Links - Deutsch / Deutsch - Links Wider die Wokeness
Der politische Konformismus in Deutschland wächst, blüht und gedeiht in Staat und Gesellschaft, so scheint es, auf Veranstaltungen wie dem Würzburger Katholikentag, auf dem weniger der dreifaltige Gott der Christen als vielmehr „unsere Demokratie" beschworen wurde, und auch in vielen Medien. Die „Diktatur des Relativismus" (Joseph Ratzinger) greift um sich, sie bildet sich auch und besonders ab in einer neu geschaffenen Sprache, die alle inkludieren möchte, doch Sprachempfinden, ja auch die Grammatik verhöhnt. Pauline Voss und Julian Reichelt veröffentlichen ein Manifest gegen den medialen Mainstream, besser gesagt: ein Wörterbuch zur Entschlüsselung der politisch korrekten, vermeintlich einzig wahren Gegenwartssprache.
Julian Reichelt macht im Vorwort darauf aufmerksam, dass die Sprache heute zur Unterscheidung von Gut und Böse genutzt werde. Der Marsch durch die Institutionen der 68er-Generation führe zur Okkupation der Sprache, der „sogenannte vorpolitische Raum" sei eine „Industrie linker Sprachdominanz", der Universitäten, Theater und aus Steuergeldern finanzierte NGOs gehorchen müssten: „Die strategische Dominanz dieses machtpolitisch genialen Vorgehens erkennt man daran, dass Konservative über viele Themen nur in linker Sprache sprechen können, weil alle andere Sprache verkümmert ist, aufgegeben und hergeschenkt wurde." Reichelt formuliert provokativ und schneidig, doch analytisch bedenkenswert: „Während Linke ihr Linkssein skandieren können, müssen Rechte ihr Rechtssein zaghaft umschreiben, um sich bloß nicht verdächtig zu machen." Wer etwa für den unbedingten Lebensschutz eintritt, so wissen viele Christen aus eigener Erfahrung, gilt auch in der eigenen Kirche als „rechts" oder als Gesinnungsfreund bestimmter politischer Parteien. Wer aus Gründen der Sprachsensibilität auf graduelles oder konsequentes Gendern verzichtet, der bewegt sich nicht im Raum der Sprachkunst, in Gesellschaft von Literaten wie Thomas Mann, Martin Walser oder Bertolt Brecht, sondern diskriminiert nahezu sämtliche Identitäten und möglichen Geschlechter, die bestimmte soziale Medien kennen und ausweisen. Die Diversität scheint zu regieren und zu triumphieren, die Biologie erscheint dagegen wie eine konstruktivistische Phantasie – und bleibt trotz aller Leugnungen eine unbestreitbare Natur- und damit Wirklichkeitswissenschaft.
In diesem Band wird ein neuer Kulturkampf beschrieben, mit fundierter Analyse, mit polemischer Zuspitzung und sicher auch mit der Lust an der Provokation. Björn Harms etwa benennt, dass sich sogar prominente Unionspolitiker heute zur „antifaschistischen DNA" ihrer Partei bekennen, dabei aber geschichtslos sich artikulieren und vergessen, dass der Kampfbegriff aus dem kommunistischen Milieu der Weimarer Republik stammt und zur Legitimation von Gewalt dient. Die SPD-Anhänger wurden seinerzeit als „Sozialfaschisten" beschimpft: „Wer als Faschist gilt, suchen sich die Antifa-Anhänger selbst aus." Der vielfach verwendete Begriff aus dem Bauwesen, die „Brandmauer", so legt Jan Karon dar, sei „kein Schutzwall, sondern eine Mauer der Ignoranz": „Wer sie hochzieht, verrät sein eigenes Weltbild, das Pluralismus nur simuliert, während es in Wahrheit eine Einheitsfront gegen alles Rechte aufbietet." Die „metaphorische Feuerwand" wirkt in der Tat wie ein Abwehrreflex von Ängstlichen, aber hier muss freilich auch bedacht werden, dass einige populäre Parteien in Deutschland – von den Grünen bis zur AfD – höchst problematische politische Positionen aufweisen, ob in der Umwelt-, Außen- oder Migrationspolitik, aber dass die Diskursverweigerung kaum ein Zeichen für eine starke, wehrhafte Demokratie ist. Wenn ein Politiker der Grünen etwa wider den Lebensschutz für die Etablierung des Menschenrechts auf Abtreibung eintritt oder ein AfD-Politiker sich vielleicht für eine andere Russlandpolitik oder für die Förderung von Atomkraft ausspricht, so ist das die Stunde der Bewährung der Demokraten und nicht der Augenblick der Gesprächsverweigerung.
