Chronik des 21. Jahrhunderts als Hörbuch
Dorothee Meyer-Kahrweg hat eine reichhaltige Sammlung wichtiger Quellen überwiegend zur deutschen Geschichte zusammengestellt.
Chronik des Jahrhunderts 1900-2000Der Goldmacher von Lom
Der Rat des Landes Lom hat eingeladen. Viele berühmte Magier aus Nah und Fern sollen sich einen Eindruck verschaffen von den Fähigkeiten des Goldmachers, der es geschafft haben soll, Stein in Gold zu verwandeln. So macht sich auch Julin mit seinem Lehrmeister Darian auf den Weg. Direkt hinter der Grenze werden sie überfallen, aber von der Lomer Stadtwache gerettet. Misstrauisch geworden, nimmt Darian Quartier im Gasthaus von Abelina, statt wie ursprünglich geplant im Handelspalast. Darian ist skeptisch gegenüber dem Goldmacher und möchte bei der Vorführung den Steinstaub untersuchen. Doch als er neben dem Magier steht, bricht ein Stück der Decke heraus und begräbt die beiden unter sich. Die Lomer Magierin Avia wird dafür verurteilt. Als Julin erfährt, dass Darian sofort beerdigt werden soll, obwohl man sonst in Lom, wegen des gefrorenen Winterbodens, damit bis zum Frühjahr wartet, wächst sein bereits latent vorhandenes Misstrauen weiter an. Von der Jägerin Fenja lässt er sich noch einmal in die Hallen der alten Könige führen, wo das Unglück geschah. Haliz va Lagar, die Tochter von Darians besten Freunden, folgt ihm. Was sie dort erleben, lässt die drei weitere Nachforschungen anstellen. Doch bevor es richtig los gehen kann, gerät Julin als Sklave in die Minen… Der Roman ist nach dem mehrfach prämierten Buch "Im Bann des Fluchträgers" Nina Blazons zweites Werk. Es spielt in derselben Welt und Darian sowie andere Figuren, kennt der Leser womöglich bereits aus dem ersten Buch. Dennoch sind beide Romane voneinander unabhängig. Mit seinen roten Haaren und den Feuersprossen entspricht Julin nicht gerade dem Erscheinungsbild eines strahlenden Helden, doch er ist eine sympathische Gestalt und durch die beiden jungen Frauen Haliz und Fenja bieten sich zwei weitere gute Identifikationsfiguren. Es ist aber Julins Perspektive, aus der erzählt wird. Der Leser erfährt kaum mehr, als der junge Magier weiss und so bleibt das wirkliche Geschehen in der Halle der alten Könige und dessen Hintergrund fast bis zum Ende unbekannt. Immer wieder gibt es überraschende Ereignisse und Wendungen. Es wäre schade, hier mehr von der Handlung zu verraten. Es ist eine spannende, vielschichtige, aber nicht verwirrende Geschichte mit einem gewissen Anspruch, die den Leser fesselt. Die Charaktere erinnern an die guten Helden der Märchen. Sie sind aber keine moralisch überhöhten Vorbilder, durch die sich Jugendliche bevormundet fühlen könnten, sondern sympathische, ansprechende Figuren. Die durchaus vorhandene Gesellschaftskritik ergibt sich einfach aus der Geschichte, ohne dass Blazon sie explizit thematisieren müsste. Besonders hervorzuheben ist die hier erdachte Welt. Nicht die im Fantasy üblichen Elfen, Zwerge, Orgs, Oger und Trolle begegnen dem Leser, vielmehr sind es ganz neue Wesen, die von der Autorin erfunden wurden: vielschichtige, angenehme aber auch erschreckende Gestalten, die sich der Leser gut vorstellen kann. Ein spannender Fantasy- und Abenteuerroman für Jugendliche und Erwachsene, den die Rezensentin wärmstens empfehlen kann.
