Papst Franziskus: Leben

Der Friedenspapst

Seit mehr als 11 Jahren amtiert Jorge Mario Bergoglio als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Kein Papst vor ihm hat so viele Interviews gegeben. Mit farbigen Sprachbildern, herzlichen Gesten und auch deutlichen Worten sorgt Franziskus in den Medien für Gesprächsstoff. Kontrovers diskutiert und aus dem Kontext herausgelöst wurden jüngst vermeintliche Empfehlungen zur Beendigung des Ukraine-Krieges, als er in einem Fernsehinterview davon sprach, die betroffene Kriegspartei erweise sich als mutig, wenn sie die "weiße Fahne" hisse. Große Päpste vor Franziskus – von Benedikt XV. über Pius XII. bis hin zu Johannes Paul II. – warben leidenschaftlich für den Frieden. Der Argentinier auf dem Stuhl Petri tut dies, auf seine Weise, auch. Gibt dieses neue Buch eine Antwort auf die Frage: Was bewegt Franziskus? Was treibt ihn an? Was hat ihn geprägt?

Mit Liebe und Zuneigung erinnert sich der im Jahr 1936 geborene Kirchenführer an seine Großeltern und Eltern. Der Nachfahre piemontesischer Auswanderer liebte besonders seine "Oma Rosa", die ihm von Jesus Christus erzählte und ihn behutsam mit dem Weg des Glaubens vertraut machte. In der Ferne tobte der Zweite Weltkrieg. Die Familie hörte Radio, aus Italien schickten Verwandte Briefe, die vom Militär geöffnet und mit dem Vermerk "Zensur" versehen wurden. Franziskus klagt Tod und Zerstörung an, die der Krieg – jeder Krieg – mit sich bringt. Der Krieg zerfresse das Innerste des Menschen, "das sieht man in den Augen der Kleinsten, die keine Freude mehr in ihren Herzen tragen, sondern nur noch Angst und Traurigkeit". Der Papst fragt: "Was können wir für sie tun? Wir müssen uns diese Frage stellen und den Weg zum Frieden suchen, den Weg, der diesen Kleinen eine sichere Zukunft sein kann."

Diese Frage reicht zurück in die Weltgeschichte, aber sie ist auch gegenwärtig aktuell und brisant. Der "Wahnsinn des Krieges" ist nicht vorüber, im Gegenteil, ob in Syrien, im Jemen, in der Ukraine oder im Gaza-Streifen und in Israel. Papst Franziskus beklagt die Rücksichtslosigkeit der Kriegstreiber, von Schicksalsschlägen in den Familien und von so vielen Toten auf allen Seiten. Zugleich erinnert er an die Migranten, an ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer, und für all jene Dramen macht er das "Böse im Menschen" verantwortlich. Die Abwendung und Entfremdung von Gott sieht Franziskus als ursächlich an. Die "Heiligkeit des menschlichen Lebens" werde so oft nicht mehr verteidigt: "Der Name Gottes wird durch den Wahnsinn des Hasses entehrt und entweiht. Heute genauso wie unter den verbrecherischen Regimen des Zweiten Weltkrieges. Geschichte wiederholt sich, das sehen wir auch in diesen Tagen an dem, was in der Ukraine oder im Nahen Osten geschieht."

Über diese Parallelen mag man staunen, stutzen und auch sich verwundern. Papst Franziskus brandmarkt Kriege und Kriegsverbrechen, aber er will mitnichten den Holocaust relativieren. Er benennt das Übel des Krieges, der Gewaltverbrechen und wirbt für Frieden. Ausdrücklich empört er sich über den Antisemitismus heute. Papst Franziskus richtet sich hoffnungsvoll auf eine "Kultur des Friedens", die nicht auf die "Ablehnung von Waffengewalt" beschränkt werden dürfe: "Es geht dabei auch um die Gewalt durch Worte, die zerstören, um die psychische Gewalt gegen schwache und wehrlose Menschen, um Machtmissbrauch auch in der Kirche. Wollen wir wirklich Frieden?" Die letzte Frage klingt nach. Wer wollte sie nicht bejahen? Jeder Mensch wünscht sich Frieden auf Erden – oder so gut wie jeder. Doch wer arbeitet wirklich für den Frieden?

