Krippenschauen

Nicht nur zur Weihnachtszeit

Christenmenschen verbinden die Krippe mit der Weihnachtszeit. Gehütet wie ein kostbarer Schatz und ein wertvolles Erinnerungsstück werden oft liebevoll geschnitzte Holzarbeiten, die den Stall von Bethlehem zeigen, auch von Agnostikern. Die Figuren, das Jesuskind, Maria und Joseph, die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland, verweisen vielleicht manche Leser auf ein verlorenes weltliches Paradies, auf die eigene Kindheit etwa. Das ganze Jahr hindurch stellt der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer interessierten Besuchern Krippen im Bischofshaus vor. Über die Jahre hat sich, durch Geschenke und Stiftungen, ein wahrer Reichtum an Krippen angesammelt, der in diesem Band theologisch fundiert und allgemein verständlich vorgestellt wird.

Wer an Krippen denkt, dem kommen zunächst die „Hauptpersonen“ in den Sinn, ganz lapidar gesagt – es geht nie ohne das Jesuskind, und es geht auch nichts ohne Maria und den Nährvater Joseph. Die „Heilige Familie“ steht im Mittelpunkt: „Auch noch so viele Begleitszenen – biblisch oder weltlich-heimatlich – dürfen dieses Zentrum nicht verdrängen oder in den Schatten stellen.“ Dies mindert freilich nicht die Schauwerte, die eindrucksvolle Gestalten, wie die anbetenden Könige, bieten, dazu die zahlreichen Tiere – von Schafen bis hin zu Elefanten, dem Reit- und Lasttier des afrikanischen Königs, das mancherorts verewigt ist – oder auch die staunenden Hirten, mit denen zugleich gesellschaftliche Außenseiter ihren Platz gefunden haben. Im Zentrum steht die Heilige Familie, niemand sonst. Auf einer neapolitanischen Krippe wird die Farbgebung deutlich und verweist zugleich in Dimensionen des Glaubens. Maria trägt ein rotes Gewand, als „Zeichen ihrer Gottesliebe“, zudem einen blauen Mantel, der ihre Treue zum Glauben symbolisiert. Blau ist bis heute die liturgische Farbe an Festen der Gottesmutter. Im 18. Jahrhundert trägt ihre Figur zudem einen weißen Schleier. In einer säkularen Gesellschaft ist das erläuterungsbedürftig, und so klärt Voderholzer auf, dass der weiße Schleier auf ihre Jungfräulichkeit hindeute. Gläubige Christen wissen oder sollten auch heute noch wissen, dass die Gottesmutter Maria allezeit Jungfrau ist, was die objektive Wirklichkeit beschreibt und nicht etwa als fromme Legende anzusehen ist. Voderholzer nimmt das Glaubensgut wörtlich, in aller Nüchternheit, Klarheit und Genauigkeit. Er schreibt anschaulich und ist frei von jeder zeitgeistlichen Geschmeidigkeit. Dies waren auch die Krippenbauer im Übrigen, die mit ihren Darstellungen zwar die Weihnachtsgeschichte in ihre Zeit und in ihre kulturelle Sphäre bildlich übersetzen und anschaulich machen wollten, deswegen auch nahmen sie nichts von der Wahrheit des Glaubens zurück.

Zu den Krippen gehören untrennbar Engel, so Gabriel, der Engel der Verkündigung, aber das Geschehen der Weihnacht ist im Ganzen reich an Engelsfiguren, die den Hirten die Botschaft verkünden oder droben im Himmel Gott loben und preisen. Die „Engelsanbetung“ ist auch eine Besonderheit mancher Krippen. Sie versammeln sich, ähnlich wie Hirten und Könige, ebenso dort und huldigen dem menschgewordenen Gott: „Die neapolitanischen Krippen zeichnen sich dadurch aus, dass möglichst viele kostbar gestaltete Engel über der Krippe schweben. In der alpenländischen Krippe repräsentiert die Gloriole über der Krippe die himmlische Sphäre.“

Voderholzer spricht auch über die sukzessive Aufstellung der Krippenfiguren, die ein empfehlenswerter Zugang gerade in Familien mit Kindern sei, um in der Adventszeit den Weg auf Weihnachten hin aufzuzeigen. Vielerorts stehen die Krippen in den Kirchen auch noch bis zum 2. Februar, dem Fest Mariä Lichtmess, alten Bräuchen folgend: „Es widerspricht nicht der liturgischen Ordnung, wenn das Weihnachtsfest auf diese Weise etwas länger ausklingt. Die Volksfrömmigkeit hat hier ein gesundes Empfinden für das Hineinwirken des Festes in den Alltag.“

Anrührend ist die Geschichte der Familie Kindermann, die auf der Flucht aus dem nordböhmischen Königswalde, im Sudetenland, nach dem Zweiten Weltkrieg überlegt, was mitzunehmen sei. Der Vater sagte: „Alles ist zu ersetzen, nur die Krippe nicht.“ So gelangt die Krippe, unter Arznei- und Verbandsmitteln versteckt, in die neue Heimat. 1947 wird die Krippe wiederaufgebaut, im Flüchtlingslager in Waren an der Müritz: „Die oberste Etage eines Stockbettes wurde dafür freigemacht. Für die Schicksalsgenossen nun zugänglich zum Krippenschauen wurde sie ein Ort des Trostes und der Verbundenheit mit der Heimat.“

Wer sich nun fragt, warum Rudolf Voderholzer diesen Band als Hinführung zum Christentum bezeichnet und versteht, der mag vielleicht bei den Hinweisen auf die Krippen, die Szenen aus der Passion zeigen, sich vergegenwärtigen, dass der Stall von Bethlehem und das Kreuz auf Golgatha aus demselben Holz geschnitzt sind – so wie im christlichen Glauben Weihnachten und die Kar- und Ostertage zuinnerst zueinander gehören.

In diesem farbenprächtigen, mit zahlreichen Fotografien von den Krippenlandschaften versehenen Buch wird die Schönheit des Glaubens sichtbar, auf die Rudolf Voderholzer mit seinen Darlegungen verweist. Vielleicht fühlen sich manche Leser wieder zum Krippenschauen angeregt oder denken an die eigene Krippe, mit denen die Fäden ihres Lebens auf unverwechselbare Weise verwoben sind. Die Krippe gehört zur Glaubensgeschichte und mit ihr verbinden sich Glaubensgeschichten – gestern, heute und morgen.

Krippenschauen
Krippenschauen
Eine kleine Hinführung zum Christentum
176 Seiten, gebunden
EAN 978-3795439989

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