Es lebe der Nonsens!

Die Idee zum taktischen Wahnsinn kam René Schweizer 1972 in Cadaqués an der Costa Brava. Er wollte unbedingt den "Meistersurrealisten" Salvador Dalí treffen. Schweizer schickte Dalí eine Postkarte mit folgendem Inhalt: "Mon cher Dalí, j'ai l'honneur de vous informer de mon arrivée. René Schweizer." Das Ergebnis: Dalí lädt das Ehepaar Schweizer zu sich nach Hause ein. Dazu der Autor im Vorwort: "Für mich war das Erlebnis trotz falschem Ergebnis [Schweizer bat Dalí um Unterstützung für die Idee von ASS, seine Organisation zur Verblüffung des Erdballs] eine Quelle der Inspiration. Ein unverschämter Einfall, dachte ich, und einer der berühmtesten Künstler der Gegenwart macht sich auf die Socken." Bereits 1977 kam Schweizers groteske Korrespondenz erstmals in Buchform heraus. Bis 1993 erschienen drei weitere Bände. Der vorliegende Band versammelt nun die besten Briefwechsel der letzten 30 Jahre. Das erstaunliche ist, Schweizers absurde, bisweilen freche Anfragen an Bundesräte, Theaterdirektoren, Staatsanwälte, Firmenbosse, Pfarrer oder einfache Beamte landen nicht in den Papierkörben der Büros, sondern werden meist beantwortet. Schweizers Frage an das Theologische Seminar St. Chrischona, "Am Anfang war das Wort, heisst es. Was ist dann ein Vor-Wort?", wird ebenso (übrigens recht interessant) beantwortet, wie der Brief an den Basler Regierungsrat Arnold Schneider, in dem Schweizer schreibt: "ich habe in Künstlerkreisen gehört, Sie seien ein Idiot. Ist das wahr?". Schneiders Antwort ist recht "unkonventionell", wie Schweizer dann in seinem nächsten Brief bemerkt. Schweizers Briefe scheinen für einige ein willkommener Anlass zu sein, aus dem biederen Büro-Alltag auszubrechen. Die Antworten fallen oft ausführlich und nicht minder witzig aus und es sind ab und zu rege Briefwechsel entstanden, die sich über einige Wochen hinziehen. Schweizers Bücher waren stets schnell vergriffen und Nachahmer gibt es viele. Das spricht für die Idee, etwas Nonsens zu verbreiten.