Im Labyrinth der alten KönigeFamilie Kaminer
In jeder Familie gibt es sie, die kleinen und großen skurrilen Ereignisse des Alltags. Wladimir Kaminer lässt uns am Leben seiner Familie teilhaben. Dies tut er mit viel Humor. Wir erfahren vom Ideenreichtum des Vaters, der manchmal ein wenig absonderlich anmutet. Wir lernen Olga, die Ehefrau des Autors, und seine beiden Kinder, Sebastian und Nicole, kennen, denen die Kreativität offenbar vererbt wurde: Sie bauen ihre Schildkröte durch Einsatz eines Ventilators und von Rädern zu einem Porsche um. Zur Familie gehören auch noch der Großvater und die schwangere Katze Marfa sowie die Tante, die aber nicht will, dass über sie berichtet wird. Kaminer erzählt von seiner Kindheit in Russland und den Hürden der deutschen Bürokratie, die auch von einem Dreijährigen Angaben über seine Ex-Frauen verlangt, von der Mentalität der Ostdeutschen und dem Urlaub im sonnigen Süden - eben von Ereignissen des Alltags. Der Leser wird sich und sein Leben wiedererkennen, dabei schmunzeln oder zustimmend nicken. Die kurzen, unabhängigen Episoden lesen sich leicht, ohne aber anspruchslos zu sein. Kaminer bringt die Dinge auf den Punkt, indem er sie einfach beschreibt, so, wie sie sind. Eine unterhaltsame Lektüre, die einem den Blick für die Kleinigkeiten und vermeintlichen Banalitäten des Lebens offenbart. Gerne kann uns Wladimir Kaminer mit weiteren Geschichten dieser Art beglücken. Seine ersten sind es ja nicht...
Ich mache mir Sorgen, MamaHöfliche Paparazzi - ein Widerspruch in sich?
Höfliche Paparazzi - ein Widerspruch in sich? Nein, denn die Berichte des Internetprojekts hoeflichepaparazzi.de, von denen hier einige in Buchform vorliegen, wurden nicht von professionellen Treibjägern, sondern von ganz normalen, netten Bürgern verfass
Wie Franz Beckenbauer mir einmal viel zu nahe kamDie Rolle des NSKK im Zweiten Weltkrieg
Eine grundsolide Studie, die für künftige Auseinandersetzungen mit der Motorisierung im NS-Staat unentbehrlich ist.
Motorisierung und "Volksgemeinschaft"Brunettis Ahnherr entdeckt
Die Kulisse des winterlichen Venedigs und die latente Frivolität seines gesellschaftlichen Lebens, die Habsburgerzeit rund um die faszinierende Gestalt der Kaiserin Elisabeth und eine sich anbahnende Liebesgeschichte klingen als Hintergrund eines Romans wenig neu und spektakulär. Und wenn dann die Hauptfigur auch noch in Gestalt eines rührigen Commissarios, halbherzig, aber seriös in seiner venezianischen Questura arbeitend, aufgerieben durch Korruption und Filz, daherkommt, scheint die Frage nahe liegend: Greift da jemand auf Bekanntes und Bewährtes zurück? Dieser Jemand ist ein ebenso kultivierter wie angegrauter Herr namens Nicolas Remin, studierter Literaturwissenschafter, Philosoph und Kunsthistoriker, in der Lüneburger Heide und in der Toskana lebend, lesend und schreibend. Sein Debütroman "Schnee in Venedig" soll der Auftakt einer Serie um Commissario Tron, den letzten Spross eines verarmten venezianischen Adelsgeschlechts, sein. Auf einem österreichischen Dampfer, der von Triest nach Venedig unterwegs ist, geschehen während einer stürmischen Nacht zwei Morde: Ein kaiserlicher Hofbeamter und eine junge Frau werden tot in einer Kabine der ersten Klasse entdeckt. Commissario Alvise Tron wird mitten aus den Vorbereitungen für den Maskenball in seinem Palazzo gerufen und beginnt mit den Ermittlungen. Schon bald allerdings wird er von höherer Stelle kalt gestellt; mit der Begründung, die Morde stünden im Zusammenhang mit einem geplanten Attentat auf die in Venedig weilende Kaiserin, übernimmt die österreichische Militärpolizei den Fall. Trotz anders lautender Anweisungen seines Polizeipräsidenten ermittelt Tron auf eigene Faust weiter und entdeckt Abgründe menschlichen Trachtens. Aus dem Hintergrund von zwei mutigen Frauen, der Principessa di Montalcino und der jungen Kaiserin Elisabeth, unterstützt, lässt sich der Commissario nicht mehr von seinem Weg abbringen, auch dann nicht, als er selber in höchster Gefahr schwebt. Nicht alles ist Remin auf seinen ersten dreihundertfünfzig Seiten vollends geglückt. Es bleibt etwa schleierhaft, weshalb er in seinen Kapiteln konsequent die Zeitformen ändert. Es