Mein Warnemünde Ausblicke auf Warnemünde
Reizvolle Ausblicke auf und bunt kolorierte Erinnerungen an Inseln in Nord- und Ostsee bietet diese Buchreihe seit vielen Jahren, die literarisch oft kunstvoll nicht nur zur Lektüre, sondern auch zur Entdeckungsreise einladen. Dabei entsteht ein Gewebe aus Erzählerischem, persönlichen Eindrücken und historischen Impressionen. Hanno Hochmuth widmet sich im neuesten Band einem Küstenort in Mecklenburg-Vorpommern: Warnemünde, mittlerweile zur Hansestadt Rostock zugehörig.
Wer in Warnemünde die Strandpromenade entlangschlendert, erblickt große Passagierschiffe, die zwischen Skandinavien und Rostock pendeln. So imposant die Schiffe anmuten, so pragmatisch sind ihre Namen zumeist gewählt. In Travemünde lässt sich die hübsch bemalte Fähre Nils Holgersson bestaunen, in Warnemünde ist die Superfast zu sehen, deren Name Programm ist. Hanno Hochmuth widmet sich Phasen der DDR-Geschichte, die sich in und um das Hotel Neptun zugetragen haben, würdigt den berühmt gewordenen „Teepott", ein futuristisch gestaltetes Café, das von den Sehnsüchten und Utopien vergangener Zeiten berichtet, und den daneben gelegenen Alten Leuchtturm, der zu den Sehenswürdigkeiten des Ortes zählt. Bedauerlicherweise werden die beiden Kirchen nicht eigens vorgestellt. Insbesondere in der katholischen Kapelle Maria Meeresstern, in einem Wohnhaus gelegen, ist das Altarbild von Ludwig Nolde zu bestaunen, das Maria als Stella Maris zeigt, umgeben von der Kulisse des alten Warnemünde, und den Gläubigen sowie den Gästen Christus zeigt.
Hochmuth hat, wie viele Gäste – ob zu Zeiten der DDR oder später nach Warnemünde reisend –, sein Herz an den grün-weißen Leuchtturm am Ende der westlichen Mole verloren. Manche Reisende schauen dort für eine gewisse Zeit hinaus, für eine lange Weile oder auch noch länger, und lassen ihre Gedanken mit den Wolken ziehen, begeben sich zum Ostseestrand, ziehen dort ihre Runden oder überqueren die Warnow mit einer pendelnden Fähre, um am anderen Ufer Blicke auf die Kähne, Fischerboote und Ausflugsdampfer zu werfen oder auch die Neubauten sich anzusehen. Warnemünde galt zu Zeiten der DDR als „Strand von Berlin", jedenfalls für Berliner, auch wenn durch die „strenge Zuteilung der Ferienplätze" den meisten Bürgern die Fahrten dorthin verwehrt blieben. Es sei denn, der Gewerkschaftsbund oder die Betriebe ermöglichten die Urlaubsfahrt. Der Vater des Autors hatte als Vorsitzender des Kulturbundes in Ost-Berlin Anspruch auf drei Wochen in Ahrenshoop, die Mutter konnte, an der Charité arbeitend, Tante Antje in Lütten Klein, einem Rostocker Stadtteil, besuchen.
Warnemünde war auch ein Paradies für Quallen, vor denen sich Hochmuth als Kind ein wenig fürchtete. Die Erinnerungen an den Strand der Kindheit sind sentimental getönt, aber auf ironische Weise gebrochen. An den Ostseestrand wehte bei günstigem Wind der Duft von Brathähnchen, vom Hotel Neptun herübergeweht. Die Broiler-Bar dort blieb ihm unvergesslich. Der Duft nistete sich in der Welt der Erinnerungen ein. Schließlich erzählt Hochmuth die Geschichte des „Teepotts", der 1968 errichtet wurde, eine „Art Geburtstagsgeschenk", das sich der SED-Generalsekretär Walter Ulbricht selbst gemacht habe – zur 750-Jahr-Feier der Hansestadt Rostock und zum 20. Jahrestag der DDR im Jahr 1969 –, ein „Prestigebau" wie der Fernsehturm und die Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz. In den Bars des „Teepotts" wurde vielleicht sogar die von Ulbricht missbilligte Beat-Musik gespielt.
