Verpasste Gelegenheiten

Was schreibt man über einen Roman, der einen zu Tränen gerührt hat? Vielleicht beginnt man mit dem Versuch, die Handlung zu beschreiben. Im Falle von "Die Unbehüteten" kann dies nur grob geschehen, da die Ungarin Agnes Gergely in ihrem Roman die Betonung auf das innere Erleben der Protagonisten legt und die Sätze, welche den Fortgang der Handlung an sich beschreiben, auf ein Minimum beschränkt sind. Die Handlungszeit dieses 192 Seiten Romans zieht sich über mehrere Jahre hinweg. Karen, Übersetzerin und Schriftstellerin aus Budapest wird mit 40 Jahren Mutter. Drei Jahre später verliert sie ihren sieben Jahre älteren Mann Zoltán, und sieht sich ganz plötzlich durch den Unfalltod ihres Cousins und seiner Frau mit der Verantwortung für ein weiteres Kind, Detti, zwei Jahre älter als ihre Tochter Daniela, konfrontiert. Beide Kinder sind ungewöhnlich talentiert, Daniela schreibt Gedichte, Detti musiziert. Auf einer Reise nach Skandinavien lernt Karen den ebenfalls verwitweten Carlos kennen, er ist in der Filmbranche tätig. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, Carlos besucht sie in Ungarn. Eine Heirat wird geplant, doch plötzlich darf Carlos aus politischen Gründen nicht mehr einreisen. Karen bekommt nur alle paar Jahre eine Erlaubnis zur Ausreise, die auch jedesmal mit einem Forschungsvorhaben begründet werden muss. Das große Thema dieses in Ungarn im Jahre 2000 erschienenen Romans, ist die Macht der Vergangenheit in der Gegenwart. Es geht darum, diese Macht zu überwinden, ohne zu vergessen und der Zukunft eine Chance zu geben. Die erwachsenen Protagonisten in "Die Unbehüteten" haben alle ihre persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen mit dem Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg. Carlos ist dänisch-deutscher Abstammung, mit dänischer Hilfe gelang es der Familie nach Südamerika zu flüchten und "aus Carl-Gustav wurde Carlos". Karen verdankt den Dänen die Rettung ihres Lebens. Carlos war im Lager Sachsenhausen, der Vetter Karens Antal in Birkenau. Die Männer haben gegensätzliche Strategien mit diesen Erfahrungen umzugehen. Antal vermeidet alles, was ihn an die Zeit erinnert, läßt die Vergangenheit nicht in die Gegenwart dringen. Zumindest glaubt er das. Der Unfall, bei dem er ums Leben kommt, läßt allerdings zweifeln, ob Antal mit seiner Strategie Erfolg hatte. Carlos dagegen will alles wissen, er nutzt seinen Beruf, die Geschehnisse von Besatzung und Widerstand nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und aufzuarbeiten. In diesem Sinn hat Zeit hat für ihn keine Bedeutung. Bei Karen und den Mädchen will er seinen Durst nach Familie, Leben und Liebe löschen, doch auch Verantwortung übernehmen, die Mädchen und Karen behüten. Was aber ist es, das zu Tränen rührt? "Die Unbehüteten" ist nicht nur ein Text über die Vergangenheit, sondern auch über verpasste Gelegenheiten, über Hoffnungen und Sehnsüchte, die Liebe und den Tod. Karens Leben ist von unsäglichen Verlusten und unerfüllten Hoffnungen geprägt. Sie ist nicht "zum Weglaufen geboren", sie kehrt von den Auslandsreisen immer wieder nach Ungarn zurück, selbst dann, als sie gemeinsam mit den beiden Mädchen nach Skandinavien reist. Sie denkt nicht einmal daran, dass sie Carlos oder ihren schwedischen Verlag bitten könnte, ihr behilflich zu sein, außerhalb Ungarns ein neues Leben zu beginnen. Der Tod ist ihr ein allgegenwärtiger Begleiter, und es geht dabei nicht nur um die Toten der Vergangenheit. Sie muss so viele geliebte Menschen in so kurzen Zeitabständen verlieren, dass man sich fragt, wie kann sie das nur aushalten, wie kann das überhaupt jemand aushalten? Wahrscheinlich nur, weil der Tod nicht als Endpunkt verstanden wird, denn "Du wirst sehen, sie kommen alle zurück. Gib nur Acht. Verpaß den Augenblick nicht wieder." Mit dieser Aufforderung des Steuermannes, der den Roman einrahmt, denn er spricht auf der ersten und der letzten Seite zu Karen, und gibt sich damit als Steuermann ihres Lebens zu erkennen, werden wir aus dem Text entlassen. Es bleibt die Erkenntnis, dass nichts wichtiger ist, als aufzupassen, den Augenblick zu erkennen und zu nutzen. Wie hieß es in der Antike? "Carpe diem".