verwirrt, wenn die Kaiserin jeweils in der Gegenwart lebt, einige Seiten später der Haupttäter aber in wechselnden Vergangenheitsformen mordet. Die eine oder andere Szene mutet etwas seltsam an, entbehrt gar einer gewissen Logik, ohne dass sich dies allerdings gravierend auf die Handlung auswirkt. Wer das Buch am Schluss zufrieden zuklappt, mag sich zudem fragen, ob das Happyend so süss ausfallen musste. Abgesehen von diesen Schönheitsfehlern, bereitet das Buch viel Spass. Man wird entführt in eine fast vergessene, sinnliche Zeit, begleitet von einer gepflegten, bildhaften Sprache und einer sorgfältig aufgebauten und entwickelten Handlung. Es wird interessant sein, den Debütanten Nicolas Remin in den kommenden Jahren zu begleiten. Es scheint, als hätte sich der zurückhaltend und stilvoll wirkende Literat und Philosoph viel Zeit für seinen Erstlingsroman gelassen. Und man darf wohl getrost davon ausgehen, dass der Autor, der sein Leben eigenen Angaben zufolge hauptsächlich lesend verbracht hat, hohe Ansprüche an sich und sein literarisches Schaffen stellt. Commissario Tron hat als Hauptfigur durchaus Potential. Eingebunden in ein authentisches geschichtliches Umfeld, und als glaubwürdige Gestalt in seiner Persönlichkeit und seinen Beziehungen zunehmend entfaltet, kann er uns in den weiteren Folgen der Serie viel Freude bereiten.
Schnee in VenedigDas Leben einer Jüdin unter den Nazis und ihre Flucht in die Schweiz
Edith Dietz' persönlicher Erlebnisbericht gibt Einblick in das unwürdige Leben, das Juden unter den Nazis führen mussten.
Den Nazis entronnenDas Dilemma mit den Erinnerungen
Lesenswerte Geschichten von Maxim Biller, an die man auch nach der Lektüre noch denkt.
BernsteintageDas Eigentliche
Ein Buch mit offenem Anfang und offenem Ende - so offen, dass "der Wind hindurchpfeift und der Regen alle geduldig auf ein angemessenes Schlusswort Wartenden durchweicht" (S. 110) - hat Anne Weber mit ihrem dritten Werk vorgelegt. Immer suchend, unterwirft es sich nicht den Zwängen einer Gattung: kein Roman, kein Essay, sondern ein intelligentes Spiel mit Sprache und Gedanken, bei dem viel Wahres hervortritt. Worte schieben sich vor die Wirklichkeit "und verhindern, dass das Eigentliche zur Sprache kommt; also muss die Sprache zum Eigentlichen kommen und es aus seinem Versteck locken" (S. 47). Doch was ist dieses diffuse Eigentliche? Ein "nicht zu fassendes, bestenfalls zu umkreisendes Gebilde, es ist der Brennpunkt, an dem sich Worte, Wirklichkeit und Imagination treffen, und mit dessen Hilfe man, gelänge es, sich ihm zu nähern, ein beachtliches Loch in jegliche Gewissheit brechen könnte." Und dieses Buch ist der fortgesetzte Versuch einer solchen Annäherung an das Eigentliche. Scheinbar droht keine Gefahr vom Loch in jeglicher Gewissheit, denn: "Gedanken führen zu nichts, das ist das Schöne an ihnen. Man gibt sich ihnen hin, sie geben sich einem hin, man spielt mit ihnen, sie lassen einen nicht mehr los und bilden einen Fluss, an dessen Ufern man gerne spazieren geht, man sammelt sie, man wird sie nicht los, man trägt sich mit ihnen (wer sie trägt, trägt zugleich sich selbst), man kommt auf sie , manche von ihnen sind schwarz, denen hängt man nach. Weiße oder rote oder blaue Gedanken gibt es nicht" ... (S. 29) Schade, rot-blaue Gedanken von Anne Weber wären sicher noch unterhaltsamer als diese schwarzen, um das Thema "Tod" kreisenden. Die Harmlosigkeit der Gedanken ist am Ende nur eine scheinbare. Denn inhaltlich handelt das Buch neben dem Tod auch von der Beziehung der Autorin zu ihrem Vater und wird im letzten Teil, als diese klarer hervortritt, besonders authentisch. Die Klärung der Beziehung zum Vater und der eigenen Kindheit benötigt eben den Fluss der gesammelten Gedanken, um schließlich einigermaßen schmerzlos zu gelingen. Und so erleichtert sich Anne Weber vom Ballast ihrer Kindheit und das Spiel mit den Worten wird zur Möglichkeit der Selbsterfahrung. Für den Leser kommt der Einbruch an Realität fast überraschend, doch befreiend weist das offene Ende den Weg zu neuen Flussufern. Zum Neid der Autorin auf den Romancier (S. 109) besteht kein Anlass, denn so anregend und lebendig wie dieses Buch könnte ein Roman nicht sein.
