Kultur

Engagierte Fotografie en passant

Mit einem einfachen Rücksendeschreiben verschwand vor mehr als fünfzig Jahren die Ausstellung einer noch jungen Künstlerassoziation, die heute das Nonplusultra der Fotografie darstellt. "Mit gleicher Post wird das Ausstellungsmaterial der Internationalen Foto-Ausstellung "Gesicht der Zeit" durch die Fa. Sped. Weiß an Ihre Anschrift zurücktransportiert. In der Anlage der Schlüssel für die beiden Vorhängeschlösser.", heißt es lapidar in dem Begleitschreiben vom 19. Oktober 1955, mit dem die mehr als 80 Fotografien der ersten Magnum-Ausstellung in einen Keller im österreichischen Innsbruck wanderten. Mehr als 50 Jahre sollten sie dort unentdeckt und verborgen liegen, bevor man sie erst kürzlich wiederentdeckte. Der Fotoband "MAGNUM’S first" macht die wiedergefundenen Materialien nun für den interessierten Fotografie-Anhänger zugängig. Auf diese Weise erfahren wir von fotografischen Dokumenten unschätzbaren Wertes, sind es doch frühe Zeugen der fotografischen Originalität und Ikonizität von den Magnaten der ersten Stunde.

Während sich der moderne Bildjournalismus zumeist dem Vorwurf der Manipulation und Sensationsgier erwehren muss, so sind die Bilder von Magnum-Fotografen geradezu unantastbar. Diesen Nimbus verdanken die derzeit mehr als sechzig Mitglieder der Agentur der alt bewährten Zuverlässigkeit der Magnum-Tradition. Magnum ist nicht einfach nur eine Foto-Agentur. Magnum ist eine Institution in der Welt der Fotografie, das Flaggschiff des Fotojournalismus. Die Aufnahme in den auserwählten Kreis ist der fotografische Ritterschlag. Magnum steht für einzigartige Bilder und für eine sich selbst permanent neu erfindende Fotografie. Magnum ist, und hier macht die Agentur ihrem Namen alle Ehre, mehr als großartig. Magnum ist schlicht gigantisch.

Doch was hat die Agentur zu dem gemacht, was sie heute ist? Am 27. April 1947 gründeten der Ungar Robert Capa, der Franzose Henri Cartier-Bresson, der Engländer David Seymour und der Pole George Rodger ihre eigene Fotoagentur. Das Ziel sollte von Anfang darin bestehen, "den Markt anzuführen, statt ihm einfach nur zu folgen", so der Fotograf Gerry Badger im Vorwort des im vergangenen Jahr herausgegebenen opulenten Jubiläumsbandes "Magnum Magnum" (Schirmer/Mosel). Es ist diese besondere Magnum-Ethik, der sich die Fotografen unterzuordnen haben, die die Fotografengruppe so einzigartig macht. Doch das Markenzeichen ist nicht nur einfach gute Fotografie, sondern die Fähigkeit ihrer Mitglieder, mit ihren Bildern kunstvoll, einfallsreich und nachhaltig Geschichten erzählen zu können. Gründungsmitglied David "Chim" Seymour stellte das Profil der Agentur in einem Katalogbeitrag zur photokina 1956 in Köln folgendermaßen heraus: "Der Magnum-Kreis kann nicht als eine homogene Schule der Photographie bezeichnet werden. Er umschließt alle Schattierungen individueller Begabung, technischer Methode und schöpferischer Aussage. Immerhin gibt es einige Gemeinsamkeiten, die zwar schwer zu definieren sind, aber trotzdem bestehen. So besteht große Übereinstimmung unter Magnum-Photographen: ihre photographische Lauterbarkeit, ihre Achtung vor der Wirklichkeit, ihre aufgeschlossene Einstellung gegenüber dem Menschlichen, ihr Suchen nach Gefühlswerten, ihr Bemühtsein um Komposition und Layout, ihre Bewusstheit gegenüber dem Spannungsablauf einer Bildgeschichte."

Die Fotografien der Magnaten sind schlicht Bilder engagierter Weltenleser, die aufmerksam das sie umgebende Geschehen beobachten und fast nebenbei, ohne großen Aufwand und technische Ausstattung Aufnahmen machten und machen, die die Welt bewegen. "Wenn das Foto nicht gut genug ist, bist du nicht nah genug dran", so das einfache, von Robert Capa gegebene Credo der Agenturfotografen.

Die Agentur ist aus der Tradition des Bildjournalismus heraus geboren. In den zwanziger Jahren begannen Magazine und Zeitschriften, ihre Auflagen mit Bildern nach oben zu treiben und bis in die fünfziger Jahre hinein befand sich der klassische Fotojournalismus in seiner Blütezeit. Magnum wurde also in einer Zeit gegründet, in der die Reportagefotografie ihren Höhepunkt erlebte. Von Fotografen für Fotografen, so das schlichte Motto der Gründer. Es ging darum, ehrgeizigen und engagierten Fotografen die Möglichkeit und den Rückhalt zu geben, eigene Projekte zu verfolgen. Über den Erfolg der Agentur ergaben sich schließlich alternative Wege, die Werke der Fotografen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, als nur durch die Publikation in Zeitschriften: durch Ausstellungen und Fotobände zum Beispiel.