Die Unbehüteten

Katatonie

Der New Yorker Peter Moore Smith macht uns in seinem Debütroman mit den Untiefen des menschlichen Gehirns und der Psyche bekannt. "Die vergessene Zeit" erzählt die Geschichte zweier sich ungleicher Brüder und ihrer Familie, den Airies. Einst bestand diese aus den Eltern und drei Kindern, bis die kleine Tochter Fiona eines Abends spurlos verschwand und ihr Schicksal nie aufgeklärt werden konnte. In der Folge trennten sich die Eltern. Der ältere Bruder Eric entwickelte einen extremen Ehrgeiz und wurde Gehirnchirurg. Seinem Bruder Pilot dagegen gelang es nicht, Fuß zu fassen. Die Handlung setzt 20 Jahre nach dem Verschwinden Fionas ein. Pilot kommt mit seinem Leben nicht mehr klar, Eric holt ihn nach Hause. Die Mutter leidet an einer unerklärlichen Sehschwäche, sie nennt es "Gespenster sehen". Eines Tages, Pilot ist auf dem Weg die Mutter abzuholen, kommt er nicht am Ziel an. Drei Tage später wird er im Wald, der an das Grundstück der Airies grenzt, aufgefunden. Er hat einen psychotischen Schub erlitten und wird in die Psychiatrie eingewiesen. Die Diagnose lautet zunächst Schizophrenie. Doch zweifelt die Therapeutin Katherine, ob Pilot wirklich schizophren ist und beschäftigt sich deshalb mit dem Geschehen um Fionas Verschwinden. Sie beginnt nachzuforschen. 20 Jahre lang Katatonie, 20 Jahre lang Stillhalten der Beteiligten, 20 Jahre lang Verdrängungsmechanismen, und dann das Bewusstwerden der Erinnerung, so könnte man den Roman auch beschreiben. Der Originaltitel ist "Raveling", was so viel heißen kann wie "verwirrend". Verwirrend sind die Fallstricke unseres Gehirns und die Täuschungen, denen Erinnerungen erliegen können bzw. die Unsicherheiten an einer Erinnerung. Die Protagonisten sind verwirrt, nicht unbedingt in einem krankhaften Sinn. Doch verwirrt, weil plötzlich Gedanken und Gefühle auftauchen, vor denen sie immer geflüchtet waren. Es ist, als hätte Fiona beschlossen, dass 20 Jahre Geheimnis genug sind, und die Wahrheit nun ans Licht muss. Es ist natürlich nicht Fiona, sondern Pilot, der die Dinge in Gang bringt. Sein Unterbewusstsein und seine Therapeutin ermuntern ihn, die erlebte Wahrheit ans Licht kommen zu lassen, das Knäuel von Gefühl und Erinnerung, von Täuschung und Realität zu entwirren. Ungewöhnlich ist die Erzähltechnik von Smith. Der Roman ist aus der Sicht Pilots erzählt, doch in verblüffender Weise besteht die Erzählhaltung sowohl aus der ersten und der dritten Person und trägt erheblich dazu bei, die Motivation des Buches zu beschreiben und real zu machen. Der Leser ist zunächst irritiert, erkennt jedoch sehr schnell, dass das Buch und der Spannungsverlauf von diesem stilistischen Mittel lebt und profitiert. Zudem gelingt es Smith einen Begriff darüber zu vermitteln, wie man sich wohl unter dem Einfluss von Psychopharmaka fühlt. Dieser psychologische Roman entwickelt auf den letzten 100-150 Seiten die meiste Spannung, zuvor glaubte der Leser sich ein Bild machen zu können, die Geschehnisse einordnen zu können. Doch dann kommt plötzlich Unsicherheit auf, denn immer dann, wenn man glaubt, die Lösung zu kennen, wird sie wieder in Frage gestellt.

Die vergessene Zeit

Bellis Rückblick auf ihren aktiven Kampf für die Revolution in Nicaragua

Gioconda Belli wurde 1958 in Managua als Tochter einer Familie aus der Oberschicht Nicaraguas geboren, heiratete mit 18 standesgemäss und gebar ein Jahr später ihre erste Tochter. Anders als man es bei einer Literatur-Nobelpreis-Trägerin erwarten würde, war Belli in ihren jungen Jahren zwar eine begeisterte Leserin aber schriftstellerisch noch nicht sehr aktiv - abgesehen von ein paar Gedichten. Die Schriftstellerei sollte erst einige Jahre später zum Mittelpunkt ihrer Tätigkeit werden. Vorerst war es die Politik, die sie am meisten interessierte: Belli beteiligte sich ab 1970 am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN gegen die Somoza-Diktatur. Also nicht gerade das, was einer Frau aus der Oberschicht geziemt. Wenn man nicht wüsste, dass das Geschriebene die Erinnerungen Gioconda Bellis sind, könnte man meinen, einen seichten Thriller zu lesen. Ein bisschen Liebe, Sex und Tod und eine Portion Gewalt. Intrigen, Verschwörungen und erschütternde Schicksale, also alles, was einen seichten Thriller ausmacht. Doch das Ganze beruht auf Erlebtem. Stellenweise sind es die gar schwülstigen Worte Bellis, die die Seichtheit unterstützen: "Ich weiss nicht, ob ich es brauchte, zu leiden - mehr als einmal im Leben habe ich mir das Glück durch die Finger schlüpfen lassen -, doch brandete das Bild von Marcos, riesig und idealisiert, an den Strand meiner Seele und riss Schiffe, Brücken, ganze Dörfer mit sich fort." Nicht alles ist in diesem melodramatischen Stil geschrieben. Belli kann auch im nüchternen Erzählstil berichten. Fesselnde Lektüre ist es aber nicht. Es ist vielmehr der Inhalt, der dieses Buch interessant macht: Ein durchaus kritischer - nicht idealisierender - Rückblick auf den Sandinistischen Widerstand in Nicaragua, gespickt mit sehr Persönlichem von Gioconda Belli.

Die Verteidigung des Glücks

Vom Schicksal geläutert

Patrick Wallingford wurde als Sonderkorrespondent nach Indien geschickt, um über den Sturz einer Trapezkünstlerin eines indischen Zirkus' zu berichten, die ihren Ehemann, der auch ihr Trainer war, erschlagen hatte, als dieser sie zu retten versuchte. Sie überlebte und für Wallingfords Nachrichtensender war das eine Reise wert. Doch es sollte nicht bei dieser Sensation bleiben. Millionen Fernsehzuschauer durften zusehen, wie sich die Zirkuslöwen mit dem halben linken Arm des Journalisten verköstigten. Wallingford war dem Käfig zu nahe gekommen, weil er effektvolles Löwengebrüll in seine Reportage hatte einbauen wollen. Von nun an war der Journalist weltbekannt und hiess jetzt überall der Löwenmann. Einige Zeit später bot ihm eine Frau die Hand ihres kürzlich verstorbenen Ehemanns. Diese Idee kam Mrs. Clausens übrigens nicht erst als ihr Mann gestorben war. Als Gegenleistung musste Wallingford ein Kind mit ihr machen und ihr Besuchsrecht bei der Hand gewähren. Das fiel Wallingford nicht schwer, denn er hatte sich in Mrs. Clausens verliebt und wollte ihr Ehemann und ganz Vater werden. Dem widerspricht aber seine bisherige Lebensweise... Irving hat einen stellenweise amüsant zu lesenden Roman geschrieben. Allerdings bleibt die Charakterisierung der Hauptfigur merkwürdig oberflächlich und die Geschichte wird dadurch langatmig. Zweifelsohne eine Stärke ist die Einführung neuer Figuren, so beispielweise die des grotesken Handchirurgen Dr. Zajac.