Ein Schweizerbuch

Die Alpen - Eine Kulturlandschaft

Werner Bätzing, Professor für Kulturgeographie an der Universität Erlangen-Nürnberg, hat sich mit diesem Buch wahrhaft interdisziplinär mit dem Kulturraum Alpen befasst. Einleitend macht er auf einen wichtigen Aspekt aufmerksam, der meist vernachlässigt wird: das spezifische Bild, das man - unbewusst - im Kopf hat, wenn man mit Hinblick auf Ökologie, Tourismus, Landwirtschaft oder Politik von den Alpen spricht. Der Autor weist dabei drei historische Alpenbilder nach, die typisch sind für die Naturwahrnehmung der jeweiligen Epochen: als Erstes die schrecklichen, gefährlichen Alpen, die "montes horribiles" der Römer; diese Wahrnehmung der Natur als bedrohlich wird lange aufrecht erhalten. Ab dem Mittelalter entsteht eine neue Sicht, die sich mit Aufklärung, Herausbildung der modernen Naturwissenschaften und schließlich Industrieller Revolution am Ende durchsetzt: die ästhetische Naturwahrnehmung, die schönen, idyllischen Alpen mit ihren scharfen Kontrasten zwischen lieblicher Kulturlandschaft und schroffen Bergen. Im 20. Jahrhundert wandeln sich die Alpen zur Freizeitarena, zur imposanten Kulisse für Bergsteiger und Skifahrer. Heute dominiert nicht mehr ein Alpenbild, sondern jede einzelne der zahlreichen unterschiedlichen Aktivsportarten hat ihre eigene Wahrnehmung der Alpen, und zwar als ideales Sportgerät. Viele Umweltschützer dagegen erheben das romantische Alpenbild des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts - die Alpen als Idylle - zur Norm und aktualisieren das antike Bild der schrecklichen Berge neu, jetzt allerdings, um die Gefahren der Umweltzerstörung auszumalen. Ihr Ideal spiegelt aber nicht die Realität, sondern ist ein Alpenzerrbild, "das alle wirtschaftlichen Aktivitäten in den Alpen ausblendet und verdrängt" (S. 18). Folgenreich ist, dass sprunghafte Naturprozesse, also Bergstürze, Muren, Hochwasser, Lawinen oder Stürme, die man gemeinhin als Naturkatastrophen bezeichnet, aus geographischer Sicht geradezu typisches Charakteristikum des Naturraums Alpen sind. Diese Dynamik ist die zentrale Eigenschaft junger Hochgebirge wie den Alpen und direkt verantwortlich für viele typische Hochgebirgsformen und charakteristische Vegetationsentwicklungen. Denn: "Auf Grund labiler Gesteinsschichtungen, steilem Relief, hohen Niederschlägen, kurzer Vegetationszeit und ausgeprägten Temperaturextremen laufen viele Naturprozesse in Form einer sprunghaften Dynamik [...] ab." (S. 42) Die Alpen wären ohne solche "Katastrophen" nicht die Alpen. Der Sachverhalt fordert allerdings besondere Sorgfalt bei Eingriffen in die Natur. Die Alpen sind in ihrer gegenwärtigen Erscheinung keine Natur-, sondern eine Kulturlandschaft, so beispielsweise die Almen. Die Waldobergrenze entspricht fast in den gesamten Alpen nicht mehr der natürlichen Baumgrenze; sie wurde vom Menschen um ca. 300 Höhenmeter nach unten gedrückt, um die wirtschaftlich wichtigen Almen zu vergrößern. Da aber diese wirtschaftliche Bedingtheit der Kulturlandschaft Alpen auch von engagierten Umweltschützern oft nicht gesehen wird, erhalten "viele richtige Kritikpunkte [...] eine falsche Stoßrichtung" (S. 18). So wiederlegt Bätzing die verbreitete Ansicht, Subsistenzwirtschaft sei natürlicher als die spezialisierte Landwirtschaft mit Produktion für den Markt, extensive Nutzungsformen seien verträglicher für die Natur als intensive, eine Ausweitung der Nutzung gehe automatisch mit einer zunehmenden Umweltzerstörung einher. Die entscheidende Frage ist, wie der Mensch die Alpen nutzt. Ein Schlüsselbegriff ist dabei die "Reproduktion", also Reparatur- und Pflegearbeiten, die zur Stabilisierung jeglicher Kulturlandschaft geleistet werden müssen. Gerade die Natur eines Hochgebirges verlangt dem Nutzer ein großes Maß an Ausgleichs- und Schutzmaßnahmen ab wegen der erwähnten Sprunghaftigkeit. Es gibt also keine an die Natur angepasste oder ihr gemäße Nutzung, sondern jede Nutzung bedeutet einen Eingriff in die Natur und erfordert einen gewissen Aufwand an Stabilisierungsarbeit, um ihre eigenen Ressourcen nicht zu zerstören. Sehr eindrücklich schildert der Autor die verschiedenen Maßnahmen und Regelungen, welche die alpinen Agrargesellschaften trafen, um ihre eigene Subsitenzgrundlage zu erhalten, und die letztlich erst die von uns heute als "Alpennatur" so hoch geschätzte, abwechslungsreiche und teils