Régis Loisel, Jean-Louis Tripp: Das Nest

Eine herzerwärmende Dorfgeschichte

Der zweite Teil der Serie "Das Nest" der französischen Autoren Régis Loisel und Jean-Louis Tripp ist nun in der deutschen Übersetzung im Carlsen-Verlag erschienen. Die Autoren setzen damit ihre auf fünf Bände ausgelegte Erzählung fort, die das Leben in dem winzigen Dorf Notre-Dame-des-lacs portraitiert. Es gelingt den beiden Wahlkanadiern (sie teilen sich ein Atelier in Montreal), den herzergreifend-melancholischen Stil des ersten Teils fortzuführen, ohne dabei zwanghaft auf die Tränendrüse zu drücken. Geradezu anrührend wird die Schlichtheit des dörflichen Lebens geschildert, diese ins Private dringende Öffentlichkeit, geprägt von Klatsch und Tratsch und dem sonntäglichen Gang zur Kirche.

Nach der großartigen Aufstellung der Szenerie und der wichtigsten Charaktere im ersten Teil gewinnt die Geschichte nun an Fahrt. Der erste Band war geprägt vom Tod des Inhabers des ansässigen Krämerladens, Dessen hinterlassene Frau Marie, gleichzeitig Namensgeberin des ersten Bands, ringt mit den hinterlassenen Pflichten des verstorbenen Gatten. Übergangslos setzt die Geschichte nun mit dem Auftauchen des Fremden Sergé (Namensgeber des jetzigen Bandes) im Dorf wieder ein. Dieser wurde von Marie nach einer Motorradpanne aufgelesen und wird nun von dieser beherbergt. Das anfängliche Lästern der Dorfbewohner ob der Sittsamkeit dieser Geste der noch jungen Witwe findet jedoch schnell ein Ende. Sergé erweist sich als äußerst hilfsbereit und findet zunehmend Gefallen an dem provinziellen Dasein. Darüber hinaus bringt er einen Hauch der weiten Welt in den harten Winter der Dorfbewohner. Sergé beschließt, in dem quasi leer stehenden Krämerladen ein Restaurant zu eröffnen und im Dorf zu bleiben. Unvermeidlich entwickelt sich zwischen Marie und Sergé eine schüchterne, aber herzerwärmende Romanze. Dies bekommt insofern eine pikante Note, als dass die Geschichte aus der Perspektive des verstorbenen Mannes von Marie erzählt wird, der das Geschehen als Beobachter mit einigem Missmut kommentiert. Begleitet wird diese Geschichte von den kleinen Geschichten am Rande, die die alltäglichen Neckereien des ländlichen Miteinanders, in dem jeder jeden kennt und jeder über jeden wacht, erzählen.

Loisel und Tripp gelingt es auch in diesem Band, den Leser mit der verträumten Landschaft ihrer Erzählung einzufangen. Mit ihren stimmungsvollen, weichen Zeichnungen verstärken sie die Unschuld und Zufriedenheit der Dorfbewohner, die dem Leser ob ihrer individuellen Unzulänglichkeiten, oder vielleicht auch gerade deswegen, immer sympathischer werden. Mit ihren langsamen Bildern und harmonischen Perspektivveränderungen, die ideal an den Text der Erzählung angepasst sind, hat man immer wieder das Gefühl, tatsächlich am Geschehen teilzunehmen. Bei "Das Nest" handelt es sich nicht nur um ein Muss für jeden Comicfan, sondern um eine unschätzbare comicale Erzählung, die Durchatmen lässt und das Herz erwärmt. Eine Wohltat in einer Comicwelt, die immer stärker unter dem Einfluss der schnelllebigen Manga-Comics steht. Es ist zu hoffen, dass der nächste Band von "Das Nest" nicht zu lange auf sich warten lässt. In Frankreich ist er für Oktober 08 angekündigt.

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