Kunst

Grafikdesign aus Lateinamerika

Das Grafikdesign gehört zur Sparte visuelle Kommunikation. In Lateinamerika erlangte es Bedeutung ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, nachdem sich grosse internationale Werbeagenturen in diesem Teil der Welt niedergelassen hatten. Nun bildet Lateinamerika ja keinen monolithischen Block: Argentinier haben, so möchte man meinen, mit Kubanern wohl wenig gemein und was Brasilien mit den andern Nationen Südamerikas verbinden soll, kann man sich auch füglich fragen, doch Xavier Bermúdez, der Direktor der Internationalen Biennale des Posters in Mexiko sieht viele Gemeinsamkeiten: "Entschlossenheit, Stolz, Würde und Eleganz sind klar das wichtigste Vermächtnis der alten Traditionen unseres Volkes, und ich möchte hinzufügen: der Männer und Frauen aus der ganzen Welt, die sich hier niederlassen." Im Grafikdesign drücken sich diese Gemeinsamkeiten ganz klar in den Farben aus. In den Worten von Xavier Bermúdez: "Wie bei den Früchten Lateinamerikas, sind es die Farben, die unser Design hervorheben. Ob es sich um die Arbeiten von Mexikanern oder Brasilianern, Chilenen oder Argentiniern handelt, die fern der Heimat leben, oder von Designern, die aus dem Ausland kamen und in Paraguay oder Nicaragua zu Lateinamerikanern wurden, diese Designs schmecken nach Farben, riechen nach der Kunst der fruchtbaren Erde und werden mit dem Herzen wahrgenommen."

Die kräftigen Farben, sie sind in der Tat prägend und besonders beeindruckend etwa sind die des Argentiniers Rubén Fontana, dessen Grafikarbeiten zur Sammlung des MoMA in New York gehören. Oder die des Kolumbianers Dicken Castro. Oder die des Mexikaners Rogelio López Alvarez.

In diesem schön gestalteten Band findet sich, neben den vielen Kurzporträts von Designern aus 20 Staaten und Beispielen ihrer Arbeit, auch ein informativer Essay (in Englisch, Deutsch und Französisch) von Felipe Taborda über die "Cultura Latina". Da erfährt man, dass es sich bei "Lateinamerika" nicht um eine geopolitische, sondern eher um eine kulturelle Definition handle und es immer eine der grossen Herausforderungen Lateinamerikas war, eine eigene Identität zu finden, denn diese Region besteht ja bekanntlich aus einer Mischung ganz verschiedener Völker (indigene Völker, Afrikaner, Europäer, Aaraber und Asiaten). Diese Völker, so Taborda, kämpfen schon lange darum, sich als Lateinamerikaner zu akzeptieren. Na ja, das ist dann doch einigermassen fraglich, denn was sollte das auch sein, eine lateinamerikanische Identität? Brasilianer jedenfalls scheint die Frage wenig zu interessieren, die sind zuerst einmal Brasilianer. Zudem räumt Taborda selber ein: "Zwischen den Völkern Lateinamerikas scheint es eine unüberwindliche Barriere zu geben, sei es aufgrund politischer Streitigkeiten und Vorurteile, Infrastruktur oder räumlicher Distanz. Die gegenseitige Unkenntnis behindert das Wachstum der einzelnen Länder, und es wird nur wenig getan, um diese Situation zu ändern. Beispielhaft sei genannt, dass sich fast alle Länder Lateinamerikas an internationale Nachrichtenagenturen wenden, um etwas über ihre Nachbarn zu erfahren."

Man kann einiges lernen bei dieser Lektüre. Dass es zum Beispiel in der Neuen Welt eine Reihe landwirtschaftlicher Erzeugnisse gab, die in der Alten Welt damals unbekannt waren, nämlich Kartoffeln, Tomaten, Paprika, Schokolade, Tabak, Mais, Erdnüsse und Vanille. Und dass der Diário de Pernambuco, die erste Zeitung Lateinamerikas, 1825 im Nordosten von Brasilien herausgegeben wurde. Oder dass die erste illustrierte Wochenzeitschrift O Cruzeiro 1928 in Brasilien erschien.

Wie bereits erwähnt, besteht Lateinamerika aus 20 Staaten, hier soll nur gerade auf Mexiko und Kuba kurz hingewiesen werden. Auf das mexikanische Grafikdesign ist man international anlässlich der Olympischen Spiele von 1968 erstmals aufmerksam geworden. Kurz darauf führten die beiden renommierten Universidad Iberoamericana und die Universidad Nacional Autónoma de México in Mexiko City Studiengänge in Design ein; zudem schlossen sich experimentelle Studios zusammen. "Zur gleichen Zeit", so Taborda, "begann man das Plakat als wichtigen Teil des Grafikdesigns zu sehen … In Kuba gewann in den 60er Jahren die Plakatproduktion an Einfluss, nachdem die Revolution unter Fidel Castro gesiegt hatte."

So genug, denn dies ist in erster Linie ein Buch zum Blättern und zum Verweilen und zum Sich-Inspirieren-Lassen; tolle Designs aus Argentinien, Costa Rica. Honduras, Peru, Bolivien, Kuba, Mexiko, Puerto Rico, Brasilien, El Salvador, Nicaragua, der Dominikanischen Republik, Chile, Ecuador, Panama, Uruguay, Kolumbien, Guatemala, Paraguay und Venezuela finden sich darin wahrlich genug.

Latin American Graphic Design
Felipe Taborda (Hrsg.)
Julius Wiedemann (Hrsg.)

Latin American Graphic Design


Taschen 2008
544 Seiten, broschiert
EAN 978-3822840351

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