liebliche, kleinräumige und artenreiche Kulturlandschaft hervorbrachte. Mit dem Niedergang der Landwirtschaft werden vormals genutzte Flächen aufgegeben. Überlässt man diese Flächen nun sich selbst, stellt sich nicht automatisch und schnell "Wildnis" oder gar der frühere Naturzustand wieder her. Je nach Lage können nach Schätzung des Autors die Sukzessionsprozesse Jahrhunderte dauern, bis wieder ein stabiles Ökosystem entstanden ist. Lässt man auf diesen vom Menschen gestalteten Arealen eine ungestörte Naturentwicklung zu, entsteht nach einer vorübergehenden Zunahme der Artenvielfalt für lange Zeit eine sehr artenarme Ersatzgesellschaft, die zugleich ökologisch labil ist. Da einerseits Intensivierung der Landwirtschaft in günstigen Lagen, andererseits Extensivierung oder Aufgabe unrentabler Flächen inzwischen weit vorangeschritten sind, ist eine flächenhafte Labilisierung der Landschaft festzustellen. Nach Ansicht des Autors ist daher eine "Zunahme von menschlich verursachten Naturkatastrophen in den Alpen" unvermeidlich (S. 248). Durch die veränderte bzw. eingestellte Nutzung der Alpenlandschaft ist ihr Ökosystem gegenüber der Vergangenheit deutlich instabiler geworden. Die globale Klimaveränderung kommt hinzu; und so zieht Bätzing das beunruhigende Fazit, "dass die ökologische Stabilität der Alpen in Zukunft nicht mehr gesichert ist." (S. 252). Der besondere Artenreichtum der Kulturlandschaft Alpen wurde vom Menschen im Laufe von Jahrhunderten geschaffen, kann aber bei Verbrachung innerhalb von 5 bis 20 Jahren verloren gehen. Und hier liegt der eigentliche Verlust. Der Autor gelangt zu der deprimierenden Gesamtbilanz: "Die Alpen verschwinden" (S. 314). Nicht in dem Sinn, dass das Gebirge verschwände, aber die Alpengebiete verlieren ihren Charakter als eigenständiger Wirtschafts- und Lebensraum. Die Alpenrandregionen und großen Haupttäler werden "vervorstädtert", die unzugänglichen Gebiete entsiedelt, die bäuerliche Kulturlandschaft verbuscht, die zuvor kleinräumige und vielfältige Landschaft wird eintönig und abweisend, ihre Biodiversität nimmt ab. Natürlich schlägt Bätzing auch Lösungswege vor, sie sind in diesem Buch allerdings nicht detailliert ausgearbeitet. Die wichtigste Botschaft ist hier: Die Alpen brauchen eine gesunde ökonomische Grundlage, die aber keine Monostruktur sein darf. Und: Verschiedenen Alpenregionen der Staaten Österreich, Deutschland, Schweiz, Liechtenstein, Frankreich, Italien, Monaco und Slowenien müssen ihre Interessen in Europa gemeinsam vertreten und untereinander kooperieren, am besten im Rahmen der Alpenkonvention, anstatt sich auf die nächste außeralpine Metropole auszurichten. Beispiel für eine derartige Fehlentscheidung sind die Schweizer Kantone Graubünden und Glarus, die beschlossen haben, enger mit der Stadt Zürich zusammenzuarbeiten, anstatt miteinander und den übrigen angrenzenden Alpenregionen. Dies wird nur die beklagte Vervorstädterung beschleunigen. Alpenorte und -täler sollten nicht untereinander konkurrieren, sondern sich über ein gemeinsames Konzept einigen. Bätzing nennt als Beispiel den Ausbau der Transitstrecken durch die Alpen. "Die Konkurrenz zwischen Tirol (forcierter Autobahnbau) und der Schweiz (Bevorzugung der Schiene) sorgte dafür, dass die sinnvolle und vernünftige Schweizer Transitverkehrspolitik immer mehr zum inselhaften Phänomen wurde", anstatt dass man sich gemeinsam in Europa stark gemacht hätte (S. 341). Heute beklagen ja gerade die Tiroler die verfehlte Politik der Vergangenheit, sehen aber nicht, dass man das Verkehrsdesaster selbst verursacht hat. Das Buch von Werner Bätzing beleuchtet die Alpen aus den unterschiedlichsten Richtungen und ermöglicht so einer breiteren Öffentlichkeit, das Gebirge als das wahrzunehmen, was es ist: eine Kulturlandschaft, die als Hochgebirge zwar nicht in weltweiten Dimensionen, aber innerhalb Europas einmalig ist. Bätzing vermittelt so vielfältige Einsichten und Ansichten der Alpen, dass es unmöglich ist, in einer Rezension auch nur annähernd auf alle wichtigen Aspekte einzugehen. Man kann das Werk nur allen Liebhabern dieses Gebirges wärmstens ans Herz legen. Sowohl Menschen, die sich für die Umwelt engagieren, als auch Politiker können hier Denkanstöße finden. Aber auch der Tourist wird Aspekte entdecken, die ihm ein tieferes Verständnis der bereisten Region vermitteln, als das konventionelle Reiseführer vermögen.

