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Sophie Sumburane: Keine besonderen Auffälligkeiten Untätigkeit, Schweigen, Lähmung

04. Mai 2026
von Eva Lacour

In und um ein Brandenburger Dorf sammelt ein Fetischist auf einer Altstoffdeponie Damenunterwäsche, mit der er sich bekleidet und in dieser Aufmachung Frauen überfällt, vergewaltigt und ermordet. Den Fall dieses letzten Serienmörders der DDR hat Sophie Sumburane akribisch für eine ARD-Dokumentation recherchiert.

Interessanter als der Fall an sich ist die Frage, wie Gesellschaft und Institutionen gegen Ende der DDR mit der Mordserie umgehen. Die Anfänge – die erste Frau, die im Wald gewürgt wird, aber entkommt, die ersten Belästigungen badender Frauen, der erste Mord im Dorf – all das wird von Polizei, Rettungsdienst und Ortsverwaltung mit einer aus heutiger Sicht schockierenden und verstörenden Gleichgültigkeit abgetan und bagatellisiert.

Anstatt den Täter, der bei der Beseitigung der Leiche gestört wurde und in den Wald floh, unverzüglich mit Spürhunden zu verfolgen, trifft die Polizei erst Stunden später am Tatort ein und vertuscht ihre eigene Untätigkeit und Unfähigkeit, indem sie den vom Schock aus der Bahn geworfenen Ehemann verhaftet und tagelang verhört. Denn der Täter sei ja in der Regel der Partner. Und das, obwohl der wirkliche Täter vom Nachbarn bei der Flucht überrascht, nicht erkannt, aber zumindest grob beschrieben wurde und die Beschreibung überhaupt nicht auf den Ehemann passt. Dennoch wird der Unschuldige im Dorf gemieden und geächtet, bis er Suizid begeht.

Nach der Öffnung der Mauer und dem zweiten Mord auf dem Altstoffhof wird die Mordkommission Potsdam nicht viel aktiver und erkennt den Zusammenhang zwischen beiden Taten nicht. Immerhin werden Spuren gesichert. Am selben Tatort kommt das dritte Opfer dank des zufälligen Eintreffens zweier Männer mit knapper Not mit dem Leben davon – ein Zusammenhang zu den vorhergehenden Taten wird nicht hergestellt, und obwohl es sich zumindest um gefährliche Körperverletzung, wenn nicht sogar um versuchten Totschlag handelt, wird der Fall wie ein Antragsdelikt behandelt und ad acta gelegt.

Drei weitere Frauen und einen Säugling tötet der junge Mann noch, bis ein gescheiterter Angriff auf zwei Mädchen der Polizei zu einem Phantombild verhilft. Doch auch hier wird dem entscheidenden Hinweis durch die Eltern seiner Freundin nicht nachgegangen.

Nicht weit von Potsdam und Berlin entfernt kann der junge Mann dank schwerer Versäumnisse der Polizei in den Wirren der Wendezeit bis 1991 ungestört im Umkreis immer derselben paar Dörfer weiter sein Unwesen treiben, vergewaltigen und morden. Sehr treffend stellt die Autorin das zunehmend Suchtartige dieser fetischistischen sexuellen Abweichung des Täters dar, wodurch sich die immer raschere Folge der Taten erklärt.

Anhand zweier erfundener Figuren, den Freundinnen Gabi und Hedi, schildert die Autorin die gesellschaftlichen Verwerfungen am Ende der DDR: Menschen aus Westberlin kaufen Häuser im Umland, in den Dörfern kennt man die Hälfte der Bewohner nicht mehr, Betriebe schließen, Westfirmen expandieren Richtung Osten, Leute werden arbeitslos, Ausbildungen müssen ohne Abschluss abgebrochen werden, aber umgekehrt öffnen sich für andere neue Perspektiven, denn sie können plötzlich ihr Studienfach frei wählen.

Leider bleibt Hedis Weg aus psychologischer Sicht schwer nachvollziehbar, denn die Figur hat wenig Tiefe. Weder kann der Leser wirklich nachempfinden, wie die aktive junge Frau in eine Abhängigkeit von ihrem Freund gerät, der sie nicht nur kontrolliert, sondern regelrecht einsperrt, noch versteht man, wie sie letztendlich doch den Schritt in die Freiheit schafft. Gabis Entwicklung hingegen zeigt die Schwierigkeiten beim beruflichen Sprung in die West-Gesellschaft.

Das Erzähltempo hätte man sich für einen Kriminalroman etwas flotter gewünscht. Vor allem die langatmigen Dialoge mit viel „weißt du", „hörst du" nehmen die Spannung aus dem Text. Erst im letzten Drittel wird die Erzählung rasanter.

Insgesamt aber liest man das Buch mit Gewinn und keineswegs einfach nur als Krimi.

Alle Rezensionen von Eva Lacour

Buchcover von Keine besonderen Auffälligkeiten
Sophie Sumburane
Keine besonderen Auffälligkeiten
296 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-96054478-4
Nautilus 2026