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Unter Räubern

Sprach man in Deutschland einst vom Kondom, so meinte der Volksmund die Erzeugnisse der Julius Fromm Gummiwaren und Kautschukfabrikation, vulgo "Frommser". Der Berliner Fabrikant Julius Fromm hatte als erster ein Verfahren zur nahtlosen Herstellung von Kondomen entwickelt. Seine "Hygieneartikel" genossen seinerzeit legendären Ruf.

Götz Aly und Michael Sontheimer liefern mit ihrem Buch "Fromms,Wie der jüdische Kondomfabrikant Julis F. unter die deutschen Räuber fiel", ein ebenso spannendes wie bedrückendes Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte. Mit dem Band schreibt Aly auch seine umstrittene These fort, wonach die Zustimmung der Deutschen zu den Machenschaften der Nationalsozialisten stark durch deren ökonomische Wohltaten auf Kosten von ausgeplünderten Bevölkerungen? und besetzten Gebieten geprägt war. Sein Buch "Hitlers Volksstaat" hatte vor zwei Jahren für eine breite Debatte unter Historikern gesorgt.

Von ganz unten

Die Familie Fromm übersiedelte um 1984 aus Konin im heutigen Russland nach Berlin. Dank harter Arbeit gelangten sie im Lauf der Jahre zu bescheidenem materiellem Wohlstand, auch wenn die Schufterei den Vater früh das Leben kostete. Julius Fromm, begabt aber ohne große Bildung, brachte sich im Abendstudium die Grundlagen der Chemie selber bei. Allerlei gewerbliche und industrielle Versuche waren jedoch nur von begrenztem Erfolg gekrönt. Erst die Beschäftigung mit dem Naturprodukt Kautschuk brachte den Durchbruch - das Kondom.

Die rasante Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten im Zuge des Ersten Weltkriegs sowie die mangelhaften Möglichkeiten zur Empfängnisverhütung erzeugten einen riesigen Bedarf an sicheren und preiswerten Verhütungsmitteln. Fromms entwickelte ein heute noch praktiziertes Tauchverfahren zu Patentreife und industrieller Massenproduktion. Aus dem kleinen Familienbetrieb wurde in Berlin-Köpenick ein finanzstarker, international tätiger Mittelständler. Besonders die Produktionsanlagen zählten zum modernsten und architektonisch spektakulärsten, was Deutschland damals zu bieten hatte und galten bald als der Inbegriff vom Bauhaus.

Doch dann kamen die Nazis

Wie so viele andere erfolgreiche jüdische Geschäftsleute bemühte sich Fromm um Assimilierung in die großbürgerlich-konservative Gesellschaft. Villa am Wannsee, Dienstpersonal, Unterstützung vaterländischer Vereine, patriotisches Mäzenatentum - aber mit der nationalsozialistischen Machtergreifung waren alle Versuche zum Scheitern verurteilt.

Die Enteignung durch die nationalsozialistischen Raubritter traf auch den Familienbesitz. Das florierende Unternehmen weckte zahlreiche Begehrlichkeiten. 1938 übereignete Hermann Göring, neben zahlreichen weiteren Ämtern auch der Reichsbeauftragte für den Vierjahresplan, persönlich seiner Patentante die Berliner Fabrik und erhielt im Gegenzug dafür zwei Ritterburgen (!), die er übrigens zeitlebens niemals besuchte.

Sontheimer und Aly zeichnen dezidiert nach, wie der Besitz von Julius Fromm in die Hände der Nazis fiel und wer daran verdiente. Fromm musste seine Fabrik zu einem Spottpreis abtreten, für sein Auswanderungsgesuch nach England wurde eine Sondersteuer erhoben, die Familie musste die Villa verlassen, weil diese einem verdienten Wehrmachtsoffizier zugeeignet wurde. Selbst die Möbel und Ausstattungsgegenstände wurden während des Zweiten Weltkriegs meistbietend verramscht, wodurch auch die breite Masse am Familienvermögen partizipierte. Die beiden Autoren haben entsprechende Dokumente der Zwangsversteigerung in den Archiven entdeckt. Selbstverständlich hatte Fromm auch alle Strafzahlungen und Sondersteuern, die seitens des Dritten Reichs gegen die Juden erhoben wurden, im vollen Umfang zu tragen.

Beeindruckend ist, wer von den widerrechtlichen Aneignungen alles profitierte. Die Autoren nennen Reichswirtschaftsministerium, diverse Anwälte, Insolvenzverwalter, Fromms Hausbanken, die den staatlichen Anordnungen trotz jahrzehntelanger Geschäftsbeziehungen nur zu gern nachkamen, sowie die beiden Geschäftsführer, die - natürlich - der NSDAP angehörten. Die beiden Autoren beziffern das geraubte Vermögen nach heutigem Wert auf jeden Fall mit einem zweistelligen Millionenbetrag.

Im Oktober 1938 konnten Fromm und seine Ehefrau endlich nach London emigrieren. Auch der größte Teil der weit verzweigten Familie konnte Nazi-Deutschland rechtzeitig entkommen, die Zurückgebliebenen fielen jedoch überwiegend dem Holocaust zum Opfer.

Unter Räubern reloaded

Julius Fromm verstarb am 19. Februar 1947 in London, ohne jemals wieder den Fuß auf deutschen Boden gesetzt zu haben. Die Geschichte seiner Enteignung war jedoch mit dem Tod noch lange nicht vorbei.

Ein Teil der Produktionsanlagen wurde in die westdeutschen Besatzungszonen verfrachtet, wo ehemalige leitende Angestellte Fromms alsbald wieder mit der Kondom-Herstellung begannen. Auch in Köpenick wurde alsbald trotz größter Materialknappheit wieder produziert, immerhin benötigten die Soldaten der Roten Armee doch wirkungsvollen Schutz vor Geschlechtskrankheiten.

Die Erben Fromms hingegen fochten lange Jahre einen vergeblichen Restitutionsstreit aus. Auf Grund der formaljuristisch korrekten Abtretung von Besitz und Markenrechten war es unmöglich, Görings Verwandte bzw. ihre Nachfolger zur Verantwortung zu ziehen. Innerhalb der sowjetischen Besatzungszone wurde das Unternehmen als "Kriegsgewinnler"(!) 1949 in Volksbesitz überführt.

Sontheimer und Aly haben eine gut recherchierte und lesbare Studie vorgelegt. Heute erscheint es geradezu unglaublich, wie rechtschaffene Bürger durch - mindestens - ein kriminelles System juristisch korrekt um Hab und Gut gebracht werden konnten. Alys "Begünstigungsthese" gewinnt zudem an diesem Fallbeispiel an Gewicht. Insofern sei der schmale Band historisch Interessierten empfohlen.


von Bert Große - 21. Juli 2007
Fromms
Götz Aly
Michael Sontheimer

Fromms


Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die Räuber fiel
Fischer 2007
217 Seiten, gebunden
EAN 978-3100004222

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