Gesellschaft

Die Jugendbewegung in Zürich

"Züri brennt", das war ein Slogan, der sich durch die Achtziger Jahre zog und mit Bildern von brandschatzenden Jugendlichen, die die Schaufensterscheiben in der luxuriösen Bahnhofstrasse einschlugen, vermengte. Aber wie sah es eigentlich davor aus, in Zürich? Gab es auch in der Schweiz ein "`68"? "Wir sind zwar nur ein paar, aber viele, und wir sind nicht allein", fasst Wolfgang Bortlik in seinem sehr persönlichen Beitrag zur vorliegenden Publikation der Bibliothek des Widerstands wohl nicht nur das Gefühl der Zürcher Jugend, sondern gleich das einer ganzen Generation zusammen. Aus den "paar" wurden bald "viele" und dann sehr viele und sie hatten alle lange Haare, hörten laute Musik und gingen gerne demonstrieren. Die staatliche und individuelle Gewalt hielt die wenigsten auf, ihren eigenen individualistischen Hedonismus zu frönen und sich auch bald selbst zur Wehr zu setzen, als Kollektiv. Eine internationale Jugendbewegung entstand, die sich mit den Kämpfen der dritten Welt im Zentrum des Kapitalismus solidarisierte und ihr eigenes Scherflein zum Niedergang des "Systems" leisten wollten und sei es auch "nur" der Kampf für ein Jugendzentrum gewesen.

Eine Allianz des Fortschritts

"Krawall" ist nicht nur der Titel eines Films von Jürg Hassler von 1969 über die Jugendbewegung in Zürich, die ein Autonomes Jugendzentrum forderte, sondern auch der programmatische Titel dieser Publikation aus dem Band 4 der Bibliothek des Widerstands des Hamburger Laika Verlages. Neben der 65-minütigen Dokumentation kommen die teilweise selbst an den Krawallen beteiligten Autoren Wolfgang Bortlik, Roland Gretler, Oliviero Pettenati und Mani Neumeier der Schweizer Band Guru Guru zu Wort. Auch wenn für manche der Eindruck entstehen könnte, dass die Züricher Jugendbewegung im Sommer 1968 nicht primär von weltpolitischen Themen bestimmt gewesen sei, wie etwa Roland Gretler bemerkt, könnte man anhand des Bündnisses und der Allianzen doch Rückschlüsse auf einen internationalen Charakter der "Bewegig" (Bewegung) vermuten: "In Zürich verbündeten sich beatsüchtige Landeier, links theoretisierende Politiker und Studenten, Rocker, Verlauste, Gammler, bildende Künstler, liberale Literaten, Unzufriedene, Rebellen, und Staatsfeinde aller Couleur gegen die alte Welt und die alte Ordnung." Und sie alle wollten eigentlich nur eines: ein Autonomes Jugendzentrum, das Globus-AJZ.

Eine gewaltlose Jugend gegen Polizeiwillkür

Das damals leerstehende Gebäude des Kaufhauses Globus beim Zürcher Hauptbahnhof wurde von der Stadtjugend besetzt und als Jugendzentrum in Anspruch genommen, doch Polizeigewalt beendete bald den gut gemeinten Versuch der Jugend, einmal etwas selbst in die Hand zu nehmen. Der Polizeieinsatz war so brutal, dass selbst die damals noch sehr konservative NZZ von "Sadisten in Uniform" und der "Brutalität der Knüppelschwingenden und der Hundeführer" geschockt war, wohl auch deswegen, weil die Polizei auch auf einen ihrer Journalisten eindreschte. Der Einsatz hatte die Stadtverwaltung CHF 50'000.- gekostet, ein Betrag, den man wahrlich sinnvoller einsetzen hätte können und wahrscheinlich auch auf viel mehr Gegenliebe in der Bevölkerung gestoßen wäre. Warum schlägt eine Stadt auf ihre Jugend ein? Wieso konnte so etwas in einem "Musterland der Demokratie" wie der Schweiz überhaupt passieren? Hatte man wirklich Angst vor "französischen Zuständen" oder wollte man einfach nur ein Exempel statuieren? Auf diese Weise wurde eine ganze Generation kriminalisiert, die eigentlich nur ein Ort suchte, ihren eigenen Vergnügungen nachzugehen. Eine Zeitungscollage im Film, die die ganzen beleidigenden Bezeichnungen für die Jugend in einer Art Collage untereinander klebt, illustriert eindringlich das absurde Verhältnis der Generationen zueinander. War es nur der schlichte Neid der Älteren auf die Jungen, die es endlich besser hatten als sie?

Vom ganzen Kuchen die Torte

Eine sehr lesenswerte Verortung der Schweiz in den globalen 68er Vorgängen hat Oliviero Pettenati zu dieser Publikation beigesteuert, die vielleicht auch als Antwort auf die oben gestellten Fragen interpretiert werden könnte. Die Definition von 1968 sei immer noch ideologisch, da jede Definition darauf hinauslaufe, das Phänomen innerhalb des eigenen Wertesystems zu erklären und zu bewerten. "Die Fragen sind dann sinnvoll, wenn die Antworten, die wir bei der Befragung erhalten, in die Zukunft deuten", schreibt Pettenati und eröffnet damit seinen Diskurs über Geschichtsschreibung, die er grundsätzlich als einen "narrativen Akt" bezeichnet. "Die Motivation für diesen Akt liegt in der Gegenwart, und so muss eine kritische Lektüre auch immer nach dem Gegenwartsinteresse des Autors fragen." Pettenati bleibt aber nicht beim Theoretisieren, sondern wendet sie konkret auf die Dokumentation von Jürg Hassler an und interpretiert sie, um sie mit eigenen Ergänzungen und Erfahrungen zu versehen. So kritisiert er etwa den Proletkult und das Primat der Praxis der 68er, indem er an Pasolinis Gedicht "Il PCI ai giovani" erinnert und vergisst auch nicht den Hinweis auf den Kalten Kriege, der eine Bedrohung und Behinderung für die ganze Welt darstellte und nicht nur ein Gegensatz zweier Mächte war. Sein Resümee sei hier zitiert, da es nicht nur für die Schweiz von großem Interesse sein dürfte: "Sobald die Bewegung von ihrem Anspruch abkommt, hier und jetzt nicht nur ein Stück vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei zu bekommen, beginnt ihr revolutionärer Elan zu zerfallen. Mit der taktischen Kompromissbereitschaft werden Träume und Sehnsüchte in die engen Schranken der Realisierbarkeit gewiesen. Das revolutionäre Selbstverständnis verkommt zu einem reformistischen Pragmatismus." Dass Zürich auch noch in den 80er Jahren kein Jugendhaus hatte und es dort immer wieder "brannte" (Opernhauskrawalle `80-`82) hängt sicherlich auch mit der Bescheidenheit der Bäckereibesucher zusammen, nicht den ganzen Kuchen zu wollen. "Krawall" zündet darauf zumindest eine Kerze an und bringt so Licht ins Dunkel. Eine weitere lobenswerte Publikation der Bibliothek des Widerstands.

Krawall
Willi Baer (Hrsg.)
Carmen Bitsch (Hrsg.)
Karl-Heinz Dellwo (Hrsg.)

Krawall


Die Jugendrevolte 1968 in der Schweiz
Laika 2010
120 Seiten, gebunden
EAN 978-3942281737
inkl. DVD mit dem Film

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