Reinhard Marx: Kult

Wenn Theologen der Gottesfrage ausweichen

Im Sommersemester 1967 hielt der Theologe Joseph Ratzinger, seinerzeit Lehrstuhlinhaber für Dogmatik an der Universität Tübingen, eine vielbeachtete Vorlesung für Hörer aller Fakultäten. Er sprach ähnlich – und doch ganz anders – als der heutige Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx über die Gegenwart und Zukunft des christlichen Glaubens. Ratzingers Buch erschien 1968 unter dem schlichten Titel „Einführung in das Christentum“. Der spätere Papst schrieb sensibel, verständlich und einladend, weltoffen und glaubensstark, griff protestantischer Denker wie Sören Kierkegaard und katholische Literaten wie Paul Claudel auf. Ratzinger sprach nicht zeitgeistaffin, sondern nahm unbekümmert, gedankenvoll und ernsthaft die redliche Frage seiner Zeitgenossen nach Gott auf und wählte als Leitfaden seiner Überlegungen das Apostolische Glaubensbekenntnis. Haben sich die Zeiten so sehr geändert, mögen Leser heute denken, die die vielleicht nicht weniger ernsthaft gemeinten, aber doch angestrengt anmutenden Überlegungen von Reinhard Marx zur Hand nehmen? Lässt sich über den christlichen Glauben in der Welt von heute anders als 1967 nicht mehr einfühlsam und anschaulich nachdenken? In seinem Buch „Kult“ geht der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz gewissermaßen verbal aufs Ganze, aber substanziell bleiben wesentliche Fragen unberührt. Marx, eine markante Gestalt im deutschen Episkopat, wählt oft markige Worte – doch trifft er den Nerv seiner Zeit? Hat der Theologe ein hörendes Herz für die Sorgen und Nöte derer, die nach Gott suchen?

Reinhard Marx spricht von seiner „Verantwortung als Theologe und Bischof“ und greift zunächst die politische Agenda der letzten Jahre auf. Er spricht summarisch vom Klimawandel, von Krieg und Frieden, von der Corona-Zeit, von „globalen Machtkämpfen“ und von der Migrationsfrage. Mit Themen wie diesen könnten Experten aller Religionsgemeinschaften, Parteien und Weltanschauungen sowie etablierte Journalisten erregte und zugleich narkotische Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bestreiten. Auch Fürbittgebete in Gottesdiensten erinnern bisweilen an die vermeintlich großen Themen der Zeit, Litaneien, in denen alles Mögliche deklamiert, aber die Frage nach dem gnädigen Gott, die den Reformator Martin Luther so leidenschaftlich umtrieb, konsequent ausgeblendet wird. Marx bietet seiner Leserschaft zumindest mit einschlägigen Zitaten Einblicke in die gängigen Meinungen der Zeit. Er kommt auf Soziologen wie Andreas Reckwitz zu sprechen und nennt Jürgen Habermas, prominente Gewährsmänner der etablierten Wissenschaften. Auf geistliche Worte von Heiligen wartet der Leser vergebens. Die synodale Stunde hat geschlagen, der Weckruf geht aus den von den sogenannten „Humanwissenschaften“, die Ursachen für den sexuellen Missbrauch auf kuriose Weise in den behaupteten Machtstrukturen in der katholischen Kirche ausfindig machen möchten. Auch wer, wie Reinhard Marx in diesem Buch darlegt, im katholischen Milieu – also in einer lebendigen Volkskirche – aufgewachsen ist, wird nicht so naiv sein, die Amtsträger, ob nun Kleriker oder Religionslehrer, mit den Heiligen zu identifizieren, von denen jene bestallten Priester und Lehrer in der Predigt oder im Unterricht gesprochen haben. Zur Heiligkeit der Kirche bekennen sich Gläubige bis heute, nicht aber dazu, dass nun jene, die zu einem geistlichen Amt oder weltlichen Beruf bestellt sind, hypermoralische Tugendbolde oder gar von Gott gesandte Engel sind. Die Erfahrung lehrte und lehrt anderes, damals, gestern und heute. Der Skandal des sexuellen Missbrauchs hat vielen Zeitgenossen neu die Augen geöffnet. Von den schändlichen Verbrechen und den Verbrechern sowie von jenen, die durch die Praktiken des Vertuschens oder durch ihr Schweigen, innerhalb der Kirche wie in anderen Institutionen, auf ihre Weise auch schuldig wurden, darf nicht geschwiegen werden. Gleichwohl bekennen sich gläubige Christen weiterhin zur Heiligkeit der Kirche.

