Insulares Nordseeglück im Wattenmeer
Von Amrum und Sylt aus besuchen Tagesgäste die Halligen. Die kleinen Inseln im Wattenmeer sind überraschungsfrei. Oder doch nicht? Jan Keith, der sich selbstironisch als der „König von Hooge“ bezeichnet – in Erinnerung an das zweifelhafte Paradies der Kindheit –, entdeckt bei seinen Fahrten nach Hallig Hooge kleine Besonderheiten und immer wieder Frauen und Männer, die sich im Inselalltag bewährten. Einige blieben auf der Hallig auf Zeit, andere für immer.
Die „einsame Lage inmitten der Nordsee“, also die „Abgeschiedenheit“ der Hallig, macht einigen Angst, schenkt anderen Frieden und dem schüchternen Jan Mut. Die Musikschulfahrten gefielen ihm, besonders die Mädchen, die er im Urlaub ungezwungen und einfach mal so kennen- und küssen lernte. Auf der Hallig gibt es nicht nichts, aber doch sehr wenig. Die Insel hat keinen Arzt, kein Kino, keine Apotheke – und an manchen Tagen im Winter fährt auch keine Fähre. Was auf dem Festland selbstverständlich ist, fehlt auf der Hallig. Doch Zugereiste fürchten sich nicht, also jene, die auf Dauer bleiben. Dazu gehört die Bürgermeisterin, der der Leser in diesem Buch einige Male begegnet. Die Mittvierzigerin aus Bayern, ein „blonder Engel in Fleecejacke“, ist ihren Eltern zuliebe übergesiedelt und geblieben. Den „maximal möglichen innerdeutschen Kulturschock“ hat sie lächelnd verkraftet. Auf Hooge gibt es nicht einmal Inselpreise. Wer andernorts die Nordseeeilande besucht, erlebt zwar selten eine „Leberwurstnotlage“, aber schon, dass Käse und Wurst oft ein wenig mehr kosten – Inselpreise eben. Der Inhaber des Kaufmannsladens auf der Hallig verzichtet auf „überhöhte Preise“. Das erfreut die Hallig-Gemeinschaft so sehr wie die Reisenden.
Auch eine Schule gibt es auf der Hallig, mit „jahrgangsübergreifendem Unterricht“. Was anderswo als pädagogisch wertvoll und didaktische Herausforderung gilt, ist auf der Hallig eine Selbstverständlichkeit: „Manuela Warda nimmt sich innerhalb einer Unterrichtsstunde fünf oder zehn Minuten, um mit einer Klasse neuen Stoff durchzunehmen. In dieser Zeit arbeiten die anderen Schüler still, manche mit Kopfhörern. Dann wird gewechselt. Bis jede Klasse mal dran ist mit aktivem Unterricht.“ Blitzschnell werde umgeschaltet zwischen Erstklässlern und Teenagern. Das ABC ist also nicht weit entfernt von Goethes „Faust“ oder Thomas Manns „Buddenbrooks“. Für die Naturwissenschaften reist ein anderer Lehrer an, Manuela Warda wohnt auf der Hallig und unterrichtet auch auf Plattdeutsch. Wer an alleinseligmachende Bildungspläne und Weisheit ministerieller Anordnung glaubt – es gibt nichts, worüber nicht lange genug nachgedacht und diskutiert werden kann –, wird auf der Hallig von der Lebenswirklichkeit Nordsee belehrt. Pläne bleiben Pläne, die Kinder auf der Hallig lernen tatsächlich auch fürs Leben, und das mit Freude.
Hooge ist zudem eine Liebesinsel. Sicherlich verlieren auch manche ihr Herz an die Nordsee, einige andere aber suchen und finden ihr Glück, wo sie es vielleicht gar nicht vermutet hatten. Die Insulaner, mit etwa 100 Einwohnern eher eine große Familie, verlieben sich in Gäste oder Saisonarbeiter – und umgekehrt. Oder sie finden beim Landgang die Frau oder den Mann fürs Leben. Allerdings sind auf Hallig Hooge auch Singles beheimatet – so wie anderswo. Ein echtes Hooger Paar ist jedenfalls eine „exotische Ausnahme“: „Die jungen Hooger zogen nach der Schule in der Regel aufs Festland, um ein Handwerk zu erlernen. Dort wurden sie, was die Liebe betrifft, meist fündig und kehrten nach ein paar Jahren mit ihrer Errungenschaft zurück (oder auch nicht).“ Nicht jeder weiß es zu schätzen, dass die Hallig etwa zehnmal im Jahr überschwemmt wird. Die Häuser auf den Warften bleiben unversehrt, aber die maximale Nähe zum Meer ist sicherlich mehr als nur gewöhnungsbedürftig.
Jan Keith hat oft erfrischend unterhaltsame Kolumnen über Hallig Hooge verfasst, literarisch leichte Kost, die zum Schmunzeln einlädt, aber auch eine gemeinhin unvorstellbare Atmosphäre auf einer sehr besonderen Insel anschaulich vorstellt. Wer sich nach der Lektüre für eine sehr besondere Insel im Wattenmeer reif und auch gewachsen fühlt, der bricht vielleicht bald mit der Fähre von Schlüttsiel aus auf und lernt eine Insel kennen, die nicht jedermanns Traum, aber eine Reise wert ist.
Die fast heile Welt im fränkischen Dorf
Die Totenwache für seinen verstorbenen Freund gibt Max Zeit zum Nachdenken und dem Austausch von Erinnerungen mit anderen Dorfbewohnern. So entsteht ein ruhiges, intensives Bild über das im Untergehen begriffene Leben in einem Fichtelgebirgsdorf.
Im SchneeSieben Kategorien der Feigheit
Nach "Dummheit" (2021) und "Wut" (2014) legt Kastner mit "Feigheit" ein neues, ebenso amüsantes Werk zu den Todsünden der Postmoderne vor.
FeigheitDas Paris, von dem wir immer träumten
Ein wunderbarer Film über das Paris des Impressionismus und gleichzeitig Familiengeschichte und das Erbe, das wir annehmen.
Die Farben der ZeitDer Zauberer am Tegernsee
Dieser schmale Band über die Zeit, die Thomas Mann und die Seinen in der Sommerfrische verbringen, ist ein wahrer Lesegenuss.
Thomas Mann macht FerienEin verhängnisvolles Porträt
Das Bildnis des Dorian Gray - der Klassiker der Dark Romance in einer Schmuckausgabe mit vielen Extras und floralen Illustrationen.
Das Bildnis des Dorian GrayEin moderner Western in Boulder City
"No Way Home" kommt ganz ohne die für Boyle typischen Umweltpolitikszenarien aus und widmet sich ganz dem Thema #1: die Liebe.
No Way Home