Mutter, Mutter

Vermutlich wäre der Geliebte der Mutter gar nicht erwähnt worden, wäre er nicht ein erfolgreicher Dirigent gewesen. Nein, die zentrale Figur in Urs Widmers Roman ist die Mutter selbst. Eine Mutter, die keine war. Clara, so heißt die Mutter im Roman, wuchs mit einem despotischen, patriarchalischen und neureichen Vater auf, verlor bereits in den Mädchenjahren die eigene Mutter und hatte daraufhin deren Funktion zu übernehmen. Anstelle einer eigenen Ausbildung nachzugehen, spielt sie stellvertretend für ihre eigene Mutter die Rolle einer "besseren Dame". Durch den plötzlichen Tod des Vaters und dem unter anderem auch damit verknüpften finanziellen Ruin steht sie vor dem Nichts.Sie heiratet dann und hat einen Sohn, wird jedoch - er ist gerade dreijährig - in die Psychiatrie eingewiesen. Unter Depressionen leidend, versucht sie wiederholt sich umzubringen. Mit vierundachtzig Jahren stürzt sie sich aus dem Fenster. Und so beschreibt sie ihr Sohn: "Vielleicht war ihre Art, dass sie oft starr in einer Zimmerecke stand, mit Augen, die nach innen sahen, geballten Fäusten, einer glühenden Hitze im Hirn. Sie atmete kaum mehr dann, stöhnte zuweilen auf." (S. 12 ) Dieser sehr spannend und hervorragend geschriebene, stark autobiografisch geprägte Roman zeichnet sich durch einen eigenwilligen, aber brillanten Kontrast zwischen der Dramatik der Ereignisse und der emotionslosen Darstellung aus. Im nachfolgenden Beispiel ist die Beziehungslosigkeit der Mutter zu erkennen, auf die das Kind reagiert, indem es sich einmauert. So schildert Widmer das Verhalten der Mutter, als 1945, von weitem winkend, der Vater aus dem Aktivdienst zurückkommt: "Die Mutter hob eine Hand, winkte auch. "Hund", sagte sie zum Hund. "Von heute an müssen wir den Frieden bestehen, wir zwei." Sie stand auf und stieg über das Kind hinweg, das auf dem Boden saß und mit Steinen eine Burg baute, ein uneinnehmbares Kastell, und ging ins Haus." (S. 103) Aber das Kind hatte nicht nur keine Mutter, es hatte Angst vor ihr und empfand sie als bluttriefenden Vampir - "Sie saugte ihre Opfer leer, ließ ihre Hülle zurück. Das war ihr Sieg." - nicht zuletzt, weil die Mutter ihre Todessehnsüchte nicht nur aussprach, sondern das Kind auch "mitnehmen" wollte: "Kein Tod den sie nicht auf ihrer Liste hatte. Und natürlich vermeinte sie [...], das Kind mitnehmen zu müssen. Das tat keine gute Mutter, ihr Kind allein zurücklassen." "Sie träumte - oder träumte das ihr Kind? -, ihr Kind äße sein eigenes Herz, weil es sich vor der Nahrung der Mutter fürchtete. Es sei wahnsinnig geworden das Kind" (S. 116). Insgesamt handelt es sich um eine Geschichte, die das Leben schrieb, wenn nicht Urs Widmer sie noch viel besser geschrieben hätte. Gut wäre, wenn Widmer dem Buch über die Mutter (2000) und über den Vater (2004) jetzt ein Buch über das Kind folgen lassen würde ...