Besuch bei Zerberusstellysee
Als sich Odysseus vor nahezu dreitausend Jahren auf die Reise in ferne Länder machte, brachte er am Ende seiner zehnjährigen Odyssee viele Geschichten und Abenteuer mit nach Hause. So entstand die Ilias von Homer. Auch die Autorin, Stella Eva Henrich, sagt, sie habe sich vor einiger Zeit mit der Kraft des Ertragens und großer Neugierde auf manche Irrfahrten begeben. Sie sei dabei Menschen begegnet, habe Gefühle durchlebt, an der Verwirrung der Sinne gelitten, Symbole als Aufforderung gedeutet, neue Wege einzuschlagen, betrüge und lasse sich betrügen, spiele die Klaviatur des Theaters und lerne die Macht des Unbewussten kennen. So entsteht die stellysee, sagt Stella Eva Henrich. Im Vordergrund ihrer Kurzgeschichten und Gedichte steht stets der erotische Augenblick, die Faszination an großen Gefühlen, die bis zum Terror ausarten können. In den insgesamt 13 Kurzgeschichten und Gedichten geht es aber auch durchaus amüsant zu. Das Buch spiegelt das Leben einer Frau des 21. Jahrhundert, die sich ihre sexuellen Phantasien und Wünsche schon lange nicht mehr verbieten lässt. Besonders gelungen sind die Kurzgeschichten "Liebesspiele mit kleinen Brotmessern", in der sich das Geschlechterkräfteverhältnis mit neu gewonnenem Selbstbewusstsein der Protagonistin umkehrt. Aber auch deutlich macht, dass nicht nur Frauen in Sachen Liebesspiele und Körperwahrnehmung mit sich zu kämpfen haben. "Amazonas in der großen Stadt" ist eine ausgesprochen humorvolle kurzweilige Lektüre und wirft einen Blick auf das Leben in Städten des 21. Jahrhunderts. Geschlechterkampf, das Ringen um Respekt und Anerkennung stehen im Mittelpunkt. Nicht verbissen geht die Autorin dieses Thema an, sondern mit einer großen Portion Humor und sprachlichem Witz. Es stimmt absolut, wenn die Autorin über ihr Buch behauptet, es handele sich bei der stellysee weniger um eine surreale Abenteuerfahrt als vielmehr um einen Tanz zwischen Raum, Zeit und Wirklichkeit, verschiedene Perspektiven des Wahrnehmens, des Ankommens und des Abschieds und um die Erfahrung von Glück und Unglück. Also um den ganz normalen Wahnsinn des Lebens. Und immer gespickt mit einem Funken Erotik. Erotische Aktmalerei rundet die Lektüre ab.
