Zivilisation ohne Herz, Herz ohne Zivilisation
schaut traurig in den goldenen Abend,
der noch trauriger ist
als seine Seele.
Karst.
Die Zivilisation ist ohne Herz.
Das Herz ist ohne Zivilisation.
Erschöpfter Kampf.
Evakuierung der Seelen.
Der Abend brennt wie Feuer.
Tod Europas!
Erbarmen! Erbarmen!
Herr Professor,
verstehen Sie das Leben?
Dieses Gedicht hat Srečko Kosovel geschrieben. Er stammte aus Tomaj, einem Dorf im dünn besiedelten slowenischen Karst, zu Fuß zwei Stunden von Triest entfernt. Hier, im Herzen Europas und mitten in der Einöde, tobte die neben Verdun verlustreichste Auseinandersetzung des Ersten Weltkriegs. Zwölf Schlachten in drei Jahren kosteten über eine Million Soldaten das Leben.
Kosovel wurde aus der Kampfzone, an deren Rand sein Dorf lag, evakuiert und durfte den Rest seiner Schulzeit im ungefährdeten Ljubljana verbringen. Während des anschließenden Studiums entdeckte er seine Leidenschaft für die Lyrik. Zwei Gedichtbände entstanden, dann setzte eine Hirnhautentzündung seinem Leben ein Ende. Kosovel, 1926 gestorben, war nur 22 Jahre alt geworden.
Heute wird der Lyriker Kosovel wie die Kollegen Wladimir Majakowski oder Kurt Schwitters, die beide auch malten, zu den führenden Vertretern des literarischen Konstruktivismus gezählt - einer Stilrichtung, welche die Welt ganz bewusst aus einem subjektiven Empfinden heraus zu interpretieren versucht. Was sich kompliziert anhört, klingt in der aufs Wesentliche reduzierten Sprache Kosovels überraschend einfach und verständlich. Dafür, dass sein Name im deutschsprachigen Raum auch mehr als ein dreiviertel Jahrhundert nach seinem frühzeitigen Tod nicht in Vergessenheit gerät, sorgt sein Übersetzer.
Ludwig Hartinger hat nicht nur des Dichters Worte ins Deutsche übertragen. Er ist ihm nachgegangen, auf unzähligen Wanderungen, auf den Höhen des Karst, hinunter nach Triest und herüber zu den Tropfsteinhöhlen von Škocjan. Und natürlich in die Hauptstadt Ljubljana, wo er den Spuren des Schülers und Studenten Kosovel gefolgt ist. Mittlerweile lebt Hartinger selber zeitweise in Tomaj und ist im slowenischen Karst verwachsen. Davon zeugt auch seine eigene Lyrik, abgefasst in Slowenisch und Deutsch, ebenfalls in sehr reduzierter Sprache. "Dichtung aus dem Karst, einem orphischen Ort" nennt Hartinger die Verse Kosovels. Noch ein Beispiel zum Schluss, Dorf im Karst:
durchs Dorf.
Im Finstern
ächzen Reblatten -
Die Bora klettert
über Mauern, ans Fenster
schlägt sie: "Wer?"
Das Fenster erhellt
die Finsternis.
Und am Dorfende
rauscht die Föhre auf –
erzittert,
da sie mich erkennt …
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