Der bekannte Soziologe Norbert Bolz äußert sich über die sogenannte Heteronormativität und schildert die „Reeducation", in der die „Unterscheidung von Mann und Frau durch ein Kontinuum vieler Geschlechter" ersetzt werde: „So ist ein kulturelles Klima absoluter Toleranz entstanden, die sich aber als absolute Intoleranz gegenüber den traditionellen Lebensformen, vor allem gegenüber den traditionellen Geschlechterrollen äußert. Damit wird der Normalität der Krieg erklärt." Diese Zuspitzungen muss man als Leser nicht mögen, aber man darf über sie nachdenken und sich auch zu Gegenargumenten herausfordern lassen.
Claudio Casula erörtert Begriffe wie „Klimaangst" und „Klimakatastrophe", spricht von einem „wirtschaftlichen Harakiri" und einem „eingeredeten Zustand", der bis in die Bildungsanstalten reiche: „Linke Lehrer schickten ihre Schüler auf Klima-Demos." Das mag zutreffen, ist aber nicht so neu, denn in den 1980er- und 1990er-Jahren, als der Antiamerikanismus florierte, marschierten Schüler und Studenten auch für den Frieden und protestierten unter anderem gegen den ersten Irakkrieg, der damals mit einem UN-Mandat nach der Besetzung Kuwaits durch das Regime Saddam Husseins geführt wurde. Verständnisvoll übrigens zeigten sich Lehrkräfte seinerzeit auch immer, wenn Schüler an die deutsche Teilung glaubten und die DDR als eine Alternative für die Bundesrepublik Deutschland ansahen.
Manches also wiederholt sich geschichtlich in anderer, aber ähnlicher Gestalt. Gleichwohl bleiben die in diesem Band vorgestellten Analysen und Thesen bedenkenswert: „Da sich schon in der ‚Pandemie' gezeigt hat, dass sich verängstigte Menschen besser manipulieren lassen und ihr Widerstand gegen verordnete Nachteile leichter gebrochen werden kann, wird das Instrumentarium der Panikmache jetzt häufiger eingesetzt, etwa, indem Angst vor einem Krieg, vor einem Reichsbürgerputsch oder vor dem Ende der Demokratie geschürt wird." Die Kriegsangst wurde auch von selbst ernannten Pazifisten während der Nachrüstungsdebatte geschürt, auch dies also ist mitnichten ein neues Phänomen.
Dieser Band setzt Zeichen und ist ein robustes Plädoyer für die Meinungsfreiheit, mit sehr vielen Beiträgen, die niemals den Anspruch darauf erheben, dass man ihnen unbedingt und reflexionslos zustimmen muss. Die Reflexionslosigkeit heute ist aber vielleicht das eigentliche Problem. Kritische Diskussionen sind nötig für eine lebendige Demokratie. Dieses Buch zeigt, wie wichtig Kontroversen sind, niemals um ihrer selbst willen, sondern immer der Sache wegen. Wer die Demokratie verteidigen möchte, erfreut sich an der geistvollen und geistreichen Auseinandersetzung – unter Wahrung und Achtung der Meinungsfreiheit für alle, die sich auf dem Boden der Verfassung bewegen. Dieses Buch ist ein unbedingter Lesetipp für alle politisch Interessierten heute.
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