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Markus Eberhardt: Kleine Musikgeschichte Bayerns Eine musikalische Reise durch die bayerische Geschichte

25. August 2026
von Thorsten Paprotny

Wenn der Himmel über dem Land der Bayern in prächtigem Weißblau leuchtet, stellen sich rasch Gedanken ein an die Schönheit der Natur, an Wälder und Seen, an Kirchenbauten, die mit barockem Glanz und der kunstvollen Verspieltheit des Rokokos vom christlichen Glauben, geradezu majestätischer Könnerschaft und einer langen bayerischen Kirchengeschichte erzählen, die auch die Säkularisation von 1803 überdauerte. Schlösser und Burgen treten in den Sinn, doch Bayern ist auch ein Land der Musik, und zwar nicht nur sakral-festlicher Orchestermusik oder heimatverbundener Volksmusik. Der zweitausendjährigen Geschichte der Musik in Bayern widmet sich Markus Eberhardt in diesem Buch.

Der Autor erinnert an das Erbe der Römerzeit, etwa an die Panflöte aus Buchsbaumholz und an Tuba und Trompete, die in der Militärmusik in den Kastellen Augsburg und Regensburg Verwendung fanden. In der Zeit des Christentums begann der Psalmengesang, der bis heute fortdauert, sowohl im Gregorianischen Choral, wie er in Klöster oder im Vetus Ordo gesungen wird, als auch in Gottesdiensten nach der Liturgiereform, bei denen zwischen Lesungstexten aus dem Alten und Neuen Testament, von Kantoren vorgetragen und damit vorgesungen, die traditionelle Musik der Kirche erklingt, jedenfalls im besten Fall. Eberhardt verweist auf Dimensionen weltlicher Musik, etwa den Minnesang, der als „kunstvolle Verbindung von Dichtung und Musik“ zu den „beliebtesten Formen“ der höfischen Kultur gehörte und im bayerisch-österreichischen Donauraum besonders beliebt und verbreitet war. Walther von der Vogelweide, der etwa von 1170 bis 1230 lebte, ist auch heute noch eine bekannte Gestalt der bayerischen Literatur- und Musikgeschichte. Darüber hinaus sind untrennbar mit der Musik in Bayern die Namen von Richard Wagner und im 20. Jahrhundert Carl Orff und dessen Monumentalwerk Carmina Burana verknüpft. Sie stehen mit ihren Kompositionen, die Gestalt Wagners auch durch die jährlichen Bayreuther Festspiele, für den sehr verschiedenen, unverwechselbaren Klang in all seiner Vielstimmigkeit, der zu der Musikgeschichte Bayerns gehört.

In Bayern bestand die Meistersinger-Gesellschaft, genauer gesagt: in Nürnberg, aber auch in Donauwörth, Memmingen oder Augsburg. Bis heute bekannt ist sie durch Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg. Die Meistersinger waren meist Handwerker, also Schuhmacher, Schneider oder Weber, die sich zu Zünften und Bruderschaften zusammenschlossen. Eberhardt legt dar: „Ihre Kunst war jedoch nicht nur bloße Muße, sondern als Ausdruck einer durch Fleiß klar geregelten und gemeinschaftlich gepflegten Musikkultur primär ein Spiegelbild des bürgerlichen Wertekanons.“ Die Handwerker waren nicht der lateinischen Sprache mächtig, also dichteten sie in deutscher Sprache und trugen wesentlich dazu bei, dass die deutsche Sprache Eingang in die Musik fand. Hans Sachs etwa sang als Lutheraner und feierte den Reformator als „Verkünder einer neuen Zeit“. Der Meistersang verlor durch die Gegenreformation an Bedeutung und Einfluss, auch der Dreißigjährige Krieg trug zu dieser Entwicklung bei. Richard Wagner sah im Meistersang ein „Ideal von Kunst und Ordnung“. Eberhardt führt aus: „Für Wagner ist der Meistersang also Sinnbild einer beginnenden deutschen Kulturtradition – eine These, die durchaus kontrovers diskutiert werden kann.“ Wagner hat auf gewisse Weise genialisch übertrieben, so ließe sich vielleicht sagen, denn zum wuchtigen, pathetischen Abschluss der Oper lässt Wagner Hans Sachs singen: „Ehrt Eure deutschen Meister, dann bannt Ihr gute Geister!“ Berechtigterweise relativiert Eberhardt diese Überhöhung und schreibt nüchtern: „In jedem Fall ist der Meistersang in der deutschen Musikgeschichte ein Bindeglied der höfischen Welt des Minnesangs mit der aufkommenden städtisch-bürgerlichen Kultur der Renaissance.“

Viele sinnreiche Einzelheiten schildert der Autor, erinnert daran, dass die Turmbläser auf den Kirchtürmen auch im Dienst der Wetter- und Feuerwache standen. Als „klangliche Herolde der Obrigkeit“ warnten sie auch vor nahenden feindlichen Heeren. Eine besondere Stellung im Musikleben nahmen die Klöster ein, etwa in Altbayern, Schwaben und Franken. Die geistlichen Orte waren nicht nur reich an einem spirituellen Leben, sondern zugleich „lebendige Zentren von Kunst, Bildung und Musik“: „Wo es keine Landesuniversität und nur wenige städtische Schulen gab, boten die Klosterschulen jungen Menschen Bildung und musikalische Ausbildung. Darüber hinaus beschäftigten sie Stiftsmusiker, gaben Werke in Auftrag und waren selbst Rezipienten neuer musikalischer Strömungen.“

Die Säkularisation von 1803 war für viele Klöster in Bayern ein „großer kultureller Kahlschlag“, hatten sie doch als Bildungs- und Kulturträger fungiert. In den Städten entstand zunehmend eine bürgerliche Musikkultur, Männergesangvereine und Liedertafeln bildeten sich. In der Kirchenmusik dominierte im 19. Jahrhundert die Wiener Klassik, ehe der Cäcilianismus als Reformbewegung die bayerische Kirchenmusik veränderte, sichtbar durch die Pflege des Gregorianischen Chorals oder durch den Austausch der Figuralmusik mit fest angestellten Sängern durch Chöre. Eine „Rückkehr der Kirchenmusik zu der Vokalpolyphonie der Renaissance“ sollte stattfinden.

Markus Eberhardt unternimmt auch Streifzüge in die Gegenwart, verweist auf den „Popgiganten“ Michael Jackson, der fünfmal in München konzertierte, oder auf Taylor Swift, die im Juli 2024 mehrfach für ein ausverkauftes Stadion sorgte: „Hinzu kamen Zehntausende, die sich ohne Eintrittskarte auf dem benachbarten Olympiaberg, der damals als »Mount Swiftie« bezeichnet wurde, versammelten. Die Sängerin dankte es ihren Fans, indem sie sie mit einem »Servus« begrüßte.“

Markus Eberhardt stellt in seinem kenntnisreich erarbeiteten, lesenswerten Band eine differenzierte Musikgeschichte Bayerns vor, die auch mit der Geschichte des Landes vertraut macht. Seinem klugen Buch sind viele Leser zu wünschen, und nicht unter jenen, denen das Land der Bayern ohnehin ans Herz gewachsen ist. Auch Musikfreunde aus dem Norden Deutschlands dürften ihre Freude an diesem schönen, klugen Buch haben.

Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny

Buchcover von Kleine Musikgeschichte Bayerns
Markus Eberhardt
Kleine Musikgeschichte Bayerns
Von der Römerzeit bis zur Gegenwart
180 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-79173631-0