Klaus Mann: Mephisto

Künstler, Chamäleon, Karrierist

Was wollen die Menschen von mir? Warum verfolgen sie mich? Weshalb sind sie so hart? Diese Fragen lässt der Schriftsteller Klaus Mann seinen Helden in Mephisto, Roman einer Karriere stellen. Es sind die letzten Zeilen in diesem Werk, gefolgt von einer allerletzten: "Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler!"

Hendrik Höfgen heißt der Protagonist und hat, von den Nationalsozialisten protegiert, eine steile Karriere hingelegt. Bei aller Andienerei an Goebbels & Co. versäumt es der gute Hendrik freilich nicht, sich nach sämtlichen Seiten hin abzusichern. Selbst für eine Zeit, in der die Nazis vielleicht nicht mehr an der Macht sein würden, hat er vorgesorgt.

Manns Romanheld ist sehr real. Will man herausfinden, wer wirklich hinter diesem Hendrik Höfgen steckt, nehme man dessen Initialen und gehe im Alphabet jeweils eine Position zurück. Aus GG wird dann HH, und Hendrik Höfgen verwandelt sich in Gustaf Gründgens.

Gründgens und Mann waren einmal sehr befreundet. Das änderte sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Mann machte sich alsbald davon und ging ins niederländische Exil, Gründgens machte Karriere. Eine Zeitlang schaute Mann sich dies von außen an. Dann reagierte er. Bereits 1936 erschien im Amsterdamer Querido Verlag, in deutscher Sprache, sein Schlüsselroman Mephisto.

Die Hauptfigur Höfgen, wie Gründgens Schauspieler von Beruf und durch seine Mephisto-Interpretation des Goetheschen Faust berühmt geworden, wird vom Nazi-Regime erst protegiert, dann hofiert und schließlich in die Propaganda integriert. In einem Nachsatz zu seinem Roman erklärt Mann: „Mir lag nicht daran, die Geschichte eines bestimmten Menschen zu erzählen, als ich Mephisto, Roman einer Karriere schrieb. Mir lag daran, einen Typus darzustellen."

Sein Exil führte Mann weiter über Paris in die Vereinigten Staaten. Doch bereits gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte er nach Deutschland zurück, als Soldat der US-Armee, in die er nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor eingetreten war.

Im besetzten Nachkriegsdeutschland fühlte sich Mann "wie ein Fremder im eigenen Vaterland" und musste erleben, dass die Menschen, die er bekämpft hatte, inzwischen wieder drauf und dran waren, Karriere zu machen. Zu allem Überfluss dufte ein bestens angepasstes Künstlerchamäleon mit Namensalliteration trotz Nazivergangenheit bald schon wieder reüssieren – nicht nur als Schauspieler, sondern sogar als Regisseur und Intendant, etwa der Düsseldorfer Städtischen Bühnen und später auch des Schauspielhauses.

Mann hingegen war der Erfolg gänzlich versagt geblieben. Selbst damit hatte Gründgens zu tun, wenn auch nur indirekt: Manns Berliner Verleger Georg Jacobi hatte sich trotz Vertrags geweigert, den Mephisto wieder aufzulegen. Als Grund gab er an: "Herr Gründgens spielt hier eine bereits sehr bedeutende Rolle."

Mann reagierte mit einem wütenden Brief zurück: "Das heiße ich mir Logik! Und Zivilcourage! Und Vertragstreue!", schrieb er am 12. Mai 1949 und legte nach: "Nur nichts riskieren! Immer mit der Macht! Mit dem Strom schwimmen! Man weiß ja, wohin es führt: zu eben jenen Konzentrationslagern, von denen man nachher nichts gewusst haben will …"

Die Folgen waren tragisch. Neun Tage später wählte Klaus Mann den Freitod. Auch Gründgens‘ Ende war keineswegs natürlich. Im Oktober 1963 starb er in einem Hotelzimmer im philippinischen Manila an einer Überdosis Schlaftabletten. Längst hatte man ihm in Deutschland seine Nazivergangenheit verziehen. Gründgens selber, für Klaus Mann allenfalls posthume Genugtuung, hatten offenbar Gewissensbisse geplagt.

Kein Ende wollte die Diskussion um Manns Roman nehmen. Darf ein Buch, das Persönlichkeitsrechte verletzt – so lautete die zentrale Frage – dem Publikum vorenthalten oder sogar verboten werden? Im Fall von Mephisto geschah dies tatsächlich. Über Jahrzehnte hatte das Werk verschiedene Gerichte im Nachkriegsdeutschland beschäftigt, bis das Bundesverfassungsgericht am 24. Februar 1971 in einem Grundsatzurteil das Verbot bestätigte.

Nur in der DDR durfte Mephisto erscheinen. Die erste Auflage erfolgte 1956 durch den Ostberliner Aufbau Verlag. In Westdeutschland gab Rowohlt trotz Verbots 1980 eine Taschenbuchausgabe heraus. Die Lizenz dazu hatte das Hamburger Verlagshaus bereits 1966 erworben. Zuletzt wurde das Buch vor fünf Jahren neu aufgelegt, wieder bei Rowohlt.

Mephisto
Mephisto
Roman einer Karriere
416 Seiten, gebunden
Rowohlt 2019
EAN 978-3498045463

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