Reinhard Marx, der sich vehement von Traditionalisten und dem „katholischen Rechtspopulismus“ abgrenzt, sieht die Feier der Eucharistie im Mittelpunkt, als Herzstück des Glaubens und versäumt leider doch, möglicherweise aus Furcht vor „spirituellem Eskapismus“, besonnen und geistlich die Schönheit des Glaubens zu entfalten. Stattdessen bietet er kirchenpolitische Statements an, spricht abstrakt von der Zukunft Deutschlands und Europas und scheut sich, über die erwägenswerte Abschaffung der Kirchensteuer, die Joseph Ratzinger für möglich hielt, auch nur behutsam nachzudenken. Der verstorbene Papst Franziskus warb energisch für eine arme Kirche für die Armen – und Kardinal Marx wirbt leidenschaftlich für Demokratie, durchaus ehrenwert, aber dafür setzen sich auch NGOs wie Greenpeace, Omas gegen rechts, politische Parteien und Gewerkschaften ein. Die Kirche solle keine „soziokulturelle Endmoräne“ sein, so fordert Marx zweimal kraftvoll. Zu fragen aber ist: Marginalisiert sich die Kirche nicht selbst, wenn sie nur über Strukturfragen debattiert und der Glaubensfrage ausweicht, so als ob sie dies nichts anginge? Die Frage nach Gott blieb auf dem Synodalen Weg der Kirche in Deutschland, der von 2019 bis 2023 andauerte, vollständig außen vor. Reinhard Marx gehörte zu den Vordenkern dieses Reformprozesses, dem jede theologische Vertiefung fehlte. Auf gewisse Weise mag dieses Buch ein Korrektiv sein, weil der Autor zumindest wieder von der Eucharistie, von der Feier der heiligen Geheimnisse, spricht und zugleich die raum- und zeitübergreifende Dimension der Liturgie anerkennt und würdigt. Doch nach substanziell gehaltvollen und lichtreichen Ausführungen über die Schönheit der Feier, die die Herzen erhebt, sucht der Leser vergebens.

Eminent kritisch äußert sich der Autor, vollkommen zu Recht, über die gebotene „Sensibilität und Offenheit für alle Kulturräume der Welt“. Er weist die „kulturelle Aneignung“ ebenso ab wie jede Form des Kolonialismus und der „westlichen Dominanz“: „Und es soll gar nicht verschwiegen werden, dass auch das manifeste Überlegenheitsgefühl des christlich geprägten Westens andere Kulturräume unterdrückt, ausgebeutet und zerstört hat. Ich würde sogar sagen, dass diese Dominanz noch nicht ganz vorbei ist.“ Wahrscheinlich hätte Papst Franziskus dem Münchner Erzbischof hier zugestimmt und als Beispiele die kontinentaleuropäische Rede über Abtreibung oder die Verkündung der scheinbar universal gültigen Gendertheorie als säkulares Evangelium genannt. Wie wird über diese partikulare geistes- und sozialwissenschaftliche Lehre in Lateinamerika, Afrika oder Asien gedacht? Wird diese politisch imprägnierte Sichtweise nicht, wie verschiedene afrikanische Bischöfe mit großer Sorge berichtet haben, als neuer Kolonialismus verstanden? Keinen einzigen kritischen Gedanken hierzu findet die interessierte Leserschaft in diesem Buch.

Reinhard Marx warnt vor einer „selbstgenügsamen Blase“ und auch vor einer fromm gesinnten katholischen „Parallelgesellschaft“ – und hofft darauf, dass die Christen heute als „kreative Minderheit“ wirken können. Die „Gottvergessenheit dieser Zeit“ zu beklagen hält er für falsch, und darin ist ihm zuzustimmen. Nur die Gottvergessenheit, die mitten in der Kirche dieser Zeit besteht, spricht der Münchner Erzbischof überhaupt nicht an. Marx‘ Resümee mutet freundlich und zugleich etwas luftig an: „Ich wünsche mir einen Kult, der vom Geist der Freiheit durchdrungen ist, der alle einbezieht und sich in die Lebenswirklichkeit der Menschen hineinstellt und dabei zugleich in der kultischen und spirituellen Tradition der Kirche verbunden ist.“ Den „Geist der Freiheit“ scheint Reinhard Marx damit mit dem Geist Gottes, also mit dem Heiligen Geist, zu identifizieren, zu dem Christen sich bekennen. Die „augenöffnende Mystik des Alltags“ könnte aber die Leserschaft auch dazu anregen, demütig die Knie vor Gott zu beugen und sich nicht an einen unbestimmten, graduell weltlichen Freiheitsgeist hinzugeben. Der Christ glaubt nämlich nicht an die Autonomie des Ich, sondern an Gottes Macht und Herrlichkeit. Ein zuinnerst suchender Mensch heute, der sich sehnsüchtig nach Gott ausstreckt, findet in einem Buch wie „Kult“ vermutlich keine Antwort auf sein existenzielles Bedürfnis.

Kult
Kult
Warum die Zukunft des Christentums uns alle betrifft
172 Seiten, gebunden
Kösel 2025
EAN 978-3466373390

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