Led Zeppelin: ohne Sentimentalitäten oder Geheimnisse
Ein Quartett aus den Midlands mischte die englische Musiklandschaft Anfang der 70er noch einmal so richtig auf, bevor es mit Punk losging. Die ultimative Biografie über die legendäre Rockband Led Zeppelin wird von Bob Spitz schonungslos ehrlich und fesselnd erzählt. Jimmy Page, Robert Plant, John Paul Jones und John „Bonzo“ Bonham schlugen ein wie Granaten – oder wie das Zitat von Keith Moon (The Who), das zu ihrem Bandnamen führte: Led Zeppelin, „Bleizeppelin“.
Zeppelin: Von ganz oben nach ganz unten
„They come down like a lead zeppelin“ – wie eine massive, hirndurchflutende Kraft wirken Led Zeppelin auch heute noch. Ein neuer Film von Bernard „The American Epic“ MacMahon, der 2024/25 in die Kinos kam, beweist ihre ungebändigte Live-Power. Bei Songs wie „Dazed & Confused“ und „Whole Lotta Love“ haut es den Zuhörern die Ohren um die Häuser. Auch wenn das Live-Erlebnis heute, mehr als 50 Jahre nach ihren ersten Auftritten, leider nicht mehr nachgeholt werden kann, gibt es doch etwas, das einem solchen Erlebnis auf anderer Ebene nahekommt: die Biografie von Bob Spitz, einem Journalisten, der schon bei The New York Times Magazine, GQ, Esquire und The Washington Post veröffentlichte. Sie kommt wie ein englischer Brick daher: 798 Seiten im roten Hardcover zeigen die vier Musiker in ihrem Zeppelin auf Kollisionskurs mit beinahe allem, was damals üblich war. In England waren sie nämlich eine Ausnahmeerscheinung, und obwohl sie aus der Asche der Yardbirds erstanden, die sich bereits ein Fanpublikum erspielt hatten, mussten sie erst nach Amerika, um so richtig einzuschlagen. Ihr erstes Album nahmen sie in gerade einmal 36 Stunden auf, so groß war der Synergieeffekt der vier Musiker, die zuvor als Sessionmusiker höchste Professionalität erreicht hatten.
„Led Zeppelin“ erschien bei den amerikanischen Atlantic Records, die gerade ein Aushängeschild für Heavy Rock suchten, nachdem Cream sich aufgelöst hatten und Jimi Hendrix anderes zu tun hatte. Ihr Vertragswert wurde damals (1968) auf 220.000 Dollar geschätzt. Insgesamt sollten sie in ihrer Bandgeschichte mehr als 300 Millionen Platten verkaufen: 9 Studioalben, deren letztes prophetisch „Coda“ hieß – das ist jener Abschnitt eines Musikstücks, der das Werk beendet. Am 25. September 1980 starb John Henry Bonham mit nur 32 Jahren und besiegelte das endgültige Ende der erfolgreichsten britischen Rockband. Ihr Auftritt bei „Live Aid“ (1985) zu dritt mit Phil Collins (!) am Schlagzeug zeigte das volle Desaster: Diese Band würde es nicht mehr bringen. Im Dezember 2007 retteten sie bei ihrem endgültig letzten Auftritt zu Ehren des verstorbenen Atlantic-Gründers Ahmet Ertegün ihren Ruf.
Der Gipfel der Dekadenz: Mondo-Bizarro-Land
Während der Film „Becoming Led Zeppelin“ mit ihrem zweiten Album, „Led Zeppelin II“, schließt, geht die vorliegende Biografie im Brick-Format bis ans bittere Ende. Die Band wird von ihrer Anfangsphase durch intensive Recherche und Interviews mit Zeitzeugen sowohl entblößt als auch mit Lorbeeren bedacht, denn nichts ist so intim wie eine Biografie, bei der der Autor hinter die Kulissen von Drogen, Gewalt und Kontroversen blickt. Ein beliebtes Beispiel für Letzteres ist etwa die Tatsache, dass Led Zeppelin der damals üblichen „Single“-Mentalität eine „Album“-Überzeugung entgegensetzten. Sie wollten mit ihrer Musik eben nicht unbedingt radiotaugliche Hits schreiben, sondern vielmehr ein Lebensgefühl vermitteln. Dazu gehörten auch experimentelle Beiträge und „Unterbrechungen“ – sogar in ihren größten und bekanntesten Longsellern. Sie fokussierten sich auf ihre Musik, ihre Alben und Liveauftritte und weniger auf Medientauglichkeit. Davon zeugen auch langjährige Kontroversen mit Musikzeitschriften oder Fernsehsendern.
Ihr größtes Problem waren allerdings die Drogen und der damit verbundene Lebensstil. Im Kapitel „Das Mondo-Bizarro-Land“ beschreibt Spitz präzise die Eskapaden der Band und ihres Managers. Ihre Sommertour 1973 hatte ihnen 4,5 Millionen (!) Dollar eingebracht, das ganze Jahr 1973 sogar 30 (!) Millionen. Sie hatten nicht nur Papers mit ihren Monogrammen, sondern auch kleine Extravaganzen in ihren Hotelzimmern vorbestellt. Das „Starship“ (ihr Tourflugzeug) verfügte über eine künstliche Feuerstelle und war mit „Steak, Shrimps, Kaviar“ sowie Dom Pérignon, Jack Daniel’s und Singha-Bier ausgestattet; sogar ein mit Schaffellen überzogenes Doppelbett stand für diverse Stelldicheins zur Verfügung. Der Gipfel der Dekadenz war vielleicht, dass ihnen 200.000 Dollar aus einem Tresor gestohlen wurden – Geld, das vermutlich an der Steuer vorbeigeschleust worden war. Jimmy hatte zudem ein Verhältnis mit einer Minderjährigen. Led Zeppelin wurden zum „Synonym für sinnlosen Exzess“, der sie schlussendlich auch den Kopf kostete. Während sie Ende der Siebziger ihre letzten Höhepunkte feierten, saß schon ein neues britisches „Pop“-Wunder in den Startlöchern: Punk, eine Bewegung, die genau gegen solche „Dinosaurier“-Bands wie Led Zeppelin aufbegehrte.
Bob Spitz erzählt die Geschichte von Jimmy Page, Robert Plant, John Paul Jones und John Bonham ohne Sentimentalitäten oder Geheimnisse – just like it is – und nähert sich damit der Wahrheit so nah an, wie ihre größten Hits dem Rock schlechthin: auf Tuchfühlung mit einem Dickhäuter. The Song Remains the Same …
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