Geschichte

Das Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal und (lediglich) seine Burgen in Luftaufnahmen

Das Obere Mittelrheintal mit seinen Kunst- und Kulturdenkmälern erfreut sich seit dem späten 18. Jahrhundert einer ungebrochenen und nach der Erhebung zum Welterbe durch die UNESCO im Jahr 2002 nochmals gestiegenen Beliebtheit. Insofern ist es kaum verwunderlich, dass in den letzten Jahren eine Vielzahl von Publikationen erschienen ist, die sich in selten mehr, meistens aber in weniger gelungener Weise der Darstellung und Dokumentation von Landschaft und Bauwerken annehmen.

In dieses Umfeld gehört der "Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein" der beiden Autoren Ansgar Oswald (Texte) und Philipp Meuser (Fotos), dem eine CD-ROM mit sämtlichen Abbildungen in hochauflösendem JPEG-Format beiliegt. Die Leserschaft, die dem Titel gemäß nun aber Bilder sämtlicher Façetten der Region zwischen Rüdesheim und Koblenz erwartet, sieht sich sogleich eines Anderen, in diesem Fall Schlechteren, belehrt. Tatsächlich lässt schon die gerade einmal drei Seiten umfassende Einleitung mit dem anachronistisch-irritierenden Titel "Die Wächter am Rhein. Eine Reise ins deutsche Burgenland" genau das erwarten, was sich im Hauptteil bestätigen soll: Es werden explizit lediglich Burgen - darunter drei, die keine sind - behandelt, von Kirchen, Klöstern, Kapellen, Häusern oder anderen Gebäuden oder gar Naturdenkmälern findet sich nichts. Bezeichnenderweise ist jedoch auch diese Titelmissachtung nicht konsequent durchgehalten worden, da sich im weiteren Verlauf (textlich nicht behandelt) auch Luftaufnahmen des Bacharacher Werths (S. 9), des Deutschen Ecks in Koblenz (S. 10f.) und des Vierseenblicks bei Boppard (S. 110f.) finden.

Mag man diese thematische Verfehlung ignorieren, dann bleibt der Blick auf die behandelten Objekte. Von den 28 mutmaßlichen Burgen handelt es sich bei Nollig und dem Mäuseturm allerdings um Türme und bei der "Kurfürstlichen Residenz Koblenz" um ein Schloss ohne Vorgängerbau. Zu jeder Anlage gehört ein selten mehr als eine Viertelseite umfassender Text, ein stets genordeter, maßstäblich in gleicher Größe hinzugefügter Grundriss, zwei stichpunktartige und meist überflüssige Kerndaten sowie - ebenso entbehrlich - GPS-Daten, bevor sich als eigentlicher Hauptbestandteil die wenigstens zwei bis maximal vier Luftaufnahmen anschließen. Als wenig hilfreich erweist sich, dass die Grundrisse mit ihrer durchgängigen Einnordung nicht dem gegenübergestellten Luftbild entsprechen und sich der Betrachter sie dementsprechend vor dem geistigen Auge zurechtdrehen muss. Zudem sind aufgrund der unterschiedlichen Größe der Wehranlagen manche Grundrisse platzfüllend und übersichtlich geraten, Pläne kleinerer Burgen wie der Brömserburg in Rüdesheim (S. 16) dementsprechend winzig.

Die vorgenannten Probleme nehmen sich jedoch marginal aus im Vergleich zu den beigefügten Texten. Wie schon das der allzu kurzen Einleitung folgende Literaturverzeichnis von gerade einmal sieben und davon großteils nicht relevanten Titeln befürchten lässt, so zeigen sämtliche Erläuterungen eine frappierende Ferne zum behandelten Thema, die durch mehrfach angewandte großspurige Formulierungen überdeckt werden sollen. Als stellvertretendes Beispiel dafür sei hier nur auf die zuletzt behandelte "Burg Kobern mit Matthiaskapelle" (S. 146ff.) eingegangen, die "Teil eines in Deutschland einmaligen landschaftlichen Kulturensembles" sein soll. Dass es sich in der Tat um zwei Burgen, nämlich die Niederburg und die Oberburg, handelt, erfährt der Leser erst später. Das Datum der angeblich urkundlichen Ersterwähnung der Niederburg 1195 ist falsch (tatsächlich handelt es sich um ein undatiertes, zwischen 1192 und 1197 zu setzendes Schriftstück), sie hat keineswegs einen "mandelförmigen" Grundriss und wurde auch nicht im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 zerstört. Dass von ihr nur noch "Fragmente" vorhanden sein sollen, ist erstaunlich angesichts der Tatsache, dass der Bergfried in noch fast voller Höhe erhalten ist, vom Palas noch ebenso die Außenwand wie die eines weiteren Wohnbaus, die Zisterne und Teile der Ringmauer. Die Sanierungsarbeiten des 20. Jahrhunderts als "Rekonstruktionen" zu bezeichnen, geht gleichfalls völlig fehl. Das Gesamtfazit, dass Ober- und Niederburg "trotz ihrer wenigen Fragmente ... in dieser romantischen Landschaft noch heute eine Ahnung von ihrer bedrohlichen Wirkung" vermitteln, mutet allein mit Blick auf die hochbedeutende Matthiaskapelle der Oberburg geradezu grotesk an. Hier wie auch andernorts kann sich der Leser des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor die behandelten Anlagen persönlich nicht in Augenschein genommen, vielmehr lediglich die Luftaufnahmen beschrieben hat. Ansonsten hätte ihm auffallen müssen, dass beide Burgen keineswegs durch ein "dichtes Band aus Wäldern und Weinbergen voneinander getrennt sind", sondern auf ein- und demselben Berggrat liegen.