Die vierte Hand

Margarete I.

Margarete I. , Königin von Norwegen, Dänemark und Schweden wurde 1353 geboren. Sie war die Tochter des dänischen Königs Valdemar IV. und wurde 1363 mit dem Norweger Hakon verheiratet, der jedoch schon 1380 starb. Das Paar hatte einen Sohn, Olaf, der für die Regierungsgeschäfte noch zu jung war und so regierte Margarete als seine Stellvertreterin. Nach dem frühen Tod ihres Sohnes wurde Margarete zur Fürstin des Reichs Dänemark gewählt, bald darauf auch für Norwegen. Schweden musste sie sich erobern, was ihr aber auch gelang. Margarete war es daran gelegen, die drei Länder unter einem König zu vereinen. Sie hatte den Enkel ihrer Schwester Ingeborg, Erik von Pommern, dazu ausersehen. Ihr Vorhaben gelang, Erik wurde zum König gewählt. Nach Erreichen seiner Volljährigkeit übernahm Erik die Regierung, allerdings behielt Margarete ihren Einfluss. Die 1956 geborene Dänin Maria Helleberg verfasste eine Romanbiografie um Margarete I. und schrieb damit ein Buch, welches in Skandinavien zum Bestseller avancierte. Helleberg schildert in "Die Winterkönigin" das Schicksal der kleinen Königin, die trotz ihrer Jugend und ihres zierlichen Wuchses eine starke Frauenpersönlichkeit war, die die Geschicke ihrer Familie und ihres Landes zu lenken wusste. Immer hatte sie ein Ziel vor Augen. Im Roman werden die Geschehnisse aus der Sicht Margaretes erzählt und der Leser erlebt eine Königin, die als komplexe Persönlichkeit dargestellt ist. Helleberg zeigt, dass Regieren eine immense Belastung sein kann und dass es viel persönliche Stärke und gleichzeitig Zurückhaltung braucht. Margarete ist auf sich gestellt, sie erfährt trotz ihrer Herkunft und Funktion auch Armut. Sie hat keine wirklichen Vertrauten, sie muss nach außen immer als starke Frau auftreten und ihre Ziele im Auge behalten. Margarete liebt ihren Mann Hakon, den eigentlichen König. Doch er ist schwach, er leidet unter der Schuld, die seine Familie in der Vergangenheit auf sich geladen hat und glaubt, dass er dafür büßen muss. Die Schuldgefühle enden letztlich in seinem Selbstmord. Und so muss die kleine Königin schon zu Hakons Lebzeiten die Zügel in die Hand nehmen. Wie ihr Vater ist sie eine Visionärin, die weiß, was sie erreichen will und deshalb die Kraft aufbringt, alle Widerstände zu brechen. Anfangs noch geleitet von Moral, erlebt Margarete, dass Macht ihre Schattenseiten hat, und dass auch sie nicht ohne Schuld geblieben ist: "Sie hatte immer geglaubt, daß sie es schaffen würde, Macht auszuüben, ohne zu sündigen. Doch das war unmöglich." Die 440 Seiten des Romans geben einen Einblick in die schwierige Regentschaft der kleinen Königin und erlauben einen Rückblick in die skandinavische Geschichte der Königshäuser. Es ist eine Geschichte, die so gänzlich anders ist, als man sich landläufig das Leben in einem Königshaus vorstellt.

Die Winterkönigin

Zusammentreffen der Vergangenheiten

Der bekannte polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski thematisiert in seinen Büchern die Schreckenstaten der Deutschen in Polen während dem zweiten Weltkrieg, von denen er selber nicht verschont worden war. Es geht ihm um den Umgang mit der Erinnerung, den Versuch zu vergessen und die Gefahr, die mit dem Vergessen verbunden ist. Der vorliegende Roman ist sein letztes Werk. Er starb am 16. Mai 2000 in Warschau. Die Szenen sind auf zwei zeitlichen Ebenen angesiedelt, sind aber auf einfache Weise verknüpft. Die Protagonisten hatten in der Vergangenheit und haben in der Gegenwart miteinander zu tun. In der Vergangenheit sind es die Täter und Opfer der Menschenvernichtung während des Nazi-Regimes, in der Gegenwart sind es die Teilnehmer einer - mit betrügerischen Absichten von einem amerikanischen Industriellen, einem Exilrussen und einem polnischen Juden auf die Beine gestellten - Kunstausstellung in Bad Kranach. Die Dramatik des Romans wird nicht etwa aus der Betrugsgeschichte geschöpft, sondern aus dem Zusammentreffen der Figuren an einem gemeinsamen Ort. Der je eigene Umgang mit der Vergangenheit, offene Rechnungen, verzerrte Erinnerungen und die gemeinsame Situation, die sich zudem dramatisch zuspitzt, enthalten beträchtliche Konfliktmomente aber auch Chancen für die Personen. Die Charaktere formt der Autor in vielen verschiedenen Szenen aus dem Krieg und bringt sie im Schlussteil zusammen, wo die unterschiedlichen Vergangenheiten aufeinandertreffen. Die historischen Szenen sind grösstenteils eindringlich erzählt und berühren nachhaltig. Zwischendurch besteht allerdings die Gefahr, den Überblick zu verlieren. Vielleicht deshalb ist die Dramatik des Zusammentreffens der Figuren in der Gegenwart nur teilweise geglückt. Beispielsweise die Begegnung zwischen der Hauptfigur Jan und dem SS-Offizier Kugler wirkt äusserst gestellt. Die Personen degradieren hier eher zu Sprachrohren. Ein mehr als zweiseitiger Monolog mit verschachtelten Sätzen als Teil eines Dialogs wirkt wirklich nicht authentisch.