Die Alpen

Über Vorurteile

Eines stellt Sir Peter Ustinov gleich zu Beginn klar: Ein Freund von Georg W. Bush und seiner Machtpolitik ist er nicht. "Ich frage mich, wie schläft eigentlich ein Georg W. Bush? Wie schläft ein solcher Mann bei dem Gedanken, dass diese Kinder [Kinder, die bei den Bombardements auf Bagdad umkamen] ohne seine Befehle noch leben würden. Schreckt er auf, quälen ihn Albträume? Oder ist sein christliches Gewissen derart Show, dass er diese Gedanken gar nicht kennt? Ich vermute es." (s. 18f). Auch wenn Ustinov in seinen zahlreichen Geschichten immer wieder zu einem Seitenhieb gegen Bush ausholt, hat er auch Heitereres zu bieten. Heiter ist dabei weniger das Thema, als viel mehr Ustinovs Art darüber zu schreiben. Er stellt nicht den Anspruch, möglichst differenziert die Rolle des Vorurteils in der Gesellschaft zu analysieren. Hierfür existieren bereits an drei europäischen Universitäten Stiftungslehrstühle (Durham, Budapest und Wien), die dank der Initiative von Ustinov geschaffen wurden. In seinem vorliegenden Werk lässt er seinen Gedanken freien Lauf. Den Zwiespalt, den das Thema Vorurteile birgt, bringt Ustinov gleich selber auf den Punkt: "Über kleine Gaunereien und Kavaliersdelikte, die auf das Konto des Vorurteils gehen, amüsiere ich mich. Über die Kapitalverbrechen, die es anrichtet, schreibe ich in einem anderen Ton. Diesen Perspektivenwechsel, der nicht nur einer in meinem Kopf, sondern auch in meinem Gemüt ist, möchte ich von Anfang an markieren: Das grösste Verbrechen des Vorurteils ist Auschwitz." (s. 22). Hierin findet sich auch die Antwort auf die Frage, weshalb Ustinov erstmals auf Deutsch schreibt. So erzählt Ustinov - mit Witz, wo immer angebracht - von Begegnungen mit Prominenten wie Michail Gorbatschow, Charlie Chaplin, Georges Simenon, Indira Gandhi oder Jimmy Carter, macht sich seine Gedanken über des Deutschen Humorlosigkeit, des Japaners Höflichkeit und des Schweizers Langsamkeit und fragt sich, ob Reisen tatsächlich bildet, was Segeln und Religionen gemein haben und wie man ein Kamel durchs Nadelöhr bringt. Dies und anderes greift Ustinov in den gut 100 Anekdoten, Geschichten und Essays auf. Dann und wann flechtet er das eigentliche Thema vielleicht etwas gar gewollt ein, doch das verzeihen wir ihm gerne, denn Langeweile kommt bestimmt nicht auf.

Achtung! Vorurteile

Dramatikerinnen des 20. Jahrhunderts

Eine leider nicht gelungene Rundschau deutschsprachiger Dramatikerinnen.

Was für ein Schauspiel!

