Kultur

Der Sound des Aufbruchs

"Macht kaputt, was euch kaputt macht" ist wohl eines der bekanntesten Lieder der Kreuzberger Hausbesetzerband Ton Steine Scherben. Die Agitprop und Agitrockband (Wortspiel aus Agitation, Propaganda und Acidrock) setzte sich in den Siebzigern vor allem für den Erhalt des Stadtteils Kreuzberg ein, den die Ehefrau des Kreuzberger Bürgermeisters, Gabriele Kressmann-Zschach, platt machen wollte. Das "Wunder von Kreuzberg" war dann die Verbrüderung von Arbeitern mit der studentischen Intelligenz, den Lehrlingen und anderen Jugendlichen auf den ersten Stadtteilfesten, die die Ton Steine Scherben damals - quasi nebenbei - miterfunden hatten (das gab’s bis dahin alles noch nicht!). Nach einigen ihrer Konzerte rief die Band schon mal zu Hausbesetzungen auf und so wurde zum Beispiel auch das Schwesternheim und Krankenhaus Bethanien am Mariannenplatz vor den Bulldozern und Städtesanierern durch einen Besetzungsaufruf Rio Reisers bei einem Konzert in der TU-Mensa gerettet. Das damals eigens für die Band gegründete Label David Volksmund Produktion hat auch heute noch als Emblem eine Hand mit einer Steinschleuder und wurde so zu einem "Markenartikel", wie Rio ironisch anmerkt.

Die Politik der Selbstausbeutung oder DIY

Bald sollten allerdings auch gefälschte Auflagen des Albums kursieren und die ohnehin unter dem Selbstkostenpreis agierende Band wurde zusätzlich geschädigt. Bei einem ihrer Auftritte, einem Benefiz, wo die Eintrittspreise einem "guten Zweck" zufließen sollten, sollte die Band sogar für die Brötchen bezahlen, die sie nach einem ekstatischen Konzert hungrig in sich hineinschaufelten. Damals gab es weder Künstlergarderoben, noch Catering noch private Räume oder Hotels für die Bandmitglieder und sogar die Plattencover mussten selbst bedruckt, gefalzt und getackert (Achtung, Verletzungsgefahr!) werden. Die Ton Steine Scherben waren damals wohl auch die ersten Punks, denn sie lebten schon Anfang der Siebziger das DIY-Prinzip: Do It Yourself!

Karl May statt Karl Marx

Lustig sind auch die Passagen über die Rauch-Haus-Ordnung a) bis e) oder die Auseinandersetzungen der K-Gruppen um die politische Linie, die oft zu endlosen Diskussionen während Konzerten führte, statt aktiv etwas zu tun, so wie es die Ton Steine Scherben taten, wenn sie etwa zu Besetzungen aufriefen oder einfach nur einen anderen, gerechteren und ausbeutungsfreien Lebensstil untereinander pflegten. "Es ist an der Zeit aufzuhören zu marschieren, und endlich zu tanzen.", lautet Rio Reisers bissiger Kommentar und an die Politniks seiner Generation gerichtet formuliert er sein ironisches Glaubensbekenntnis mit den Worten: "Ich war außerdem, und ich schäme mich nicht, das zu sagen, darin ganz wesentlich von Karl May beeinflusst". Karl May statt Karl Marx. Auch sein Schwulsein war damals nicht gerade "en vogue", denn auch die sogenannte progressive Linke war dann doch nicht so fortschrittlich, wie sie oft vorgab zu sein.

Popo, Kripo, Sipo

Aufgrund ihrer politischen Vereinnahmung durch kommunistische und anarchistische Gruppierungen geriet die Band, die oftmals in Kommunen-WGs lebte, auch in das Fahrwasser der RAF-Fahndung, deren Beamte manchmal an ihre Türe klopften, um zu fragen, ob wohl ein gewisser Holger Meins (der RAF-Terrorist war immer noch unter dieser Adresse gemeldet) gerade anwesend sei. Der Kaffee in der WG schmeckte jedenfalls allen, egal ob Popo, Kripo, Sipo, meint Reiser in seinem Kommentar. Viel Mitgefühl äußert Rio auch für alle Vertreter der Ordnung, die in Uniform und voller Montur (MG im Anschlag) die Leiter seines Hochbettes hinaufsteigen mussten. ""Vierzsch Johr hamse uns betroge." Den wollten wir ein "Uns auch!" entgegenstellen", schreibt Rio Reiser selbst in seinem Vorwort und deutet damit an, dass auch die Bundesrepublik damals alles andere als eine liberale Demokratie war.