Feuerspiele

Nervige Figuren

Colin lebt in einer kleineren englischen Stadt, arbeitet bei der Stadtverwaltung und besucht fast täglich seine Mutter. Die zeigt ihre Freude, indem sie immerzu stichelt und Gemeinheiten von sich gibt. Colins Zwillingsschwester Tilly hat sie so schon auf Dauer vertrieben und Tilly hat den Kontakt zur Mutter abgebrochen. Colin aber ist aus anderem Holz geschnitzt, er ist zu schüchtern seine Meinung zu vertreten. Dieser neue Roman Anne Fines, bei Diogenes erschienen, könnte witzig sein und doch fiel es mir schwer, bei der Lektüre auch nur zu lächeln. Warum? Colin, seine Mutter, die Schwester Tilly -, alle Hauptprotagonisten haben das Zeug, einen zum Lachen zu bringen: Colin ist ein unglaublicher Chaot, die Kommentare der Mutter über Zeitungsartikel oder ihre Mitmenschen entlarven sie selbst und Tilly ist in ihrer selbstgerechten Art auch nicht viel besser als die Mutter. Sie läßt Menschen, die ihr eben noch etwas bedeuteten, fallen wie eine heiße Kartoffel. Warum also will sich das Lachen nicht einstellen? Es wird wohl daran liegen, dass keiner der Charaktere den Leser erobern kann, es gibt keinen Roman"helden", weder im positiven noch im negativen Sinn. Colin lernen wir am besten kennen, da er als Hauptfigur auch sein Innenleben präsentiert, aber sympathisch wird Colin nicht. Seine Unkonzentriertheit und seine Schüchternheit nerven bald, denn Colins Persönlichkeit weist einen Bruch auf. In seinem Beruf steht er seinen Mann, schlichtet Streit, mahnt Menschen ab, erteilt Anweisungen. Er traut sich etwas, ist aber kaum in der Lage, dies auf sein Privatleben zu übertragen. Der Roman entwickelt keine Sympathieträger, aber auch niemanden, der als "bad guy" faszinieren könnte. Die Figuren sind einfach nur anstrengend, sie sind manchmal schwer zu ertragen und - ihr größtes Manko - sie überzeugen dabei nicht. Anne Fine hat mit ihrem Personal, der deutsche Titel trifft hier unfreiwillig ins Schwarze, zuviel des Guten getan. Diesen Eindruck ändert auch nicht das Thema des Romans, der doch satirisch des Menschen Problem mit dem Altern und dem Umgang mit alten Menschen behandeln will. Dies ist schade, denn dieses Thema ist es wert, dass man sich seiner annimmt und mit Witz und Charme würde sich man ihm auch am angemessensten nähern. Anne Fine ist ja eine erfahrene und erfolgreiche Autorin, insbesondere wurde sie mit Büchern für Jugendliche bekannt. Und in diesem Zusammenhang fällt einem doch noch eine Figur ein, die in diesem 315 Seiten Roman sympathisch und treffend geschildert wird: es ist die 3-jährige Tammy, von Colin wie ein eigenes Kind geliebt. Vielleicht ist Fines wirkliches Genre ja doch die Literatur für die kleinen Menschen.

Zuviel des Guten

Missbrauch der Religion

Nafa Walid träumt. Er ist überzeugt davon, dass er der geborene Schauspieler ist, muss sich jedoch mit der Rolle des Chauffeurs bei der einflussreichen und reichen Familie Raja begnügen. Dies geht gut bis in Raja Juniors Bett ein junges Mädchen an einer Überdosis Rauschgift stirbt. Nafa muss helfen die Leiche zu beseitigen. Dieses Erlebnis verändert Nafas Leben. In seiner seelischen Bedrängnis findet er Zuflucht in der Religion und gerät in das Umfeld von Islamisten. Dies ist die Ausgangssituation des neuen Romans von Yasmina Khadra, einem Autor, der 1956 in Algerien geboren wurde und eigentlich Mohammed Moulessehou heißt. Moulessehou/Khadra war ein hoher Offizier der algerischen Armee und wurde im algerischen Bürgerkrieg Zeuge der sinnlosen Gewalt der Islamisten und ihrer selbstgerechten Art. Seit 2000 lebt Moulessehou mit seiner Familie in Frankreich und konnte erst im Exil sein Pseudonym lüften. Bekannt wurde er bislang mit Kriminalromanen. In "Wovon die Wölfe träumen" gelingt es Khadra über die Schilderung des Lebens Nafa Walids darzustellen, wie ganz normale Menschen in den Sog von Extremisten gelangen können. Er kann auf Algerien und die Islamisten begrenzt gelesen werden, doch kann er auch so gelesen werden, dass Algerien nur als Beispiel fungiert. Damit ist der Roman dann nicht begrenzt auf den Islam, er zeigt nur anhand der Islamisten, was auch in anderen fundamentalistischen Strömungen möglich sein kann und ist. Dies macht die eigentliche Brisanz des Romans und den Verdienst Khadras aus und vermag in Ansätzen das notwendige harte Vorgehen nach dem 11. September erklären. Jegliche extremistische Strömungen, seien sie christlich-fundamentalistisch oder islam-fundamentalistisch missbrauchen die Religion. Menschen, die sich nicht respektiert fühlen sind schnell Opfer der Bauernfänger. So treten auch die Islamisten in Khadras Roman den Bauern gegenüber als Gutmenschen auf: "Er [der Emir, also der Anführer] sorgte sich um die Gesundheit der Alten und der Kinder, er brannte niemals eine staatliche Schule nieder, ohne nicht zugleich eine Koranschule zu eröffnen, befreite die Dörfer von den Blutsaugern des Regimes und begeisterte die Jugend durch mitreißende Predigten." Manchmal liegt die Dramatik nicht einmal im Zulauf zu fundamentalistischen, nationalistischen oder auch kriminellen Organisationen, sondern viel mehr in der Unmöglichkeit, sie wieder zu verlassen. Die Strukturen sind so menschenverachtend, dass jeglicher Regelverstoß, und was ein Regelverstoß ist, wird beliebig definiert, den Tod bedeutet. Also passt man sich an, und erhält im Gegenzug Respekt und Vertrauen, so auch Nafa: "Zum ersten Mal im Leben entdeckte er sich selbst, wurde er sich seiner Leistungen bewusst, seines Wertes und Nutzens als Mensch, als Person. Endlich existierte er. Zählte er." Nicht erst seit dem 11. September, doch insbesondere in der Folge dieses Datums, tragen Romane wie "Wovon Wölfe träumen" dazu bei, eine Ahnung der Motivation zu bekommen, die junge Menschen zu Killermaschinen werden lässt und was sie daran hindern kann, sich wieder dem Leben zuzuwenden.

