Geschichte

Geordneter Sturmlauf oder schnell weg

Malte Prietzel untersucht Krieg, also größere organisierte Kampfhandlungen, im Karolingerreich und dessen Nachfolgereichen vom 8. bis zum 15. Jahrhundert.
Die Größe mittelalterlicher Heere ist schwer zu bestimmen; sie betrug nach Schätzungen des Autors bei größeren Feldzügen der Karolingerzeit bis zu 10'000 oder 20'000 Mann. Ausgerüstet waren diese Truppen im optimalen Fall mit Schwert, Schild, Helm und Brünne - einem Kettenhemd oder einem Schuppenpanzer aus Leder -, Bogen und Pfeilen. Diese Ausrüstung kostete ein kleines Vermögen, welches die kaiserlichen Gefolgsleute selbst aufzubringen hatten. Noch teurer war natürlich die Ausrüstung berittener, gepanzerter Krieger.

Die Vorstellung von mittelalterlichen Kampfhandlungen, wie sie heute von Historienfilmen verbreitet wird, ist weitgehend falsch. Tatsächlich erfolgten diese ausgesprochen diszipliniert: Fußtruppen rückten geordnet und langsam vor. "In geringer Entfernung zum Feind wurden abermals die Reihen geordnet, um möglichst geschlossen auf den Feind zu treffen, dann erst begann der Sturmlauf - mit Kriegsgeschrei." Die Angegriffenen sahen sich somit Hunderten, in geordneten Linien auf sie zu laufenden Männern gegenüber. Die Angreifer umgekehrt liefen auf "eine imposante Linie von abwehrbereiten, ebenfalls bewaffneten und brüllenden Männern zu." (S. 43) Doch nicht immer kam es dann zum Kampf. "In der Frühen Neuzeit ist gut dokumentiert, dass es oft zum heroischen Handgemenge gar nicht kam: Entweder rannten die Angegriffenen weg oder die Angreifer."

Häufig ging es in mittelalterlichen Feldzügen gar nicht um die Eroberung von Gebieten, sondern einfach um Beute. Solche Raubzüge, in denen außerdem Dörfer verwüstet, Ernten niedergebrannt und Menschen getötet wurden, waren nicht verpönt wie heute, sondern galten als legitime Kriegshandlungen. Beutezüge mit der Aussicht auf materiellen Gewinn motivierten die kaiserlichen Gefolgsleute, der Aufforderung zum Feldzug nachzukommen; ebenso tat dies aber die Aussicht auf Ehre, die sich ein Krieger im Kampf erwerben konnte und musste. Denn der adlige Ehrbegriff war auf Kampf und Wettbewerb angelegt. "Die plakative Einhaltung sozialer Normen stellte für die einzelnen Adligen einen maßgeblichen Grund dar, in Kämpfe und Kriege zu ziehen. Für den europäischen Adel des Mittelalters war Krieg nicht nur ein politisches Mittel, sondern Teil eines Lebensstils." (S. 104)

Ein besonders interessantes Kapitel ist das dritte: Hier geht es um "Bewertungen und Erinnerungen" an Schlachten und Kriege in zeitgenössischen Chroniken oder auch Briefen. "Die Schilderungen der Chronisten sind jeweils in einem solchen Maße von dem Wunsch geprägt, den Sieg ihrer Seite groß, das Verhalten der Sieger vorbildlich, ihre Verluste niedrig erscheinen zu lassen, dass ein zuverlässiger Schluss auf das tatsächliche Geschehen im einzelnen Fall kaum möglich scheint." (S. 68) Im Mittelalter waren die Kriterien, nach denen Siege oder Niederlagen bewertet wurden, nicht abstrahierend: "Nicht taktische oder strategische Vor- und Nachteile, die sich aus dem Kampf ergeben hätten, bestimmten die Diskussion um die Bedeutung einer Schlacht, sondern handfeste, sichtbare, symbolisch auslegbare Tatsachen und Handlungen"; dazu gehörte die Rückkehr der Sieger auf die Walstatt und ihr Verweilen dort, das Besetzen des Feldes. Dort feierte man den Sieg, bestattete die eigenen Gefallenen, plünderte die getöteten und verwundeten Feinde aus und transportierte die möglichst reiche Beute als Zeichen der Größe des Sieges ins eigene Lager. Verblieb eine Partei nach der Flucht des Feindes allein auf dem Schlachtfeld, war dies sichtbares Zeichen ihres Sieges. Was man dort tat, war weniger bedeutsam.

Veränderungen der mittelalterlichen "Technologie" des Krieges und Veränderungen in der Zusammensetzung der Truppen - weg von den Panzerreitern und hin zu den Fußtruppen - werden in diesem Buch ebenso dargestellt wie die Entwicklung und Veränderung des Burgen- und Festungsbaus seit den Motten. Auch die Mythenbildung um das Rittertum oder um besondere Schlachten, wie die Schlacht von Tannenberg von 1410, der man von deutscher und polnischer Seite noch bis ins 20. Jahrhundert auf historisch verzerrende Weise gedachte, wird in diesem Buch geschildert.

Das Buch ist reich bebildert, was die Anschaulichkeit der Darstellung befördert. Insgesamt handelt es sich um ein interessantes Werk, welches das Thema "Krieg im Mittelalter" von verschiedenen Seiten beleuchtet und die technologischen Veränderungen in Zusammenhang mit kulturellen und politischen Entwicklungen in Mittel- und Westeuropa stellt.

Krieg im Mittelalter
Malte Prietzel

Krieg im Mittelalter


Primus 2006
208 Seiten, gebunden
EAN 978-3896785770

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