Einladung zu einem Fest

Wer sich die rund 450 Seiten zu Gemüte führt, darf selbst in der sinnlichen Atmosphäre schwelgen, die sich auf der Reise durch zweitausend Jahre Christentum entfaltet.

Die Urkraft des Heiligen

Eine differenzierte Sichtweise der Kultur der USA

In der Reihe "KulturSchlüssel" des Max Hueber Verlags findet sich inzwischen eine stattliche Zahl von Büchern. Mit den USA, Australien und Frankreich sind - neben "exotischeren" oder fremderen wie China, Vietnam oder der Türkei - auch drei westliche Länder vertreten, über die jeder bereits einiges zu wissen glaubt. Doch was stimmt eigentlich an unserem Bild über eine andere Kultur? Was beruht auf Vorurteilen oder banalen Missverständnissen? Diese Fragen möchte der Kulturschlüssel USA beantworten. Der Autor richtet sich dabei an Urlaubsreisende, Menschen, die beruflich in Amerika zu tun haben, Studenten oder auch Eltern, die ihr Kind für ein Jahr zu einer Gastfamilie in den Vereinigten Staaten schicken wollen. Abwechslungsreich und interessant geschrieben, hält das Buch für jeden passende Tipps bereit. Vom Einkaufen über Medien und Sport bis hin zum "Bettgeflüster" auf amerikanisch reicht die Vielfalt der behandelten Themen. Die vielleicht wichtigsten Kapitel finden sich gleich am Anfang und setzen sich mit dem Amerikabild vieler Europäer auseinander. Stimmt es, dass die Amerikaner übertrieben prüde und oberflächlich, ihre Freundlichkeit nicht echt ist? Nein, sagt Uwe Kreisel. Amerikaner sprechen sogar gerne über Sexualität und in der schulischen "sex education" werden nicht nur die biologischen Fakten gelehrt, sondern allerlei Alltagspraktisches. Und freundliche Floskeln gehören überall einfach dazu, aber unaufrichtig, gar heuchlerisch ist das nicht. Man muss ja nicht alles ganz wörtlich nehmen. Oberflächlicher als wir aber sind die Amerikaner ganz sicher nicht. Das Buch ist recht persönlich. Vielfach fließen Erlebnisse des Autors in die Darstellung ein. Das macht das Ganze lebendig, zum Teil aber etwas subjektiv. Die Essensvorlieben des Verfassers wird nicht jeder teilen. An manchen Stellen hätte die Auseinandersetzung etwas tiefer gehen können. Über amerikanische Politik beispielsweise liest man in anspruchsvolleren Tageszeitungen Fundierteres. Natürlich enthält das Buch ein Kapitel über die zahlreichen Minderheiten. Dennoch ist es im Wesentlichen ein Buch über das weiße Amerika. Wenn man bedenkt, dass Latinos oder Schwarze in vielen Städten besonders des Südens die Bevölkerungsmehrheit stellen, hätte man sich genauere Milieubeschreibungen gewünscht. Alles in Allem aber ist das Konzept überzeugend, das Layout ansprechend und übersichtlich. Nützlich sind die vielen Kästen - als "Tipps und Know-how" oder "Lexikon" gekennzeichnet - mit Spezialwortschatz oder häufigen Phrasen in allen Lebenslagen. Auf jeden Fall ein empfehlenswertes Buch!

KulturSchlüssel USA

Peter von Matts Reden zur Literatur

Peter von Matt weiß mit der Sprache umzugehen und driftet nur ganz selten in Germanistenslang ab.

Öffentliche Verehrung der Luftgeister

Ganz viel zu lesen!