stellyseeEin Istanbul voller Verbrecher
Das dritte Buch von Chistoph Peters ist eines über ganz verschiedene Lebenswege, die doch eines verbindet: Sie sind so destruktiv, dass sie geradewegs auf den Tod zusteuern. Ein amerikanischer Edelsteinhändler, Mr. Miller, macht Geschäfte mit dubiosen russischen Mafiosi, ist sich des damit verbundenen Risikos bewusst und wird schließlich ermordet. Albin, ein deutscher Bildhauer, als Kind an der Gewalttätigkeit seines Vaters zerbrochen, säuft sich zu Tode. Die Mutter, von ihrem Mann so brutal tyrannisiert wie dieser jüngste Sohn, kann sich trotz seines Verschwindens nicht von ihm lösen und bringt sich in Raten mit Beruhigungsmitteln und Alkohol um. Albin reist auf Drängen seiner Freundin Livia nach Istanbul in der Hoffnung, die eigentlich bereits zerbrochene Beziehung ließe sich nochmals kitten, lernt in der Hotelbar Mr. Miller kennen und beobachtet am nächsten Morgen offenbar als einziger Zeuge, wie dieser erschossen wird. Anstatt nun das Gesehene der Polizei anzuzeigen, versucht er auf eigene Faust die Mörder zu finden, die wohl der russischen Edelsteinschmugglerszene in Istanbul angehören, und verhält sich dabei so risikofreudig, dass man ständig seine baldige Ermordung befürchtet. Livia und Albin lernen dann im Hotel noch eine deutsche Kunststudentengruppe kennen, der sie sich anschließen. Nach Albins ungeklärtem Tod versucht einer der Studenten zu rekonstruieren, was Albin in der gemeinsam verbrachten Woche in Istanbul widerfahren ist. So laufen in dem Roman zwei Erzählstränge parallel: Albin schildert seine Erlebnisse, die, je näher sein Ende rückt, mehr und mehr unterbrochen werden von Erinnerungen an seine Kindheit, seinen Vater, seine Mutter und die ersten Jahre mit Livia. Der Student schildert Albins und Livias Tage in Istanbul, wie er sie aus den Erzählungen der anderen und seinen eigenen Beobachtungen erschließen kann - eine spannungsreiche Konstruktion. Doch der Rest, die ganze Handlung, ist banal und ohne Aussage. Dann liefert das Buch noch die Beschreibung einer fremden, undurchschaubaren, bedrohlichen Stadt. Das Ganze ist recht spannend und gut geschrieben. Allerdings wird die Lesefreude von der vollkommen negativen Stimmung, in der es keinen Lichtblick gibt, getrübt. Istanbul hat nichts Schönes oder Liebenswertes zu bieten, nur Dreck, Betrüger, Verbrechen, Korruption und Gewalt. Auch als Livia sich in einen der Studenten verliebt, hellt sich nichts auf. Die Studenten profitieren nicht von der Klassenfahrt, untereinander vertragen sie sich nicht. Die Geschichte wirkt völlig konstruiert. Ganz Istanbul scheint in die Tat verwickelt zu sein, die Mörder und ihre Komplizen allgegenwärtig, die Polizei ebenso mit von der Partie oder zumindest Touristen gegenüber extrem feindselig. Wenn dieses Komplott als Hirngespinst eines Alkoholikers kurz vor dem Delir verstanden werden könnte, wäre die Geschichte vielleicht gut. Doch die Feindseligkeit und mysteriöse Verschwiegenheit wird genauso von dem an sich neutralen Beobachter im zweiten Erzählstrang empfunden. Dass Istanbul so ist, dass ein Nobelhotel gemeinsam mit der Polizei einen Mafiamord vertuscht, von dem doch jedermann bis hin zum Barkeeper oder Teppichhändler weiß, dass Türken, Zigeuner, Russen, Polizei und Zöllner nichts anderes zum Ziel haben, als Touristen um Unsummen von Geld zu bringen, das alles möchte man so nicht glauben.
Das Tuch aus NachtJenseits von Innerlichkeitsprosa
Jörg Fauser ist immer noch ein relativ unbekannter Autor. Zeit seines Lebens fand sein Werk nur wenig Beachtung bei der deutschen Literaturkritik. Inzwischen haben seine Romane "Der Schneemann", "Rohstoff" und "Das Schlangenmaul" (letzterer wurde verfilmt) eine kleine aber treue Leserschaft gefunden. Neben den Romanen und Gedichten hat Fauser immer wieder für die Zeitung geschrieben. Dabei sind Autorenporträts und literarische Reportagen entstanden, die nun in diesem Band versammelt sind. Der "Lese-Stoff", den uns Fauser anbietet, umfasst vor allem Autoren aus dem angelsächsischen Sprachraum. In Fausers literarischen Kosmos bilden Autoren wie Hemingway, Bukowski oder Kerouac den Gegenpool zum gehassten "Bauchnabelpopeln deutschen Dichtergeweses". Bei ihnen entdeckt der Schriftsteller Fauser den Realismus und die Direktheit der Literatur, die er für seine eigenen Romane in Anspruch