Daniel Anderson: Liebe aus Zigarettenpapier

Das Aufwachen im Traum

Wäre es nicht schon der Buchtitel, so wüsste es die Leserin oder der Leser bereits nach wenigen Zeilen: Hier schreibt ein sensibler, wacher Geist, der das Leben so sehr in kontrastreichen Facetten kennen lernte und so intensiv inhaliert wie die Zigaretten, die zum Verfassen dieses Gedichtbandes selbst gedreht wurden. Es sind die letzten Flügelschläge einer Hummel, die sich ins Arbeitszimmer des Autors flüchtete. Es ist die Nacht, die sich sehnsüchtig auf den Firnis der Seele legt. Es ist eine Bitte, an die Tochter gerichtet, der dieses Buch gewidmet ist. Es sind die Wunden, die im Gedicht "Atem & Schmerz" den Epilog "Sommer des Lebens" vorweg nehmen, bevor eine essayistische Sammlung kurzer Geschichten, die "Miniaturen", den zweiten Teil dieses Buches von Daniel Anderson eröffnet. 

Gleich einer Goldwaage erfasst Anderson selbst molekulare Partikel des menschlichen Seins, beobachtet, wiegt und schätzt ihre Form, ihren Charakter und was sie in unserem Leben auslösen. Auslösen mögen, denn wir müssten uns die Zeit nehmen und die Aufmerksamkeit zu eigen machen, um diese feinen Partikel, die beide Enden der Parabel unserer Existenz begleiten, zu spüren. Damit zeigt Lyriker Anderson nicht nur sein einzigartiges , sprachliches Talent als Schriftsteller, der in Versmaß, Wortwahl, Syntax so meisterhaft mit der Sprache umzugehen vermag, wie mit seiner Beobachtungsgabe, die ihn auch zu einem erfahrenen Regisseur, seinem zweiten Beruf, hat werden lassen. Nein, Anderson besitzt auch die Größe, das Edle im Kleinen, im Verborgenen, Unbeachteten zu entdecken. Und mit uns zu teilen.

So zeitlos Andersons Sprache ist, so anachronistisch wirkt sie beinah in einer lauten, tosenden Welt, die so sehr um die Aufmerksamkeit jeder Überflüssigkeit buhlt, dass ihre Erzeuger schon längst die eigentlich wichtigen Dinge, die das Leben überdauern, vergessen haben: Liebe, Freude, Sehnsucht, Hoffnung, Und Schmerz. 

Diese Essenz sickert besonders durch die eisenharte Architektur in Andersons Gedicht Slim Filter, ein Auszug der zweiten Strophe: 

 

" (...) die einsamkeit schminkt sich
wie ein clown
wie ein vamp
ich habe ihre masken gesehen
tränenreich  und zur ewigkeit 
erstarrtes lachen in blässe (...)"

 

Dabei urteilt Anderson nicht. Er beschreibt. Und setzt das Dahinterliegende frei. Im vorgenannten Gedicht verzichtet Anderson ganz auf Versalien, denn die Überhöhung ihrer selbst liefern die Menschen schon in ihrem Auftritt mit. Die Überhöhung indes entlarvt sich selbst, denn am Ende, jederzeit, sind wir einsam. Der Vorhang fällt, ohne Applaus. Es sei denn, wir fassen uns ein Herz und applaudieren selber. Denjenigen, die noch leiser, sanfter, schwächer sind, als wir es je waren. Einer sterbenden Hummel, wie Andersons gleichnamigen Gedicht "Die Hummel" zum Beispiel, die sich ihrer vergänglichen Existenz im letzten, wärmenden Sonnenstrahl ihres Lebens wahrscheinlich mehr bewußt ist, als viele im Sonnenlicht Wandelnde in ihrem ganzen Leben. 

Auf 83 Seiten in Schreibmaschinen-Typo fasst Lyriker und Autor Daniel Anderson seinen Gedicht- und Erzählband so leicht wie tiefgängig zusammen, dass sich - stets hinkende - Vergleiche mit Lyrikern wie Rainer Maria Rilke, Ossip Mandelstam oder Paul Verlaine assoziieren. Mehr als die Vorgenannten Autoren ist Anderson, trotz aller Schwere, die das Leben mit sich bringt, ein Humor zu eigen, der sich nicht aufdrängt, ja, der sich im wärmenden Mantel der Hoffnung vor neugierigen Blicken schützt. Dieser Humor offenbart sich noch deutlicher in Andersons Erzählungen, dem zweiten Teil seines Buches,  dessen Titel, "Liebe aus Zigarettenpapier", schon vorwegnimmt, dass sich der intensive Geschmack des Lebens und der Freude meist in einem kurzen, flammenden Knistern ausdrückt, das wir allzu selten wahrnehmen. 

Ein so filigranes Werk, dessen hochgeistige wie subtile Tonalität einen Raum einfordert, der den Lärm dieser Stille einzufassen vermag, benötigt einen ebenso sensiblen wie professionellen Verlag, der Stil und Form der gedruckten Stimme vollenden kann. Im vorliegenden Fall ist dies der Schweizer Spiegelberg-Verlag, dessen Gründer Ronny Spiegelberg die Werke seiner Autorinnen und Autoren stets sehr behutsam, originell und bibliophil abbildet. In Satz und Layout der Marktfotografen GmbH und in der gesamten Konfektionierung zeigt sich, dass sich Autor und Verleger gut ergänzen.

Die erste Auflage des Jahres 2019 im Hardcover ziert das Konterfei Daniel Andersons auf dem Cover, mit einer Grafik der Schweizer Künstlerin Jasmin Villiger, zum Umschlag gestaltet, in tiefem Blau, von Stefan Bretschneider.

Liebe aus Zigarettenpapier
Liebe aus Zigarettenpapier
Lyrik & Miniaturen
84 Seiten, gebunden
EAN 978-3939043331

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