Alle wurden von der Kritik begeistert aufgenommen und fanden auch den Weg aus den Buchhandlungen in die Regale der Kundschaft. Amblers hoher politischer Anspruch, gepaart mit dialogreicher Erzähltechnik, überraschenden Volten in der Handlung und großer Empathie für seine Darsteller abseits von Kitsch und Klischee entstanden kleine Meisterwerke, die eine eigene Literaturgattung mitbegründeten: den politischen Thriller. Mit Graham Greene stritt Ambler in freundlichem Wettbewerb um die Ehre des Throninhabers in diesem Genre. 

Nach einem Jahrzehnt kriegsbedingter Sendepause setzte Ambler Anfang der 1950er Jahre seine Karriere fort. Sie währte drei weitere Jahrzehnte und brachte alle drei Jahre bestens recherchierte und spannend geschriebene neue Titel hervor, von denen die meisten verfilmt wurden. Amblers letzter Roman Mit der Zeit erschien 1981.

Im Mittelpunkt stehen ein in der Sowjetunion geborener politischer Abenteurer mit estnischen Wurzeln und ein vorwiegend als Ghostwriter beschäftigter US-Journalist. Karlis Zander bietet Robert Halliday ein Manuskript an, das dieser in einem Mailänder Verlag (Ähnlichkeiten mit Feltrinelli sind weder zufällig noch unbeabsichtigt) veröffentlichen soll. Ziel ist es, einen größenwahnsinnigen Herrscher in den Vereinten Arabischen Emiraten bloßzustellen und aus dem Verkehr zu ziehen. Letzteres ist bitter nötig, da der Potentat über chemischen Kampfstoff verfügt, den einzusetzen er keine Skrupel hat. Am Ende gelingt es Amblers Helden, den Finsterling in ein Schweizer Sanatorium einweisen zu lassen. Sie selber entkommen den Häschern des Emirs nach einer bizarren Hetzjagd durch Italien, die Schweiz und Österreich mit knapper Not. Nicht nur Zander und Halliday, die ganze Welt kann aufatmen, und der Nahostkonflikt ist um eine Eskalation ärmer.   

Ambler stellt seinem Roman einen Auszug aus einem Manuskript des nihilistischen Anarchisten Sergej Netschajew voran. Dessen "Propaganda der Tat", Attentate eingeschlossen, sieht Ambler in Mit der Zeit einem Wandel unterlegen: An die Stelle runder schwarzer, mit primitivem Zünder versehener Bomben werfender schwarzgekleideter Revolutionäre sind giftgasversprühende Terroristen getreten, die sich modernster Technologien bedienen und international operieren. Interessante Gemeinsamkeit: Nach wie vor dienen sie den Geheimdiensten der Welt als Vorwand, im Dienst der Sicherheit alle demokratischen Hürden zu reißen. 

Im Roman arbeitet Halliday mit CIA, BND & Co. zusammen, um Beweise gegen den chemiewaffenaffinen Emir zu sammeln. Nur einen Golfkrieg später wurde die US-Intervention gegen Saddam Hussein mit Hinweis auf Chemokampfstofffabriken gerechtfertigt, deren Existenz im Irak trotz größter Bemühungen nie nachgewiesen werden konnte.  

So zeigt sich in Amblers Abschiedswerk wieder einmal die prophetische Gabe des Autors. Bereits in seinem 1936 erschienen Erstling Der dunkle Grenzbezirk hatte Ambler die Entwicklung einer Atombombe vorhergesagt. In Mit der Zeit bringt Ambler en passant (und daher von den meisten Lesern unbemerkt) folgenden Hinweis an: "Unter Experten gibt es immer Meinungsverschiedenheiten, wenn Manuskripte beurteilt werden sollen. Vor ein paar Jahren gab es Meinungsverschiedenheiten unter den Experten, die ein Manuskript beurteilen sollten, bei dem es sich angeblich um Mussolinis Tagebuch handelte. Die einen hielten es für absolut echt. Nicht der leiseste Zweifel. Tatsächlich war das Ding von zwei älteren Italienerinnen gefälscht worden." 

Soweit die Erzählung des Journalisten Halliday. Die Mussolinitagebücher sollten noch 2007, ein knappes Jahrzehnt nach Amblers Tod, einen handfesten Skandal auslösen. Noch peinlicher war die Affäre um die gefälschten Hitlertagebücher, denen neben einer Reihe von Historikern auch die Redaktion des deutschen Magazins Stern auf den Leim gegangen war. Das war 1983, zwei Jahre nachdem Mit der Zeit erschienen war. 

Mit der Zeit
Mit der Zeit
400 Seiten, broschiert
Originalsprache: Englisch
Diogenes 2000
EAN 978-3257231311

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