Peter von Matts Reden zur Literatur

Peter von Matt weiß mit der Sprache umzugehen und driftet nur ganz selten in Germanistenslang ab.

Öffentliche Verehrung der Luftgeister

Ein verbaler Rundumschlag

Was Droste textmässig anfasst, kommt nicht ohne Spott davon.

Der infrarote Korsar

Die Versager der High Society

Der Münchner Autor und Rechtsanwalt Georg Oswald hat mit "Im Himmel" seinen fünften Roman vorgelegt. Er schreibt gekonnt und abwechslungsreich. Das neue Buch ist so spannend, dass man es in einem Rutsch durchliest. Doch zurück bleibt eine gewisse Leere. "... denn ich könnte nicht sagen, dass mir klar wäre, was ich mit meiner Geschichte sagen will", erklärt der Ich-Erzähler, ein zwanzigjähriger Schulversager und Sohn eines erfolgreichen Münchner Anwaltes, gleich auf Seite 9. "Es ändert sich ja nie etwas, egal, was passiert.", lautet denn auch der Schlusssatz (S. 185). Konsequent. Das Problem ist aber nicht eines des Ich-Erzählers, sondern des Autors. Das anfängliche Bekenntnis wirkt wie ein Trick. Oswald kann schreiben, hat aber derzeit offenbar nicht viel zu sagen. Die Geschichte spielt an einem fiktiven Ort am Starnberger See, dem Wohnort der Münchner High Society. Deren Kinder werden den von den Eltern gesetzten Standards nicht gerecht: Schulversager, im Beruf und im Leben Gescheiterte. Sie lehnen sich auf, begehen mit fast dreißig Jahren die Dummheiten Pubertierender, sind abhängig vom Geld der Alten, sonnen sich in den Möglichkeiten, die der Reichtum bietet, finden aber ihren eigenen Weg nicht. Diese Orientierungslosigkeit gepaart mit der Verlogenheit hinter den glänzenden Fassaden ist also der Inhalt des Buches. Gesellschaftskritik und Voyeurismus. Dummerweise wirkt das Ganze nicht authentisch. Die Figuren und ihre Gefühle, das Milieu, alles ist Klischee, nichts wirklich Echtes, Lebendiges. Die Schilderungen erscheinen wie gemalt von einem, der diese Gesellschaft von außen beobachtet und sich dabei vorstellt, welche Dramen hinter der Oberfläche verborgen sein könnten, ohne das wirklich zu wissen. Vor allem die Frauenfiguren bleiben vollkommen leer. Nicht einmal die Mutter des Erzählers erhält menschliche Züge. Ansatzweise findet sich so etwas bei zwei älteren Männerfiguren, dem Nachbarn und dem Chef der Mutter, aber auch hier deutet sich ein Charakter nur diffus an. Wirklich schade, dass Oswald nicht genauer beobachtet. Schließlich nimmt man dem Ich-Erzähler seine zwanzig Jahre, seine Ziellosigkeit und seine Drogen- und Alkoholexzesse nicht ab. Er schreibt viel zu routiniert, zu gewählt und - vor allem - zu ruhig. Wer so schreibt, ruht in sich selbst, beobachtet von außen, ist aber nicht selbst involviert. Insofern ist die Ich-Form nichts als ein Stilmittel, um etwas Erfundenes authentisch erscheinen zu lassen. Also diesmal leider kein Meisterwerk.

Im Himmel

Die Selbstverständlichkeit alter Traditionen

Dies ist die Geschichte von Sofia, einem Zigeunermädchen, das von ihren Eltern durch unglückliche Umstände in einem Dorf mitten in Nicaragua vergessen ging. Die innere Suche nach der Mutter beginnt. Mehrere Personen nehmen sich ihrer an, von denen ein Teil in Magie und Heilkunde gemäss der alten Tradition kundig ist. Schnell wird ihnen klar, dass dieses Kind ein schweres Schicksal, man könnte fast sagen Trauma, in sich trägt. Don Ramón nimmt sie auf wie sein eigenes Kind. Von ihm wird sie später die Hacienda übernehmen. Sofia wird zu einer starken, eigenwilligen Frau. Bei der Heirat mit René zeigt sich dem ganzen Dorf diese Eigenwilligkeit und Stärke, was von nun an im Dorf zu Unruhe führt. Die Dorfbevölkerung spaltet sich. Die eine Seite orientiert sich an der katholischen Kirche und lebt den Machismo, die andere Seite beruft sich auf die alten Weisheiten des Ursprungs. Diese Spaltung spiegelt sich auch in der Ehe von Sofia und René wider. Schnell wird Sofia klar, dass sie nicht länger ihr Dasein unter dem patriarchalischen Mann fristen und schon gar nicht ein Kind mit ihm haben kann. So flieht sie in die Nacht hinaus, das Schicksal meint es gut mit ihr, Don Ramón stirbt in derselben Nacht, sie wird zur Herrin der Hacienda zusammen mit dem homosexuellen Neffen von Don Ramón und erreicht die Scheidung von René. Mit der neu gewonnenen Freiheit blüht sie mit der Hacienda auf. Doch ihr Trauma ist nach wie vor präsent. Aus der unbeständigen Liebschaft mit dem Rechtsanwalt, der ihr bei der Scheidung geholfen hatte, kriegt sie eine Tochter. Ihre Feinde versuchen immer wieder, ihr das Leben schwer zu machen, doch ihre starken Freunde unterstützen sie bei ihrem Werdegang, auch mit Hilfe magischer Rituale. Eines Tages passiert etwas mit Sofias Tochter und es scheint, ihre eigene Geschichte würde sich an der eigenen Tochter wiederholen. Doch die Tochter hat eine Schlüsselstellung in der Auflösung von Sofias Trauma inne... Gioconda Belli lässt den Leser an den Emotionen teilhaben und hat mit diesem Buch einen Roman ganz nach der Tradition der südamerikanischen Literatur verfasst, wo Schamanismus, moderne Psychologie und Magie keine Antagonismen sind, sondern Hand in Hand gehen. Die alte Tradition ist dabei kein überholtes Relikt sondern eine hilfreiche Selbstverständlichkeit im gesellschaftlichen Alltag.