Die Wiederentdeckung der ersten gruppeneigenen Ausstellung mit den Bildern der ersten Magnum-Mitglieder ist ein Zufallsgeschenk bürokratischer Ordnungswut. Im Keller des französischen Kulturinstituts in Innsbruck fand man die bereits erwähnten zwei Kisten, die die abgedruckten 83 Schwarzweißabzüge, einen Einleitungstext, ein Ausstellungsplakat sowie das Rücksendeschreiben der Wanderausstellung "Gesicht der Zeit" enthielten. Die Ausstellung war von Juni 1955 bis zum Februar 1956 in insgesamt fünf österreichischen Städten (Innsbruck, Wien, Bregenz, Graz, Linz) zu sehen. Mit den historischen Fundstücken der ersten Magnum-Gruppenschau versammelt der vorliegende Bildband Fotografien von Robert Capa, Werner Bischof, Henri Cartier-Bresson, Ernst Haas, Erich Lessing, Inge Morath, Jean Marquis und Marc Riboud.

Die Mythen bildenden Fotografen unseres Jahrhunderts haben für diese Ausstellung ganz außergewöhnliche Bilder geliefert. Wir sehen hier nicht die bekannten, inzwischen ikonisch vergötterten Fotografien der ersten Magnaten, sondern kleine Aufnahmen des Alltags, die Großes verbergen. Mit Robert Capa und Werner Bischof lebten zum Zeitpunkt der Ausstellung zwei der ausgestellten Fotografen bereits nicht mehr. Magnum-Initiator Robert Capa starb 1954 bei einem Reportageeinsatz in Vietnam - er trat auf eine Landmine. Werner Bischof, Gründungsmitglied der Agentur, kam ebenfalls 1954 bei einem Autounfall in den peruanischen Anden ums Leben. Zwei herbe Tiefschläge für die junge Assoziation, die nur schwer zu verkraften waren. Die Ausstellung war insofern auch eine willkommene Möglichkeit, der verstorbenen Mitglieder zu gedenken. Zugleich konnte man auf diese Weise die neu hinzugekommenen Fotografen der noch jungen Agentur bekannt zu machen. Es war daher auch kein Zufall, dass die Ausstellung in Österreich auf Wanderschaft gehen sollte, denn mit Inge Morath, Erich Haas und Erich Lessing kamen gleich drei der Agenturneulinge aus der Alpenrepublik.

Mehr als fünfzig Jahre später erhält der Betrachter die einmalige Chance, nachträglich durch die Ausstellung zu wandeln und ganz einzigartige Aufnahmen zu betrachten. Henri Cartier-Bresson präsentierte damals Bilder der letzten Lebenstage sowie der Totenfeier Mahatma Gandhis. Ernst Haas, der spätere Präsident der Agentur, trug für die Ausstellung wahrhaft gigantische Aufnahmen von den Dreharbeiten für den Monumentalstreifen "Land der Pharaonen" bei. Außergewöhnlich scharfsinnig auch die London-Aufnahmen von Inge Morath, die die Dekadenz des bürgerlichen Daseins in der britischen Hauptstadt Anfang der fünfziger Jahre eindrucksvoll widerspiegeln. Einfach nur ergreifend hingegen die Kinderszenen in den Wien-Impressionen von Erich Lessing - einfühlsam und konkret in ihrer Darstellung und historischen Verortung. Und auch die Bilder der anderen Fotografen sind ganz einzigartige Zeugen einer längst vergessenen Zeit. Von der abgeschlossenen Reisereportage bis zur Sammlung alltäglicher Schnappschüsse ist hier alles vertreten.

Magnum war, ist und bleibt die bedeutendste Fotoagentur der Welt. Bei allen internen Debatten und Veränderungen bewahrt das ungeschriebene Gesetz der Agentur ihre Qualität. Gute Fotografen gibt es viele, echte Magnaten sind jedoch selten, denn sie müssen wie ihre Bilder seriöse Zeugen ihrer Gegenwart sein. Sensationelles findet sich nicht im Blitzlichtgewitter. Nein, Sensationell sind die Dinge des Alltags, an denen wir meist vorübergehen, ohne ihnen die nötige Achtung zu schenken. Magnum lenkt unsere Blicke auf diese Dinge, macht uns den Zauber des einfachen und geregelten wie auch des komplizierten und existenziellen Lebens bewusst. Die Anfänge dieser Faszination Magnum finden sich in der ersten familieneigenen Ausstellung "Gesicht der Zeit", die der Fotoband "MAGNUM’S first" versammelt. Jeder Liebhaber der Fotografie wird von ihm begeistert sein und sich einmal mehr vom Zauber der expressiven Impressionen der Magnaten einfangen lassen.

MAGNUM's first
Peter Coeln (Hrsg.)
Achim Heine (Hrsg.)
Andrea Holzherr (Hrsg.)

MAGNUM's first


Hatje Cantz 2008
212 Seiten, gebunden
EAN 978-3775722155

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