Wovon die Wölfe träumen

Grossvater mit vier Enkeln in Bergnot!

Dass Per Olov Enquist auch Psychologe ist, und zwar ein guter, weiß man seit "Kapitän Nemos Bibliothek". Seine Historischen Romane sind unter anderem deshalb so überzeugend. Auch dieses Buch hat Wolfgang Butt wieder hervorragend und sensibel übersetzt. Wie nah sich der Autor in Kinder einfühlen kann, zeigt er nochmals in "Großvater und die Wölfe". Das Buch, vom Carl Hanser Verlag für Kinder ab acht Jahren empfohlen, kann man nur allen Eltern wärmstens ans Herz legen, für sich selbst und ihre Kinder. Erstere sollten die beiden ersten Kapitel lesen. Enquist hält ihnen da einen (ganz verständnisvollen) Spiegel vor. Letztere allerdings werden wohl diese 26 Seiten nicht so spannend finden. Dann allerdings beginnt eine geradezu atemberaubend packende und auch wieder ganz anrührende Geschichte. Großvater Enquist möchte einen Berg besteigen und nimmt seine vier Enkel, die jüngste gerade vier Jahre alt, auf die dreitägige "Expedition" mit. Denn: "Wenn man Angst hat, dass die Krokodile wieder angreifen" - und zwar das Krokodil von Papas Pullover, das nachts abhaut und groß wird - "dann muss man etwas Großes tun. Sodass ein Angriff eines Krokodils einem wie ein ganz kleiner Scheiß vorkommt." Großvaters Frau Gunilla bleibt unten und hat währenddessen Zeit, sich Sorgen zu machen. Und tatsächlich: Die Enkelin Ia und die alte Hündin Mischa müssen schließlich den in Bergnot geratenen Trupp retten. Die Geschichte scheint nicht einmal erfunden - vielleicht etwas ausgeschmückt - zu sein! Großvater jedenfalls braucht die Enkelkinder genauso wie sie ihn. Alle wachsen an dem Abenteuer. Viel Interesse wird Enquist in jüngerer Zeit gerade auch in Deutschland entgegengebracht. "Mit seinen 69 Jahren ist er immer noch neugierig und wirkt überhaupt nicht abgeklärt. Ein humorvoller, freundlicher, auskunftsbereiter, weißhaariger Herr, der gern erzählt." So charakterisierte ihn Heide Soltau im NDR. Doch was heißt "immer noch neugierig": Enquist lebt eben. Wer leben und kreativ sein will, muss offen sein für Neues, Phantasien ernst nehmen und Abenteuer wagen. Und wenn Großvater Enquist sich allein nicht traut, nimmt er eben ein paar Kinder mit. Vernünftig zu sein, lernen die von ihren Eltern. Aber was kann man mit Vernunft gegen ein wild gewordenes Lacoste-Krokodil ausrichten?

Grossvater und die Wölfe

Geschichten, die das Leben schreibt

"Erzähl diese Geschichte", bittet die krebskranke, im Sterben liegende Eileen ihren Exmann, den Schriftsteller Campbell Armstrong. Es ist die Erzählung, wie Eileens Tochter Barbara nach 42 Jahren ihre Mutter fand. Die Tragik der im Grunde glücklichen Geschichte liegt in der Tatsache, dass nicht nur Eileen schwer an Krebs erkrankt ist, sondern auch die Tochter. Beide wissen, als sie endlich aufeinander treffen, es bleibt ihnen nicht viel Zeit. Eileen war siebzehn, als sie Mitte der 50er Jahre im schottischen Glasgow schwanger wird. Die Eltern sind gläubige Juden, die sich um ihre Tochter sorgen. Sie wollen ihr das Schicksal einer alleinerziehenden, gesellschaftlich geächteten Teenagermutter ersparen und verlangen, Eileen soll das Baby nach der Geburt zur Adoption freigeben. Das junge Mädchen hat keine Wahl. Die Familie zieht für die Zeit der Schwangerschaft an einen anderen Ort, wo man sie nicht kennt. Eileen bringt eine gesunde Tochter zur Welt, die sie Barbara nennt. Einige Tage darauf muss sie sich von dem Kind trennen. Jahre später heiratet Eileen den angehenden Schriftsteller und Lektor Campbell Armstrong, im Laufe der Zeit bekommt das Paar drei Söhne. Schon früh zeichnet sich ab, Campbell hat ein Problem, welches seine persönliche Lebenssituation erheblich beeinflusst und belastet: der Alkohol. Campbell zieht mit der Familie in die USA, unterrichtet an kleinen Universitäten, glaubt durch die Ortswechsel den Alkohol hinter sich lassen zu können, was natürlich ein Trugschluss ist. Nach Jahren wird die Ehe geschieden, Campbell heiratet ein zweites Mal, zieht nach Irland. Eileen bleibt in den USA und baut sich ein eigenes Leben mit erfolgreicher Berufstätigkeit auf. Es trifft sie und die Familie wie ein Schlag als die Diagnose Lungenkrebs kommt, der als inoperabel, weil schon fortgeschritten und metastasierend, eingestuft wird. Es bleibt lediglich so würdevoll wie möglich dem Tod entgegenzusehen. In England lebt Barbara. Schon viele Jahre versucht sie ihre leibliche Mutter ausfindig zu machen, bislang erfolglos. Die letzte Chance ist die Adoptionsstelle von Schottland. Barbara hat Angst. Auch sie wurde mit der Diagnose Krebs, der metastasiert ist und verschiedene Organe befallen hat, konfrontiert. "Ich sehe dem Tod ins Auge. Ich muß meine Mutter sofort finden.", schreibt sie auf. Und tatsächlich, sie erhält einen Namen in Schottland, ihre Mutter stammte von hier. Jetzt hat sie einen Anhaltspunkt, der ihre Recherchen vorantreibt. Sie macht Eileens Bruder Sidney ausfindig, erhält von ihm die Auskunft, die Mutter lebt todkrank in den USA. Er hält sie hin, verständigt die Schwester nicht sofort und leitet Barbaras Brief an die Mutter nicht weiter. Nach einigen Wochen reißt Barbara der Geduldsfaden, die Angst zu spät zu sein, läßt ihr keine Ruhe. Nun übermittelt Sidney den Brief endlich und Barbara erhält einen Anruf, eine Stimme sagt: "Hier ist deine Mutter." Campbell Armstrong hielt sein Versprechen, das er Eileen gab. Er zeichnete mit dem Buch "Ich hoffe, dein Leben war schön" die Geschichte von der Suche und dem Zusammentreffen von Mutter und Tochter auf. Es ist ein bewegendes Zeugnis geworden, niedergeschrieben in mitreißendem und sehr persönlichem Stil. Denn Armstrong ist ehrlich genug, auch seinen Teil an Eileens Leben miteinzubringen. Das Buch ist nicht nur der Bericht über die Suche und das Zusammentreffen von Mutter und Tochter, es ist auch eine Beichte des Kriminalschriftstellers Campbell Armstrong. Offen und ehrlich rechnet er mit sich selbst ab, betreibt vielleicht auch eine Art Exorzismus mit der Hoffnung dem Suchtteufel keine Gelegenheit mehr zu geben, die Macht über ihn zu ergreifen. Und nicht zuletzt ist der Bericht auch eine letzte Ehrerweisung an eine bemerkenswerte und großherzige Frau, Eileen Black.