Der Geliebte der Mutter

Vater, Vater

Dreißig Jahre nach dem Tod des Vaters schreibt der Sohn dessen verloren gegangenes Tagebuch als Roman neu. Der Anfang des 20. Jahrhunderts geborene Vater - Sohn eines zugezogenen Grundschullehrers - ist, wie sein Bruder, der später Pfarrer wird, Klassenprimus im altsprachlichen Gymnasium, promoviert in Romanistik und landet, nach kurzer Assistententätigkeit an der Uni, als Französischlehrer am neusprachlichen Gymnasium. Er verfasst auch ein Französisch-Lehrbuch (Pas à Pas), welches über Jahrzehnte von den Schulen in Basel verwendet wurde. Gleichzeitig macht er Übersetzungen, schreibt Kritiken und managt eine Künstlergruppe. Walter Widmer (im Roman heißt er Karl) ist ein leidenschaftlicher Sammler. Anfangs sind Bücher das Objekt der Begierde, später kommen Schallplatten und Möbel dazu. Da er mehr sammelt, als er sich eigentlich leisten kann, verbraucht er nicht nur das gesamte Vermögen seiner Frau, sondern bleibt auch Rechnungen schuldig und bezahlt über Jahre seine Steuern nicht. Und so sah er aus: "Brille, beginnende Glatze, Zigarette im Mundwinkel. Er rauchte immer, auch wenn er sprach, las oder aß ... Er hatte eine Schreibmaschine, auf der er mit einem einzigen Finger, dem Zeigefinger der rechten Hand, in einem rasenden Tempo tippte." (Seite 8 / 15) Unter chronischer Migräne leidend, wird er zunehmend abhängig von Medikamenten, ruiniert damit auch seine Gesundheit, wird frühverrentet und stirbt 1965 knapp sechzigjährig. Urs Widmers Roman ist eine dramatische und äußerst spannende Biografie des Vaters, eingebettet in eine hervorragende Charakterisierung der in den umgrenzten Raum der Stadt Basel hinüberschwappenden wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bemerkenswert auch die ruhige und leicht spöttische Erzählweise, die allerdings einen überzeugenderen Eindruck hinterließe, wenn Ironie bzw. Kritik durchgängig wäre. Eigenartig allerdings die fehlende Empathie für das zwischen einer aus dem Fenster starrenden Mutter und einem schreibwütigen Vater aufwachsenden Kindes, welches - sechzig Jahre später - mit diesem Buch versucht, dem Vater ein Denkmal zu setzten. Gleichzeitig erinnert einen dieser Vater an die herrliche Charakterisierung von Thomas Bernhard: "Die Katastrophe war ja / daß ich sie alle überragte / in geistiger Hinsicht / ich war krank / ich war durch und durch krank / aber ich überragte sie alle" (Th. Bernhard: Einfach kompliziert).

