Toni Keppeler, Laura Nadolski, Cecibel Romero: Kaffee

Alles über Kaffee

Kaffee aus dem Alltag weiter Teile der Bevölkerung wegzudenken, scheint schier unmöglich. Das gilt nicht nur für die sogenannten westlichen Gesellschaften. In Deutschland wird mit vier Tassen pro Kopf, vom Baby bis zum Greis berechnet, am Tag mehr Kaffee getrunken, als Mineralwasser oder Bier Zuspruch zu finden vermögen. Mit dem Absatz von über 479'000 Tonnen des begehrten Produktes erzielte man 2022 ein Rekordergebnis. In Luxemburg lag der Pro-Kopf-Verkauf beispielsweise bei fast 10 Kilogramm. Es handelt sich offensichtlich um ein recht beliebtes Gut. 

Im alltäglichen Umgang mit dem schwarzen Getränk findet allerdings eher weniger Beachtung, dass "Kaffee (...) eine psychoaktive Droge (ist). Das in seinen Bohnen enthaltene Koffein ist ein Alkaloid, so wie das Kokain im Kokablatt oder das Nikotin im Tabak." (S. 9) Die Schädlichkeit kann jedoch mit den anderen Drogen nicht verglichen werden. Im Gegenteil. Sicherlich müssen beispielsweise unter Bluthochdruck Leidende bei vermehrter Nutzung von Kaffee Vorsicht walten lassen. Die dem Konsum immanenten psychisch als auch physisch positiven Wirkungen überwiegen in der Regel allerdings. Nach neueren, schulmedizinischen Forschungen sind beispielsweise signifikant positive Effekte für Diabetiker festzustellen - sofern das Getränk nicht gezuckert konsumiert wird. Auch hinsichtlich vielfältiger anderer Gefahren, zum Beispiel an Parkinson, Alzheimer oder Leberkrebs zu erkranken, scheint der koffeinhaltige Drink prophylaktische Effekte zu zeigen. 

Die Geschichte des Kaffees, seinen Ursprung und dessen Verbreitung, aber auch das Leid, die Umweltzerstörung, Armut und Verbrechen, welche mit seiner Herstellung als auch Verbreitung einhergingen sowie -gehen, werden in dem Buch "Kaffee - Eine Geschichte von Genuss und Gewalt" thematisiert. Dem 2023 im Rotpunkt-Verlag erschienenen Werk von Toni Keppeler, Laura Nadolski und Cecibel Romero gelingt es auf 271 Seiten - inklusive eines bebilderten Teils - einen allgemein verständlichen, umfassenden Einblick in besagtes Thema zu bieten.

Dass gerade nicht alleine eine vermeintlich sachliche Aneinanderreihung von unkritischen, aktuellen, ökonomisch basierten Fakten vorgelegt, sondern der historischen Entwicklung des Kaffeeanbaus, seiner Verbreitung, der Entwicklung des Konsums sowie der Auswirkungen auf Mensch und Umwelt besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, darf als äußerst erfreulich bewertet werden. Im Zuge dessen zeichnet sich das Autorenkollektiv durch besondere Sachkompetenz aus. Langjährige journalistische Erfahrungen paaren sich mit wissenschaftlichem Know-how sowie praktischen Kenntnissen der Kaffeeproduktion in einer kleinen Plantage in Mittelamerika. 

Die Gliederung des Buches in seiner Struktur wird in zwei Hauptkapitel vorgenommen. Zunächst widmen sich die Verfasser dem Thema Bohne im Allgemeinen sowie ihrer Verbreitung im Besonderen. Darauf folgend wird unter der Rubrik "Kolonalismus und Neokolonialismus" die umfangreiche Geschichte des erfolgreichen Gewächses inklusive seiner umfangreichen Schattenseiten beleuchtet. 

Genannte Autoren beginnen damit, den Kaffeebohnen, ihren Sorten und Arten sowie deren Weg von der Pflanze in diverse Tassen ein besonderes Augenmerk zu schenken. Die Qualität des Rohstoffes und seiner verarbeiteten Ergebnisse unterscheiden sich dabei selbstverständlich erheblich. 

Im Zuge dessen seien an dieser Stelle nur einige interessante Aspekte genannt, die nicht allen kaffeekonsumierenden Laien bekannt sein dürften. Zunächst sollen einige unterschiedliche Bohnen- und Kaffeesorten Benennung finden. Jene recht zügig als ertragsträchtig erscheinende Gattung Arabica setzte sich dementsprechend recht schnell im Anbau der entsprechenden Pflanzen durch. Dies lag primär daran, dass sie als selbstbefruchtendes Gewächs ziemlich pflegeleicht erschien. Die unter anderem daraus resultierende Anfälligkeit der Bohnensorte für Schädlinge als auch Krankheiten sei an dieser Stelle nur am Rande erwähnt.