Ich hoffe, dein Leben war schön

Rache rächen

Nina erlebte als Kind etwas Furchtbares: Ihr Vater und kleiner Bruder wurden erschossen und das Haus, wo sie mit ihrer Familie wohnte, wurde niedergebrannt. Nina überlebte in einem Kellerloch, wo ihr Vater sie versteckt hatte. Denn er wusste, was passieren würde. Er sollte für seine Untaten büssen, die er als Arzt während des Krieges begangen hatte. Geschieht es ihm recht? Aus Sicht seiner Opfer, ja. Aus Sicht der Tochter, die ihren Vater liebte, nein. Der jüngste der vier Rächer entdeckte Nina in ihrem Versteck, wo sie bewegungslos und ordentlich ausharrte. Die beiden guckten sich in die Augen. Tito liess sie dort unten liegen und sagte den anderen nichts. Manuel Roca, der Vater, war tot, er hat gebüsst, die Angelegenheit schien erledigt, doch sie war es nicht. Viele Jahre später wird offensichtlich die Rache gerächt. Die Beteiligten sterben einer nach dem anderen. Tito, der jüngste, sieht sein Ende nahen. Er ist bereits ein alter Mann, verkauft Lose und rechnet jederzeit damit, von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden, bis eines Tages Nina vor ihm steht. Sie gehen etwas trinken und reden. Tito will sich seinem Schicksal ergeben. Alessandro Baricco begibt sich mit seiner kurzen Erzählung tief in die Niederungen der Menschen und legt verschiedene Blickwinkel offen, für die Verständnis aufzubringen, nicht schwer fällt, die jedoch unvereinbar sind. Eines ergibt das andere und am Ende ist man wieder am Anfang.

Ohne Blut

Die Fremden in der Familie

Dieser Krimi ist eine Studie über Familie, diese Menschen, die sich so fremd sein können und von denen man manchmal feststellt, man hat ja keine Ahnung über ihr Denken und Fühlen, kennt nur die Fassade.

Rosas Rückkehr

Wenn der Phallus nicht mehr mitmacht

Wir schreiben das Jahr 2020. Die USA und China haben sich gegenseitig atomar zerbomt, es hat weniger Menschen, weniger Verkehr, mehr Unsicherheit und Gewalt, kaum Polizei, keine Regierung und einige Schutzgelderpresser. Die Vögel zwitschern von den Dächern, Rehe pflücken frische Triebe in den Gärten der Menschen und die Menschen gehen arbeiten, gucken fern, lesen Zeitung, vermehren sich, spielen Golf. Die einen leben in ihren grossen Häusern am Meer, die anderen sind kriminell, gehen für Drogen auf den Strich und dann gibt es noch die, die irgendwo dazwischen sind. Ben Turnbull gehört zu denen mit den Häusern. Er war einmal Börsenmakler und ist heute pensioniert. Ihn kratzen die Schutzgelderpresser nicht weiter, er kann es sich leisten. Gloria, seine Frau, definiert er über die ewige Hysterie, in die sie verfällt, wenn das unschuldige Reh ihre Pflanzen maltretiert und sie von ihm kriegerische Massnahmen fordert und über das, was einmal war, aber nicht mehr ist. Ben wird alt. So richtig lebendig wird er, wenn es um die Befriedigung seines sexuellen Triebes geht, für die hat er ja Deirdre, die für Drogen auf den Strich geht. Als dann Gloria über längere Zeit (für ihn unerklärlich) weg ist, entwickelt er eine Beziehung zu Deirdre, wobei die Beziehungsentwicklung wohl einseitig bleibt, denn sie setzt sich bald wieder ab (natürlich nicht ohne einiges mitgehen zu lassen). Gloria kehrt zurück. Ben kriegt Krebs. Als Folge des operativen Eingriffs verliert sein geliebter Phallus die Funktionstüchtigkeit. Ben sieht keinen Sinn mehr. Das Reh ist ermordet. John Updike hat mit diesem Buch, einen Roman aus der Sicht eines Mannes geschrieben (es sind Bens Notizen, die wir lesen), der merkt, dass es mit ihm zu Ende geht. Das einzige, was der Hauptfigur dabei anscheinend zu schaffen macht, ist der Niedergang seines Sexualorgans. Seine Entwicklung in diesem Roman geht vom sexuell Aktiven zum sexuell gezwungenermassen Inaktiven. Viel mehr lässt sich nicht ausmachen. Trotz einigen amüsant zu lesenden Passagen und gekonnt geschilderten Beziehungen in interessanten Situationen, überzeugt die Geschichte nicht wirklich. Die botanischen Ausschweifungen (die Natur soll offensichtlich metaphorisch den Werdegang des Protagonisten widerspiegeln) und Gedankengänge über Physik oder Historie werden meist nur von Bens sexuellen Phantasien oder Taten unterbrochen. Der Schluss könnte ebenso gut der Anfang sein. Oder war das Absicht?