Tochter des Vulkans

Ganz viel zu lesen!

Das "Harenberg Buch der 1000 Bücher" stellt 1000 bedeutende Bücher vor. Bei einer solchen Sammlung bzw. einem solchen Anspruch stellt sich als erstes die Frage nach den Auswahlkriterien. Wie den Benutzerhinweisen zu entnehmen ist, war das Hauptkriterium die Geschichte und Wirkung des einzelnen Werks und nicht die Bedeutung des Autors. "Das Buch der 1000 Bücher" enthalte somit Werke, "die die Welt bewegten und selbst zu Geschichte geworden sind." Eine solche Vorgabe reizt natürlich, das Buch nach Lücken zu durchforsten und fehlende Werke dem Herausgeber vorwurfsvoll unter die Nase zu reiben. Dieses wenig konstruktive Unterfangen führt zwangsläufig zum Schluss, dass ein Buch der 10'000 Bücher hätte gemacht werden müssen. Stattdessen sollte man sich lieber über das Vorhandene freuen: Zu finden sind sowohl Romane, Novellen, Lyriksammlungen, Kinderbuchklassiker, Sachbücher, Reiseberichte, Monografien als auch die grossen anonymen Werke der Kulturgeschichte wie Bibel, Talmud, Koran, Edda, Nibelungenlied und das Gilgamesch-Epos. Jeder Artikel gibt zunächst Auskunft über den Autor, ordnet ihn in die Literatur- oder Kulturgeschichte ein und informiert über seine Herkunft, Ausbildung und wichtigsten Leistungen. Anschliessend wird sein bedeutendstes Werk vorgestellt. Einzelne Autoren sind mit mehreren Werken vertreten. In den Werkartikeln erfolgt als erstes eine Einschätzung des Buches, dann folgen Abschnitte über Entstehung, Inhalt, Struktur und Wirkung. Bilder (Autorenportraits, Coverabbildungen, Bilder aus Verfilmungen) lockern das Ganze auf. In den Randspalten kann man kurze Auszüge aus dem Werk, Autorenzitate oder Äusserungen Dritter lesen. Das "Harenberg Buch der 1000 Bücher" lädt zum Blättern und Lesen ein. Die kurzen Artikel liefern interessante Hintergrundinformationen und zeigen Zusammenhänge zwischen Werk und Leben des Autors auf. Nützlich sind auch die in Textfeldern wiedergegeben Spezialinformationen zu Fachbegriffen und anderen Werken der Autoren.

Harenberg - Das Buch der 1000 Bücher

Konfrontationstherapie für Leo

Eine Konfrontationstherapie für die vom Leben enttäuschte, aus Verbitterung zum Zynismus neigende, einsame und von einem zutiefst pessimistischen Weltbild geprägte Leo.

Tief im Netz

Das Fremde und die Sprache

Yoko Tawada - sie kam 1979 nach Deutschland, lebt überwiegend in Hamburg und schreibt sowohl in japanischer als auch deutscher Sprache - hat mit "Überseezungen" ein Buch vorgelegt, dass vielleicht von Zungen aus Übersee oder von Übersetzungen handelt, überwiegend aber von Sprachen. Von Sprachen, den Menschen, die sie sprechen, den Kulturen, die sich in ihnen ausdrücken und von den Gefühlen, die man beim Sprechen hat. Um diese Themen gruppieren sich eine Reihe kurzer Geschichten, in denen die Autorin immer wieder ihren Assoziationen nachgeht. Diese Assoziationen sind Bilder, Geschichten, Wörter, Gefühle. Sie sind real. Tawada nimmt sie ernst. So wird der surrealistisch anmutende Stil vom literarischen Mittel zum Werkzeug, sich fremden Kulturen und Sprachen zu nähern und sie zu erkunden. Dies geschieht auf derart spielerische, lockere Art, dass man als Leser an vielen Stellen unwillkürlich lacht. Dabei sind die Texte echte Lehrstücke über kulturelles Lernen. Man sollte sie darum nicht "nur" ihrer literarischen Qualität wegen lesen; die Geschichten können für jeden, der eine Fremdsprache lernt oder lehrt, ausgesprochen hilfreich sein. Tawadas Assoziationen teilen uns als Deutschen viel über uns selbst und unsere Sprache mit. Der Blick von außen ist oft schärfer als die Innensicht: z. B. dass für viele Japaner die Muttersprache etwas Heiliges, Unantastbares ist, mit der man seine Identität sichert, während in Deutschland "die Sprache ein Besitztum sein muss" (S. 110). Die Deutschen glauben, dass "man eine Fremdsprache nie so gut beherrschen könne wie die Muttersprache. Man bemerkt sofort, dass das Wichtigste für sie die Beherrschung ist. Meiner Meinung nach ist es überflüssig, eine Sprache zu beherrschen. Entweder hat man eine Beziehung zu ihr oder man hat keine." Damit verliert die (Mutter)Sprache - und damit auch die mit ihr verbundene Kultur - ihre Exklusivität. Das Ganze ist so sympathisch, weil Tawada das Fremde nicht als bedrohlich, das Eigene als überlegen schildert; für sie löst das Fremde Neugier aus. Sie untersucht es und experimentiert damit. Eine äußerst erfolgreiche Bewältigungstechnik, die man sich merken sollte; so kann Multikulturalität funktionieren!