Das "Harenberg Buch der 1000 Bücher" stellt 1000 bedeutende Bücher vor. Bei einer solchen Sammlung bzw. einem solchen Anspruch stellt sich als erstes die Frage nach den Auswahlkriterien. Wie den Benutzerhinweisen zu entnehmen ist, war das Hauptkriterium die Geschichte und Wirkung des einzelnen Werks und nicht die Bedeutung des Autors. "Das Buch der 1000 Bücher" enthalte somit Werke, "die die Welt bewegten und selbst zu Geschichte geworden sind." Eine solche Vorgabe reizt natürlich, das Buch nach Lücken zu durchforsten und fehlende Werke dem Herausgeber vorwurfsvoll unter die Nase zu reiben. Dieses wenig konstruktive Unterfangen führt zwangsläufig zum Schluss, dass ein Buch der 10'000 Bücher hätte gemacht werden müssen. Stattdessen sollte man sich lieber über das Vorhandene freuen: Zu finden sind sowohl Romane, Novellen, Lyriksammlungen, Kinderbuchklassiker, Sachbücher, Reiseberichte, Monografien als auch die grossen anonymen Werke der Kulturgeschichte wie Bibel, Talmud, Koran, Edda, Nibelungenlied und das Gilgamesch-Epos. Jeder Artikel gibt zunächst Auskunft über den Autor, ordnet ihn in die Literatur- oder Kulturgeschichte ein und informiert über seine Herkunft, Ausbildung und wichtigsten Leistungen. Anschliessend wird sein bedeutendstes Werk vorgestellt. Einzelne Autoren sind mit mehreren Werken vertreten. In den Werkartikeln erfolgt als erstes eine Einschätzung des Buches, dann folgen Abschnitte über Entstehung, Inhalt, Struktur und Wirkung. Bilder (Autorenportraits, Coverabbildungen, Bilder aus Verfilmungen) lockern das Ganze auf. In den Randspalten kann man kurze Auszüge aus dem Werk, Autorenzitate oder Äusserungen Dritter lesen. Das "Harenberg Buch der 1000 Bücher" lädt zum Blättern und Lesen ein. Die kurzen Artikel liefern interessante Hintergrundinformationen und zeigen Zusammenhänge zwischen Werk und Leben des Autors auf. Nützlich sind auch die in Textfeldern wiedergegeben Spezialinformationen zu Fachbegriffen und anderen Werken der Autoren.

Harenberg - Das Buch der 1000 Bücher

Literaturtheorie spannend und informativ

Die kleinen, gelben Reclam-Bände, man kennt sie noch aus der Schulzeit. Hielt man damals ein solches Büchlein in den Händen, so war es meist nicht aus Spaß am Lesen, sondern weil man musste. Die Lektüre war oft mit vielen Mühen verbunden; wegen der kleinen Schrift musste man sich auf den (meist eher trockenen) Stoff aus längst vergangenen Zeiten doppelt konzentrieren. Oftmals handelte es sich auch um Dichter, welche schon so lange unter der Erde lagen, dass sie das Jammertal und die Demut noch mit einem "h" schrieben. Vorliegender Reclam-Band unterscheidet sich in vieler Hinsicht von der Gymnasiallektüre. Derjenige, der es geschrieben hat, befindet sich noch unter den Lebenden und trotz der vermeintlichen Trockenheit des Themas ist der Band spannend und zugleich informativ. Jonathan Culler war Gastdozent für Französisch und Komparatistik in Yale und ist heute Professor für Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Cornell University (New York). Mit seinem Buch zur Dekonstruktion (On Deconstruction) hat er 1988 ein eindrückliches Werk über eine der wichtigsten und streitbarsten (literatur-)theoretischen Strömungen des Poststrukturalismus vorgelegt. Im englischen Original ist Cullers Literaturtheorie mit A very short Introduction untertitelt. Gerade die im Titel betonte Kürze der Einführung macht diesen Band interessant. Er gibt knappe aber sehr präzise Einblicke in die wichtigsten Fragen der modernen Literaturtheorie anhand von einleuchtenden Beispielen. Auch wenn Culler stets um Verständlichkeit bemüht ist, droht nicht die Gefahr, in populärwissenschaftliche Gefilde abzugleiten, in welchen die Verknappung oft gleichbedeutend mit schlichter Falschheit ist. Im Gegenteil, Culler "warnt" in der Einführung vor der Theorie: "Theorie ist furchteinflössend. Eines der entmutigendsten Merkmale von Theorie ist, dass sie nie aufhört. Theorie ist nichts, was man je beherrschen wird, keine begrenzte Anzahl an Texten, die man sich aneignen kann, um schließlich Theorie zu können".