Teure Kaffeesorten mit eher geringem Ertrag gelten bis heute als tendenziell weniger massentaugliche Ware. Exemplarisch seien Geisha (Arabica), Jamaica Blue Mountain (Arabica) sowie Kopi Luwak (Mischung aus Arabica, Liberica sowie Excelsa)  genannt, wobei Geisha nichts mit den bekannten japanischen Unterhaltungskünstlerinnen zu tun hat. Im Einkauf müssen die solventen Kunden schon mal locker 100 Euro je Kilogramm für Blue Moutain und bis zu 400 Euro für Kopi Luwak berappen. Der hohe Preis letzterer Spezies liegt sicherlich auch daran, dass zunächst sogenannte Schleichkatzen besagte Bohnen fressen und mit ihrem Kot ausscheiden müssen, bevor sie weiter verarbeitet werden können. Der hohe Marktpreis führte im Kapitalismus systemimmanent dazu, dass die Tiere heute oftmals unter entsprechenden Bedingungen weggesperrt sowie ausschliesslich mit den Bohnen zwangsernährt werden. Profitorientierte Produktion halt.

Eine Bohnensorte, Robusta nämlich, fällt in eine ganz andere Kategorie. Sie ist vergleichsweise günstig in der Herstellung und enthält recht viel Koffein. Robusta gilt als exzellente Basis für löslichen Kaffee und Espresso. 

Wie bereits erwähnt, geht das Autorenkollektiv nicht nur in einer Randnotiz auf sozioökonomische als auch ökologische Probleme jener komplexen Kaffeeproduktion ein. Vorbildhaft wird das Thema Plantagen und ihre fast ausschließlich negativen Auswirkungen auf die Umwelt behandelt, wobei aus ökologischer Perspektive der Aspekt der Erosion als wohl Gravierendster benannt werden muß. 

Den Verfassern des Buches gelingt es, viele weitere interessante Facetten des Themas Kaffee aufzugreifen. Gerade historische Bezüge kommen, wie bereits erwähnt, nicht zu kurz.

So wird unter anderem der erste Kontakt von Europäern mit dem Getränk beschrieben. Ein Augsburger Bürger, Leonhard Rauwolf, schrieb 1582 in seinem Reisebericht aus Aleppo und Bagdad: "Unter anderem haben sie ein gutes Getränk, ... Es ist fast schwarz wie Tinte und bei Gebrechen, vor allem des Magens, sehr dienlich. Diese pflegen sie am frühen Morgen an öffentlichen Orten ohne alle Scheu zu trinken" (S. 104).

In der Folge, also etwa ab 1700 u. Z., hielten die Bohnen inflationär Einzug in den europäischen Städten. Sogenannte Kaffeehäuser schossen wie Pilze aus dem Boden. "Zum Teil suchten Prostituierte von außerhalb dort ihre Kunden, zum Teil bot auch das weibliche Servicepersonal entsprechende Dienstleistungen an." (S. 109). Dieses Prinzip hat sich bis heute nicht durchgesetzt.

Während der Französischen Revolution wurden jene Treffpunkte dann weniger als Freudenhäuser genutzt, sondern galten als intellektuelle Revolutionsclubs. Man debattierte und diskutierte bei Nutzung des koffeinhaltigen Getränks, wie Gesellschaften umgestaltet werden könnten. 

Im weiteren Verlauf beleuchten die Autoren noch eine Reihe von interessanten Aspekten der Geschichte des Kaffees, worauf an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden kann. Auch nicht auf vielfältige Gründe, warum Briten Tee bevorzugen, was ebenfalls Erläuterung findet. 

Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass jener schwarze Muntermacher recht schnell gerade für das Militär interessant wurde. Da die klassische Zubereitung des Getränks allerdings aufwendig ist, erlebte der 1906 erfundene lösliche Kaffee im Ersten Weltkrieg aufseiten der USA seinen triumphalen Einzug auf den Schlachtfeldern. Das schnelle Schwarze für den schnellen Tod. 

Abschließend sei dieses Buch, wie deutlich zu machen versucht wurde, nicht alleine Kaffeesüchtigen ans Herz gelegt, sondern gleichermaßen historisch Interessierten. Vor allem auch kritische Geister kommen nicht zu kurz hinsichtlich sozialer als auch ökologischer Verwerfungen besagten Massenkonsumproduktes, welche sozusagen als Kollateralschäden zu konstatieren sind. 

Ein Hinweis des Autorenkollektivs zur Zubereitung des äußerst populären Trunks ist einigen Kaffeetrinkern sicherlich bekannt, soll aber abschließend gerade für diejenigen Erwähnung finden, welche meinen, Nescafé als Kaffee bezeichnen zu können: Ganze Bohnen erwerben, mit einem Mahlwerk zerkleinern, per Hand aufbrühen! Muss man ja nicht jeden Tag machen ...

Kaffee
Kaffee
Eine Geschichte von Genuss und Gewalt
272 Seiten, broschiert
EAN 978-3039730032

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