nimmt. So überrascht auch nicht die Auffassung, die Fauser - ganz in Opposition zur deutschen Innerlichkeitsprosa - über die Aufgabe der Literatur hat. Sie lautet lapidar: "Information fürs tägliche Überleben." Das Problem des Schreibens nach 1945, das so viele deutsche Schriftsteller dieser Generation mit sich tragen, ist auch bei Fauser allgegenwärtig. Allerdings versucht Fauser nicht an jene literarische Tradition, die durch den Nationalsozialismus so jäh unterbrochen wurde, anzuknüpfen, sondern er orientiert sich an der amerikanischen Beat-Literatur der 50er und 60er Jahre. Im Autorenporträt von Jack Kerouac ("On the Road") beschreibt Fauser wie dieser Roman in das verkorkste Nachkriegsdeutschland hineinplatzte: "So lange sie sich erinnern konnten, die Trümmerkinder, war's eigentlich ziemlich fad gewesen, die fünfziger, dieser nahtlose Aufbau, Wirtschaftswunder, Wundertüten mit Pepita-Muster, ewige Sonntagnachmittage in den neuen Siedlungen mit Rasenmähen und Paul Anka, na gut, die paar vertrockneten Progressiven, Böll, Gott ja, Konkret so aufregend wie Kirchenfunk, die Rollkragenpullover bei der Humanistischen Union, na und? Kultur als Käsestulle. Und dann: "Let's go, man, go!" So wirkte Kerouac." Fauser gelingt es mit einem ganz eigenen Sound und ganz direkt über seine literarischen Vorbilder und Einflüsse zu schreiben. Mit den Autorenporträts über die amerikanischen hard-boiled Krimiautoren wie etwa Mickey Spillane oder Chester Himes gräbt Fauser zudem einige Klassiker des Kriminalromans aus, die schon beinahe in Vergessenheit geraten sind. Wer sich also nach etwas anderem als dem behäbigen Brunetti sehnt, wird in diesem Buch einige Leseanreize finden.
Lese-StoffEin verbaler Rundumschlag
Was Droste textmässig anfasst, kommt nicht ohne Spott davon.
Der infrarote KorsarDie Versager der High Society
Der Münchner Autor und Rechtsanwalt Georg Oswald hat mit "Im Himmel" seinen fünften Roman vorgelegt. Er schreibt gekonnt und abwechslungsreich. Das neue Buch ist so spannend, dass man es in einem Rutsch durchliest. Doch zurück bleibt eine gewisse Leere. "... denn ich könnte nicht sagen, dass mir klar wäre, was ich mit meiner Geschichte sagen will", erklärt der Ich-Erzähler, ein zwanzigjähriger Schulversager und Sohn eines erfolgreichen Münchner Anwaltes, gleich auf Seite 9. "Es ändert sich ja nie etwas, egal, was passiert.", lautet denn auch der Schlusssatz (S. 185). Konsequent. Das Problem ist aber nicht eines des Ich-Erzählers, sondern des Autors. Das anfängliche Bekenntnis wirkt wie ein Trick. Oswald kann schreiben, hat aber derzeit offenbar nicht viel zu sagen. Die Geschichte spielt an einem fiktiven Ort am Starnberger See, dem Wohnort der Münchner High Society. Deren Kinder werden den von den Eltern gesetzten Standards nicht gerecht: Schulversager, im Beruf und im Leben Gescheiterte. Sie lehnen sich auf, begehen mit fast dreißig Jahren die Dummheiten Pubertierender, sind abhängig vom Geld der Alten, sonnen sich in den Möglichkeiten, die der Reichtum bietet, finden aber ihren eigenen Weg nicht. Diese Orientierungslosigkeit gepaart mit der Verlogenheit hinter den glänzenden Fassaden ist also der Inhalt des Buches. Gesellschaftskritik und Voyeurismus. Dummerweise wirkt das Ganze nicht authentisch. Die Figuren und ihre Gefühle, das Milieu, alles ist Klischee, nichts wirklich Echtes, Lebendiges. Die Schilderungen erscheinen wie gemalt von einem, der diese Gesellschaft von außen beobachtet und sich dabei vorstellt, welche Dramen hinter der Oberfläche verborgen sein könnten, ohne das wirklich zu wissen. Vor allem die Frauenfiguren bleiben vollkommen leer. Nicht einmal die Mutter des Erzählers erhält menschliche Züge. Ansatzweise findet sich so etwas bei zwei älteren Männerfiguren, dem Nachbarn und dem Chef der Mutter, aber auch hier deutet sich ein Charakter nur diffus an. Wirklich schade, dass Oswald nicht genauer beobachtet. Schließlich nimmt man dem Ich-Erzähler seine zwanzig Jahre, seine Ziellosigkeit und seine Drogen- und Alkoholexzesse nicht ab. Er schreibt viel zu routiniert, zu gewählt und - vor allem - zu ruhig. Wer so schreibt, ruht in sich selbst, beobachtet von außen, ist aber nicht selbst involviert. Insofern ist die Ich-Form nichts als ein Stilmittel, um etwas Erfundenes authentisch erscheinen zu lassen. Also diesmal leider kein Meisterwerk.
