Literatur

Der letzte Tag eines pflichtbewussten Filialleiters

Stewart O’Nan erzählt in "Letzte Nacht" vom Streichen der Segel, den damit einhergehenden Enttäuschungen und dem Guten im Menschen, welches dieser Herausforderung mit Würde begegnet.

Einfach Hinschmeißen ist Manny’s Sache nicht. Auch dann nicht, wenn er zum allerletzten Mal als Filialleiter sein Restaurant der amerikanischen Meeresfrüchte-Kette "Red-Lobster" aufmachen muss. Trotz steigender Zahlen wird seine Filiale morgen nicht wieder die Türen öffnen. Der Wettbewerb verlangt einen Schlussstrich. Was der Amerikaner Stewart O’Nan in seinem neuen Buch "Letzte Nacht" beschreibt, ist auch hierzulande ein alltäglich zu beobachtendes Phänomen - die Schließung eines Geschäfts. Kaum ein Straßenzug, in dem sich nicht das Ende eines Unternehmens in einem Schaufenster oder an einer Eingangstür ankündigt. Der amerikanische Autor, dem 1993 der renommierte William-Faulkner-Preis verliehen wurde, recherchierte für sein neues Buch ein Jahr lang in den Filialen der weltweit größten Restaurantgesellschaft Darden Restaurants, die nicht weniger als sieben Ketten unter ihrem Logo vereint. Sein Roman ist ein Plädoyer für die Menschen, die in einer Zeit der Stilllegung und wirtschaftlichen Rationalisierung oft vergessen werden.

O’Nan lässt den Leser einen intimen Einblick in das Seelenleben des Filialleiters Manny werfen. Nur noch wenige Stunden wird er in seiner verantwortungsvollen Rolle stehen, seine Degradierung zum Angestellten in einer benachbarten Filiale ist bereits beschlossen. Die Mehrzahl seiner Mitarbeiter wird sich einen neuen Job suchen müssen, da er nur fünf seiner besten Mitarbeiter zur Übernahme empfehlen konnte. Der Krampf der letzten Stunden wird so zum Kampf um Loyalität und Aufrichtigkeit, zum Ringen um die geltenden Werte und Normen und zur Zeit der Regelbrüche und der persönlichen Abrechnung.

Verloren steht das Gebäude in der Nähe eines wenig frequentierten Einkaufszentrums unweit einer Autobahnauffahrt. Nur die rote Neonreklame weißt auf das Hummerlokal hin. Am grauen Dezemberhimmel ziehen sich die Wolken zusammen, die den vom Himmel rieselnden "Charlie-Brown-Schnee" im Laufe des Tages in einen ausgewachsenen Schneesturm verwandeln. Dass dieser das Tagesgeschäft nicht fördern wird, ist klar. Und so bildet das sich vor der Tür entwickelnde Unwetter den Rahmen des letzten Abends, an dem Manny seine Angestellten ein letztes Mal motivieren will, den Gästen ein guter Gastgeber zu sein. Jetzt den Kopf hängen lassen, kommt für ihn nicht infrage. Dabei treiben ihn nicht falscher Stolz oder Trotz an, sondern vielmehr eine Mischung aus Pflichtbewusstsein und grundanständiger Ergebenheit gegenüber seinem Konzern, gegenüber seinen Angestellten und gegenüber seinen letzten Gästen.

Es entsteht so der nahezu private Einblick in das Innenleben des "Lobster" an seinem letzten Abend. Akkurat, ja sogar penibel befolgt Manny die Vorschriften des Konzerns, obwohl es doch niemanden mehr interessieren wird. Weniger für sich, als vielmehr, um den Abend nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, klammert er sich an die längst verinnerlichten Arbeitsanweisungen. Dass ihm dafür nur eine Notbesetzung zur Verfügung steht, weil ihn einige der ab dem Folgetag Entlassenen im Stich lassen, macht ihm zwar seine Arbeit nicht leichter, bringt ihn jedoch auch nicht aus der Fassung: "Es ist eben einer der Tage, wo alle mit anpacken müssen." Nur zu gut versteht er seine Angestellten und deren Frustration ob ihrer prekären Lage verstünde, in die er sie am Abend entlassen wird. Und dennoch muss an diesem Abend alles perfekt sein, auch wenn oder vielleicht weil jedes Mahl das Letzte sein könnte, das sie servieren.

Faszinierend ist es, Stewart O’Nan dabei zuzusehen, wie er die Rolle des Filialleiters seziert, zerlegt und die Einzelteile von allen Seiten betrachtet. Kein geschriebenes Wort ist hier zuviel, jedes steht unverrückbar und unentbehrlich an seinem Platz. Auf diese Weise entsteht ein Bild von Manny, der den Kleinigkeiten der Gäste und seiner Angestellten die notwendige Aufmerksamkeit entgegen bringt, als müsste er am nächsten Tag wieder hinter der Bar stehen. O’Nan entwirft hier einen Charakter, der innerlich hin- und hergerissen ist und Verständnis für Alles und Jeden hat: Für den klagenden Gast, der noch gerne seine Gutscheine eingelöst hätte, für seine beiden Kellnerinnen, die sich mit bitterer Ironie die Tische mit den knausrigsten Gästen zuschieben und selbst für diejenigen seiner Angestellten, die mitten im Dienst selbigen aus Lustlosigkeit und Frust quittieren. Nicht mal seinem Barkeeper, der noch am letzten Abend versucht, einige Flaschen mitgehen zu lassen, kann er sein Handeln übel nehmen. Wozu auch, kräht den fehlenden Flaschen doch am nächsten Tag kein Hahn mehr nach. Nur zu gut versteht er seine Angestellten und deren Frustration ob ihrer prekären Lage, in die er sie am Abend entlassen wird.

Manny schluckt in stiller Würde die bittere Pille des Abschieds und bewahrt dabei seine Würde, wie es nur jemand tun kann, der von Güte und Sanftmut erfüllt ist. Nur eine handvoll der treuesten Angestellten harren mit ihm bis zum Schluss in dem leeren Lokal aus, das durch den vor den Türen tobenden Schneesturm von der Welt abgeschnitten scheint. Auch die letzte Demütigung, die erfolglose Ziehung der Lottozahlen, nehmen sie mit ihm gemeinsam hin und verlassen dann ein letztes Mal das Restaurant. Welch ironische Wendung der Erzählung, dass selbst diese treuen Seelen erst nicht verstehen wollen, das ihm all das Fehlen wird, doch letztlich das Geständnis "Keine Ahnung, ob dir das klar ist, aber viele von uns sind bloß deinetwegen gekommen." nichts anderes sagen will. Gewiss, niemandem wird das "Lobster" fehlen, doch dieses traute Chaos, die kleinen und großen Reibereien und die über Jahre erlebte familiäre Atmosphäre - sie wird ihnen allen fehlen.

Letzte Nacht
Stewart O'Nan

Letzte Nacht


Marebuchverlag 2007
160 Seiten, gebunden
EAN 978-3866480742

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