Kultur von Rechts Die Wiederentdeckung der Schönheit
Im 20. Jahrhundert hat die Kulturphilosophie, die besonders mit dem Namen Ernst Cassirer verbunden ist – ein deutscher Philosoph, der als Jude in der NS-Zeit zur Emigration in die Vereinigten Staaten von Amerika gezwungen war und dort, im Exil, eine Philosophische Anthropologie entwickelte, die aus den Quellen der deutschen Geistesgeschichte schöpfte, und mit besonderer Wertschätzung die Klassiker, vor allem Goethe, neu ins Bewusstsein rief. Cassirer machte gegen die Verwahrlosung des Geisteslebens und den nazistischen Kulturbruch die Blütezeit der deutschen Kultur gegenwärtig. Matthias Moosdorf bringt Philosophen zur Sprache, die heute überhört werden, wenn er in seinem neuen Buch ohne Pathos und Feierlichkeit an die Schönheit der Kunst und die Heimat der Kultur erinnert. Handelt es sich hier aber wirklich, wie der provokativ anmutende Titel suggeriert, um eine Kultur von Rechts?
Über das Geistesleben diesseits und jenseits des Mainstreams wird gegenwärtig viel geschrieben, und wer sich – auch als unpolitischer Zeitgenosse, vielleicht sogar als bekennender Nichtwähler – mehr freigeistige Kultur statt einer Überdosis Moralin wünscht, das Deutsch der Klassiker der Gendersprache vorzieht und eher den borniert anmutenden Ungeist der Wokeness als den Geist der Aufklärung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beheimatet sieht, gilt gemeinhin als konservativ, als gestrig, wird vielleicht sogar als unbelehrbar rechts kritisiert oder stigmatisiert. Letzteres freilich kann auch als Ehrentitel angesehen werden, selbst wenn Kultur, ob Kunst, Musik oder Literatur, niemals apologetisch ist, auch nicht gegenüber den vermeintlich besten Absichten, dem bestimmenden Zeitgeist oder dem Mainstream.
Moosdorf verspürt ein Unbehagen am Konformismus, somit auch an einer politisch einseitigen „Kulturindustrie“ (Adorno), die von künstlerischer Qualität nichts mehr weiß oder wissen will und die vermeintlich guten Absichten unverzichtbaren handwerklichen Fähigkeiten vorordnet. Kultur sei heute auch zu einem „Machtinstrument“ geworden. Sichtbar wird dies gewiss schon an den Vergaben von Fördermitteln und auch bei der Inszenierung von Theaterstücken oder Opern, bei denen dann etwa La Traviata von Giuseppe Verdi in ein exhibitionistisches Spektakel überführt wird. Das alles ist nicht neu, es ist nur lästig, ärgerlich und Ausweis einer vorherrschenden Kulturlosigkeit.
Ist aber also der Musikfreund „rechts“, der für eine werkgetreue Aufführung eintritt und Opernhäuser meidet, sofern Musik instrumentalisiert wird? Moosdorf wendet sich energisch gegen Kunst als „politisches Statement“: „Kultur ist kein Museum und keine Kulisse. Sie ist lebendig – aber sie lebt aus Bindung, nicht aus Entgrenzung. Eine Gesellschaft, die alles relativiert, relativiert am Ende auch sich selbst. Eine Kultur, die keine Maßstäbe mehr kennt, kennt auch keine Bedeutung mehr.“ Kunst lebe nicht vom Konsens, so Moosdorf, sondern vom „lebendigen Streit“. Es scheint, als ob das kulturelle Leben aber den politischen Stillstand noch einmal abbilde oder dupliziere, wenn etwa in der ängstlichen Selbstbehauptung des Einstehens für „unsere Demokratie“ (Bundespräsident Steinmeier) die kontroverse Auseinandersetzung gefürchtet wird, oder auch in der Kultur die ideologiefreien Räume zunehmend verschwinden.