Das Buch des Vaters

Liebesgeschichte mit merkwürdigen Zufällen

Er hat immerhin "Ein perfekter Freund" geschrieben und damit durchaus bemerkenswerte Belletristik geschaffen! Ich betone, jenes Buch mit grossem Vergnügen gelesen zu haben und möchte deshalb meine einleitende Aussage ohne jeden ironischen Unterton verstanden wissen! Dem "perfekten Freund" lag eine faszinierende Idee zu Grunde, die nicht nur überraschte, sondern mich als Leser zunehmend in ihren Bann zog! Bis zur letzen Seite rätselte ich mit der Hauptfigur mit und war am Ende quasi mit ihr zusammen perplex. Es war eine im positiven Sinn anstrengende, mindestens aber anspruchsvolle Geschichte. Heute habe ich über ein neues Werk des gleichen Autors zu berichten, und ich weine dem alten dabei nicht von ungefähr ein paar Tränen nach! Martin Suters "Lila, Lila" ist um Niveaustufen tiefer anzusiedeln als der erwähnte, letzte Roman. Unglaubwürdig kommt die Geschichte daher, zusammengesetzt aus einer äusserst unspektakulären Liebesaffäre und einer Reihe ungeschickt konstruierter Unmöglichkeiten. Schauplatz für die zweifelhafte Mär ist das literarische Milieu, das dem interessierten Leser dann und wann einen einigermassen interessanten Einblick in eine ziemlich fragwürdige Gesellschaft zu geben vermag. Ein junger Mann findet in der Schublade eines gekauften Nachttischchens das Manuskript eines verstorbenen Mannes, welches sich unter dem prüfenden Blick einer altgedienten Verlagsredaktorin als zukünftiger Bestseller ankündigt. Und siehe da: Der Roman wird zum grossen Renner, und der Protagonist kann sich mit fremden Federn schmücken. Unverdient erhält er grosse Publizität, und verliert allmählich die Kontrolle über die folgenden Ereignisse. Aus Angst, die geliebte Frau zu verlieren, kann sich der vermeintliche Schriftsteller nicht dazu durchdringen, sein Umfeld über den Irrtum aufzuklären, obwohl die Katastrophe unweigerlich naht. In diese einfache Geschichte mischt sich ein greiser Obdachloser, der sich als der wahre Urheber des Manuskripts ausgibt und sich zunächst äusserst gefrässig ins geschäftliche, allmählich aber auch ins private Leben des jungen David drängt. Zu Beginn des Romans macht uns Suter mit einer Reihe interessanter Figuren bekannt. Doch nachdem wir uns mit der Künstlerszene im In-Lokal angefreundet haben, verliert diese plötzlich jede weitere Bedeutung. Befremdend und schade, dass wir im Verlauf der Geschichte nicht mehr an diesen Ort zurückkehren dürfen, und dass keine der ausführlich vorgestellten Personen in der Hauptgeschichte mehr vorkommt. David und seine Freundin Marie bleiben dagegen in der ganzen Handlung seltsam unnahbar. Suter bringt es nicht fertig, uns richtig vertraut mit ihnen zu machen, und wir bleiben gezwungenermaßen auf Distanz. Sensible und tiefschürfende Charakterzeichnungen scheinen ohnehin nicht des Autors grosse Stärke zu sein. Er bleibt konsequent sachlich und nüchtern, manchmal auch etwas spröde. Mehr Wert als auf psychologische Feinheiten legt er auf die sprachlichen. In Suters Büchern werden Uhren nicht vom Nachttischchen genommen, sondern "geangelt", und Magensäure schiesst "wie ein Lavastrom" aus dem Magen, die Speiseröhre versengend. Damit die Geschichte nicht zu dünn gerät, macht uns Suter regelmässig detailgetreu mit den örtlichen Gegebenheiten bekannt: "Im Hinterhof roch es nach Essen. Auf vielen Balkons hing Wäsche, auf allen waren Satellitenschüsseln montiert." Als Suter seiner Leserschaft (unnötigerweise) veranschaulichen will, wie sich die Lage für den jungen Helden unheilvoll zuspitzt, baut er eine lächerliche Geschichte aus dessen Kindheit ein, in welcher er mit seinem Freund jeweils stundenlang auf einem Schienenstrang Spielzeuglokomotiven aufeinander zurasen liess. Peinlich! Und wie endet die leidige Geschichte? Als David sich entschlossen hat, seinen Peiniger vom Balkon zu werfen, stürzt dieser just selber von der Brüstung und stirbt bald darauf im Spital, natürlich nicht ohne das obligate Geständnis am Totenbett. Ein Happyend verwehrt uns Suter, indem er des Helden Geliebte auf der letzten Seite des Buches in die Arme eines attraktiven und strahlenden Medizinstudenten fallen lässt…. Wer Martin Suters Kolumnen regelmässig liest, braucht nicht an dessen literarischen Fähigkeiten zu zweifeln. Suter ist als ehemaliger Werbetexter, als Schriftsteller, wie auch als Drehbuchautor ein ebenso kreativer wie vielseitiger Künstler, und wohl eben deshalb kann diese wässerige, zwischen Insiderstory und Beziehungsdrama unentschlossen pendelnde Softnovelle einfach nur enttäuschen. Es könnte sich glatt um die Abschlussarbeit eines dreiwöchigen Schreibseminars für Hobbyautoren handeln, wenn sie nicht satte 350 Seiten breit wäre! Und wenn sich Suter am Schluss bei seiner Lektorin für das Bewahren "vor vielen kleinen Fehlern" bedankt, so wünschten wir uns, die Dame hätte ihre Arbeit noch etwas gründlicher erledigt! Lieber Martin Suter, ich freue mich trotz dieser Enttäuschung auf eine weitere Geschichte, aber es eilt nicht! Lassen Sie sich Zeit, der Buchmarkt gibt genug her.

Lila, Lila

Henry Dunant

1859 reiste Henry Dunant, der schweizerische Philantroph, nach Oberitalien, um den verwundeten Soldaten in der Schlacht von Solferino zu helfen. Er praktizierte die Grundsätze seiner späteren Institution: "Verwundete hören auf, Feinde zu sein, sind einfach wieder Menschen, haben Recht auf Hilfe, ihre Nachrichten sollen den Angehörigen übermittelt werden." Sein Erlebnisbericht "Un souvenir de Solférino" (1862) erregte grosse Aufmerksamkeit. Auf Dunants Anregung wurde 1863 das Internationale Rote Kreuz gegründet und 1864 das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und die Genfer Konvention beschlossen. 1901 wurde Henry Dunant der erste Friedensnobelpreis - zusammen mit dem Pazifisten Frédéric Passy - verliehen. Von der ihm zustehenden Hälfte der Preissumme in der Höhe von 104'000 Franken sah Dunant jedoch nie etwas. Bis zu seinem Tod 1910 war der Gründer des Roten Kreuzes hoch verschuldet und musste zeitweise sogar an Hunger leiden. Ursprung dieser kaum bekannten Tragödie war ein Urteilsspruch des Genfer Handelsgerichtes von 1868: Dunant habe mit undurchsichtigen Geschäften absichtlich seine Geschäftspartner betrogen. Infolgedessen wurde Dunant, der stets seine Unschuld beteuerte, aus seinem eigenen Werk ausgeschlossen und sein erbittertster Widersacher, Gustave Moynier, bekam willkommenes Material gegen Dunant in die Hand. Gustave Moynier, der Dunants Ideen in seiner Gemeinnützigen Gesellschaft von Genf aufgenommen hatte, hatte ursprünglich nicht unwesentlich zur Entstehung des Roten Kreuzes beigetragen. Später wäre ihm am liebsten gewesen, wenn Dunant einfach vergessen gegangen wäre und er selbst als Gründer gefeiert worden wäre. Doch so weit liess es Dunant nicht kommen. Er sorgte nicht nur dafür, dass sein Name mit dem Roten Kreuz verbunden blieb, sondern entwickelte auch neue Visionen. So zum Beispiel die Idee eines "Grünen Kreuzes", das die Gleichberechtigung der Frau fördern soll. Seiner Zeit etwas zu weit voraus, ging Dunant Kompromisse ein, damit wenigstens Ansätze umgesetzt werden konnten. Das trifft auch auf das Rote Kreuz zu: Dunants eigentliches Ziel war nicht eine Humanisierung des Krieges, die das Rote Kreuz ohne Zweifel mit sich brachte und bringt, sondern schlicht und einfach eine Welt ohne Krieg. Eveline Hasler zeichnet kein verklärtes Bild eines bewundernswerten Visionärs, sondern zeigt auch die menschliche Seite auf, wo Verbitterung, Selbstmitleid und Eitelkeit dazugehören. Eine bewegende Biografie über ein bewegendes Schicksal.

Der Zeitreisende - Die Visionen des Henry Dunant

Peter von Matts Reden zur Literatur

Peter von Matt weiß mit der Sprache umzugehen und driftet nur ganz selten in Germanistenslang ab.

Öffentliche Verehrung der Luftgeister

Feier der Sprache

"Bahnhofsprosa" ist nicht Alltagsbeobachtung und erzählt keine Anekdoten von Menschen, die ihren Zug gerade verpasst haben, sondern hier feiert die Sprache sich selbst.

Bahnhofsprosa

Die bilateralen Verträge I

Spätestens zu Beginn der 90er Jahre wurde klar, dass sich die Schweiz um eine Annährung an die Europäische Union bemühen sollte. Die veränderten wirtschaftlichen und politischen Bedingungen machten ein fast vollständiges Abseitsstehen (abgesehen von dem Freihandelsabkommen von 1972 zwischen der Schweiz und der EG) immer folgenschwerer. Nach dem Scheitern des Beitritts zum Europäischen Wirtschaftsraum EWR 1992 ergriff der Bundesrat die Initiative, indem er 1993 Verhandlungen in verschiedenen Bereichen mit der EU anstrebte. Mitte 2002 ist das Ergebnis in Form von sieben bilateralen Abkommen in Kraft getreten. Auch wenn es sich um verschiedene Verträge mit unterschiedlichen Merkmalen handelt, ist es doch ein Paket, denn wenn einer der sieben Verträge gekündigt wird, treten alle anderen ebenfalls ausser Kraft (Guillotine-Klausel). Diese Synchronität wurde bereits während den Verhandlungen verfolgt. So konnte und kann verhindert werden, dass die Schweiz sich einseitig Vorteile verschafft ("Rosinenpicken"). Während den Verhandlungen wurde viel über die bilateralen Verträge diskutiert und politisiert, eine sorgfältige Analyse der Folgen des Inkrafttretens fehlte bis anhin. Das vorliegende Werk gibt hier pünktlich auf Mitte 2002 Aufschluss. Es befasst sich aus rechtlicher Sicht mit den Auswirkungen jedes einzelnen Vertrages. Nicht überraschend nimmt das Abkommen über die Freizügigkeit (die Themen Freizügigkeit und Landwirtschaft wurden von der EU in die Verhandlungen eingebracht) am meisten Raum ein. Neben diesen Spezifitäten werden auch Fragen verfolgt wie: Inwiefern nehmen die bilateralen Verträge einen EU-Beitritt vorweg? Wie ist das Verhältnis zum WTO-Recht? Welche Auswirkungen hätte eine allfällige Osterweiterung der EU? Inwieweit sind einzelne Bestimmung unmittelbar innerstaatlich anwendbar (self-executing-Normen)? Diese und andere Fragen werden im vorzüglichen ersten Teil (Grundlagen) des Buches beantwortet. Das Werk leistet einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Verträge in die Praxis. Sein Handbuch-Charakter macht es zu einer praktischen Hilfe für alle, die beruflich mit den Veränderungen konfrontiert sind und (in den Worten von Joseph Deiss) "für all jene interessierten Bürgerinnen und Bürger, welche von den neuen Möglichkeiten profitieren wollen, die ihnen durch den Abschluss der Verträge eröffnet worden sind", vorausgesetzt sie möchten sich auf juristischer Ebene mit der Materie auseinandersetzen.

Bilaterale Verträge Schweiz - EG

Sprache und Erotik

André Pfoertners zweiter Gedichtband trägt den Titel "Cogitative Erotik". Auch wenn der Titel etwas befremden mag, lässt sich doch erahnen, worum es in Pfoertners Gedichten gehen könnte: Einerseits um die Erotik als sinnlich-körperliches Erleben und andererseits um deren Überführung in ein Cogito, d.h. schlussendlich in Sprache. Die Spannung zwischen der Unmittelbarkeit von Erotik und der Mittelbarkeit von Sprache, die sich im Titel ankündigt und eine interessante Ausgangslage für einen Gedichtband gewesen wäre, entpuppt sich jedoch als Effekthascherei. Mit viel Getöse und schwerem Geschütz geht es auch gleich los. "Ferrosophie", eines der ersten Gedichte, ist eine Lobeshymne auf die stählerne Männlichkeit: "Eisen [...] Reckt gar gierig sich empor - / Senkrecht wird das Eisen groß - / Greift schon nach der Wolken Flor, / Bohrt sich in des Himmels Schoss, / Der sich durchbohren lässt gar stoisch. /Eisen - / das ist männlich und heroisch." Manchmal geht es aber auch ganz heiter zu und her. Beispielsweise das Gedicht "Schönheit vom Lande" (im Untertitel: "Die erotische Ausstrahlung rustikaler Schönheit") ist an unfreiwilliger Komik schwer zu übertreffen: "Der Duft deines Körpers stieg gewaltig zu mir / Wie Champagner-Musik von Rossini. / Dein Parfüm mischte duftend sich in diese Kür: / Gabriela Sabatini." Da muss man erst drauf kommen! Man wünschte sich, Pfoertner hätte da und dort etwas weniger dick aufgetragen und das eine oder andere sprachliche Klischee ausgelassen. Denn so, wie sich Lyrik in diesem Band präsentiert, ist sie nichts als eine bunte Verpackung, ohne Tiefgang und letztendlich nur darauf bedacht, zu gefallen.

Cogitative Erotik

Der Fall "Nizon"

Das Journal ist der Versuch, sich entgegen der Infragestellung eine schriftstellerische Existenz zu ermöglichen.

Die Erstausgaben der Gefühle

Gesamtdarstellung der Schweizer Politik

Das Handbuch der Schweizer Politik ist auf Initiative der Schweizerischen Vereinigung für Politische Wissenschaften (SVPW) entstanden - 2002 in dritter Auflage erschienen. Akademiker aus den verschiedenen Sprachregionen der Schweiz haben Beiträge geleistet. Es ist aber kein Sammelwerk, in dem jeder Artikel für sich alleine steht und das übergeordnete Thema schlussendlich nur bruchstückhaft erschlossen wird, sondern die Beiträge sind gut aufeinander abgestimmt und geben als Ganzes eine fast lückenlose Darstellung der Schweizer Politik. Begrüssenswert ist ausserdem, dass die Autoren und Autorinnen durchaus subjektive Sichtweisen durchscheinen lassen. Dadurch wird die Lektüre interessanter. Ein Teil der Artikel ist in Französisch verfasst. Das Handbuch ist in fünf Bereiche gegliedert: Grundlagen, Institutionen, Organisationen, Kantone und Gemeinden, Entscheidungsprozesse, Politikbereiche. Ein umfassendes Sachregister macht das Buch ausserdem zu einem nützlichen Nachschlagewerk. Hier wäre es sinnvoll gewesen, die Stichworte zweisprachig aufzuführen, da insbesondere Fachbegriffe nicht unbedingt zum selbstverständlichen Vokabular einer Fremdsprache gehören. Ein begrüssenswerter Schritt ist die Herausgabe einer englischsprachigen Fassung. Der karge Markt an aktuellen Büchern über die Schweizer Politik, die auch nicht deutsch- bzw. französischsprachigen Personen zugänglich sind, wir dadurch sehr bereichert: Handbook on Swiss Politics (ISBN 3-03823-058-8)

Handbuch der Schweizer Politik

Zwischen Innen- und Aussenpolitik

Eine umfassende Darstellung der Schweizerischen Aussenpolitik fehlte bis anhin. Das vorliegende Buch schliesst diese Lücke. Es stützt sich auf die Erkenntnisse des Nationalen Forschungsprogramms 42 "Grundlagen und Möglichkeiten der schweizerischen Aussenpolitik", das von 1995-2000 insgesamt 58 Forschungsprojekte durchführte. Der innenpolitischen Dimension der Aussenpolitik wird gebührend Rechnung getragen. Im Zentrum stehen folgende Fragen: "Erstens: In welchem Kontext finden aussenpolitische Entscheide statt, und wie prägen kollektive Erwartungen und Rollenverständnisse von Eliten und verschiedenen Bevölkerungsgruppen die Aussenpolitik? Zweitens: Wie laufen aussenpolitische Entscheidungsprozesse ab, und wie beeinflusst die Machteilung zwischen Exekutive, Legislative und Verwaltung die Aussenpolitik? Welchen Einfluss haben die öffentliche Meinung, der Parteienwettbewerb und die Interessengruppen? Und drittens: Wie wirken sich kollektive Erwartungen und Entscheidungsstrukturen konkret auf die Ausgestaltung der einzelnen Politikbereiche aus?" (Seite 22) Diese Forschungsfragen machen deutlich, dass die Entscheidungsfindung besonders gewichtet wurde. Die Autoren sind zu Befunden gekommen, die zwar nicht unbedingt neu oder brisant, aber wichtig für die Orientierung in und Diskussion um die schweizerische Aussenpolitik sind. Eine Auswahl: 1. Die Regierung rechtfertigte über lange Zeit ihr aussenpolitisches Handeln mit neutralitätspolitischen Argumenten, schwieg sich aber gleichzeitig über das tatsächliche Ausmass der internationalen Einbindung der Schweiz aus. Dieser schwelende Widerspruch lässt sich heute kaum aufrechterhalten und führt zu grundlegenden Diskussionen. 2. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern sind die Kompetenzen der schweizerischen Aussenpolitik dezentral verteilt. Die Kantone und das Parlament haben erhebliche Mitbestimmungsmöglichkeiten. Das geht bisweilen so weit, dass einzelne Kantone ihre eigene "kleine Aussenpolitik" betreiben. Die Dezentralisierung nimmt tendenziell weiter zu. 3. Seit den Volksentscheiden gegen die Einbindung in die EU bzw. den EWR verfolgt die Schweizer Regierung einen Bilateralismus, der entscheidende Schritte eines EU-Beitritts vorwegnimmt. Die Diskussionsfläche bei einem allfälligen neuen Anlauf zu einer EU-Annäherung verringert sich dadurch erheblich. 4. Die Schweiz wendet nur mittelmässig viel Mittel für die Entwicklungshilfe auf (auch weil dies in der Bevölkerung wenig Unterstützung finden würde). Die "humanitäre Tradition" und "Solidarität" der Schweiz hochzuhalten, hat von daher keine genügende Rechtfertigungsgrundlage. 5. Die Vormachtstellung der Aussenwirtschaftspolitik ist seit 1990 im Schwinden begriffen. Die Durchsetzung der UNO-Charta und der Schutz der Menschenrechte werden heute dagegen stärker gewichtet. In den Schlussfolgerungen wird die Verschränkung von Innen- und Aussenpolitik besonders betont. Die Bevölkerung hat viele Mitentscheidungsrechte in der Aussenpolitik. Das ist eine Spezialität der Schweiz und hat entsprechende Bedeutung für die politische Führung. Abstimmungen zu aussenpolitischen Fragen werden häufig emotional geführt und generieren eine verhältnismässig hohe Stimmbeteiligung. Für die Autoren ist die innenpolitische Legitimation (vor allem in Zeiten des internationalen Wandels) dann auch die wichtigste Herausforderung für die politische Führung. Sie kann nur gemeistert werden, wenn sich die Aussenpolitik der Innenpolitik weiter öffnet und öffentliche Diskurse mit allen Akteuren geführt werden.