Literaturtheorie

Bild statt Wort

Einen gravierenden Mangel hat das Buch allerdings: es ist kostenlos.

100 Meisterwerke der Weltliteratur

Empfehlenswerte Kurzeinführung in den Konfuzianismus

Konfuzianismus ist die ethisch-politische Lehre des Konfuzius. Sie wurde unter den Herrschern des alten China zur Staatslehre entwickelt. Mit ihr konnten sie über 2000 Jahre lang ihre herrschende Stellung in China behaupten. Konfuzius, einer der grossen Denker des alten China, wird in China K'ung fu-tzu genannt. Dabei ist K'ung der Nachname und fu-tzu eine ehrende Anrede, wie etwa "Meister". Er lebte in einer Zeit, in der die feudale und soziale Ordnung zerfiel und die Herrscher nach Erweiterung von Macht und Territorium strebten. Konfuzius sah in der Vernachlässigung des Zeremoniells und der Ethik den Grund für die Wirren seiner Zeit. Er strebte die Wiederherstellung einer auf Menschenliebe und Achtung vor der Autorität fussenden Feudalordnung an. Im Alter von 50 Jahren wurde er zum Justizminister ernannt und fünf Jahre später zum Premier. Doch seine Ideale konnte er nicht verwirklichen. Später widmete er sich ganz der Lehre, wobei bemerkenswert war, dass er auch Menschen aus dem einfachen Volk unterrichtete und so das bisherige Privileg der Adligen auf Bildung aufhob. Konfuzius starb 479 v. Chr. im Alter von 72 Jahren. Zu seinen Lebzeiten fanden seine Gedanken wenig Beachtung. Erst viele Jahre später wurde die konfuzianische Lehre zur Staatslehre erhoben, denn mit ihr liess sich die autokratische Herrschaft rechtfertigen. Konfuzius wurde daraufhin von vielen Herrschern verehrt. Mit der Instrumentalisierung des Konfuzianismus wurde auch sein Inhalt verändert. Heute wird mit dem Konfuzianismus der erstaunliche Wirtschaftsboom in den asiatischen Ländern erklärt, während Max Weber in ihm vor einiger Zeit noch einen der Hauptgründe für das Zurückbleiben Chinas im internationalen Wettbewerb sah. Hans van Ess legt in seiner Darstellung besonderes Gewicht auf das selbständige Wirken der konfuzianischen Gedanken und der Tradition des Konfuzianismus und bietet damit eine kurze Gesamtdarstellung aus einem Zeitraum von 2500 Jahren. Dabei wird deutlich, dass die gesamte Bandbreite des Konfuzianismus die Gedanken des Gründers weit hinter sich lässt und dass Konfuzianismus nicht ohne weiteres definiert werden kann.

Der Konfuzianismus

Der Fall "Nizon"

Das Journal ist der Versuch, sich entgegen der Infragestellung eine schriftstellerische Existenz zu ermöglichen.

Die Erstausgaben der Gefühle

Gabriel García Márquez' journalistische Arbeiten

Gabriel García Márquez kennen wir vor allem als Romanautor. Er war aber über längere Zeit auch journalistisch tätig. Eine lesenswerte Auswahl seiner journalistischen Arbeiten!

