Literatur

Identitäten kämpfen um die Vorherrschaft

"Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht. Jetzt sucht er die Geschichte dazu". So beginnt die drei CDs umfassende Hörspielproduktion von Max Frischs Roman "Mein Name sei Gantenbein". Diese beiden Sätze geben die Grundrichtung des gesamten Werkes vor. Es ist in der Vergangenheit etwas passiert, für das der Erzähler keine Erklärung hat. Somit weiß er nicht, was geschah und kann allenfalls Vermutungen darüber anstellen, welche Ereignisse letztendlich zum jetzigen Status quo geführt haben. Somit muss sich der Hörer dieses Hörspiels die ganze Zeit über vergegenwärtigen, dass er es hier mit dem Paradox der Fiktion innerhalb eines fiktionalen Textes zu tun hat. Selbst wenn die Geschichte noch so schlüssig in Rückblenden und verschiedenen Identitäten erzählt wird, kann sich der Hörer nie sicher sein, ob nicht alles Erzählte nur in der Imagination des Erzählers stattfand.

So macht sich der Erzähler, der zunächst in die Rolle des Gantenbein schlüpft, auf, um die Wahrheit zu erkunden. Dabei spielt er einen Blinden, sieht jedoch überdeutlich die vielen Masken, die seine Gesprächspartner fallen lassen, weil sie sich in Sicherheit wiegen, beim vermeintlich blinden Gantenbein ihre Mimik und Gebärden nicht beherrschen zu müssen. Er schwelgt bei seinen Erzählungen genussvoll in pikanten Details und macht sich über die Bemühungen seiner Umwelt, teils auf grausame Art, lustig, ja verhöhnt sie bis aufs Blut. Und doch schwingt sich Gantenbein nicht zum Richter auf, sondern bleibt gesellschaftskritischer Kommentator und überlässt dem Hörer die Urteilsbildung. Dies fällt aus heutiger Sicht nicht leicht. Zwar handelt es sich um eine aktuelle Veröffentlichung aus dem Jahre 2006. Jedoch stammt das Hörspiel bereits aus dem Jahre 1967 und wurde damals, drei Jahre nach der Erstveröffentlichung, vom Bayrischen Rundfunk/Südwestfunk produziert. Dessen ungeachtet haben einige der bereits vor über 40 Jahren kritisierten gesellschaftspolitischen Tendenzen bis heute ihre Aktualität nicht verloren - leider. Was einerseits erheblich zum heutigen Verständnis beiträgt, ist auf der anderen Seite erschreckend und zeigt überdeutlich, dass man heute allein durch Auflegen eines Fingers in eine offene Wunde nicht mehr allzu viel erreicht.

Die Thematik der gescheiterten Ehe oder des Kampfes innerhalb einer Ehe um Selbständigkeit auf der einen und Symbiose auf der anderen Seite war schon in Max Frisch Romanen "Stiller" und "Homo Faber" von größter Bedeutung. Erzählte er in diesen Werken noch eine weitestgehend chronologische, mit den üblichen Rückblenden versehene Geschichte, so geht Max Frisch in seinem Roman "Mein Name sei Gantenbein" mehr als einen großen Schritt weiter. In diesem Buch werden verschiedene kleine und größere Begebenheiten aneinander gereiht, teils vom auktorialen Erzähler, teils aus Gantenbeins Erzählperspektive betrachtet, wobei der Erzähler auch noch in andere Identitäten schlüpft wie beispielsweise der des Architekten Svoboda. Dieser erweiterte Blickwinkel macht aus der Erzählung mehr ein Kaleidoskop denn Mikroskop, trägt anfänglich zur Verwirrung des Hörers bei nur, um letztendlich wieder, mehr oder weniger unverändert, am Ausgangspunkt anzugelangen. Dieser Diskrepanz und Nutzlosigkeit wird sich Gantenbein auch bewusst und so, nach einer Phase des Ausprobierens, bleibt er bei seiner Lieblingsinkarnation, dem vorgetäuschten Blinden, dem einzigen Menschen, dem sich die ganze Tragweite und Tragik der agierenden Personen offenbart, ja sozusagen auf dem silbernen Teller präsentiert wird. Dass er dabei die Gutgläubigkeit dieser ihm doch teils nahestehenden Personen ausnutzt, löst bei ihm kein bitteres Gefühl geschweige denn Gewissensbisse aus. Seine Mission dient einzig und allein der Aufklärung des Geschehenen. Letztendlich ist Gantenbein zum Scheitern verurteilt, will dies jedoch nicht wahrhaben und präsentiert dem Hörer de Facto zwei völlig unterschiedliche Auflösungen, aus welchen der Hörer, je nach Gusto, auswählen kann und die beide ihre Daseinsberechtigung haben.

Alter vor Schönheit

Die Betagtheit der Produktion macht sich weitestgehend nicht bemerkbar bis auf die Notwendigkeit, die Lautstärke etwas höher stellen zu müssen als bei aktuellen Hörspiel- oder -buchproduktionen. Mit kargen, jedoch wohltemperiert eingesetzten Musik- und Soundeffekten unterstreicht das Hörspiel die Einsamkeit, Verzweiflung und dunkle Ironie des Erzählers, der sich eine Geschichte ganz nach seinem Belieben zusammenstrickt, bis sie seiner Meinung nach passend ist. Der Vortragsstil Robert Freitags, der sowohl den Part des auktorialen Erzählers als auch Gantenbein spielt, ist geprägt von schroffer Kargheit und wird von lauten Pausen unterbrochen, so, als lausche der Erzähler in seinem Wohnzimmer dem Nachhall der eigenen Worte. So, als ob er dadurch überprüfen würde, wie seine Geschichte wirkt, wenn man sie laut erzählt, einem imaginären Zuhörer zugänglich macht. Man sieht förmlich, wie Gantenbein sanft geneigten Hauptes, vielleicht die Augen leicht geschlossen, mitten im Raum steht, monologisiert, gnadenlos ironisiert und ätzende Kritik an taube Ohren richtet, die er nur imaginiert. Dagmar Altrichter brilliert in ihrer Rolle als Lila und man merkt ihr noch nach über 40 Jahren an, mit welchem Enthusiasmus und Verve sie diese Rolle verkörperte.

Fazit: Ohne Patina und unverstaubt präsentiert der Hörverlag neben einer außergewöhnlichen Adaption eines Romans der Weltliteratur auch ein Kleinod der Hörspielproduktionen. Dieses Hörbuch ist nicht nur ein Sammlerstück für Liebhaber anspruchsvoller Literatur, sondern darüber hinaus ein gelungener und trotzdem leicht verständlicher Weg, sich Zugang zu einem imponierenden Werk zu verschaffen - zumindest im Vergleich zur Lektüre des Klassikers.

Mein Name sei Gantenbein
Max Frisch

Mein Name sei Gantenbein


Der Hörverlag 2006
3 Audi-CDs
EAN 978-3899401516
div. Sprecher

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