Schweizerische Aussenpolitik

Couchepin behauptet unangefochten

In den Medien wird Pascal Couchepin gerne als Machtpolitiker, der nicht so recht in die Schweizer Konkordanzdemokratie passen will, dargestellt. Was er zu diesem Bild sagt, und welche Haltung er zu verschiedenen politischen Themen einnimmt, erfahren wir in den im vorliegenden Buch veröffentlichten Gesprächen mit Jean Romain, dem Westschweizer Schriftsteller. In seiner Antwort auf die Frage, was er davon hält, wenn er mit römischen Kaisern oder Napoleon verglichen wird, ist nicht zu überhören, dass solche Vergleiche ihm schmeicheln. Eine "gewisse Strenge in der Politik" hält er für richtig und er ist der "festen Meinung, dass sich die Staatsmacht von Zeit zu Zeit in ihrem vollen Glanz zeigen sollte." Er würde beispielsweise ungern "bei offiziellen Empfängen ganz auf die Ehrengarde" verzichten. Diese Haltung nehmen zweifelsohne auch andere Schweizer Politiker ein, denen deswegen aber nicht gleich imperiale Politik nachgesagt wird. Die charismatische Erscheinung Couchepins ist wohl das entscheidende Merkmal, denn Charismatiker sind in der Schweizer Politik ungewohnt. Seine Stellungnahmen zu Sachfragen fördern keine Überraschungen zu Tage. Couchepin ist ein Politiker mit einem fest verankerten (idealistischen) Fortschrittsglauben und ein repräsentativer Vertreter des Schweizer Freisinns. Etwas störend ist, dass Jean Romain kaum eine Behauptung Couchepins hinterfragt. Romain führt Couchepin durch die verschiedenen Gebiete ohne ihn argumentativ herauszufordern. Dabei hätten sich genügend Gelegenheiten geboten, beispielsweise wenn Couchepin behauptet, der Einfluss der Transnationalen Konzerne sei mit Nutzen auch für die ärmsten Länder verbunden, ohne die mehrfach wissenschaftlich belegte Tatsache zu beachten, dass Länder, die sich gegenüber den Transnationalen Konzernen als besonders offen zeigten, heute diejenigen sind, die marginalisiert oder in ihrer Entwicklung stagniert sind und sich durch eine besonders ausgeprägte innere Einkommensungleichheit auszeichnen. Couchepin versprüht Optimismus und lässt Fortschrittsskeptiker und Globalisierungskritiker als politische Bremser erscheinen, die sich von Unsicherheit leiten lassen. So pachtet er den Pragmatismus für sich. Eine kontroversere Diskussion wäre zu wünschen gewesen.

