Literatur

Vom Schwingen der Vögel

"Drei starke Frauen" von Marie N'Diaye hat eine grosse Euphorie ausgelöst, von der auch die gesamte Literaturkritik angesteckt worden ist. Die französische Autorin mit afrikanischen Wurzeln, welche für ihren neuesten Roman mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden ist, wird von allen Seiten her gelobt. Die Erwartungen an das Buch sind dementsprechend hoch und die Frage, wie gut himmeljauchzende Kritiken und Literaturpreise dem Werk (nicht der Autorin oder dem Autoren) wirklich tun, drängt sich nach der Lektüre unweigerlich auf. Hätte man das Buch anders gelesen, wäre man ohne Erwartungen an den Text heran gegangen? Vielleicht. Interessanterweise zeigt sich das grösstenteils rühmende Kritikerfeld doch auch ein klein wenig gespalten. Die ältere Kritikergeneration lobt in hohen Tönen, während bei der jüngeren Garde (dazu gehört die Rezensentin) einige Aspekte in Ungnade fallen.

Der Roman erzählt drei Geschichten, welche anhand kleinster Elemente vorsichtig miteinander verstrickt sind. Die Schicksale der drei Frauen Norah, Fanta und Khady - in der zweiten Erzählung aus der Sicht von Rudy, dem Ehemann von Fanta, wiedergegeben - sind jedoch unabhängig voneinander. Bei allen drei spielen die Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Frankreich und dem afrikanischen Kontinent und zwischen Kind und Mutter zentrale Rollen.

Erzählt wird in einer klassischen und bilderreichen Sprache, die mit zahlreichen Symbolen (oft ein wenig zu schwülstig) aufgeladen ist. In allen drei Geschichten wird auf märchenhafte Weise mit dem Bild und Symbol des Vogels gespielt, was einerseits interessant, andererseits aber auch etwas zu gesucht wirken kann. Bei Norah ist es deren Vater, der im übertragenen Sinn immer wieder die Gestalt eines Vogels annimmt: "Er stand einfach da, als habe er sich möglicherweise mit einem Flügelschlag von dem dicken Ast des Flammenbaums, der das Haus gelb überschattete, hinabgeschwungen und sei hart auf der rissigen Betonschwelle des Hauses gelandet […]."

Der Protagonist der zweiten Geschichte, Rudy, kämpft um Liebe und Ansehen seiner Frau und des gemeinsamen Sohnes. Auf seinen (Irr-)Wegen wird er mehrmals von einem Bussard angegriffen. Rudy ist davon überzeugt, dass Fanta Macht über den Vogel besitzt und den Bussard zu lenken vermag, die Angriffe also indirekt von Fanta aus gesteuert werden. Dass Rudy den Vogel am Ende der Geschichte mit dem Auto überfährt, kann als eine Art von Happyend gedeutet werden.

Khady, die auf der Flucht nach Europa beim Überwinden des Grenzzaunes ums Leben kommt, wird selber zum Vogel: "Das bin ich, Khady Demba, dachte sie noch in dem Augenblick, da ihr Schädel auf dem Boden aufschlug und sie mit weitgeöffneten Augen hoch über dem Zaun einen Vogel mit langen, grauen Flügeln ruhig kreisen sah - das bin ich, Khady Demba, dachte sie im Schwindel dieser Offenbarung, wissend, daβ sie dieser Vogel war und daβ der Vogel es wusste."

Klar sind die Schicksale gut erzählt und natürlich handelt es sich bei den drei Frauen um Personen mit tragischen Lebensgeschichten und doch vermag der Roman nicht durchgehend zu überzeugen. Warum trägt das Buch beispielsweise den Titel "Drei starke Frauen", sind die Frauen wirklich stark? Die Erklärungen, die Marie N'Diaye dazu abgibt, sind feministischer Art, nämlich dass die drei Frauen im Buch ihr Gesicht bewahren und sich den schwierigen Lebensumständen stellen, weder Würde noch Mut verlieren. Es klingt wie ein Plädoyer für die Frau, welches in der Art einfach ein wenig abgedroschen daher kommt. Insbesondere wenn der Mann als lächerliche Figur dargestellt wird, was in der zweiten Geschichte der Fall ist, in der Rudy einfach so schlecht weg kommt, dass Fanta, obwohl sie nur passiv am Geschehen teilnimmt, nie etwas sagt oder Stellung bezieht, stark wirken muss. Würde ihre eigene Geschichte erzählt und nicht die des Mannes, so wäre "stark" bestimmt nicht das erste Adjektiv, mit dem sie beschrieben werden würde.

Das Thema des Buches ist aktuell und die Geschichten weisen von Gespür für die Figuren und die Problematik rund um Migration und Emigration. Insofern legt Marie N'Diaye, die aus Protest gegen Sarkozys Ausländerpolitik mit ihrer Familie in Deutschland lebt, einen wichtigen Zeitroman vor, den zu lesen - auch wenn es einem nicht gelingen sollte, sich mit dem Sprach- und Erzählstil anzufreunden - sich auf jeden Fall lohnt.

Drei starke Frauen
Marie N'Diaye
Claudia Kalscheuer (Übersetzung)

Drei starke Frauen


Suhrkamp 2010
Originalsprache: Französisch
342 Seiten, gebunden
EAN 978-3518421659

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