Gegen Ende der Zeit

Geraubte Kinder

Drehbuchartig und mit an Kitsch grenzender, herzzerreissender Dramaturgie erzählt.

Mein Name ist Luz

Logo statt Logos

2001 erschien "39,90" von Frédéric Beigbeder in Deutschland. Was man von diesem Buch, das in Frankreich für einen der üblichen Skandale sorgte, für das Leben im 21. Jh. lernen kann ist: Sich nicht auflehnen, sondern sich enthalten. So, wie Octave, der sympathisch unsympathische Held des Romans, der der Werbefirma, bei der er angestellt ist, nicht kündigen will, sondern sich lieber vom System der "zerebralen Vergiftung" feuern lassen möchte, um in den Genuss der Arbeitslosenversicherung zu kommen. Zitiert werden sowohl Goebbels, Marx als auch die Bibel. Und trotz der reichlichen Fäkalsprache, der pornographischen Phantasien und der Publikumsbeschimpfung ist dies ein politisch sehr korrektes Buch. Die Frage ist natürlich, aus welchem Blickwinkel man das behauptet. Aus dem Blickwinkel der Aktionäre und Arbeitgebervertreter ist "39,90" sicher ein schlimmes Buch. Aus der Perspektive des zum Verbraucher degradierten Demokratiebürgers ist es eine Offenbarung, ein Versuch, ihm die Würde wiederzugeben. Denn vom Logos der abendländischen Philosophie, so der Autor, seien uns nur noch die Logos der Firmen geblieben. "Kennt ihr den Unterschied zwischen Arm und Reich? Die Armen verkaufen Drogen, um sich Nikes zu kaufen, und die Reichen verkaufen Nikes, um sich Drogen zu kaufen." So schlagwortartig sind viele der Analysen, die Beigbeder uns gibt. Dass dabei keine soziologisch differenzierten Gesellschaftsbilder entstehen, ist klar. Und darum kann es in dem Buch ja auch nicht gehen. Was hier gelingt, ist vielmehr die Darstellung eines Beispiels stellvertretend für die übergreifenden Mechanismen. Seine Drastik und daher seine Wirksamkeit bezieht "39,90" aus der grellen Fiktion, die leider doch wahr sein könnte und deren reale Entsprechungen sich täglich zwischen uns abspielen. Mit witzigbösen Anekdoten, unterhaltsamer Sprache und schmerzhaften Fakten geht der Text daran, das Bild einer harmlosen Globalisierung, von der alle etwas haben, ins rechte Licht zu rücken. "Barbie verkauft weltweit zwei Puppen pro Sekunde. 2,8 Milliarden Erdenbewohner leben von weniger als zwei Dollar pro Tag" oder "zwei Millionen Menschen sind 1998 [in Afrika] an Aids gestorben, vor allem weil Pharmaunternehmen wie die amerikanische Firma Bristol-Myers-Squibb [...] sich weigern, die Preise zu senken." Solche Sätze müssen nicht kommentiert werden und stehen deswegen einfach so mitten im Text, lassen einen kurz aufschauen und den Kopf schütteln, ehe man sich wieder Beigbeders mitreißenden Schilderungen hingibt. Mitreißend sind diese Schilderungen aus der dekadenten Sicht des überbezahlten Texters nicht zuletzt wegen der temporeichen, im Werbebusiness geschulten Sprache, der dargestellten Absurditäten und der ernsten Botschaft, die dieses Buch mitbringt. Und auch das Anekdotenhafte des Romans stört nicht. Vielmehr macht es das Lesen äußerst kurzweilig, ohne dass die Spannung der erzählten Geschichte verloren geht. Das Buch endet, wie es anfängt: in einer Enthaltung. Nur ist es jetzt eine Verweigerung dem Leben gegenüber, dem Leben, das ohnehin zum Werbetrailer verkommen war. Auflehnen kann man sich nicht, so vermittelt uns Beigbeder. Verweigerung ist die einzige Chance, denn sobald man nur irgend etwas tut, macht man mit. Das Dilemma ist, dass die Verweigerung, will sie konsequent sein, Tod bedeutet. Das weiß der Autor und so ist auch Beigbeders Buch eher eine Auflehnung als eine Verweigerung. Das sagt uns schon der zynische Titel: "39,90" war der Preis des Buches in D-Mark.