Ich glaube an die Politik

Zahlen zur Schweiz

Jährlich seit 1891 erscheint dieses Standardwerk zur Statistik der Schweiz. Es liefert Zahlen zu fast jedem erdenklichen Bereich. Aufgrund des erläuternden Textes und einiger vertiefender Spezialbeiträge ist das Werk aber nicht nur Zahlenlieferant, sondern ermöglicht auch die Information über grundlegende Themen der Schweiz. Die Kapitel und Spezialbeiträge: Bevölkerung Der spezielle Beitrag: Die räumliche Bevölkerungsdynamik der 90er Jahre Raum und Umwelt Arbeit und Erwerb Der spezielle Beitrag: Spitzenlöhne und Niedriglöhne: Entwicklung in den 90er Jahren Volkswirtschaft Der spezielle Beitrag: Die öffentliche Entwicklungshilfe Preise Der spezielle Beitrag: Die Entwicklung der Baupreise 1998-2002 Industrie und Dienstleistungen Der spezielle Beitrag: Kennzahlen wichtiger Wirtschaftszweige Land- und Forstwirtschaft Der spezielle Beitrag: Biologische Landwirtschaft Energie Bau- und Wohnungswesen Tourismus Der spezielle Beitrag: Reiseverhalten der Schweizer Verkehr und Nachrichtenwesen Der spezielle Beitrag: Mobilität in der Schweiz Geld, Banken, Versicherungen Soziale Sicherheit Gesundheit Bildung und Wissenschaft Der spezielle Beitrag: Computer und Internet im Bildungsbereich Kultur, Medien, Zeitverwendung Politik Der spezielle Beitrag: Das Parteiensystem der Schweiz im internationalen Vergleich Öffentliche Finanzen Rechtspflege Der spezielle Beitrag: Delinquenz im Strassenverkehr Einkommen und Lebensqualität Der spezielle Beitrag: Wohlstand und Wohlbefinden Die Kapitel sind wie folgt aufgebaut: Zuerst gibt ein allgemein gehaltener Teil die wichtigsten Ergebnisse wieder und ermöglicht so einen raschen Überblick. Dann folgt in gut der Hälfte der Kapitel ein spezieller Beitrag, der - je nach Aktualität - jedes Jahr wechseln kann. Anschliessend wird einiges zur Methodik der Erhebung gesagt und dabei auch auf Grenzen der Aussagefähigkeit hingewiesen. Schliesslich findet man im Glossar die wichtigsten Begriffe und kann in einem Referenzteil weiterführende Literatur und Auskunftspersonen nachschlagen. Der letzte Teil besteht dann aus dem eigentlichen Datenmaterial. Als Supplement findet der geneigte Leser seit 2002 eine CD-ROM mit umfangreichem Datenmaterial, das entweder in Excel- oder pdf-Dateien aufbereitet ist. (Einige Excel-Dateien bedürfen kleinerer Nachformatierungen, damit sie gut lesbar sind.) Seit diesem Jahr befindet sich auf der CD-ROM auch ein "Statistischer Atlas", ein interessantes Visualisierungswerkzeug, mit dem man sich zum Beispiel vor Augen führen kann, welche Partei wo in den letzten Jahren zugelegt bzw. Wählerstimmen verloren hat. Das Statistische Jahrbuch der Schweiz dürfte für verschiedenste Gruppierungen von Interesse sein: Der Wissenschaftler kann - allerdings nach erheblicher Nachbearbeitung und Hinzuziehung anderer Ausgaben - Analysen über mehrere Jahre vornehmen, der Journalist kann seine Artikel mit Zahlenmaterial anreichern und der Politiker seine Argumente mit "Fakten". Das Werk wird wohl weniger in der Bibliothek eines jeden interessierten Normalverbrauchers zu finden sein, denn dieser müsste dafür schon ein kleines Sümmchen opfern. Eine weniger handliche aber nützliche Alternative ist das Online-Angebot des Bundesamtes für Statistik:

Statistisches Jahrbuch der Schweiz 2003