Geschichte

Gescheiterter Versuch einer Biographie über Mao

Es ist nicht jedem Wissenschaftler oder Publizisten vergönnt, eine Biographie schreiben zu können. Um die zu betrachtende Person würdigen zu können, ist ein hohes Maß an Empathie und Reflexionsvermögen von Nöten. Nicht zuletzt ein angemessener Schreibstil bildet die Grundlage einer guten Biographie. All das scheint dem Autorenpaar Jung Chang und Jon Halliday, wobei erstere den Part als Autorin und letzterer den des Rechercheurs einnimmt, zu fehlen. Die Lebensbeschreibung der kommunistischen Legende Mao Tse Tung ist gründlich gescheitert.

Mit der Gliederung des Buches fängt das Dilemma an. Die Rund 790 Textseiten sind in unglaubliche 58 Kapitel aufgeteilt, also ungefähr 15 Seiten pro Kapitel. Für den Leser stellt sich - bevor er überhaupt mit der Lektüre angefangen hat - die Frage: Warum wird beinahe jedes Lebensjahr Maos thematisiert? (Ab Kapitel 4 geht es jeweils in 2-3 Lebensjahren Maos vorwärts) Kein Lebenslauf eines noch so großen Mannes der Weltgeschichte, im negativen wie im positiven Sinne, ist so interessant und vor allem erwähnenswert, als dass seitenweise darüber berichtet werden müsste. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass die Autorin die Fülle ihres Materials nicht zu bändigen in der Lage waren. Nicht alles, was in der Vergangenheit Maos passiert ist, hat auch eine Relevanz für die spätere Karriere gehabt. Eine kurze Zusammenfassung eher unwichtiger Lebensstationen hätte durchaus genügt.

Das nächste Problem ist die Diktion bzw. Intention der Autorin. Es ist hier nicht der Platz und auch nicht der richtige Ort für eine nähere Beleuchtung von Maos Leben und Wirken. Den meisten interessierten Lesern wird das ohnehin bekannt sein. Nach Meinung von Jung Chang ist Mao seit frühester Jugend machtbesessen gewesen. Um Macht zu erreichen, ging er buchstäblich über Leichen. Insgesamt soll er, so die plakative Zahl, für den Tod von 70 Millionen Chinesen verantwortlich sein. Die Debatte über das Schwarzbuch des Kommunismus hat gezeigt, wie wenig hilfreich das Jonglieren mit Zahlen bei der Aufarbeitung und Charakterisierung von Diktaturen ist. So auch in unserem Fall. Unbestritten ist, dass Mao den Tod vieler Chinesen in Kauf nahm, ja teilweise sogar heraufbeschwörte. Wer allerdings, wie die Autorin, so weit geht, alle Opfer des Kommunismus Mao Tse Tung zuzuschreiben, begeht einen kapitalen Fehler. Ähnlich wie bei der Betrachtung des Nationalsozialismus in Deutschland darf man die Schuld nicht einem einzelnen geben bzw. die Wirkmächtigkeit eines einzelnen Mannes so überschätzen wie Chang dies tut. Schließlich würde niemand in Deutschland ernsthaft argumentieren, Hitler wäre alleine für die Ermordung der Juden in Europa verantwortlich gewesen. Dass die Geschichte ohne Hitler und auch ohne Mao anders verlaufen wäre, steht außer Frage aber auch auf einem anderen Blatt.

Während der Lektüre der Mao-Biographie bekommt man das Gefühl, also ob der kommunistische Diktator allmächtig gewesen wäre. In einem Großreich wie China ist das nicht wirklich glaubwürdig. Es hätte dem Buch gut getan, stärker auf die regionalen Instanzen einzugehen und diese näher zu beleuchten. Viele Rädchen hielten den Kommunismus in China am Laufen. Zudem hätte eine täterorientierte Blickrichtung den Vorteil gehabt, präzisere Aussagen über das Wesen des chinesischen Kommunismus herauszuarbeiten. Der z.T. apodiktische Stil der Autorin, deren Herkunft und Lebenslauf vielleicht schon eine gewissen Voreingenommenheit verrät, ist für eine polemische Schrift sicher geeignet. Für eine wissenschaftliche Biographie, und diesen Anspruch hat Chang, wie der umfangreiche Fußnotenapparat beweist, ist er allerdings unangebracht.

Ein weiteres Problem stellt die Auswahl der Quellen dar: Mao wird in China bis heute mit zahlreichen Statuen und Plätzen geehrt, ein Zugang zu chinesischen Originalquellen ist daher nahliegenderweise verbaut. So stützt sich Chang vielfach auf Zeugenaussagen, bedient sich also der Methode der Oral History. Leider lässt sie die nötige Quellenkritik vermissen. Nicht jeder Zeitgenosse bzw. Zeitzeuge kann aus der Erinnerungen heraus, und waren die Ereignisse noch so einschneidend, seine Erlebnisse ohne Fehler erzählen. Vielfach werden Namen, Ereignisse, Daten hinzuerfunden oder in ein falsches Licht gerückt. Die subjektive Sichtweise kommt noch erschwerend hinzu. Als Leser hat man den Eindruck, als ob Chang, da sie den Zeitzeugen sehr viel Raum lässt, jedes Wort der Beteiligten für bare Münze nimmt. Doch nur weil sie in Opposition zu Mao standen, heißt das noch lange nicht, dass ihre Geschichte sich mit der wirklichen Geschichte deckt. Eine objektivere Sicht der Dinge kann nur aus amtlichen Unterlagen gewonnen werden, wie dies beispielsweise aktuell in Russland geschieht. Die Erforschung der Sowjetunion unter Stalin bringt stetig neue Erkenntnisse. Zudem werden immer mehr Quellen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Es bleibt abschließend anzumerken, dass die Autorin zwar ein hehres Ziel verfolgt, nämlich die Verbrechen Maos und das Leiden des chinesischen Volkes ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken, ihre Methoden aber höchst fragwürdig erscheinen und Öffentlichkeit wie Wissenschaft nicht wirklich weiter bringen. Die Aussage, dass Mao ein Machtmensch war, ist genauso platt wie unergiebig und als Kernaussage eines 800 Seiten starken Buches einfach zu wenig. Eine methodisch genauere und im Stil nüchternere Biographie über Mao und den chinesischen Kommunismus muss erst noch geschrieben werden. Jung Chang ist dies leider nicht gelungen.

Mao
Jung Chang
Jon Halliday

Mao


Das Leben eines Mannes. Das Schicksal eines Volkes
Blessing 2005
974 Seiten, gebunden
EAN 978-3896672001

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