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Akten und ihre Bedeutung für die Geschichtsschreibung

Die vorliegende Studie ist wahrlich eine historische Arbeit. Wohl kaum ein Themenbereich berührt die Profession des Historikers so sehr, wie der Zugang zu Quellen bzw. Akten. Überraschend scheint daher, dass es eine Darstellung der Archivgutsituation Deutschlands nach dem Verlust des Zweiten Weltkriegs bisher nicht gab. Mit ihrer preisgekrönten Dissertation hat Astrid M. Eckert, wissenschaftliche Mitarbeiterin am DHI Washington, diese Lücke nun geschlossen. In ausgezeichneter Weise.

Da die Debatte über die Aktenrückgabe keine ausschließlich die Archivwelt betreffende Frage, sondern von hoher politischer Bedeutung ist, bedarf es der Interdisziplinarität, um zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen. Die Autorin nimmt daher verschiedene Diskussionsstränge auf und bindet sowohl die Geschichts- und Archivwissenschaft als auch die Politik- und Verwaltungswissenschaft mit ein. Die Ausgangssituation nach der bedingungslosen Kapitulation - bereits während des Krieges planten die Alliierten, allen voran die amerikanische Regierung, die Unterbringung der wichtigsten Aktenbestände deutscher Archive - war dementsprechend heikel. Zahlreiche deutsche Historiker fühlten sich übergangen, weil weder die britische noch die amerikanische Regierung sie am Planungsprozess beteiligte. Indirekt - in einigen Fällen sogar direkt - wurde den amerikanischen Wissenschaftlern von deutscher Seite Geschichtsverfälschung aus der Sicht des Siegers vorgeworfen. Gerade die Tatsache, dass Zeitgeschichte durch die Beteiligung noch lebender Personen bzw. unter Einbezug deren Erfahrungen geschrieben wird, macht das Thema "Kampf um die Akten" zu einem über das eigentliche Thema hinausgehenden Problem. Analytische Distanz vom eigentlichen Untersuchungsgegenstand ist hier von Nöten. Astrid Eckert gelingt es, diesen Diskurs, der sich gerade in den großen Editionsprojekten der britischen und vor allem amerikanischen Wissenschaft bzw. Regierung niederschlug, auf anschauliche, ja streckenweise sogar spannende Art und Weise zu präsentieren. Besonders die Stränge links und rechts des eingeschlagenen Weges sind zu erwähnen. Es gelingt der Autorin eine ausgewogene Bewertung der Archivalienrückgabe. Beide Seiten - deutscher und alliierter Provenienz - verhielten sich nicht immer redlich. Der Übergang von der Diktatur zur Demokratie und die damit zusammenhängenden Handlungsspielräume wurden nicht immer effektiv und im Sinne der eigentlichen Aufgabe der Archive, nämlich der Bereitstellung von Akten für die Forschung und die Öffentlichkeit, genutzt. Zahlreiche Beispiele ließen die Aktenrückgabe zu einem Machtspielchen werden. Der Gewinner dieser kruden Auseinandersetzung würde über Jahre die Deutungshoheit über das Vergangene besitzen. Auch gegenwärtig werden wir noch von den Folgen des Krieges berührt, denn längst sind noch nicht alle Akten, die in der Nachkriegsphase über ganz Europa und andere Kontinente verteilt wurden, wieder an den Bestimmungsort zurückgekehrt.

Ein abschließendes Urteil der Arbeit von Astrid M. Eckert, kann bei aller kritischen Betrachtung nur positiv ausfallen. Sowohl Quellenauswahl, Analyse, Methodik als auch Schreibstil wissen zu gefallen. Ganz zu Recht wurde diese Dissertation mit dem Hedwig-Hintze Preis ausgezeichnet. Dem Urteil der Jury schließt sich der Rezensent gerne an.


von Benjamin Obermüller - 25. August 2005
Kampf um die Akten
Astrid M. Eckert

Kampf um die Akten


Die Westalliierten und die Rückgabe von deutschem Archivgut nach dem Zweiten Weltkrieg
Franz Steiner 2004
534 Seiten, gebunden
EAN 978-3515085540

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