Isabel Bogdan: Mein Helgoland

Das unendliche Blau

Inseln sind Sehnsuchtsorte. Wer von uns wäre nicht, gelegentlich, alle Jahre wieder oder sogar für immer buchstäblich – wie ein bekannter Song von Peter Cornelius aus dem Jahr 1981 lautet – "reif für die Insel"? Die deutsche Nord- und Ostsee bietet viele Gelegenheiten, Eilande zu erkunden und für eine gewisse Zeitlang oder etwas länger zu verweilen – vom mondänen Norderney über die grüne Oase Spiekeroog bis hin zu Rügen und dem paradiesisch anmutenden, mitunter romantisch verklärten Hiddensee. Die Übersetzerin und Schriftstellerin Isabel Bogdan lädt zu Aussichten auf Helgoland ein. Auch die geschichtsträchtigen Momente werden erwähnt, denn diese Insel ist kriegsversehrt. Darüber hinaus mögen sich Reisende an denkwürdige Schifffahrten nach Helgoland erinnern. Selbst demjenigen, der wind- und wetterfest ist, bleibt die Fahrt zur Hochseeinsel unvergessen. Die Autorin schreibt auch über Momente auf der Insel, vor allem aber denkt sie ganz persönlich an ihre Schriftstellerei auf der Insel, deren Name literaturgeschichtlich mit dem gebürtigen Helgoländer James Krüss, bekannt vor allem durch "Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen", verknüpft ist. Isabel Bogdan berichtet von einer doppelten Sehnsucht – nach Helgoland und nach einem Ort fürs Schreiben.

Auf der Insel wird schlechthin alles fortgeweht, "schlechte Laune, schlechte Gedanken oder Erkältungen". Wahrhaft erfrischend, mag sich die eine Leserin oder der andere Leser denken, der auch solche Plagen auf dem Festland mit sich trägt – vielleicht lässt sich auf der Insel sogar ein ganz konkretes Unglück vergessen. Der spröde Alltag gehört gewiss dazu, für die Universitätsprofessorin ebenso wie für den Buchhalter, für den Mathematiklehrer und auch für die Schriftstellerin. Auf Helgoland gibt es vieles nicht – dazu gehören Fachärzte und Buchläden. Warum schwärmt Isabel Bogdan, die "zum Schreiben nach Helgoland" fährt, von dieser Insel? "Auf Helgoland kann man immer und von überall aus das Meer sehen. Im Oberland fast rundum, in alle Richtungen, man steht hoch oben und blickt in dieses unendliche Blau, oder vielmehr diese unendlichen Blaus. Hellblau, Dunkelblau, Mittelblau, Knallblau, Königsblau, Azurblau, Babyblau, Glitzerblau, Himmelblau, Eisblau, Grünblau, Graublau, Fastschwarz, Fastweiß, Marineblau, Blaublau, Türkis, Petrol … man findet schon bald keine neuen Vokabeln mehr." Das "Blau" sei so "blau" – "und alles andere weit weg". Die Farbe Blau lässt sich in all ihren Nuancen auch andernorts entdecken, aber das Helgoländer Oberland bietet die beschriebenen Möglichkeiten zum Schauen und Staunen – blaue Aussichten ringsum. Isabel Bogdan meint, dass die Insel zur Konzentration auf das Wesentliche einlade und Möglichkeiten dazu schenke. Für das literarische Schreiben benötige sie "veränderte Blickwinkel": "Es schadet nämlich durchaus nicht, beim Arbeiten aufs Meer zu gucken. Aufs Meer gucken schadet nie." Die Schriftstellerin misstraut der Inspiration und allem, was genialisch tut oder auftritt. Sie zählt eine ganze Reihe von Ratschlägen fürs Schreiben auf. Die Sinnlosigkeit dieser Tipps tritt offen zutage. Schreiben ist Arbeit, Handwerk, eine Art Ausdauersport, erfordert Disziplin, Präzision, Ordnung, Struktur und – wie andere Tätigkeiten auch – eine taugliche Atmosphäre, die individuell sehr verschieden ausfallen kann. Isabel Bogdan schreibt, sie "schwanke beim Schreiben wie ein Schiff bei Seegang". Von Fragen ist sie oft behelligt: "Soll ich überhaupt schreiben? Ist das alles richtig so, wie ich es mache? … Ist das Kitsch? … Will das jemand lesen?" Wenn Fragen wie diese im Seewind verfliegen, als fruchtlos und müßig erkannt sind, so hat die Reise nach Helgoland einen wichtigen Zweck schon erfüllt. 

Einiges auf der Insel sei indessen überhaupt nicht schön, sogar ausgemacht "hässlich", etwa "Betonmauern" oder "rostige Spundwände", ebenso "Betontetrapoden", die als Wellenbrecher dienen. Doch "zauberhaft" sei Helgoland auch, "wenn man vom Hafen Richtung Ortskern geht und an den Hummerbuden vorbeikommt. Bunte Einzimmerhäuschen mit kleinen Souvernirläden, Fischbrötchenbuden, einer Fotografin, dem Verein Jordsand, der sich um See- und Küstenvogelschutz und Naturschutz kümmert, und Duty-free-Shops. Da ist man schon gleich verzückt, weil es ein bisschen unwirklich wirkt, wie ein Spielzeugdorf. Und dann kommt man in den Ort und … tja. Man mag es oder mag es nicht." Helgoland sei kein Ort für jene Menschen, die nach "Komfort und Luxus" suchen, indessen: "Wer Natur möchte und rundum das Meer, das Blau und das Glitzern, der ist hier richtig." 

Isabel Bogdan hat diese Insel fürs Schreiben entdeckt, denn auch das Schreiben sei wie eine Insel: "Man ist allein mit dem Text, abseits von allem anderen, und man bleibt gedanklich auch dann, wenn man gerade nicht am Schreibtisch sitzt, immer irgendwie bei der Geschichte, bei den Figuren, bei dem Thema, mit dem man sich gerade befasst." Schreiben ist, wie angedeutet, vor allem ein Handwerk, das eher im Selbststudium und auch Exerzitium erlernt wird, als schulisch gelernt werden kann. Isabel Bogdan braucht ihre "Geschichteninsel": "Und die Sehnsucht. Immer wieder bringt das Meer die ganze Sehnsucht mit, gleichzeitig stillt es Teile davon, ich weiß nicht, wie das Meer das macht, es kann alles gleichzeitig. Immer zieht es so. Die Sehnsucht ist sowieso immer da, vielleicht braucht man sie zum Schreiben, vielleicht ist alles Schreiben ein Schreiben gegen die Sehnsucht. Die Sehnsucht, gegen die kein Kraut gewachsen ist und kein Buch, und das Meer hilft auch nicht. Aber es macht sie aushaltbarer und schöner." Zugegeben, das klingt etwas emphatisch – hohen Gedanken gibt die Schriftstellerin auch weiten Raum, ehe sie doch bekennt, weder "Erleuchtung" noch "die Muse" oder jede Form von Inspiration für unverzichtbar und notwendig zu halten: "Ich glaube vor allem an Sitzfleisch. So protestantisch das klingt: Ich glaube an Fleiß." Ja, Schreiben ist Arbeit. Daran ist auch nichts falsch. Arbeit, die nicht entfremdet ist, bereichert und macht Freude, ja eine innere Befriedigung. Schön ist es übrigens auch – für andere Literaten, nicht für die Autorin –, auf einer Insel bloß und einfach da sein zu dürfen und nicht schreiben zu müssen. Man kann und darf einfach nur aufs Meer hinausschauen, nichts denken, nicht sprechen, nichts tun, nur schweigen und auch nicht schreiben. Oder höchstens eine Handvoll Postkarten.

Isabel Bogdan beschreibt eine karge, doch reichhaltige, vielfarbige Insel, zu der bekanntlich die "Lange Anna" gehört – das "Wahrzeichen Helgolands, vielleicht der wahre Höhepunkt, nur dass er weder am höchsten liegt noch erreichbar ist": "Die Lange Anna steht vor der Nordwestspitze Helgolands und ist ein sogenannter Brandungspfeiler. Sehr imposant, wie sie da aus dem Wasser aufragt.  … So lang wie jetzt wird die Anna möglicherweise nicht mehr lange bleiben. … Der Felsen ist von Rissen und Spalten durchzogen, die weitere Verwitterung wird sich nicht aufhalten lassen. Schon jetzt ist eine Schicht aus sogenanntem Katersand auf etwa sechzehn Metern Höhe so dünn, dass die oberen zwei Drittel der Langen Anna vom Absturz bedroht sind. Immer hoffe ich, dass sie noch steht, wenn ich wiederkomme." 

Isabel Bogdan hat ein ungewöhnliches, vielleicht außergewöhnliches Inselporträt verfasst – und dabei vom Schreiben erzählt. Wir lernen Helgoland aus der Perspektive einer Schriftstellerin kennen, die für sich einen Sehnsuchts- und Arbeitsort entdeckt hat, um ihrer Schreibkunst Raum zu geben. Das Meer leistet ihr Gesellschaft, mit all seinen Blautönen. Doch auch wer sich denkt: Ich muss hier nichts tun oder leisten, aber ich darf hier einfach nur sein – kann auf der Insel Helgoland möglicherweise eine Weile wunschlos glücklich leben.

Mein Helgoland
Mein Helgoland
122 Seiten, gebunden
mareverlag 2021
EAN 978-3866486546

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