Leidenschaftlich spricht Franziskus über seine Sympathie für die Armen, berichtet von seiner Lektüre kommunistischer Zeitschriften, verwahrt sich aber dagegen, selbst ein Kommunist zu sein. Wichtig ist ihm, dass die Gläubigen mit dem Herzen für die Armen eintreten, dass die Kirche an der Seite der Armen steht. Er hält auch fest, dass die Kirche "kein Parlament" sei, also kein Debattierklub. Weiterhin spricht Franziskus über Fußball und die Mondlandung, setzt sich wortgewaltig für den Lebensschutz ein und geißelt die Abtreibung als "mörderische Praxis", die die "Auslöschung unschuldigen menschlichen Lebens" bedeute: "Sie bedeutet das Scheitern derer, die sie praktizieren oder Beihilfe dazu leisten; sie sind gemeine Mörder! Bitte keine Abtreibungen mehr!"

Papst Franziskus denkt dankbar an seinen Vorgänger zurück, an Benedikt XVI., der 2013 vom Petrusamt zurückgetreten war, der nach langem Gebet eine "historische und mutige Entscheidung" getroffen habe: "Offensichtlich hatte er, da ihn die Kräfte mehr und mehr verließen, begriffen, dass in der Kirche der einzige Unersetzbare der Heilige Geist und der einzige Herr Jesus Christus ist. Daher war er ein großer Papst, bescheiden und aufrichtig, der die Kirche bis zum Schluss liebte." Franziskus ermutigte ihn auch, nicht gänzlich zurückgezogen zu leben, sondern weiter am Leben der Kirche teilzuhaben. Oft sei sein Vorgänger instrumentalisiert worden von jenen, die seinen Rücktritt nicht hatten akzeptieren wollen. Nach der Wahl zum Papst zeigte sich Franziskus überwältigt von der Menschenmenge auf dem Petersplatz, die ihm zujubelte. Er dachte an seine Eltern, seine geliebte Oma Rosa, an seine Geschwister und an all die armen, ausgegrenzten Menschen, denen er begegnet war – und wollte von nun an für eine "arme Kirche für die Armen" einstehen.

Wenn er an die Kriege dieser Zeit denke, so sagt der Papst, habe er "nicht einmal mehr Tränen zum Weinen". Er erflehe das "Geschenk des Friedens" und sagt: "Ich habe für die kleinen Kinder gebetet, die ihren Familien durch Bomben entrissen oder zu Waisen wurden. So viel Schmerz, so viel Leid. Und wofür? Allein aus imperialistischen Interessen oder einem mörderischen Zynismus heraus. Das ist ungeheurlich!" Der Papst wirbt für Dialog, für Gespräche über den Frieden? Reflexionen über die christliche Friedensethik lässt er außen vor, wie überhaupt theologische Gedanken eher selten auftreten. Franziskus spricht leidenschaftlich über den Frieden in der Welt. Wer tut das heute noch – außer ihm? Der 87-Jährige hofft auf die Liebe, die "immer gewinnt": "Wenn wir lieben, vermögen wir es, Barrieren niederzureißen, Konflikte zu überwinden, Gleichgültigkeit und Hass zu besiegen, unser Herz zu öffnen und uns zu verwandeln, indem wir uns für unsere Nächsten einsetzen, so wie es Jesus getan hat, der sich am Kreuz für uns Sünder geopfert hat, ohne eine Gegenleistung zu fordern."

Weltpolitisch erfahrene Zeitgenossen mögen Papst Franziskus für hoffnungslos naiv halten. Ein Kirchenoberhaupt, das auf Frieden, Verständigung und Liebe setzt? Und das in Zeiten wie diesen? Jorge Mario Bergoglio steht ein für die Botschaft, die zu verkündigen er bestellt ist, ob gelegen oder ungelegen. Der ungeschmeidige Papst Franziskus will es darum auf dieser Welt niemandem recht machen. Wer verstehen möchte, wie er denkt, dem sei diese lesenswerte und auch einfach zu lesende Autobiografie in Gesprächen ans Herz gelegt.

Leben
Friederike Hausmann (Übersetzung)
Stefanie Römer (Übersetzung)
Leben
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272 Seiten, gebunden
Originalsprache: Italienisch
EAN 978-3365007631

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