Kindheit und Jugend: "Haudujudu! Tschuingamm! Ammigohohm!"

In den Ruinen der amerikanischen Botschaft in Berlin in der Tiergartenstraße 6 hatte seine Oma Hühner gehalten und sein Onkel war "Kellner und Säufer bei der Mitropa". Aufgrund des beruflichen Erfolges seines Vaters - erst Siemens, dann Braun - zog die Familie mehrmals um, Brühl bei Mannheim war eine der Stationen, wo der Alt-Rhein zu seinem "Mississippi-Delta" wurde und die ersten englischen Worte "Haudujudu! Tschuingamm! Ammigohohm!" lauteten, letzteres aber im Sinne von "Dankeschön, mehr davon!" Auch in Stuttgart oder Nürnberg wohnte die Familie, in der Rio mit zwei Brüdern aufwuchs, mit Puppen spielte oder einmal heulend nach Hause lief, weil ihm ein Ziegelstein auf den Kopf gefallen war. Die schwäbische Bigotterie stieß ihm ebenso auf, wie die christliche und so wollte er alsbald Feuerwehrmann oder Opernsänger werden, keinesfalls jedoch Anwalt, wie seine Mutter es sich wünschte. Bald entdeckte er in seinem "Kopf unbekannte Melodien, denen ich lauschte, als hätte ich eine Platte aufgelegt" und siehe da: ein Klavier wurde entdeckt. Am renommierten und ältesten Gymnasium Deutschlands, dem Melanchthon, wo einst Hegel lehrte, war er aber nur in einem einzigen Fach gut: in Religion und blieb sitzen. Ben Hur und Karl May begeisterten ihn, aber er wollte sich nicht konfirmieren lassen, trotz dem "Sachschaden von tausend Mark", wie er selbst ironisch schreibt, stand der junge Rio schon früh für seine Prinzipien ein.

Beat-Oper und "Drehorgelwalzenwelthit"

Die Kindheit und Jugend, die sich fast über die ersten 100 Seiten dieser Autobiographie erstrecken, zeigen einen gewitzten Burschen voller Humor, der die Rolling Stones zu seinen wichtigsten musikalischen Einflüssen zählte und tatsächlich auch mit deren ihren Songs ("Tell me") erstmals auf Jugendfesten als Sänger reüssierte. Mit der Theatertruppe seiner Brüder, die die Beat-Oper "Robinson2000" aufführten, tingelte er durch die deutschen Lande und bekam bald den Namen "Rio de Galaxis" verpasst. Bei der Premiere von Robinson2000 waren auch Ray Davis, Charlie Watts und Pete Townshend anwesend, die gerne selbst die Idee zu einer Beat-Oper gehabt hätten (und sie wenig später stahlen). Ein "Drehorgelwalzenwelthit" sollte bald folgen. "High sein, frei sein, Terror muss dabei sein", hieß die Devise dann wenig später und Berlin hielt die Arme auf, als die Jungs in der Ex-Wohnung ihrer Oma in Kreuzberg einzogen. Damals war das verschriene Viertel aber noch keinesfalls eine Enklave der Linksradikalen inmitten der DDR, wie Reiser schreibt, doch bald sammelten sich allerhand "echte Proleten" um ihn und seine Brüder und die "Ton Steine Scherben V.E.B." waren geboren!

Eine amüsante Reise in die Welt der Siebziger, in der es noch zwei Deutschlands und einen Kalten Krieg gab, in dem die einen von den Sowjets und die andern von den Amis "betroge" wurden. Oder nicht?

König von Deutschland
Rio Reiser
Hannes Eyber

König von Deutschland


Kiepenheuer & Witsch 2016
328 Seiten, broschiert
EAN 978-3462048605

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