Überseezungen

Eine Mutter hatte vier Töchter

Die 62 jährige Inger Alfvén gehört zu Schwedens Bestsellerautorinnen. Ihr Thema sind Frauenleben. Jedes Kapitel der insgesamt 319 Romanseiten schildert das Geschehen aus einer anderen Sicht, wobei das Wort Geschehen nicht ganz passend ist. Es ist keine konventionelle Handlung mit Anfang, Mitte und Ende aus der Sicht eines Erzählers. Es treten verschiedene Menschen auf, bei den meisten ist Ottilia ein Bindeglied. Ottilia selbst tritt erst ganz spät im Roman in Erscheinung, als der/die LeserIn sie schon längst durch die Wahrnehmung der anderen Protagonisten kennengelernt und sich ein Bild gemacht hat. In psychologisch dichter Atmosphäre schildert Alfvén das innere Erleben dieser Menschen, die in der schwedischen Stadt Huvudstaden leben. Die wichtigsten dabei sind Katarina, Lisa und Herta, die Töchter Ottilias aus ihrer Ehe mit Wilhelm. Die ersten beiden sind erwachsen und leben nicht mehr zu Hause. Herta, die jüngste Tochter, hat keinen nennenswerten Bezug zu ihren älteren Schwestern Lisa und Katarina. Der Vater Wilhelm ist in das Landhaus gezogen und hat sich dort zur Ruhe gesetzt. Hillevi ist ebenfalls eine Tochter Ottilias, sie wurde aber zur Adoption freigegeben und erfuhr erst als sie heiraten wollte, dass sie nicht die ist, die sie zu sein glaubte. Die Erkenntnis erschüttert ihr Leben und sie flüchtet in die Stadt, Ottilia zu suchen. Den weiblichen Hauptprotagonisten gemeinsam ist eine etwas angestrengte Beziehung zur Mutter. Ottilias Mutter Olga lebt in einem Pflegeheim, sie ist meist verwirrt, doch war sie ihr Leben lang psychisch krank. Das Kind Ottilia war schon früh auf sich gestellt und musste sich einen Panzer zulegen. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, genießt Ottilia als Erwachsene den beruflichen Aufstieg ihres Mannes und, nachdem sie sich entschlossen hat selbst berufstätig zu werden, den eigenen Erfolg, insbesondere in materieller Hinsicht. Katarina ist der Mutter am ähnlichsten, sie ist eine erfolgreiche Innenarchitektin. Auch sie ist auf ein geregeltes und sicheres Leben bedacht, symbolisiert auch in ihrem perfekt eingerichteten Haus. Lisa dagegen ist eine erfolglose Malerin, von Geldsorgen geplagt, sie wünscht sich mehr Verständnis und Liebe von der Mutter, die aber dieses Leben überhaupt nicht nachvollziehen kann und auch Lisas Kunst nicht versteht. Herta ist 17 Jahre alt, auf dem Weg sich zu finden, vom Vater fühlte sie sich schon als Kind besser verstanden, er passte sich ihrer Gedankenwelt an, die Mutter blieb die kühle Realistin. Und Hillevi? Es scheint, dass Hillevi auf dem besten Weg ist, in die Fußstapfen ihrer Großmutter Olga zu treten. Es sind zwei Persönlichkeiten, die in ihr agieren und sich streiten. Hillevi tritt in Kontakt zu Ottilia, gibt sich aber nicht als Tochter zu erkennen. Eine Mutter hatte vier Töchter, so heißt der schwedische Originaltitel und gibt damit das Thema dieses Romans vor. Die Mutter Ottilia ist eine Frau, die sich spät ein eigenes Leben aufgebaut hat, in diesem Leben hat Familie im bestverstandenen Sinn wenig Platz und doch macht sie sich insgeheim viele Gedanken um die Töchter, die so verschieden sind. Sie ist ihnen gegenüber nicht indifferent, auch wenn sie ihre Gefühle durch ein strenges und abweisendes Verhalten verstecken will. Sie ist erfolgreich und genießt dies, spürt aber nicht, dass sie hierbei auch Verdrängung betreibt. Von ihrem ersten Kind weiß niemand, und auch sie selbst scheint wenig Gedanken daran zu verschwenden. Dieses Kapitel hat sie so tief in sich verborgen, dass sie selbst kaum damit konfrontiert wird. Sie ist aber nicht wirklich oberflächlich, sie ist eine Frau an der Wegscheide, sie spürt, das Alter kommt und mit den sich ankündigenden Wechseljahren auch unbestimmte Ängste. Der Roman ist als eine psychologische Studie über diese vier Töchter und ihre gemeinsame Mutter angelegt. Doch das Thema, welches die Leser am brennendsten interessiert hätte, wird ausgespart. Hillevi gibt sich der biologischen Mutter nicht zu erkennen und so wissen wir auch nicht, ob und wie Ottilias Leben und das ihrer anderen Töchter sich verändert hätte. Dies ist schade, denn es bleibt das Gefühl, dass dies nur der Beginn war und das Buch wird am Ende mit offenen Fragen zugeschlagen.