Im HimmelDie Ängste und Qualen des Künstlerdaseins
Peter Kurzeck schildert im zweiten Teil seiner autobiografischen Romanfolge eine Phase aus seinem Leben, die er 1984 in Frankfurt durchlitt, muss man wohl sagen. 1984 hatte er nicht nur seinen Job in einem Antiquariat verloren, sondern auch die Geborgenheit einer langjährigen Beziehung mitsamt Wohnung und, besonders schmerzlich, den ständigen Kontakt zu seinem kaum fünfjährigen Töchterchen. "Als Gast" lebt er in der Folge in bedrückender Geldnot bei einem Gönner-Ehepaar. In einer stakkatoartigen Folge von Phrasen, selten vollständigen Sätzen, teilt er dem Leser die Ängste und Qualen eines Künstlerdaseins mit. Gesprächsfetzen, Beobachtungen, flüchtige Gedanken, Assoziationen und immer wieder Erinnerungen bilden eine ununterbrochene Folge. Diese sprachliche Form erweist sich der Monotonie wiederkehrender Ängste und alltäglicher Sorgen als völlig angemessen. Mit schonungsloser Offenheit enthüllt er seine eigenen Unzulänglichkeiten. Dem Leser teilt sich ein ständiges Gefühl des Gehetzt- und Getriebenseins mit, das zeitweilig schwer erträglich ist. Gleichzeitig beobachtet Kurzeck das Leben auf Frankfurts Straßen; und auch hier passt der Stakkatostil. Der Autor erreicht so eine wahrhaft dichte Beschreibung, um einen ethnologischen Begriff zu verwenden. Aber auch in den Prozess des Schreibens erhält der Leser Einblick: auch dieser monoton, Tag für Tag dasselbe, eine Aufgabe, welcher der Autor pflichtbewusst nachkommt. "Gleich da. Zurück und sehen, was das Manuskript zu dir sagt. Auch wenn es spät ist. Bei jedem Heimkommen als erstes die Notizzettel von unterwegs aus der Tasche. Reichtümer. Schätze. Aus der Welt bringst du die Welt mit. Ein langer Tag. [...] Im Manuskript den letzten Absatz noch einmal und sehen, wie es weitergeht. Wenigstens die nächsten zwei Sätze oder so weit es dich eben trägt. Sehen, wo es dich hinträgt." (S. 222) "Schreiben. Zuerst eine Farbe, ein Bild, dann die Wörter dafür. Nur probeweise, fürs erste, damit du dann bessere finden kannst. Du suchst dir die ersten Wörter zusammen und kostest sie, kaust sie, trägst sie mit dir herum. Bis es zwei halbe Sätze wenigstens. Und an einem guten Tag, der im übrigen leer bleiben muß, an so einem Tag diese zwei halben Sätze mit Vorsicht (auf Widerruf) auf ein Blatt Papier. Und dann immer wieder abschreiben die zwei halben Sätze, lesen und abschreiben. Bis ein Buch daraus wird. Sitzen und schreiben." (S. 154f) Falls auf dieser Welt noch jemand ist, der einen Schriftsteller oder sonst einen Künstler um sein nicht in die übliche Tretmühle eines Berufsalltags eingebundenes Dasein beneidet, er sollte dieses Buch lesen. "The most unglamorous of human obsessions" nennt der in England lebende Philosoph und Bestsellerautor Alain de Botton das Schreiben und bekennt, dass er auf seine Einkünfte als Journalist angewiesen ist. Aber Peter Kurzecks Buch ist - vielleicht nicht überraschend bei einem inzwischen mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller - darüber hinaus lesenswert, weil es einfach ein gekonntes Werk ist, auch wegen seines ungewöhnlichen Stils.
