Politik

Che Guevara, Erfinder des E-Bikes

Bevor Ernesto Che Guevara zu dem Revolutionär wurde, als den man ihn auch heute, 50 Jahre nach seinem Tod, immer noch kennt, war er ein Abenteurer und "Globetrotter", der die armen Provinzen Nordargentiniens mit dem Fahrrad bereiste. Ein kleiner elektrischer Motor, den ihm ein Onkel einbaute, half ihm, die 4'000 km lange Strecke leichter zu bewältigen. Als er gesund von seiner Reise wieder zurückkam, war im argentinischen Journal El Gráfico sogar ein Inserat mit einem Foto von Che, der die Firma Micrón (Meccanica Garelli de Milan), von der der Motor stammte, für ihr Qualitätsprodukt lobte. Erst später sollte er zu seiner richtig motorisierten Reise durch Südamerika aufbrechen, die in dem Buch und Film "Diarios de motocicleta" dokumentiert ist.

Der "heilige Massenmörder"

Ernesto "Che" Guevara, der dieser Tage 89 Jahre alt geworden wäre, war am 9. Oktober 1967 bei seiner "Bolivien-Expedition" - dem Versuch, seine Focus-Theorie des Guerillakrieges zu verifizieren - gefangen genommen und getötet worden. Manche sehen in ihm einen Massenmörder, manche wiederum einen göttlichen Heiligen, den "Santo Ernesto de la Higuera". Aber Che Guevara war keines von beidem: auf sein Konto gehen vielleicht maximal 500 Menschen und als Heiliger taugt er auch nicht, da er sich stets gegen den Personenkult ausgesprochen hatte. Sein jüngerer Bruder Juan Martin will die zur Christus-ähnlichen erstarrte Bronzefigur von ihrem Podest herunterholen und wieder mit Leben füllen, denn der Mythos schadet nicht nur seinen Anhängern, sondern auch seinen Ideen. Aus diesem Grund hat sich Juan Martin gegen das mit seinen anderen Geschwistern (Roberto, Celia, Ana Maria) vereinbarte Schweigegelübde gelöst und seine Erinnerungen gemeinsam mit der französischen Journalistin Armelle Vincent aufgeschrieben.

Sohn von Hippieeltern?

Ein Bild des italienischen Renaissancemalers Andrea Mantegna ist dem Bild des toten Che Guevara zum Verwechseln ähnlich, aber es war das Foto von Alberto Korda, das ihn zur Legende und Ikone der linken Gegenkultur werden ließ. Juan Martin, der 15 Jahre jünger als Ernesto ist, erzählt von der gemeinsamen Kindheit in der sie das Schicksal teilten, einen "durchgeknallten Vater" zu haben. Entgegen den Gerüchten stammten ihre Großeltern zwar aus großbürgerlichen Verhältnissen, die Eltern aber waren eher kleinbürgerlich ausgeflippt: der Vater war Tangotänzer, Architekt ohne Diplom und später Geschäftsmann, "liberale permissive bunte Vögel". Nach dem Sieg in Kuba hatte Che öfters die Angst, dass er aufgrund seines Vaters alle so schwer erarbeitete Glaubwürdigkeit verlieren würde, da dieser sich Privilegien zu Nutze machte, die Che so sehr ablehnte. Che selbst sei Atheist, aber abergläubisch gewesen, hätte am Klo gerne Flaubert, Dumas oder Baudelaire auf Französisch zitiert oder, aufgrund seines Asthmas ans Bett gefesselt, ganze Bibliotheken verschlungen. Er hätte einen unglaublichen Humor gehabt und gerne Leute provoziert, um eine Reaktion zu erzielen und wie man es auch heute noch auf vielen Fotos sieht einen unbestechlichen Humor und ein bezauberndes verschmitztes Lächeln. Schon als Jugendlicher hätte er der städtischen Verwaltung einen Streich gespielt und nach einer saftigen Strompreiserhöhung mit Freunden alle Glühbirnen im Ort eingeworfen, worauf diese den Tarif wieder senkten. Am liebsten hätte er aus seiner Bombilla Mate-Tee getrunken und ansonsten ein asketisches Leben geführt, so Juan Martin. Sein Lachen war ansteckend.