Vier Töchter

Der unerträgliche Mensch

Eigenwillig, beeindruckend und unbedingt lesenswert.

Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen

Literaturtheorie spannend und informativ

Die kleinen, gelben Reclam-Bände, man kennt sie noch aus der Schulzeit. Hielt man damals ein solches Büchlein in den Händen, so war es meist nicht aus Spaß am Lesen, sondern weil man musste. Die Lektüre war oft mit vielen Mühen verbunden; wegen der kleinen Schrift musste man sich auf den (meist eher trockenen) Stoff aus längst vergangenen Zeiten doppelt konzentrieren. Oftmals handelte es sich auch um Dichter, welche schon so lange unter der Erde lagen, dass sie das Jammertal und die Demut noch mit einem "h" schrieben. Vorliegender Reclam-Band unterscheidet sich in vieler Hinsicht von der Gymnasiallektüre. Derjenige, der es geschrieben hat, befindet sich noch unter den Lebenden und trotz der vermeintlichen Trockenheit des Themas ist der Band spannend und zugleich informativ. Jonathan Culler war Gastdozent für Französisch und Komparatistik in Yale und ist heute Professor für Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Cornell University (New York). Mit seinem Buch zur Dekonstruktion (On Deconstruction) hat er 1988 ein eindrückliches Werk über eine der wichtigsten und streitbarsten (literatur-)theoretischen Strömungen des Poststrukturalismus vorgelegt. Im englischen Original ist Cullers Literaturtheorie mit A very short Introduction untertitelt. Gerade die im Titel betonte Kürze der Einführung macht diesen Band interessant. Er gibt knappe aber sehr präzise Einblicke in die wichtigsten Fragen der modernen Literaturtheorie anhand von einleuchtenden Beispielen. Auch wenn Culler stets um Verständlichkeit bemüht ist, droht nicht die Gefahr, in populärwissenschaftliche Gefilde abzugleiten, in welchen die Verknappung oft gleichbedeutend mit schlichter Falschheit ist. Im Gegenteil, Culler "warnt" in der Einführung vor der Theorie: "Theorie ist furchteinflössend. Eines der entmutigendsten Merkmale von Theorie ist, dass sie nie aufhört. Theorie ist nichts, was man je beherrschen wird, keine begrenzte Anzahl an Texten, die man sich aneignen kann, um schließlich Theorie zu können".