Die älteste Straße von Warnemünde heißt „Am Strom"; sie sei die „Fressmeile von Warnemünde", da zwischen den Ausflugsbooten zahlreiche „schwimmende Fischstände" gelegen seien. Solches lässt sich nicht nur schöner, sondern auch freundlicher beschreiben. Wer zur Saison Warnemünde besucht, wird ein reges Treiben beobachten, das aber manchmal nicht ganz so von der Konsum- und Esslust der Besucher überzeichnet ist, wie der Autor hier flott und auch etwas abschätzig berichtet. Ob die Möwen nur in Warnemünde „so aggressiv" sind und die Fischbrötchen der Gäste stibitzen wollen? Daran darf gezweifelt werden. Die Silbermöwe sei ein „furchterregendes und hinterhältiges Geschöpf", und Warnemünde habe ein „echtes Möwenproblem".
Ein ganzes Kapitel widmet Hochmuth auch der traurigen Geschichte, die sich mit dem „Sonnenblumenhaus" verbindet, das im Stadtteil Rostock-Lichtenhagen gelegen ist. Die einstige „Vorzeigesiedlung" veränderte sich in den Jahren 1991 und 1992 durch den Zustrom von Migranten aus Rumänien, die dort unter „menschenunwürdigen Zuständen" untergebracht waren. Im August 1992 kam es zu massiven Ausschreitungen, auch durch „Krawalltouristen" befeuert, und die Medien berichteten ausgiebig: „Es entstand die Bühne für ein Pogrom." Für die noch junge Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands gehören diese Tage in Rostock gewiss zu den traurigsten Ereignissen jener Zeit. Wer heute noch mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof Rostock nach Warnemünde fährt, sieht das „Sonnenblumenhaus" und wird daran zurückdenken. Deswegen memoriert der Autor anscheinend die Begebnisse aus jener Zeit. Wer an die Ostsee reist, fährt somit buchstäblich durch die deutsche Geschichte.
Die Sehnsucht freilich gilt dem Meer: „Die Ostsee ist wie ein Chamäleon und ändert je nach Wind und Wetter ihre Erscheinung. Mal ist sie smaragdgrün mit hohen Wellen und weißen Schaumkronen. Dann kommen die Kitesurfer und schweben über die See. Mal ist sie blaugrau wie meine Augen und schlägt mittelhohe Wellen. Dann kommen die Windsurfer und zerpflügen das Wasser. Und abends ist sie manchmal silberfarben und zartrosa und ruhig wie ein See."
Hanno Hochmuth bietet ein überwiegend lesenswertes, manchmal etwas allzu weitläufiges Panorama über Warnemünde an, in dem auch die Rostocker Geschichte berücksichtigt ist. Vom Reiz der Ostsee erzählt er eher wenig. Mitnichten muss ein Literat gleich dem Philosophen Arthur Schopenhauer metaphysische Gedanken über die See hegen und pessimistisch über die Vergänglichkeit sinnieren, doch beschrieben werden dürfen das Meer und seine Schönheit schon. Warnemünde indessen mutet auch manchen Reisenden so an, als ob es seine Eigenständigkeit bewahrt hätte und so wenig zu Rostock gehört wie Travemünde zu Lübeck. Wer ins Weite hinausschaut und den Blick über die Wellen schweifen lässt, der bleibt unbehelligt von Gedanken an große Hansestädte, die Geschichte geschrieben haben. Die Warnemünder und ihre Gäste schreiben ihre eigenen kleinen Geschichten, und sie schauen zumeist auf die Ostsee hinaus, manchmal sehnsüchtig, manchmal in Erinnerungen verstrickt, zuweilen gedankenverloren. Der Strand ist ein guter Ort zum Träumen, und Träumen ist erlaubt, zuweilen sogar ein wahres Glück.
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