Frei sein und unabhängig

Die Welt, wie sie ist

Einen kleinen Einblick erhält man vom Schaffen des langjährigen Stern-Fotografen Jay Ullal, dessen Fotos in dem Band "Man hat nur sieben Leben - Foto-Reportagen, die bewegen" im Aufbau - Verlag in Zusammenarbeit mit dem stern-buch Verlag erschienen sind. An viele der 125 Fotos werden sich die Betrachter erinnern. Sie waren Bestandteile von Reportagen, die vor allem in der Zeitschrift stern, für den Ullal seit 1970 arbeitet, in den vergangenen 30 Jahren erschienen sind. stern-Reporter wie Kai Hermann, Peter-Hannes Lehmann, Erich Follath, Klaus Liedtke und Hajo Löwer berichten in kurzen Beiträgen über die Zusammenarbeit mit Ullal. Es sind Berichte, die einen Fotografen zeigen, der immer versucht hat, die Welt so darzustellen, wie sie ist und dabei den Alltag der Menschen einzufangen. Das Anliegen Ullals, der 1933 in Südindien geboren wurde, war das Leid und das Elend, aber auch den Glanz und Glamour zu zeigen. Neben Bildern vom Bürgerkrieg im Libanon, Kindersoldaten in Honduras und Nicaragua, im Iran und in den Palästinenserlagern wird der Betrachter auch an die Giftgaskatastrophe im indischen Bhopal und die US-amerikanische Invasion Grenadas erinnert, doch finden sich auch Aufnahmen von Prominenten, wie Willy Brandt oder der jungen englischen Königin. Seine Reportageaufträge erledigte Ullal immer ohne Rücksicht auf die eigene Person. Er setzte sich Gefahren aus, blieb dabei der Profi, vertrauend auf die Weissagung zu seiner Geburt, dass er sieben Leben habe. Obwohl manche dieser Stern-Beiträge viele Jahre zurückliegen, erinnert man sich beim Anblick der Fotos sofort an die damaligen Ereignisse, was ein Beweis für ihre dauerhafte Qualität ist. In einem Buch über den Magnum-Fotografen Philip Jones Griffiths heißt es: "Griffiths spricht in seinen Fotos von Liebe, Tod, Frivolität, Politik und nackter Gewalt. Seine Arbeiten kommentieren - häufig ironisch - so gut wie jeden Aspekt des menschlichen Lebens und bieten unvergeßliche Einblicke sowohl in die Verwüstungen als auch in die Schönheit unserer Zeit." Dieses gilt uneingeschränkt auch für das Werk von Jay Ullal.

Jay Ullal - Man hat nur sieben Leben

Das Judentum: Geschichte, Kultur und Religion

Das vorliegende Lexikon ist aus Beiträgen von über 100 Wissenschaftlern aus 14 Ländern entstanden. Das Vorwort nennt sechs inhaltliche Schwerpunkte: - Allgemeines Grundwissen über Religion und Kultur des Judentums - Jüdisches Leben in der Antike und im Mittelalter - Geschichte des deutschen Judentums - Geschichte des Judentums in Europa, in den USA und in anderen Ländern - Neubeginn jüdischen Lebens nach dem Holocaust - Entstehung und Entwicklung des Staates Israel Von der üblichen Gliederung lexikalischer Nachschlagewerke wurde abgewichen, indem zur Abhandlung weitreichenderer Themenbereiche Essays gewählt wurden. So finden sich ausführlichere Kapitel zu Themen wie Juden in der Antike, Antisemitismus, Israel, Judengesetzgebung, deutsch-jüdische Literatur und ihre Geschichte oder über den Synagogenbau. Bei der Frage, welche Persönlichkeiten denn in dieses Lexikon gehören, liess sich die Redaktion von dem Grundsatz leiten, primär Biografien zu berücksichtigen, in denen ein subjektiver Bezug zum Judentum und eine objektive Wirkung auf jüdisches Leben erkennbar sind. Demnach wurden auch nichtjüdische Personen, die - in positiver wie negativer Form - Einfluss aufs Judentum ausübten, aufgenommen. Dank der Kombination von artikelhafter Enzyklopädie- und Essay-Form erhält man mit diesem Buch einen zusammenhängenden Überblick über die jüdische Geschichte aber auch fundierte Informationen über Begriffe der jüdischen Kultur und Religion. Besonders nützlich sind ausserdem die Literaturhinweise, die zu den meisten Begriffen gegeben werden.

Neues Lexikon des Judentums