39.90

Der Schriftsteller Leonhard Frank

Leonhard Frank wurde 1882 als viertes Kind eines Schreinergesellen in Würzburg geboren. Er arbeitete als Schlosser, Chauffeur, Anstreicher und Klinikdiener und beschloss eines Tages, Maler zu werden. Stets mit Geldnöten kämpfend, begann er 1904 ein Kunststudium.1910 zog er nach Berlin und entdeckte bald seine erzählerische Begabung. Der erste Roman "Die Räuberbande" wurde mit dem Fontane-Preis ausgezeichnet. Seine pazifistische Gesinnung, die er auch offen zum Ausdruck brachte, zwang ihn, 1915 in die Schweiz zu fliehen. 1918 erschien dort "Der Mensch ist gut", seine Erzählung gegen den Krieg (heute leider nur noch im Antiquariat erhältlich). Das Buch, es war in Deutschland verboten, wurde in sein Herkunftsland geschmuggelt. Inzwischen war er ein bekannter Autor. Er kehrt 1920 nach Berlin zurück und kostete das Leben ohne materielle Beengungen aus. 1933 ging er abermals ins Exil, diesmal für 17 Jahre. Über Zürich und London gelangte er nach Paris. Aus Frankreich, wo die Emigranten interniert wurden und viele in die Hände der Gestapo fielen, musste er dann auch flüchten und gelangte nach Portugal, von wo aus er in die USA überschiffte. 1950 kehrte er nach Deutschland zurück. Er wurde allerdings wenig begeistert aufgenommen. Mit seinen kritischen Werken war er bei vielen in Ungnade gefallen, so auch in seiner Heimatstadt Würzbug. Hier trug man ihm den Roman "Die Jünger Jesu" nach, in dem er mit den Alt-Nazis der Nachkriegszeit abgerechnet hatte. Die Autobiografie erschien 1952. Sie schildert die Höhen und Tiefen, Hoffnungen und Niederlagen dieses Lebens auf packende Weise. Der Aufbau-Verlag verspricht nicht zuviel: "In einer meisterhaften Mischung aus Pointiertheit und Überschwang gestaltet er die Schicksale seines Doubles Michael Vierkant. Dieser Lebensbericht gehört zu den bleibenden literarischen Selbstzeugnissen und ist eines der grossen Bekenntnisbücher des Jahrhunderts."

Links wo das Herz ist

Falsche Fährten

Steinfurt im Münsterland, Februar, Fastnachtszeit. Man findet die Leiche einer jungen Frau, noch im Tod eine Schönheit. Der Fund ist bizarr, denn die Leiche, bekleidet nur mit einem Unterkleid, steht gegen einen Baum gelehnt, Hand- und Fußstellung als würde sie Tango tanzen. Verletzungen sind keine sichtbar, doch ist der Körper von Eis überzogen und gefroren. Wer ist die Tote? Zunächst glauben Kommissar Rohleff und seine Mitarbeiter, dass es sich bei dem Fund um eine junge Türkin handelt, wird sie doch auch durch die Mutter identifiziert. Aber dann kommen den Ermittlern Zweifel. Kriminalromane mit lokalem Bezug sind allseits beliebt und sprechen für eine Verbundenheit von Leser und Autor zur geografischen Region. Doch auch Ortsfremde lassen sich gern zu einer Lektüre verführen, läßt diese im besten Fall eine Kopfreise zu dem beschriebenen Ort zu. Eva Maaser stammt aus Westfalen und siedelte auch ihre beiden Krimis - sie eröffnete die Reihe mit dem 2000 erschienenen Roman "Das Puppenkind" - dort an. Neben dem Kriminalgenre ist Maaser noch im Feld des historischen Romans tätig, darunter ihr Debüt von 1999 "Der Moorkönig". In "Tango Finale" beschränkt sich der regionale Bezug mehr oder weniger auf ein "name dropping" und führt Leser und Ermittler denn auch für das letzte Drittel nach Berlin. Hier allerdings ist Ortskenntnis und/oder eine gute Recherche ersichtlich und macht aus dem Münsterländer Krimi fast ein Berlin Buch. Nur die Fahrpreise der öffentlichen Verkehrsmittel lassen erkennen, dass das Manuskript schon länger vorlag, denn die Berliner Verkehrsbetriebe scheinen die Preise mit alljährlicher Regelmäßigkeit zu erhöhen. Interessant sind die Charaktere der Ermittler, der Roman kann hier als eine Verhaltensstudie gelesen werden, was ihm gut bekommt. Näher ausgestaltet sind Kommissar Rohleff und Harry Groß. Rohleff muss sich mit seinen späten Vaterfreuden auseinandersetzen. Die Gefühle zum Sohn sind noch gespalten, denn im Vorfeld der Schwangerschaft seiner jungen Frau musste Rohleff einige ärztliche Prozeduren über sich ergehen lassen, da "die Qualität seines Spermas zu wünschen übrigließ". Seine Unausgegorenheit wirkt sich auch im Verhältnis zu dem Kollegen Groß von der Spurensicherung aus. Seit Rohleff mit einem weiteren Kollegen Harry Groß zu Hause aufsuchte, gärt die Gerüchteküche: "Harry Groß benutzte Taschentücher mit eingesticktem Monogramm, keine Papiertücher wie gewöhnliche Leute, das paßte zu einem Mann mit einer Vorliebe für englischen oder schottischen Tweed, aber paßte es zu einem, der sich zu Hause ausschweifend in schwere Seide hüllte, auf der ein rotgoldener Drache prangte? Rohleff wunderte sich im stillen, allerdings kannte er sich mit Männer von Harrys sexueller Fraktion wenig aus." Wer hier, schon zu Beginn des Romans, entlarvt wird, ist Rohleff und nicht Harry Groß. Rohleff versteht nur den Einheitsmenschen, aber nicht den, der aus dem allgemeinen Schema herausfällt. Harry Groß ist ein Kulturmensch mit Sinn für Ästhetik, für die schönen Dinge im Leben. Dies reicht aus Rohleff zu verunsichern und in Groß einen Homosexuellen zu sehen. Den Vorurteilen sind Tür und Tor geöffnet. Zu Rohleffs und seiner Kollegen vagen Entschuldigung kann angemerkt werden, dass Groß sich in dem Fall der schönen Toten merkwürdig verhält und damit Rohleffs Haltung bestärkt. Harry Groß kannte die Tote, war ihrer Anziehung erlegen, plagt sich aber mit Erinnerungslücken betreffend den Nachmittag an dem er sie aufsuchte. Die Verwicklung ist ihm peinlich und am liebsten würde er den Fall schnell alleine klären, er weiß auch, er würde zu den Verdächtigen zählen, wenn er jetzt seine Bekanntschaft mit der Toten öffentlich machte. So agieren Rohleff und Groß nebeneinander, schleichen umeinander herum wie zwei kampfbereite Raubkatzen, von Verdächtigungen, Vorurteilen und Verletzungen geplagt. Erst nachdem der Fall gelöst und der Vorgesetzte mit sich im Reinen ist, kommen die beiden Ermittler sich wieder näher und man kann annehmen, dass beide etwas über sich und den anderen erfahren haben, was die zukünftige gemeinsame Arbeit positiv beeinflussen wird.

Tango finale