Bedauerlicherweise zeigen sich Defizite ähnlicher Art fast durchgängig im gesamten Buch, von denen nicht wenige geradezu ärgerlich sind. Keineswegs vollständig seien vermerkt: "Trechtlingshausen" (S. 7, 30) ist Trechtingshausen, Lahneck keineswegs unverändert wiederaufgebaut worden (S. 8), der Bergfried der Oberburg in Rüdesheim hat nichts mit der Brömserburg zu tun (S. 16), Ehrenfels wird nicht 1222, sondern zwischen 1208 und 1220 durch den pfälzischen Reichsministerialen Philipp III. von Bolanden im Auftrag des Mainzer Erzbischofs errichtet und erstmals erwähnt (S. 20), der Mäuseturm steht auf einer kleinen Insel nahe dem linken Rheinufer und nicht "auf einem Eisbrecher mitten im Strom" (S. 24), Rheinstein hat keineswegs "spärliche Reste" (S. 30), die "Herren von Bolanden und von Hohenfels" auf Reichenstein waren tatsächlich die Reichsministerialen von Bolanden-Hohenfels und eben nicht ein "Adelsgeschlecht", sondern Unfreie (S. 34), Reichenstein wurde nicht zweimal vom Rheinischen Städtebund zerstört, sondern nur 1253 von einem unbekannten Aufgebot erobert (S. 34), das angeblich "im 11. Jahrhundert" erbaute Sooneck ist erstmals 1272 belegt (S. 40) und wurde 1254 nicht zerstört (ebd.), eine Burg als Verwaltungsbau ist keineswegs untypisch (S. 46), die irrigerweise als "rußgeschwärzt" bezeichneten Mauern von Fürstenberg lassen sich in ihrer Ausdehnung von der "gegenüberliegenden Rheinseite" überhaupt nicht gut erkennen (S. 50), Stahleck war keine "Hochburg der Nationalsozialisten" und nicht erst seit den Sechzigerjahren (sic!) Jugendherberge (S. 62), bei der Schönburg sind Lehnsherren und Lehnsnehmer verwechselt (S. 78), Burg Maus besitzt nicht das "originale äußere Erscheinungsbild" (S. 94), Sterrenberg wird nicht 1034, sondern erstmals 1189/93 erwähnt (S. 98), Lahneck erstmals 1244 (S. 124), Stolzenfels wurde zwischen 1242 und 1259 und nicht 1250 von Erzbischof Arnold II. von Trier errichtet (S. 128), der Ehrenbreitstein lässt sich vor der Mitte des 12. Jahrhunderts nicht nachweisen usw. Geradezu peinlich wird es, wenn Burgen "geschliffen" werden (statt geschleift, S. 138), Kurfürsten schon weit vor 1338 existieren (S. 106 u.ö.), "staufisch" für stauferzeitlich verwendet (S. 50 u.ö.) und 1350 noch dem Hochmittelalter zugerechnet wird (S. 94) sowie der Versailler Vertrag aus dem Jahr "1918" stammen soll (statt 1919, S. 138).

"Ob zerstört, denkmalgerecht restauriert oder aus dem Zeitgeist heraus neu aufgebaut, erlauben die Burgen den voyeuristischen Blick in das Privatleben unserer Vorfahren", bemerkt der Autor vollmundig am Ende seiner Einleitung. Sollte das tatsächlich möglich sein, so vermittelt es die vorliegende Publikation nicht, sondern bietet im günstigen Fall veraltetes, meist aber falsches Wissen. Dieses betrübliche Fazit vermögen auch die (tatsächlich in hochauflösendem Format als JPEG-Dateien beigelegten) oftmals viel zu stark bearbeiteten und dementsprechend verfärbten Luftaufnahmen nicht mehr zu verändern, die immerhin in einigen Fällen noch die Monumentalität der Burgen am oberen Mittelrhein dokumentieren.

Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein
Ansgar Oswald
Philipp Meuser

Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein


DOM Publisher 2009
144 Seiten, gebunden
EAN 978-3938666739
inkl. CD-ROM

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