Literaturtheorie

Die Ängste und Qualen des Künstlerdaseins

Peter Kurzeck schildert im zweiten Teil seiner autobiografischen Romanfolge eine Phase aus seinem Leben, die er 1984 in Frankfurt durchlitt, muss man wohl sagen. 1984 hatte er nicht nur seinen Job in einem Antiquariat verloren, sondern auch die Geborgenheit einer langjährigen Beziehung mitsamt Wohnung und, besonders schmerzlich, den ständigen Kontakt zu seinem kaum fünfjährigen Töchterchen. "Als Gast" lebt er in der Folge in bedrückender Geldnot bei einem Gönner-Ehepaar. In einer stakkatoartigen Folge von Phrasen, selten vollständigen Sätzen, teilt er dem Leser die Ängste und Qualen eines Künstlerdaseins mit. Gesprächsfetzen, Beobachtungen, flüchtige Gedanken, Assoziationen und immer wieder Erinnerungen bilden eine ununterbrochene Folge. Diese sprachliche Form erweist sich der Monotonie wiederkehrender Ängste und alltäglicher Sorgen als völlig angemessen. Mit schonungsloser Offenheit enthüllt er seine eigenen Unzulänglichkeiten. Dem Leser teilt sich ein ständiges Gefühl des Gehetzt- und Getriebenseins mit, das zeitweilig schwer erträglich ist. Gleichzeitig beobachtet Kurzeck das Leben auf Frankfurts Straßen; und auch hier passt der Stakkatostil. Der Autor erreicht so eine wahrhaft dichte Beschreibung, um einen ethnologischen Begriff zu verwenden. Aber auch in den Prozess des Schreibens erhält der Leser Einblick: auch dieser monoton, Tag für Tag dasselbe, eine Aufgabe, welcher der Autor pflichtbewusst nachkommt. "Gleich da. Zurück und sehen, was das Manuskript zu dir sagt. Auch wenn es spät ist. Bei jedem Heimkommen als erstes die Notizzettel von unterwegs aus der Tasche. Reichtümer. Schätze. Aus der Welt bringst du die Welt mit. Ein langer Tag. [...] Im Manuskript den letzten Absatz noch einmal und sehen, wie es weitergeht. Wenigstens die nächsten zwei Sätze oder so weit es dich eben trägt. Sehen, wo es dich hinträgt." (S. 222) "Schreiben. Zuerst eine Farbe, ein Bild, dann die Wörter dafür. Nur probeweise, fürs erste, damit du dann bessere finden kannst. Du suchst dir die ersten Wörter zusammen und kostest sie, kaust sie, trägst sie mit dir herum. Bis es zwei halbe Sätze wenigstens. Und an einem guten Tag, der im übrigen leer bleiben muß, an so einem Tag diese zwei halben Sätze mit Vorsicht (auf Widerruf) auf ein Blatt Papier. Und dann immer wieder abschreiben die zwei halben Sätze, lesen und abschreiben. Bis ein Buch daraus wird. Sitzen und schreiben." (S. 154f) Falls auf dieser Welt noch jemand ist, der einen Schriftsteller oder sonst einen Künstler um sein nicht in die übliche Tretmühle eines Berufsalltags eingebundenes Dasein beneidet, er sollte dieses Buch lesen. "The most unglamorous of human obsessions" nennt der in England lebende Philosoph und Bestsellerautor Alain de Botton das Schreiben und bekennt, dass er auf seine Einkünfte als Journalist angewiesen ist. Aber Peter Kurzecks Buch ist - vielleicht nicht überraschend bei einem inzwischen mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller - darüber hinaus lesenswert, weil es einfach ein gekonntes Werk ist, auch wegen seines ungewöhnlichen Stils.

Als Gast

Reflexionen auf hoher See

Kap Zorn, Cape Wrath, ist der nördlichste Punkt des schottischen Festlandes und markiert den stürmischen Außenposten des britischen Königreiches, dort, wo Nordsee und Atlantik aufeinander treffen. Kap Zorn ist auch der Titel eines über mehrere Jahre entstandenen Reisebuches von Björn Larsson, einem passionierten schwedischen Segler, der zusammen mit seiner Frau Helle über sechs Jahre lang auf seinem Segelboot "Rustica" die Gewässer der gefährlichsten Meere Europas kreuzte: Die Nordsee, die Biscaya, den nordwestiberischen Atlantik vor der "Küste des Todes", den Ärmelkanal und das Revier vor Irlands Südküste. Während dieser Zeit war die "Rustica" das einzige Zuhause des Paares, welches sich für die Zeit von allem festen Besitz trennte. Dabei ist Larsson bei weitem kein typischer Abenteurer vom Schlage eines Arved Fuchs oder Rüdiger Nehberg: Er ist vielmehr ein Beobachter, ein Freiheitssuchender, ein Sehnsüchtiger, ja ein Philosoph. Larsson beschreibt sich selbst als ruhelose und entwurzelte Seele, den die pure Lust am Reisen, "des Menschen urälteste Lust", aufs Meer trieb, welches ebenso ruhelos die Reisenden aller Länder empfängt, belebt oder versinken lässt. Larsson, Jahrgang 1953, verbrachte 22 Jahre seines Lebens im Ausland, in Irland, Dänemark, auf dem Nordatlantik und in Frankreich. Heute lehrt er französische Literatur an der Universität von Lund, Schweden und hat nach eigenen Worten sein Ziel erreicht, bis zum vierzigsten Lebensjahr nicht in allzu feste Bahnen zu geraten. Als literarisch-philosophisches Vorbild zitiert Larsson in Kap Zorn immer wieder den schwedischen Schriftsteller Harry Martinson und seine Bücher "Cape Farewell" (Kap Lebewohl) und "Reisen ohne Ziel". Nach Martinson, der laut Larsson aufgrund seiner sprachlichen Kraft als kaum übersetzbar gilt, ist "die Lust am Reisen des Menschen ureigenste Bestimmung, auch wenn Hunger und Liebe zu ihrem Recht gelangten". So beobachtet Larsson die Menschen und die Welt, wie sie sich von seinem Boot aus darstellen, zwar auch mit neugierigem Blick im Stile eines Paul Theroux oder Bruce Chatwin, doch ist der Blick eher nach Innen gerichtet und erinnert an Henry David Thoreau's Walden oder Prentice Mulford's "Sinn und Unfug des Lebens und Sterbens". Der Kosmos des Schreibenden ist die Weite des Meeres, die allerdings keine Flucht nach außen darstellt, sondern vielmehr eine Emigration nach Innen, nach sich selbst. Larsson und seine Gefährtin begegnen immer wieder Weltumseglern in den Häfen rund um Nordsee und Nordatlantik - teilweise ist es ein Wiedersehen, teilweise ein Abschied auf immer, doch die Menschen, denen Larsson in den vielen Häfen begegnet, sind stets präsent. Sie beschäftigen ihn - auch Monate, ja Jahre nach der ersten Begegnung, denn in den vielen, stillen Stunden bei nächtlicher Fahrt, wo kein Fernsehen, keine Zeitung, kein Internet irgendeine Nachricht transportieren, verbleiben die letzten Gespräche an Land besonders lange und deutlich. Es ist die Seele jedes Menschen, die mit ihm reist. Björn Larsson segelt mit zwei Kräften: Der Energie des Windes und den Sehnsüchten der Seelen. Gerade Nachts wird das Segeln auf offenem Meer zum transzendentalen Vorgang, der auch Nicht-Seglern spürbar wird. Wer glaubt, die raue Nordsee oder der graue Ärmelkanal stellen kein so interessantes Segelrevier wie die Karibik oder die Südsee dar, wird durch Larsson eines Besseren belehrt: Tatsächlich transformieren verschiedene Faktoren die westeuropäischen Meere zu den gefährlichsten Gewässer weltweit: Intensive Schifffahrt, mächtige Gezeiten, Strömungen, Nebel, Tidenhub, Sandbänke, ja vor allem verloren gegangene Stahlcontainer, die wie unsichtbare Eisberge ein Boot bei Kollision kentern lassen können, stellen eine hohe Herausforderung für den Segler dar: Spätestens bei der Beschreibung einer Fahrt vom französischen Cherbourg Richtung belgisches Dunkerque wird deutlich, dass der Ärmelkanal nichts für Anfänger ist. Larsson schildert die Fahrt in stürmischer See derart intensiv und gleichzeitig distanziert, dass der Leser meint, hier filmt jemand vom Flugzeug aus eine Transatlantik - Fahrt. Larssons Buch ist weder ein Roman, noch ein Seglerbuch, sondern eher, wie er selber angibt, eine Reflexion mit Gedanken über das Leben, vom Deck eines Segelbootes aus betrachtet. Larsson hofft, dieses Buch würde eine Inspirationsquelle sein, "für diejenigen, die noch von einem anderen Leben träumen." Ganz sicher ist "Kap Zorn" eine solche Quelle. Larsson hat sie bereits gefunden…