Der international renommierte Cellist Moosdorf weiß, wovon er spricht und schreibt, auch wenn er den Kulturbegriff selbst kritisiert. In Wortverbindungen taucht ein Sammelsurium der Beliebigkeit auf, von der „Unternehmenskultur“ bis zur „Leitkultur“. Die deutsche Sprache kann auf vielfache Weise geschändet werden, so mag der Leser denken. Kultur sei weder „Ware“ noch „Ressource“, sondern die „spezifisch menschliche Art des Weltzugangs“. So schreibt Moosdorf: „Der Mensch, der sich nur noch als Produzent oder Konsument versteht, verliert das Bewusstsein seiner eigenen Würde.“ Die grundgesetzlich garantierte unantastbare Würde des Menschen wird auch dann angetastet, wenn Kultur angegriffen wird, wenn die „Uniformität“ zunimmt, während zugleich die Vielfalt beschworen wird. Kultur sei kein „Ornament der Zivilisation“; die kulturelle Bildung müsse neu entdeckt, neu gelernt werden: „Sie beginnt mit der Sprache. Wer seine Muttersprache verliert, verliert den Schlüssel zur Welt. Sprache ist kein neutrales Werkzeug, sondern der Ort, an dem Denken Gestalt gewinnt. Darum ist jede Verarmung der Sprache – ob durch Verkürzung, Mode oder digitale Fragmentierung – zugleich eine Verarmung des Denkens. Eine Schule, die das Lesen nicht mehr lehrt, sondern nur Informationen vermittelt, schneidet den Menschen von seiner eigenen Geschichte ab.“ Wer etwa in den 1970er- und 1980er-Jahren die Schule besucht hat, lernte noch eine spezifische Deutung jedes Romans und jedes Gedichtes kennen, die nach den Maßstäben der 1968er-Generation erfolgte und musste dann sehr bewusst gegen die Schule für das Leben lernen, sozusagen also die Heimat Kultur von einem verbindlich vorgegebenen Deutungsmuster herauslösen und damit für sich entdecken. Der Konformitätsdruck äußerte sich schlicht darin, dass als bürgerlich geltende Schriftsteller wie Thomas Mann oder Theodor Fontane vielfach nicht mal namentlich im Deutschunterricht erwähnt wurden.
Heute scheint dies, wenn Moosdorfs Analysen und Beobachtungen zutreffen, zwar graduell anders, aber doch sehr ähnlich zu sein, in einem Punkt vielleicht vergleichbar: Wer sich kulturell bildet, der tut dies stets auch gegen die eigene Zeit. Treffend hierzu zitiert Moosdorf den neomarxistischen Philosophen Jürgen Habermas (1929-2026), der vielfach nahezu als diskursaffiner, weltoffener Apostel der Bundesrepublik Deutschland verehrt und verklärt wird: „Wer auf Schönheit, Harmonie oder Überlieferung insistiert, gerät schnell in den Verdacht, sich dem ‚Lernprozess der Moderne‘ (Jürgen Habermas) entziehen zu wollen, also faktisch ein Unbelehrbarer zu sein.“ Vielleicht darf man heute den Mut haben, in den Augen vieler Zeitgenossen als unbelehrbar zu gelten, aus Liebe zu Kunst und Kultur.
Moosdorf steht ein für eine „konservative Ästhetik“, die nicht an bestimmte politische Ideologien gebunden ist, sondern die Möglichkeit aufrechterhält, „dass Kunst ein eigener Modus der Welterfahrung bleibt“. In diesem Sinne bekennt sich der Künstler Moosdorf zur Freiheit der Kunst und schreibt: „Wirkliche Kunst ist jedoch in ihrer tiefsten Natur immer frei, sie kann daher gar nicht politisch sein, weder politisch links noch rechts.“ Kunst, als Ausdruck von schöpferischer Freiheit, liegt außerhalb politischer Kategorien, aber der Künstler steht auch im Widerspruch zu seiner Zeit und in Opposition zur herrschenden Politik oder auch zu einer Gesellschaft, die, in Identitätsphantasien versunken, ostentativ Diversität beschwört und weltanschauliche Uniformität erwartet. Der Künstler lebt nicht unbedingt von der Kunst, aber für die Kunst.
Matthias Moosdorf hat eine kluge Streitschrift über die Kultur im Herzen Europas verfasst. Er will nicht schulmeisterlich belehren, sondern engagiert und bisweilen pointiert zum kritischen Nachdenken über Kultur anregen. Der Cellist weiß nur zu gut, dass die Kunst Erfahrungen der Schönheit schenken kann. Dieses herausragende Buch verdient eine große Leserschaft.
Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny