Geschichte

Das Habsburgerreich, von den Rändern aus betrachtet

Sechs Jahrhunderte lang bestimmten die Habsburger die Politik in Mitteleuropa. Sie saßen die längste Zeit auf Deutschlands Thron, sammelten Fürstentümer, öfter per Heirat als durch Krieg, wehrten zweimal die Türkengefahr militärisch ab, ließen österreichisch-ungarische Schiffe über ihre Häfen Triest und Rijeka die Weltmeere befahren und bauten Wien zur Hauptstadt und Kulturmetropole ihres Riesenreichs aus.

Bereits 1560 durfte sich sein Herrscher Ferdinand I. laut einer Urkunde "Ferdinand von Gottes Gnaden, Erwählter Römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reiches in Germanien, Ungarn, Dalmatien, Kroatien, Slovenien, Königl. Infant von Hispanien, Erzherzog zu Osterreich, Herzog von Burgund, Brabant, Steyr, Kärnten, zu Luxemburg, Württemberg, Ober- und Niederschlesien, Fürst von Schwaben, Markgraf des Heiligen Römischen Reiches, Landgraf vom Elsaß, Herr auf der Windisch-Mark, in Krain usw." nennen.

1866, nach der verlorenen Schlacht von Königgrätz, heute Hradec Kralové, war es mit der Herrlichkeit vorbei. Preußen etablierte sich endgültig als deutsche Hegemonialmacht, von der Habsburg zudem ein großes Stück an die Ungarn abtreten musste, nun fast gleichberechtigter Juniorpartner der k.u.k. Doppelmonarchie. Ende des Ersten Weltkriegs ging dann alles in Trümmer.

Jetzt ist ein Werk erschienen, das noch einmal tief in diese untergegangene Welt eintaucht. Anders als viele andere zuvor startet der Autor seinen Gang nicht vom glanzvollen Zentrum Wien aus, sondern von den Rändern. Dabei bezieht Simon Winder auch die Gegenwart ein, was dem Buch sichtlich gut tut. Welcher selbst Habsburgkundige hat Most na Soči in Slowenien, Köszeg in Ungarn, Subotica in der Vojvodina, Sibiu in Siebenbürgen, Chernivtsi in der Ukraine, Przemysl in Polen, Pozsony in der Slowakei oder Česky Krumlov in Tschechien schon mal mit Winders zugegeben leicht schrägem Blickwinkel betrachtet? Allen diesen sehenswerten Orten widmet der unüberlesbar ostmitteleuropaaffine Autor längere Passagen, die kunstvoll Geschichte und Gegenwart verweben und einen lebendigen Eindruck vermitteln, wie es damals dort ausgesehen hat und heute immer noch ausschaut - nur mit anderen Vorzeichen.

Most na Soči etwa ist immer noch Knotenpunkt der Südbahn, welche die Hauptstadt Wien mit dem Überseehafen Triest verband, doch ist die ehedem ambitionierteste, technisch anspruchsvollste und folglich teuerste Eisenbahnverbindung der Habsburgermonarchie längst auf slowenische Regionalbedeutung geschrumpft und Most na Soči das, was es schon immer war: ein Bergdorf zwischen Alpen und Karst, wenn auch ein sehr pittoreskes. Köszeg, einst Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen die Türken, beherbergt in seine Mauern inzwischen Touristen, die von Westen nach Ungarn kommen. Subotica vermachte der ungarischen Literatur Schriftsteller wie Dezsö Kosztolanyi oder Géza Csath und diente als Wiege des ungarischen Jugendstils, doch wohnen in den Häusern, die heute noch davon zeugen, überwiegend Serben. Sibiu war vor einem Jahrzehnt Europas Kulturhautstadt, repräsentierte freilich Rumänien.

Der traditionelle Krönungsort ungarischer Könige heißt nicht mehr Pozsony, sondern Bratislava, und ist seit dem Ende des Habsburgerreichs Hauptstadt der Slowakei. Chernivtsi, Zentrum der Bukowina, und Przemysl, wichtigste Festung in Galizien, waren nach den Teilungen Polens an Österreich gefallen. Kultur und Bewohner der früher zahlreichen jüdischen Bevölkerung sind in den Werken Joseph Roths verewigt; aus Chernivtsi stammen Gregor von Rezzori, Paul Celan und Edgar Hilsenrath. Przemysl steht sinnbildlich für das Sterben des Habsburgerreichs: In den wechselvollen Kämpfen mit den Russen im Ersten Weltkrieg ließen Hunderttausend in der Garnisonsstadt stationierte Soldaten ihr Leben.

Česky Krumlov schließlich ist von der heutigen österreichischen Grenze nur einen Tagesmarsch entfernt, der aber wegen des Eisernen Vorhangs jahrzehntelang unmöglich war und der Stadt einen überaus erholsamen Dornröschenschlaf bescherte, aus dem sie 1989 in bis dahin unbekannter Schönheit erwachte. Inzwischen ist alles perfekt restauriert und Česky Krumlov fester Bestandteil von Europatouren nah- und fernöstlicher Touristen, ohne bislang auf den Romantikramschstatus eines Rothenburg ob der Tauber herabzusinken.

Beim Lesen von Kaisers Rumpelkammer beschlich den Schreiber dieser Zeilen mehrfach der Argwohn, Winder habe das Buch extra für ihn geschrieben. Danke schonmal dafür! Auch ich bin viel im ehemaligen Habsburgerreich unterwegs und habe manchen Eindruck mit dem Autor geteilt, ohne ihn jedoch mit ähnlich ausgesuchten Worten wiedergeben zu können. Doch werden auch Leser, die bislang in keinem der oben erwähnten Orte gewesen sind und die k.u.k. Monarchie nur aus Sisiverfilmungen kennen, ihr Vergnügen an der Lektüre finden. Schuld ist Wilders Stil, der, manchmal respektlos, oft witzig, aber stets angemessen, trotz der Detailverliebtheit auf keiner der siebenhundert Seiten Langeweile aufkommen lässt. Zum Glück gibt der Autor, ganz Brite, niemals den Einflüsterungen politischer oder sonst irgendwie gearteter Rücksichtnahmen nach und traut sich auch (welcher deutsche Historiker, stets um amtlich-seriösen Duktus bemüht, würde sich das wagen und welcher deutsche Verleger ein Forum dazu bereitstellen?), einen Herrscher mal als eindimensionalen Tölpel oder triebgesteuerten Hasardeur zu bezeichnen.

Wirklich großartig aber wird Winders Buch, wenn er statt eines Textes von Franz Kafka oder Karl Kraus das Meerschweinchengehege des Budapester Zoos als Mikrokosmos erscheinen lässt, in dem die untergegangene Habsburger Welt in einer bizarren Momentaufnahme die Kulisse für das - um in Winders Originalsprache und in der Welt der Nager zu bleiben - rat race der Moderne in den Nachfolgestaaten bildet.

Kaisers Rumpelkammer
Simon Winder
Klaus Binder (Übersetzung)
Bernd Leineweber (Übersetzung)
Nele Quegwer (Übersetzung)

Kaisers Rumpelkammer


Unterwegs in der Habsburger Geschichte
Rowohlt 2014
Originalsprache: Englisch
720 Seiten, gebunden
EAN 978-3498072575

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