Kap Zorn

Ein anderes Amerika

James Lee Burke ist kein Anfänger. Der 1938 geborene Schriftsteller publizierte bereits mit 19 Jahren Jahren einen ersten Text, mit 34 hatte er vier Romane verfasst. Dann kam ein Publikationstief. Nachdem es schließlich zu einer Veröffentlichung kam, wurde ausgerechnet ein jahrelang abgelehnter Roman für den Pulitzerpreis nominiert. Seit den 80er Jahren schreibt Burke Kriminalromane. Der als deutsche Erstveröffentlichung bei Goldmann erschienene Titel "Straße ins Nichts" stammt aus dem Jahre 2000 und heißt im Original "Purple Cane Road". "Straße ins Nichts" ist kein Krimi, der sich schon nach ein paar Seiten als "Pageturner" erweist, also als ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, so gespannt ist man auf den weiteren Verlauf. Es wirkt lange Zeit unstrukturiert, muss der Autor doch Rückgriffe machen, um Motivationen und Situationen zu erklären. Manchmal geschieht dies unvermittelt, so dass man glauben könnte, der Text sei gekürzt, es fehle ein Stück. Nach einiger Lesezeit gibt sich dieses Problem und der Roman wird im Aufbau in konventionellere Bahnen gelenkt, was der Aufmerksamkeit des Lesers dienlich ist. Dave Robicheaux, Polizist in Louisiana, erfährt, dass seine Mutter, die 30 Jahre zuvor die Familie verlassen hatte, nicht nur eine Prostituierte gewesen sein soll, sondern von Polizisten als unerwünschte Zeugin ermordet wurde. Dieses Wissen läßt ihn nicht mehr los, er will nicht glauben, was er erfahren hat. Also versucht er, die Umstände des Lebens und Todes seiner Mutter zu erfahren. Dabei stößt er auf viele Widerstände, die er brechen muss. Was an diesem Buch interessiert, ist die Charakterzeichnung der Protagonisten und die atmosphärische Stimmung Louisianas. Einerseits zeigt Burke die schönen Seiten der Landschaft und die ruhige Atmosphäre des Südens. Auf der anderen Seite aber, beschreibt er auch die unglaublich ärmlichen Verhältnisse, die man in den Südstaaten antreffen kann. "Dann bogen wir auf eine unbefestigte Piste ab, die durch Ackerland, an farblosen Hütten und Brachen im Zuckerrohr vorbeiführte, auf denen allerlei Wellblechschuppen und landwirtschaftliches Gerät standen. Inzwischen war es später Nachmittag, und der Wind hatte zugelegt und fegte durch die Zuckerrohrfelder. Wolken zogen vor der Sonne vorbei, und die Luft roch nach Regen, Salz und den modernden Kadavern toter Tiere in den Abwässergräben." Burke zeigt mittels der Stimmungsbilder und der atmosphärischen Beschreibung ein anderes Amerika. Ihm geht es nicht um das glatte und über Klimaanlagen heruntergekühlte saubere Amerika, wie wir es aus dem Osten der Vereinigten Staaten kennen. Seine Welt ist der ländliche Süden mit seinen subtropischen Klimaverhältnissen, der an den Nerven zerrenden hohen Luftfeuchtigkeit, den materiell armen Menschen, den Sumpflandschaften mit Alligatoren und Schlangen. Wer schon einmal durch die Südstaaten gefahren ist - gemeint ist der tiefe Süden und nicht Florida oder Washington D.C. -, dem ist aufgefallen, dass man es mit einem gespaltenen Land zu tun hat, dass es eine unsichtbare Grenze, ein Nord-Süd-Gefälle gibt, die Folgen des Bürgerkrieges noch immer zu spüren sind. In Burkes Roman haben die Menschen sich angepasst, der Sumpf der Landschaft findet seine Entsprechungen in den Menschen und Korruption ist an der Tagesordnung. Aber Dave Robicheaux ist kein Engel, der angetreten ist, nur Gutes zu tun und den Sumpf trockenzulegen. Er ist trockener Alkoholiker, dem Gewalt nicht fremd ist und der mit sich kämpfen muss, seine Wut und seinen Zorn im Griff zu behalten. In den Text eingestreut sind immer wieder politische Kommentare, so zum Strafvollzug, der Todesstrafe, aber auch der allgemeinen Politik, wie der fehlenden Umweltpolitik der USA. Wer einen anderen amerikanischen Süden kennenlernen will, die Bilder, die "Vom Winde verweht" in unseren Köpfen hervorgerufen hat, aktualisieren will, dem sei die Lektüre dieses Kriminalromans empfohlen.

