Reisen

Hesse: Verliebt in eine Blondine in Venedig

"Gondola! Gondola!" sind die ersten Worte und Töne, die Hesse bei der Ankunft in der Lagunenstadt am Bahnhof vernimmt. Auch wenn manch einer glaubt, es sei wie einen Palast durch den Dienstboteneingang zu betreten, wenn man Venedig durch die Stazione ferroviaria Santa Lucia betritt, ist die Schilderung Hesses Eintritts in die Märchenwelt Venedigs doch sehr eindrucksvoll. In drei Wochen will er schon in die Geheimnisse der Lagunenstadt eingedrungen sein, schreibt er, und bezeichnet Venedig sogleich als "Stadt des Müßiggangs, der Liebe und der Musik". Hesse lobt die leise und gemütliche Art der Fortbewegung in einer Gondel, "die lautlos sanfte Art der Bewegung" und die Lebensweise der Fischer und Werftarbeiter. Einer bietet ihm eine Handvoll frische Austern an, die "vom herben Meerwasser gewürzt mir köstlich mundeten". Hesse sieht nirgends sonst ein solche Einheit des heutigen Lebens mit dem Leben, das aus den Kunstwerken der goldenen Zeit Venedigs redet und welchem Sonne und Meer wesentlicher sind als alle Historie.

Heimliche Liebe

Eines Tages begegnet er sogar "jener entzückenden Blonden, die Bonifazio vor 400 Jahren als Lautenspielerin gemalt hat". Sie wartete bei San Giobbe auf eine Gondel und Hesse lud sie ein, auf seiner mitzufahren. "So hatte ich am hellen Tag ein schönes Mädchen mir gegenübersitzen und kam mir auf der warmen, allzu raschen Fahrt verzaubert vor". Das Gemälde "Der reiche Prasser und der arme Lazarus" von Bonifazio Veronese wird in vorliegender Publikation - so wie viele andere Gemälde und Fotos - gezeigt und man weiß sofort, was Hesse meinte. "In Wirklichkeit aber ist sie eine Traumschöpfung des Meisters Bonifazio, nach 400 Jahren zum Leben und körperlichen Dasein erwacht. Ob ich sie wiedersehen werde?" Aus diesen Zeilen wird klar, dass auch Hermann Hesse in Venedig eine Liebe zu verarbeiten hatte, die ihm nicht gelungen war und tatsächlich, wer aufmerksam liest, wird bemerken, dass diese - seine - Blonde auch einen Namen hatte: Elisabeth.

Schwelgerische Schönheit

"Sooft ich an Venedig dachte, war es wie ein mildes, warmes Lied, wie die Verheißung einer Liebesnacht, wie ein tiefer Klang voll schwelgerischer Schönheit und leiser, zart genossener Melancholie", schreibt Hesse eine Hommage an die Stadt der Schwermut und des Liebeskummers, die gleichzeitig aber auch die Leichtigkeit des Seins verkörpert wie keine andere. Denn in Venedig vermischen sich Realität und Fantasie in den Reflexionen des Wassers, das in tausend Schattierungen schimmert und so vielleicht auch die Glasbläser von Murano inspirierte, wie zumindest Hesse vermutet. "Es will nichts die Stimmungen eines Wanderers und Einsamen in wahre Worte fassen, ein Stück Leben und Seele schenken und ein Gruß an meine unbekannten heimatlosen Brüder", schreibt Hesse und so kann dieses Buch auch verstanden werden.

Lagunenzauber
Hermann Hesse
Volker Michels (Hrsg.)

Lagunenzauber


Aufzeichnungen aus Venedig
Suhrkamp 2016
207 Seiten, broschiert
EAN 978-3458361497

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