Junta und Diktatur

Besonders erschütternd ist dann der quasi "zweite Teile" des Buches in dem Juan Martin von der Verfolgungen der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) berichtet, die auch seine Familie im besonderen traf. Insgesamt sind in den Siebzigern 30'000 Menschen einfach verschwunden, weitere 10'000 wurden gefoltert, inhaftiert und überlebten. Wer sich diese Schilderungen von Juan Martin durchliest, wird schnell verstehen, welches Schicksal auch Ernesto "Che" Guevara in seiner Heimat erlitten hätte, auch wenn er nicht zu dem geworden wäre, als der er heute verehrt wird. Denn die Militärjunta verfolgte damals alles, was auch nur im leisesten links oder demokratisch gewesen ist und etablierte ein rechtes Terrorregime, dem Tausende Unschuldige zum Opfer fielen. Juan Martin saß insgesamt acht Jahre, drei Monate und dreiundzwanzig Tage im Gefängnis allein für den Vorwurf Mitglied der PRT (Partido revolucionario de los Trabajadores) gewesen zu sein. Der Vater seiner damaligen Frau wurde von den Militärs lebendig aus einem Hubschrauber geworfen und das war noch lange nicht alles, was das Regime an Grausamkeiten zu bieten hatte.

Revolutionär zwischen Ost- und Westkonflikt

Vielleicht sollte man Ernesto "Che" Guevara also vielmehr an seiner Zeit und seinem Land messen und weniger an europäischen Standards. Was er mit Fidel Castro in Kuba aufbaute sollte mit anderen südamerikanischen Ländern seiner Zeit verglichen werden und keinesfalls mit Europa. Wer ihn lieber als "Massenmörder" sieht, sollte sich auch vergegenwärtigen, dass diejenigen politischen Morde die er nach der Machtübernahme zu verantworten hatte (Stichwort: La Cabaña) Schergen des Militärregimes von Fulgencio Batista waren, die sicherlich keinen Augenblick gezögert hätten, ihn zu füsilieren, wäre die Geschichte anders ausgegangen. Und diejenigen, ca. 50 an der Zahl, die sich mit Guevara in das hoffnungslose Abenteuer im bolivianischen Dschungel wagten, müssen wohl eher der Cointelpro oder dem bolivianischen Militär angelastet werden, zudem Ramón Benítez - so sein Deckname - aus seinen eigenen Reihen verraten wurde. Juan Martin äußert auch die Vermutung, dass die UdSSR ihre Finger mit im Spiel hatte, denn ein Revolutionär, der sich gegen beide Blöcke wandte, war gefährlich für das ach so fragile Gleichgewicht des Kalten Krieges.

Tod durch Verrat

Ernesto Che Guevara wurde am 9. Oktober 1967 - vor 50 Jahren - in Quebrada del Yuro im bolivianischen Dschungel erschossen. "Verraten" wurde er nicht nur von einem Mitkämpfer, der ein Phantombild gezeichnet hatte, sondern auch von den dortigen "Indianern", den Quechua, die mit seinem Befreiungskrieg nichts anzufangen wussten. Aber auch die bolivianische KP hatte ihn im Stich gelassen, wie Juan Martin betont. Mit dem Tod Guevaras war nicht nur seine Focus-Theorie des Guerillakampfes - die am ganzen Kontinent eine Revolution auslösen hätte sollen - gescheitert, sondern auch das Konzept des bewaffneten Widerstandes. Erst in den Neunzigern sollten sich in Südamerika allmählich demokratische Regime etablieren, die sogar zu sozialdemokratischen Mehrheiten führten.

Mein Bruder Che
Juan Martín Guevara
Armelle Vincent
Christina Schmutz (Übersetzung)
Frithwin Wagner-Lippok (Übersetzung)

Mein Bruder Che


Tropen 2017
Originalsprache: Französisch
352 Seiten, gebunden
EAN 978-3608503746

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