Strasse ins Nichts

Die Vergangenheit in der Gegenwart

Dass der Engländer Peter Ackroyd in Deutschland vielen ein Unbekannter geblieben ist, läßt sich aus zwei Indizien schließen: einerseits ist mit dem jetzt bei btb erschienenen Band "Das Haus des Magiers" ein Roman in deutscher Erstveröffentlichung erschienen, der im Original schon 1993 auf den Markt kam und anderseits ergab ein Suchlauf bei amazon.de, dass einige der ins Deutsche übertragenen Titel Ackroyds nicht mehr erhältlich sind. Deshalb zunächst einige Worte zum Autor: Peter Ackroyd wurde 1949 geboren und ist der führende Kritiker für Literatur bei der renommierten britischen Times. Seine eigenen zahlreichen Bücher stammen aus den Genres Lyrik, Roman, Biografie und Literaturwissenschaft. Für den Roman "Hawksmoor" erhielt er 1985 mehrere Preise, darunter den "Prix Goncourt". Literarischen Ruhm erntete Ackroyd insbesondere für seine Arbeit als Biograf literarischer Größen wie T. S. Eliot oder Charles Dickens. Auch in seinen Romanen beschäftigt sich Ackroyd gerne mit bekannten historischen Persönlichkeiten. In einem literaturkritischen Werk setzte er sich mit der zeitgenössischen englischen Literatur auseinander und kritisierte darin das konventionelle realistische Erzählen als nicht mehr zeitgemäß. In Konsequenz seiner eigenen Forderung sind in den Romanen Ackroyds die traditionellen Erzählstrukturen aufgehoben, so auch im "Haus des Magiers". Dieser Roman beschäftigt sich mit einer historischen Figur des elisabethanischen Englands, nämlich John Dee, dem Alchemisten und Mathematiker, der von 1527 bis 1608 lebte. Dee, Astrologe der Königin Mary Tudor, wurde als Magier verhaftet, 1555 aber wieder entlassen. Im Roman nun erbt der Historiker Matthew Palmer von seinem Vater ein Haus, von dem Matthew zuvor nicht einmal wusste, dass es im Besitz des Vaters war. Er spürt sofort, mit dem Haus hat es etwas auf sich, es muss eine Geschichte haben und er beginnt dieser nachzuspüren. Bald findet er heraus, es gehörte in früheren Zeiten dem Magier Dr. Dee. Die Zeitebenen und Perspektiven im Roman vermischen sich dann immer mehr. Anfangs wechselt die historische Perspektive des Dr. Dee noch mit der zeitgenössischen des Matthew Palmer, bis beide Protagonisten sich auf einer nicht definierbaren zeitlichen Ebene treffen, denn nichts vergeht wirklich, weil in der Gegenwart auch die Vergangenheit enthalten ist. Doch ist dies nicht nur die Geschichte von Dr. Dee, auch Matthew findet zu seinem Innersten. Versucht man diesen Roman mit Schlagworten zu beschreiben, ist es ein Roman über den Begriff der Zeit, über Menschen mit und ohne Liebesfähigkeit. Es ist aber auch ein Roman über London, nämlich das London des Dr. Dee. Ackroyd ist es gelungen, das Milieu der elisabethanischen Zeit nicht nur im Sprachduktus, sondern auch in der Beschreibung der Straßenszenen wieder auferstehen zu lassen. Besonders gelungen scheint mir aber die elisabethanische Sprachgewalt des John Dee zu sein, die Ackroyd mit einer Leichtigkeit benutzt, als sei sie seine eigene Sprache. Nie erscheint sie gequält oder gekünstelt, sondern wirkt auch im Kontrast zu der modernen Sprache des Matthew Palmer echt.