Als GastBild statt Wort
Einen gravierenden Mangel hat das Buch allerdings: es ist kostenlos.
100 Meisterwerke der WeltliteraturSprechende Tote
Die Autorin wird einigen bekannt sein, denn "Der Flusskönig" ist immerhin der vierzehnte Roman der 1952 geborenen Amerikanerin. Es ist kein lautes Buch, keines das nach einer Fortsetzung oder Verfilmung ruft! Der Roman lebt von seinen Bildern, er ist überaus stimmungsvoll und poetisch erzählt. Es ist ein leises Buch, welches keinerlei großer Aktionen bedarf um die Atmosphäre des kleinen fiktionalen Ortes Haddan am gleichnamigen Fluss in Massachussetts zu beschreiben. In diesem Haddan gibt es eine Internatsschule von Tradition und nun wäre es einfach zu sagen, "Der Flusskönig" steht in der Folge von Donna Tartts "Die Geheime Geschichte". Es erinnert lediglich an Tartt, und ist doch ein ganz anderes Buch. Es gibt nicht ein Thema des Buches, es sind viele zwischenmenschliche Inhalte, die angerissen und angesprochen werden: Freundschaft/Familie, es geht um Tote und Überlebende, um Schuld und Reue, aber auch Schuld und Sühne, Ignoranz/Arroganz, Mut und Feigheit, Hass und Liebe und - nicht zu vergessen, - die Trauer, die das ganze Buch wie ein roter Faden durchzieht: die Trauer der Toten und die Trauer der Überlebenden. Die Haddan School besteht seit mehr als hundert Jahren und doch ist sie ein Fremdkörper für die Einheimischen geblieben. Einwohner und Lehrpersonal haben nichts miteinander zu schaffen. Die letzte Gelegenheit, dies zu ändern, ging mit der unglücklichen Ehe zwischen der Dorfschönheit Annie Jordan und dem Schuldirektor Dr. Howe gründlich daneben und endete mit Annies Selbstmord. Schulangehörige und Einheimische leben nebeneinander her, es gibt keine offenen Feindseligkeiten, aber auch keine Freundschaften. Daran würde normalerweise auch der Tod eines Schülers, Augustus Pierce, nichts geändert haben, wäre da nicht der Polizist Abel Grey, der spürt, hinter Gus' Tod steckt mehr als ein Unfall. Und Abel läßt sich von nichts und niemandem abhalten, eine Erklärung zu finden, denn "(...) Abe wusste, wie es sich anfühlte, wenn die Toten sprachen und den Lebenden die Schuld zuwiesen an allem, was sie getan oder unterlassen hatten." Er läßt sich auch nicht ablenken, als er ganz überraschend feststellt, dass er, obwohl er sich für immun gehalten hatte, die Liebe zu einer Frau gefunden hat. Im Verlauf des Romans muss Abel erkennen, dass ihm die vertraute Welt fremd wird, das was er zu kennen glaubte, entpuppt sich als etwas anderes. Die Menschen und die Umgebungen verändern sich, verlieren den gewohnten Anblick. Oftmals sind es die kleinen Dinge, die das Buch so liebenswert machen, wie die Erwähnung der Mäuse und ihrem Treiben, wie überhaupt die Natur mit Tieren und Pflanzen eine eigene Rolle im Personal des Romans haben dürfen: "Im Oktober, wenn die Ulmen ihre Blätter abwarfen und die Eichen von einem Tag auf den anderen gelb wurden, kamen die Mäuse aus dem hohen Gras am Flussufer und machten sich auf die Suche nach einem Unterschlupf. Die Mädchen in St. Anne's fanden sie oft in den Schubladen ihrer Kommode oder eingekringelt in ihren Schuhen neben dem Bett." An diesem Beispiel zeigt sich auch, dass es der Autorin nicht um Tempo geht, sie ist mehr daran interessiert, zu beobachten und daran zu erinnern, was zu Beginn des Herbstes geschieht. Ein weiteres Beispiel zeigt eine sensible Autorin, der es gelingt mit kleinen Sätzen große Wirkung zu erzielen: "So ist das Leid: Es verfolgt den, der vor ihm flieht, und hinterlässt eine endlose Spur der Trauer." Wer Alice Hoffman als Autorin noch nicht kennt, dem sei dieses 352 Seiten starke Buch empfohlen, wer sie kennt, wird es ohnehin lesen.
Der Flusskönig