Das Haus des Magiers

Grenzgängerinnen

Zwei Frauen stehen am Meer. Attraktiv sind sie. Die eine dunkel, die andere blond, in Sommerkleidung mit weißen T-Shirts und Tennisschuhen. Sie wirken wie Schwestern, Hand in Hand an der italienischen Riviera. Doch sie sind unterschiedlich - von Geburt: die eine Muslimin, die andere Christin, mit einer gemeinsamen Vergangenheit, die sie wiederum verbinden. Beide sind Libanesinnen, die vor 15 Jahren ihre Heimat verließen. Aus diesem Spannungsfeld entwickelt die renommierte Schriftstellerin Hanan al-Shaykh ihren jüngsten Roman "Zwei Frauen am Meer". Vorsichtig führt Al-Shaykh in beider Vorgeschichte ein, in ihre Erlebnisse, Sehnsüchte, den Kampf um Freiheit. Schritt für Schritt lernt der Leser Geschichte und Geschichten kennen, setzt die Ausschnitte nach und nach zu einem immer klareren Bild zusammen. Wechselweise aus der Innenperspektive schildert sie die Erinnerungen ihrer beiden unterschiedlichen Protagonistinnen, die sich in ihren Gefühlen und Wünschen wiederum so ähnlich sind. Da ist die zurückhaltende Muslimin Hoda, die sich Schritt für Schritt von ihrer tief religiösen Familie entfernt. "Mein Gott" flüstert sie, als sie sich zum ersten mal in einem Badeanzug sieht, "jetzt trage ich einen Badeanzug". Auch heute bleibt der jetzigen Theaterregisseurin diese Welt und ihre Überwindung bei jedem Schritt allgegenwärtig. Auf der anderen Seite Yvonne, die selbstbewusste Draufgängerin und erfolgreiche Chefin einer Werbeagentur. "Ich bin am Meer geboren" erzählt sie den jungen Italienern, als sie von den hohen Felsen springt. Auch für sie bleibt ihre Vergangenheit und ihre Heimat Libanon immer präsent - als ein Ort der Erinnerung an ihre Kindheit, bevor der Bürgerkrieg sie zerstörte. "Das Meer kletterte in Yvonnes Bett und nistete sich in ihren Gedanken ein". Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nun stehen sie im gemeinsamen Urlaub am Strand - die eine zu Besuch aus Kanada, die andere aus London - und erinnern sich an ihre erste Begegnung mit dem Meer. Denn wegen des Meeres haben sie im Leben viel gelitten und es dann doch zum Symbol für die Emanzipation aus ihren Familienbanden gemacht. Hoda durch ihre früheren verbotenen Ausflüge ins Frauenbad von Beirut und die daraus resultierende Trennung von der strenggläubigen Familie. Für Yvonne als Quelle für Stärke und Selbstvertrauen genauso wie für ihre Trennung von der Familie. Beide sind auch auf der Suche nach der Liebe. Hoda nach ihrem ersten Mann, Yvonne nach dem Partner, der mal nicht vor ihrem Selbstbewusstsein davon läuft. Und beide werden Männern begegnen - Hoda dem Ingenieur Alberto, Yvonne dem jungen Luigi. Die im Jahre 1945 geborene Libanesin Hanan al-Shaykh zählt zu den bekanntesten Autoren ihrer Heimat. Mit "Zwei Frauen am Meer" hat sie einen besonderen Roman geschrieben. Warm, ruhig und intensiv in der Sprache. Und vor allem voller Symbole und Bilder. Weiße Felsen werden zu gigantischen Stiften, "wie Kakteen, teils glatt, teils rauh, gezackt mit weiter, runder Oberfläche wie ein freundliches Gesicht", andere zu wilden Hengsten, "fahlschwarz und porös wie Zähne". Wachsende Brüste verbindet Yvonne mit Eiern, die aufbrechen, bevor man sie in die Pfanne wirft, Hoda erinnert buschiges Schamhaar an die "braunen Fäden von Maiskolben" und das Meer an Zuckerwatte: "Je mehr sich davon im Mund auflöst, desto gieriger verlangt man danach." Die Beiruter Autorin erzählt von zwei emanzipierten Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft, deren Freundschaft auch kulturelle Grenzen nichts anhaben können, von zwei aufeinander prallende Welten, dem gestern und heute, die sich für einen Tag am italienischen Meer vereinen. Dabei sind beide Frauen Grenzgängerinnen geblieben, die jeden Schritt, jeden Geruch, jedes Erlebnis in Verbindung mit einer Vergangenheit bringen, die weit zurück liegt, aber in diesen Momenten wieder hervorsticht.

Zwei Frauen am Meer

Bild statt Wort

Einen gravierenden Mangel hat das Buch allerdings: es ist kostenlos.

100 Meisterwerke der Weltliteratur

Feier der Sprache

"Bahnhofsprosa" ist nicht Alltagsbeobachtung und erzählt keine Anekdoten von Menschen, die ihren Zug gerade verpasst haben, sondern hier feiert die Sprache sich selbst.

Bahnhofsprosa